Semir wusste nicht, warum er noch nicht zurück in die PAST gefahren war.
Sein Job hier war erledigt. Die Rettungssanitäter kümmerten sich um Brandt, das Bombenräumkommando war zur Stelle, um eventuelle Sprengstoffüberreste sicher zu entsorgen, und die Spurensicherung war auch schon vor Ort, genau wie mehrere von Semir's Kollegen. Es gab also keinen Grund, warum Jenny und er noch hier waren.
Es gab auch keinen Grund, warum er die Aufräumaktion von der sicheren Entfernung des Rettungswagens beobachtete, oder warum er sich dabei so postierte, dass Brandt ihn immer im Blickfeld hatte.
Manche Dinge mussten einfach nicht weiter hinterfragt werden.
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Nachdem die Rettungssanitäter den verletzten Mann kurz untersucht hatten, hatten sie entschieden, dass es besser war, wenn sie Brandt zum Röntgen und genauerem Durchchecken mit ins Krankenhaus mitnehmen würden.
Semir hatte das schon erwartet, da der Ex-Polizist immer noch sehr angeschlagen aussah und auch noch etwas benommen wirkte.
Brandt war allerdings nicht so sehr erbaut über die Entscheidung der Sanitäter. Aber da fast alle von seinen Versuchen dagegen zu sprechen in Hustenanfällen endeten, konnte der jüngere Mann nicht wirklich etwas dagegen setzen.
Semir sah mit gemischten Gefühlen zu, wie die Sanitäter Brandt in den Rettungswagen einluden.
Zum Einen machte er sich immer noch Sorgen um den ehemaligen Drogenfahnder, aber zum Anderen, war er froh darüber, dass der verletzte Mann inzwischen wieder genug Energie zu haben schien, um überhaupt dagegen zu protestieren.
Bevor sich die Türen zum Rettungswagen schlossen, ging Semir noch einmal zu Brandt und klopfte ihm freundschaftlich auf die Beine. „Halt die Ohren steif, wir sehen uns im Krankenhaus." versprach er ihm mit einem leichten Lächeln.
Brandt antwortete mit einem schiefen Grinsen und nickte Semir leicht zu.
Dann wurden auch schon die Türen des RTWs geschlossen und der Wagen fuhr ab.
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Jenny und Semir sahen dem Fahrzeug noch einen Moment hinterher und stiegen dann in den BMW, ohne auch nur ein Wort zu wechseln. Beide waren noch in Gedanken versunken.
Aus irgendeinem Grund kam Semir der Tag in Erinnerung, an dem er Tom kennen gelernt hatte. Was war das auch für ein verrückter Einsatz gewesen. Auch der hatte für Tom am Ende in der Notaufnahme des Krankenhauses geendet, so sehr der sich auch dagegen gesträubt hatte. Schließlich kam man ja nicht wirklich weit, mit einer Windel am Arm…
Semir war derjenige gewesen, der Tom letztendlich ins Krankenhaus gefahren hatte. Und er hatte Tom die ganze Zeit in der Notaufnahme Gesellschaft geleistet, während der darauf gewartet hatte, dass die Armverletzung versorgt wurde. Eigentlich hatten sie sich ja beide damals noch gar nicht wirklich gekannt, aber die Zusammenarbeit an diesem adrenalinreichen Tag, hatte sie zusammengeschweißt.
Mit Tom hatte die Zusammenarbeit von Anfang an gut geklappt. Mit Ben war es am Anfang noch ein bisschen holpriger gewesen und den Start mit Jan nur als holprig zu beschreiben, wäre eine ziemliche Untertreibung.
Semir war bewusst, dass sich seine Gedanken auf sehr gefährlichem Terrain bewegten.
Zwar hatte er am Ende gut mit Brandt zusammengearbeitet, aber würde eine Zusammenarbeit mit dem ehemaligen V-Mann überhaupt auf Dauer funktionieren? Der junge Mann war mehr ein Einzelkämpfer als ein Teamplayer. Würde Semir sich auf ihn verlassen können? Würde Brandt ihm genug vertrauen, dass sie ein erfolgreiches Team bilden könnten?
Aber eines war klar, Brandt war deutlich besser als Partner geeignet, als alle diese absolut unbrauchbaren Idioten, die ihm die Krüger nach Ben's Weggang anzudrehen versucht hatte.
Und ohne Jenny beleidigen zu wollen, aber Brandt hatte einfach viel mehr Erfahrung und irgendwie hatte die Zusammenarbeit mit ihm gepasst. Semir hatte schon lange nicht mehr soviel Spaß bei der Arbeit gehabt. Nicht, seitdem Ben gegangen war.
Andrea hatte ihn verlassen und Ben war gegangen, und Semir war einfach in ein Loch gefallen, aus dem er erst hatte rauskommen können, als dieser misstrauensvolle, sturköpfige Alleingänger in sein Leben gewalzt war und es auf den Kopf gestellt hatte.
Semir wusste nicht, was Brandt jetzt mit seinem Leben geplant hatte. Aber was ihm bewusst war, war, dass es verrückt wäre, Brandt jetzt einfach so gehen zu lassen. Wenn jemand im Moment einen brauchbaren Partner für Semir darstellte, dann war das Brandt.
Natürlich gab es keine Garantie, dass die Zusammenarbeit zwischen den Beiden überhaupt funktionieren würde, oder, dass Brandt überhaupt zusagen würde.
Aber Semir würde mit Frau Krüger darüber reden.
Nachdem er sich im Krankenhaus überzeugt hatte, dass mit Brandt wirklich alles in Ordnung war.
