Während Jenny die PAST über Funk kontaktierte, sprang Semir von der Motorhaube. Es war wohl besser, wenn er selbst mit der Chefin reden würde.
Als er gerade das Funkgerät übernehmen wollte, bemerkte er, dass Brandt sich jetzt auch langsam von der Motorhaube herunterbewegte. Semir sah auf einen Blick, dass sich der jüngere Mann noch nicht wieder vollständig erholt hatte, und so war er sofort zur Stelle, als er merkte, dass Brandt's Beine unter ihm nachgaben.
Semir schaffte es gerade so, Brandt's Fall abzufangen. Vorsichtig ließ er ihn auf den Boden herab, wo der junge Mann mit dem Rücken an den BMW gelehnt sitzen blieb und seinen Arm schützend um seine Rippen legte.
Besorgt studierte Semir den verletzten Mann. Vielleicht hatte Brandt bei dem Unfall doch etwas mehr abbekommen.
Dann schloss Brandt die Augen und ließ seinen Kopf nach hinten an den Dienstwagen sacken.
War Semir eben noch besorgt gewesen, läuteten jetzt bei ihm alle Alarmglocken.
Brandt sah fertig aus, aber war es nur das?
Die Kopfwunde des jungen Mannes blutete immer noch leicht, aber sonst konnte Semir keine weiteren äußerlichen Verletzungen erkennen. Aber er hatte auch schon genug Unfälle gesehen, um zu wissen, dass die nicht so offensichtlichen inneren Verletzungen oft ernster waren.
Der Kopfverletzung nach zu urteilen, war es gut möglich, das Brandt wenigstens eine leichte Gehirnerschütterung davongetragen hatte, wenn nicht sogar etwas Schlimmeres. Auch seine Rippen schienen ihm Schmerzen zu bereiten.
Zum Glück hatte Jenny prompt reagiert und sprach schon mit der Rettungsleitzentrale. Hoffentlich würde es nicht zu lange dauern, bis ein RTW hier eintreffen würde.
Semir fing an mit Brandt zu reden und als das nicht das gewünschte Ergebnis brachte, tätschelte er ihm vorsichtig das Gesicht, um ihn wach zu bekommen. Als der Ex-Polizist daraufhin wieder die Augen öffnete und ihn zwar müde, aber mit klarem Blick ansah, atmete Semir auf. Er lies seine Hand auf Brandt's Schulter gleiten und lies sie dann da liegen. Nur für einen Moment. Schließlich musste er sicher gehen, dass der verletzte Mann auch wach blieb.
Dieser schien jetzt auch was sagen zu wollen, aber in dem Moment, wo er zum Sprechen ansetzte, bekam Brandt einen starken Hustenanfall. Semir konnte nur hilflos ansehen, wie sich der jüngere Mann vor Schmerzen zusammenkrümmte und er seinen Arm noch enger an seinen Oberkörper presste. Ein deutliches Zeichen, dass Brandt's Rippen wirklich was abbekommen hatten.
Semir konnte in dem Moment nichts weiter tun, als mit seiner Hand, die noch auf Brandt's Schulter lag, etwas Beistand zu geben.
Jenny hatte währenddessen wieder schnell geschaltet und hielt ihm eine Wasserflasche für Brandt hin. Auch sie blickte besorgt auf den Verletzten.
Glücklicherweise hielt der Hustenanfall nicht lange an. Mit einem dankbaren Blick nahm Brandt die Wasserflasche entgegen. „Bitte erinnern Sie mich daran, dass nicht noch einmal zu tun" meinte er trocken, als der die Flasche nach dem Trinken wieder absetzte.
Semir war froh, dass Brandt sich wieder erholt hatte. „Was meinen Sie?" fragte der Autobahnpolizist, „sich von einem Fahrzeug mit einer Bombe abschleppen zu lassen oder sich von mir retten zu lassen?" hakte er scherzend nach.
Brandt quittierte Semir's Grinsen mit einem eigenen halben Lächeln, das aber nicht lange anhielt. Dann sah er Semir ernst und etwas nachdenklich an.
Für einen langen Moment sagte keiner von Beiden etwas.
Dann unterbrach Brandt die Stille. „Danke!" sagte er leise, aber mit Ernsthaftigkeit und Nachdruck in der Stimme.
Semir studierte ihn für einen kurzen Moment. Es war ein einfaches ‚Danke', aber Brandt's Ton und Blick vermittelte deutlich mehr. „Kein Problem" antwortete der Deutsch-Türke mit einem leichten Lächeln.
Doch dieses Lächeln gefror leicht auf seinem Gesicht, als ihm klar wurde, was er beinahe noch gesagt hätte. Das Wort ‚Partner' hallte in seinem Kopf nach.
Das war falsch.
Brandt war nicht sein Partner. Ben war sein Partner gewesen, aber Ben war gegangen. Semir hatte keinen Partner und nur weil er mit dem ehemaligen Undercover-Cop für diesen einen Fall zusammen gearbeitet hatte, war dieser trotzdem nicht sein Partner.
‚Aber er könnte es werden' meldete sich eine leise Stimme aus Semir's Unterbewusstsein.
Jetzt bemerkte Semir, dass Brandt seine Reaktion aufgefallen war und der ihn jetzt mit einem halb fragenden, halb nachdenklichen Gesicht musterte. Semir hatte schon früh in seiner Zusammenarbeit mit dem Ex-Polizisten bemerkt, das dessen scharfer Beobachtungsgabe nicht viel entging. Das sich diese diesmal auf ihn selbst konzentrierte, darauf hätte Semir allerdings verzichten können.
Glücklicherweise bewahrte die Ankunft des RTWs Semir davor auf Brandt's unausgesprochene Frage zu antworten.
