Semir hasste Krankenhäuser. Er hasste den Geruch, die weißen Wände und die Geräusche. Und vor allem hasste er das Warten.

Wie oft hatte er schon in Krankenhauswartezimmern gesessen und darauf gewartet, dass ein Arzt herauskam, der ihm Neuigkeiten über den Zustand eines Kollegen und Freundes brachte.

Diese Stunden, die er im Krankenhaus wartete, waren für ihn nervenaufreibender als Verfolgungsjagden auf der Autobahn. Da konnte er wenigstens was tun. Hier war er total nutzlos und konnte nichts weiter machen als herumsitzen.

Für einen Moment überlegte Semir, ob er kurz in die PAST fahren sollte, um der Chefin direkt selbst Bericht zu erstatten und mit ihr über Brandt zu sprechen. Aber dann verwarf er den Gedanken wieder. Er hatte dem jüngeren Mann versprochen, dass er hier sein würde.

Was wäre denn, wenn Brandt entlassen werden würde, wenn Semir gerade noch unterwegs war? Nein, das konnte er nicht tun. Das Letzte was der junge Mann jetzt brauchte, war jemand anderes, der ihn im Stich ließ.

Semir wollte nicht darüber nachdenken, dass Brandt vielleicht nicht in Ordnung war. Solche Gedankengänge brachten absolut gar nichts. Er würde es sehen, aber was auch immer bei den Untersuchungen herauskam, er würde Brandt helfen, wenn der ihn ließ.

Plötzlich kam in Semir eine Erinnerung hoch. Es war ein anderes Wartezimmer gewesen, aber in demselben Krankenhaus. Damals hatte er auf Ben gewartet, als dieser sich die Augenverletzung zugezogen hatte. Zum Glück war damals alles gut ausgegangen.

Mann, wie er Ben vermisste. Ihm fehlten die Freundschaft und die lockere Zusammenarbeit mit seinem langjährigen Partner. Nach ein paar Anfangsschwierigkeiten hatten sie sich gut verstanden und es hatte nicht lange gedauert, bis sie ein eingespieltes Team waren.

Klar, gab es immer wieder ein paar freundliche Kabbeleien, aber das war nun mal so.

Mit Tom hatte es manchmal sogar richtig gekracht. Tom war impulsiv gewesen, und Semir war stur. Es gab mal kurze, intensive Ausraster und danach hatten sie sich auf einmal angegrinst und die ganze Sache war vergessen. Semir musste lächeln, als er sich erinnerte, wie oft Tom und er damals als altes Ehepaar bezeichnet wurden.

Irgendwie hatten ja alle Partnerschaften so ihre Höhen und Tiefen. Klar gab es keine Garantie, dass eine Partnerschaft mit Brandt funktionieren würde. Aber Semir war bereit es auszuprobieren.

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Eine halbe Stunde nachdem Semir im Krankenhaus angekommen war, hatte er immer noch nichts Neues von Brandt gehört. Inzwischen hatte er einen Stapel von verschiedenen aktuellen und älteren Autozeitschriften entdeckt, und hatte angefangen zu Lesen.

Eine Stunde später wusste Semir zwar, dass ein neuer Ford Mustang GT etwa ein Jahresgehalt kostete und er bei einer Verfolgungsjagd besser einen großen Bogen um den Ammi-Schlitten machen sollte, aber von Brandt hatte er immer noch nichts gesehen oder gehört.

Die Nachfrage bei einer der Schwestern war auch nur halbwegs erfolgreich gewesen. Anscheinend wurde Brandt noch untersucht und jemand würde Semir Bescheid sagen, wenn es Neuigkeiten gab.

Es verging eine weitere halbe Stunde und Semir war inzwischen bei einem interessanten Artikel über computergesteuerte Audis angekommen. Gerade überlegte er, wie brauchbar so ein Fahrzeug bei einer Verfolgungsjagd wäre, als ihn eine Stimme aus den Gedanken riss.

Als er aufschaute war er freudig überrascht, Brandt in einem Stück und vor allem auf den eigenen Beinen vor sich zu sehen.

Dieser hatte die Hände in die Hosentaschen gestopft und grinste ihn leicht, aber auch ein wenig unsicher an. Für einen Moment erinnerte er Semir eher an einen Schuljungen, der in der Pause in eine Rauferei geraten war, als den toughen Ex-Drogenfahnder, den der Autobahnpolizist bisher kennen gelernt hatte.

Die Unsicherheit verschwand fast vollständig, als der Deutsch-Türke auf Brandt's Scherz über die Pflichtlektüre bei der Autobahnpolizei einging. Und so ganz falsch lag er mit seinem Kommentar ja nicht.

Erst dann bemerkte Semir, wie blass der junge Mann noch immer aussah. Die Kopfwunde war anscheinend versorgt worden, aber Brandt sah immer noch sehr mitgenommen aus.

War der Ex-Polizist wirklich ok genug, um aus dem Krankenhaus entlassen werden zu können?

Leicht besorgt entschied sich Semir, Brandt direkt zu fragen, wie es ihm ging. Aber der Deutsch-Türke wusste, dass er dabei vorsichtig vorgehen musste.

Er hatte sofort gemerkt, dass der ehemalige V-Mann die Mauer um sich herum noch nicht wieder vollständig aufgebaut hatte.

Vielleicht war Brandt momentan einfach zu erschöpft um die Distanz zu Semir aufrecht zu erhalten.

Aber der Autobahnpolizist hatte auch realisiert, dass der jüngere Mann wahrscheinlich sofort wieder zumachen würde, wenn Semir seinen Verteidigungsmechanismus irgendwie auslöste.

Deshalb versuchte der Deutsch-Türke seine Nachfrage nach Brandt's Gesundheitszustand auch mehr scherzhaft als ernst klingen zu lassen. Trotzdem schien er den jungen Mann damit für einen Moment aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Doch dann fing sich Brandt wieder und grinste den älteren Mann leicht schief an. Seine trockene Antwort, dass er ja jetzt genug Zeit habe, sich zu erholen, entlockte Semir ein kurzes Lachen.

Da hatte der Junge ja irgendwie Recht.

Semir wusste, dass Brandt seinen alten Job bei der Drogenfahndung abgelehnt hatte.

Und wahrscheinlich hatte jetzt er auch mit dem Job bei der Autobahnpolizei abgeschlossen.

Schließlich war ja einiges bei ihren Ermittlungen gegen die Öko-Aktivisten schief gegangen, und sie Beide waren ja nur hier, weil sie aus der Zelle in der Untersuchungshaft ja mehr oder weniger ausgebrochen waren.

Das war ja nicht gerade die beste Ausgangssituation für eine erfolgreiche Zukunft bei der Polizei.

Semir war sich ziemlich sicher, dass Brandt sich keine weitere Chance erhoffte. Der Deutsch-Türke konnte sich noch gut an die Gespräche mit dem desillusionierten Ex-Polizisten erinnern. Der junge Mann war es gewöhnt, dass nichts so lief, wie er es wollte.

Das schiefe Grinsen in Brandt's Gesicht hielt nicht lange an und Semir war sich sicher, das der jüngere Mann auch gerade über seine trostlose Jobsituation nachgrübelte.

Der Deutsch-Türke gab sich innerlich einen Tritt. Das war das Letzte was Brandt in diesem Moment noch brauchte. Der junge Mann war sichtlich am Ende seiner körperlichen und mentalen Belastungsgrenze und er schien irgendwie verloren, als er so vor Semir stand.

Mit einem weiteren Scherz über den „Rentner" bugsierte Semir den jüngeren Mann aus dem Krankenhaus heraus und zu seinem Dienstwagen. Der Autobahnpolizist wusste, dass Brandt ein Bett und viel Erholung brauchte.

Aber wenn es nach Semir gehen würde, hätte Brandt gerade genau genug Zeit, um sich auszukurieren und dann würde er bei der Autobahnpolizei als Semir's Partner anfangen.

Jetzt musste er nur noch Frau Krüger davon überzeugen und dann auch noch Brandt selbst. Aber darüber würde er sich später Sorgen machen. Jetzt musste er den jungen Mann erst einmal nach Hause kriegen.

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