Anmerkung: In der ersten Staffel ist Alex mit einem Motorrad auf einer Party aufgetaucht (Episode: Wettkampf). Für mich sieht es aus wie eine Ducati Sport Classic 1000, aber ich bin mir nicht sicher. Also klärt mich bitte auf, falls ich falsch liege. Die schwarze Triumph, die er in der aktuellen Staffel fährt, war es jedenfalls nicht.

Und jetzt schalten wir zurück zu Alex :-).

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Alex hatte die nächsten zwei Tage damit verbracht, sich nicht über seine Vergangenheit, seine Zukunft, oder über den Autobahnpolizisten den Kopf zu zerbrechen.

Ihm war sehr schnell klar geworden, dass er über seine Vergangenheit einfach nicht nachdenken wollte, seine Zukunft ein schwarzes Loch war mit dem er sich später beschäftigen konnte, und sich die Situation mit dem Autobahnpolizisten wahrscheinlich ziemlich bald von selbst lösen würde, sobald der mit dem nächsten Fall beschäftigt war.

Die meiste Zeit verbrachte Alex mit Schlafen. Da hatte er einiges aufzuholen gehabt. Und nicht nur von den actionreichen drei Tagen, die er versucht hatte, Paul's Unschuld zu beweisen und den wahren Mörder zu überführen.

Die Zeit, die Alex nicht mit Schlafen oder auf der Couch beim Fernsehen verbrachte, nahm er sich seine Ducati vor. Die Sport Classic hatte die letzten 2 Jahre eigentlich ganz gut überstanden. Allerdings mussten nach der langen Zeit das Motoröl und die Zündkerzen gewechselt werden.

Alex musste sich allerdings eingestehen, dass es nicht gerade die cleverste Idee war, mit geprellten Rippen an einem Motorrad herumzubasteln. Aber er hatte sonst nichts anderes zu tun, und es half ihm, über seine Probleme nicht nachdenken zu müssen.

Am nächsten Tag hielt er es einfach nicht mehr in seinen vier Wänden aus.

Er musste raus. Das Gefühl eingesperrt zu sein, ließ ihn nicht mehr los.

Alex war klar, dass die letzten drei Tage die längste Zeit war, die er seit dem Gefängnis nicht mehr an die frische Luft gekommen war.

Die Nacht davor in Untersuchungshaft hatte ihn auch fast durchdrehen lassen. Die Enge der Zelle, die ihn nur zu sehr an seine Gefängniszelle erinnerte, gekoppelt mit der Frustration, der Enttäuschung und der Wut, die sich in ihm aufgestaut hatten; wäre der Autobahnpolizist nicht gewesen, Alex wusste nicht, was er gemacht hätte.

Dem verletzten Mann war bewusst, dass es absolut keine gute Idee war, in seinem Zustand auf das Motorrad zu steigen, aber er konnte einfach nicht anders. Das Motorrad bedeutete Freiheit, und genau das brauchte er jetzt.

Zum Meer würde er mit seinen Verletzungen nicht kommen, aber irgendwohin raus aus der Stadt, das würde er schaffen.

Nach einer Stunde auf dem Motorrad musste er sich allerdings eingestehen, dass es eine verdammt scheiß Idee gewesen war. Die ersten 10 Minuten waren ok gewesen, aber dann fingen seine Rippen mit der Zeit an, immer mehr zu schmerzen.

Trotzdem hatte er nicht aufgeben wollen. Das Gefühl so frei zu sein, war nach der langen Zeit des Eingesperrtseins wie eine Droge.

Und dafür musste er jetzt leider bezahlen.

Inzwischen war er auf einer abgelegenen Hinterlandstraße und hatte anhalten müssen, weil ihn seine Rippen sonst umgebracht hätten.

Mit einem schmerzerfüllten Stöhnen stieg Alex vom Motorrad. Sein ganzer Körper hatte sich von den Schmerzen versteift und er ließ sich direkt neben der Maschine fallen.

Mit dem Rücken an die Ducati gelehnt, blieb er erst einmal einfach sitzen.

Vielleicht würden sich seine Rippen ja bald wieder beruhigen und er könnte vorsichtig wieder zurückfahren.

Zwanzig Minuten später hatte er immer noch Schwierigkeiten mit dem Atmen, und als er versuchte sich aufzusetzen, hätte er fast aufschreien können, so sehr schmerzte sein Oberkörper.

Auch wurde ihm langsam kalt. Er hatte leider das Motorrad an einer Lichtung anhalten müssen, die sehr dem Wind ausgesetzt war. Aber weiter war er einfach nicht gekommen. Dass er direkt auf der kalten Erde saß, half auch nicht wirklich.

Es war zu diesem Zeitpunkt, dass Alex klar wurde, dass er von hier alleine nicht mehr wegkommen würde.

Für einen Moment überlegte er, wie die Chancen doch standen, dass ihn ein vorbeifahrender Autofahrer vielleicht zurück in die Zivilisation mitnehmen könnte, aber er verwarf den Gedanken sofort.

Das würde heißen, er müsste seine Ducati hier zurücklassen. Und das ging ihm total gegen den Strich.

Außerdem hatte er in der ganzen Zeit auf dieser Straße, wenn überhaupt, nur ein weiteres Fahrzeug gesehen. Wahrscheinlich wäre er morgen noch hier, wenn er sich darauf verlassen würde.

Aber was war die Alternative?

Er konnte sich ein Taxi rufen, aber das würde sein Problem mit dem Motorrad auch nicht lösen.

Dann überlegte er, wen er denn sonst anrufen könnte. Aber ihm war schon im Vorfeld klar, dass es einfach Keinen gab, den er hätte fragen können.

Mats oder Sarah? - Ja klar. Vorher würde er die Nacht hier verbringen.

Irgendjemand von seinen anderen alten Kollegen? - Noch viel weniger.

Scheiße, es gab wirklich niemanden, den er anrufen konnte. Für einen Moment machte ihn dieser Gedanke niedergeschlagen. Sein Leben war ein einziger Scherbenhaufen. Er hatte keinen Job, zu seiner Familie hatte er den Kontakt abgebrochen, und Freunde gab es nicht mehr.

Noch einmal versuchte Alex, sich am Motorrad aufzurichten. Doch als er sich am Sitz hochstemmen wollte, bekam er plötzlich einen starken Krampf, der sich von seiner rechten Schulter herunter zu seinen verletzten Rippen ausbreitete.

Für einen Moment bestand die Welt um ihn herum nur aus Schmerzen.

Es dauerte gefühlte Stunden, bis sich der Krampf soweit gelegt hatte, dass Alex wieder halbwegs normal atmen konnte.

Dann versuchte er sich zu erinnern, wann er das letzte Mal etwas getrunken hatte. Er hatte ein Glas Wasser und einen Kaffee gehabt am Morgen, aber dann war er zu beschäftigt damit gewesen sich abzulenken, dass er das Trinken auch total vergessen hatte.

Und dafür musste er jetzt die Konsequenzen tragen. Genau wie für den idiotischen Gedanken, mit einer frischen Rippenprellung eine Spritztour mit einem Motorrad machen zu müssen. Vor allem einem Sportmotorrad, dessen nach vorne gelehnte Sitzweise noch extra Druck auf den Brustkorb ausübte.

Und das hatte er jetzt davon.

Er saß fest.

Schon wieder.

Nur dass es dieses Mal kein brennendes Auto war, in dem er eingeklemmt war. Und in Lebensgefahr war er auch nicht. Es gab allerdings auch keinen Autobahnpolizisten, der ihm helfen würde.

Aber es könnte ihn geben, meldete sich eine leise Stimme aus Alex' Unterbewusstsein.

Er hatte Gerkhan's Telefonnummer.

Er könnte den Autobahnpolizisten anrufen und ihn fragen, ob er Alex und die Maschine vielleicht hier abholen könnte.

Aber warum sollte der ihm helfen? Alex war doch einfach nur jemand, mit dem Gerkhan zufälligerweise zusammen einen Fall gelöst hatte.

Aber andererseits hatte der Autobahnpolizist ihm ja deutlich zu verstehen gegeben, dass ihm der jüngere Mann nicht total egal, war und er hatte Alex auch Hilfe angeboten, falls der irgendetwas brauchte.

Wahrscheinlich hatte Gerkhan aber nicht damit gerechnet, den Ex-Polizisten mitten im Nirgendwo aufgabeln zu müssen, als er das gesagt hatte.

Und konnte Alex den anderen Mann wirklich um so einen großen Gefallen bitten? Das war ja schon nicht der nächste Weg. Der Autobahnpolizist müsste wahrscheinlich wenigstens eine Stunde fahren.

Und wahrscheinlich musste der eh arbeiten und konnte nicht so einfach weg, um einen idiotischen Invaliden, der seine Kräfte überschätzt hatte und jetzt gestrandet war, einfach so aufzusammeln.

Aber Alex musste sich eingestehen, das Gerkhan der Einzige war, den er überhaupt anrufen konnte.

Bevor der junge Mann es sich wieder anders überlegen konnte, nahm er sein Handy aus der Jackentasche und wählte die Nummer des Autobahnpolizisten.

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Erleichtert steckte er nach einem kurzen Gespräch das Telefon wieder weg.

Gerkhan war überrascht gewesen, dass der jüngere Mann ihn angerufen hatte, aber als Alex ihm die Situation erklärte, hatte der Autobahnpolizist ihm sofort von selbst angeboten, ihn abholen zu kommen.

Schließlich wäre es ja nicht das erste Mal, dass er einen gestrandeten Motorradfahrer aufsammeln musste, hatte Gerkhan nur gemeint, und Alex hatte das Lächeln auf dessen Gesicht deutlich hören können. Er war sich nicht sicher, worauf der ältere Mann angespielt hatte, aber letztendlich war das total egal.

Solange der Autobahnpolizist ihn abholen kommen würde.

Alex war immer noch überrascht, wie einfach das Telefongespräch gegangen war. Eigentlich hatte er fast erwartet, dass Gerkhan ihm sagen würde, dass er keine Zeit für Alex hatte und er solle sich zusammenreißen, einfach ein Taxi nehmen, und das Motorrad zurück lassen.

Der Autobahnpolizist hatte nichts dergleichen getan. Auch hatte er sich weder über die Unterbrechung, noch über Alex' schwachsinnige Idee, in seinem Zustand auf das Motorrad zu steigen, aufgeregt.

Allerdings hatte Alex das Grinsen und Kopfschütteln selbst über das Telefon hören können.

Gerkhan hatte etwa eine Stunde veranlagt. Zwar war er dichter an Alex dran gewesen, aber er hatte erst einen Transporter für das Motorrad aus dem Fuhrhof organisieren müssen.

Wie der seiner Chefin verklickert hatte, dass er mal kurz seinen Job unterbrechen musste, um einen sturköpfigen Ex-Polizisten, der sich selbst überschätzt hatte, von der Straße aufzusammeln, wusste Alex nicht.

Aber er musste es irgendwie geschafft haben, denn fast genau eine Stunde und 15 Minuten später hörte Alex einen Wagen die Straße entlang kommen.

Der VW Transporter hielt vor Alex an, und setzte dann zurück und blieb direkt for dem Motorrad stehen.

Alex war inzwischen mehr als nur kalt und sein ganzer Oberkörper hatte sich total versteift. Trotz, oder vielleicht auch wegen der Kälte hatten sich auch seine Rippen noch nicht wieder beruhigt.

Als er versuchte aufzustehen, um Gerkhan entgegen zu kommen, kam er nicht weit, bevor er einsehen musste, dass er wohl etwas mehr Hilfe brauchte.

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Gerkhan war sofort nachdem er angehalten hatte aus dem Transporter gesprungen und kam zügig zu ihm herüber.

Mit einem weiten Grinsen hockte sich der Autobahnpolizist vor Alex hin. „Wir müssen aufhören, uns so zu treffen, die Leute fangen sonst an zu Reden.", scherzte er, während er Alex von oben bis unten musterte.

Trotz des lockeren Tones, in dem die Bemerkung gemacht wurde, konnte Alex Besorgnis in den Augen des älteren Mannes erkennen.

Er hatte dem anderen Mann wirklich nicht noch mehr Sorgen machen wollen.

Um Gerkhan abzulenken, ging der ehemalige V-Mann auf den Scherz ein. „Sie haben heute den ganzen Tag noch nichts von sich hören gelassen, da dachte ich, ich nehme die Sache mal selbst in die Hand.", gab Alex mit einem eigenen schiefen Grinsen zurück, und spielte dabei darauf an, dass der Autobahnpolizist sich bisher jeden Tag bei ihm gemeldet hatte, entweder per Anruf oder Textnachricht.

„Da haben Sie sich aber extra viel Mühe zu gegeben.", entgegnete der ältere Mann mit einem Schmunzeln.

Alex grinste ihn nur etwas schief an. Er kam sich ja selbst ziemlich blöd vor. Dass er es alleine nicht mehr zurück geschafft hatte, ärgerte ihn schon gewaltig.

Dann wurde Gerkhan ernst. „Schaffen sie es alleine hoch?" fragte er den jüngeren Mann, während er seinen Blick über Alex schweifen ließ, der noch immer an das Motorrad gelehnt da saß und sich die ganze Zeit nicht gerührt hatte.

Für Alex war es schwer zuzugeben, dass er Hilfe brauchte. Aber viel sagen musste er eh nicht, als der Autobahnpolizist die Situation schon schnell erfasst hatte.

Er klopfte Alex kurz ermunternd auf die Schulter und ging dann schnell zurück zum Transporter, um die Beifahrertuer und die Heckklappe zu öffnen, und die Rampe für das Motorrad zu postieren.

Als Gerkhan zurück zu Alex kam, hielt er dem verwundeten Mann seinen Arm hin, um dem Ex-Polizisten hochzuhelfen. Selbst das war für Alex zuviel, und der ältere Mann musste seinen Arm um Alex' Mitte legen und ihn hoch ziehen, um ihn auf die Beine zu bekommen.

Alex' Rippen schrien vor Schmerz auf, als der helfende Arm Druck auf seinen Oberkörper ausübte, und er konnte ein schmerzerfuelltes Stöhnen nicht unterdrücken.

Als er endlich stand, musste sich der junge Mann für einen Moment vorne über gebeugt am Motorradsitz abstützen. Es dauerte eine ganze Weile, bis er seine Atmung wieder unter Kontrolle gebracht hatte.

Als sich der schmerzerfüllte Schleier endlich etwas verzogen hatte, merkte Alex, dass Gerkhan direkt neben ihm stand und ihn besorgt musterte.

Dieses Mal hatte der Autobahnpolizist sämtliche Grenzen missachtet und stand so dicht, dass sich ihre Schultern fast berührten. Eine Hand hatte er auf den Sitz der Ducati abgelegt, die andere lag immer noch auf Alex' Rücken.

Und seltsamerweise war es dieses Mal ok.

Wahrscheinlich war sein Körper einfach zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um auf die Invasion in seine Privatsphäre mit einer Warnmeldung zu reagieren. Das konnte jedenfalls nur die einzige Erklärung sein.

Alex sah über seine Schulter zu Gerkhan herüber und versuchte ein schiefes Grinsen, das aber ziemlich kläglich ausgesehen haben musste.

„Na, geht's wieder?", fragte der ältere Mann dann. Alex atmete vorsichtig ein und nickte leicht.

„Kann losgehen", meinte er dann zu dem Autobahnpolizisten. Glücklicherweise verstand Gerkhan genau wie es gemeint gewesen war. Alex war bewusst, dass er es wahrscheinlich nicht alleine zu dem Transporter schaffen würde. Deshalb ließ er es dieses Mal zu, dass der ältere Mann ihn stützte.

Letztendlich hatten sie es geschafft und Alex auch irgendwie in den hochgelegenen Beifahrersitz bugsiert. Normalerweise wäre es dem jungen Mann deutlich peinlich gewesen, wie sehr der Autobahnpolizist ihm helfen musste. Aber sich um solche Belanglosigkeiten zu sorgen, dafür war er jetzt einfach zu fertig.

Während Alex versuchte, sich auf dem Autositz irgendwie zu entspannen und seine schmerzenden Rippen zu entlasten, lud der ältere Mann das Motorrad in den Transporter.

Es dauerte nicht lange, dann war die Maschine sicher verstaut, und Gerkhan sprang in den Fahrersitz.

Alex hatte inzwischen die Augen geschlossen und den Kopf nach hinten an die Kopfstütze gelehnt. Seine Lederjacke hatte er eng um sich herum gezogen, aber es war ihm immer noch kalt.

Als er bemerkte, wie Gerkhan neben ihm einstieg, öffnete er die Augen und sah den Autobahnpolizisten ernst an. „Danke", sagte er leise und fühlte sich einen Moment zurückversetzt zu einer sehr ähnlichen Situation noch for wenigen Tagen.

Das wurde ja langsam irgendwie zu einer Gewohnheit.

Gerkhan musterte ihn für einen Moment und drehte dann das Thermostat für die Autoheizung höher. „Kein Problem", antwortete der Autobahnpolizist mit einem leichten Lächeln. Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Dafür sind Freunde doch da".

Alex sah ihn für einen langen Moment an. Er wusste überhaupt nicht, wie er auf diese Aussage reagieren sollte.

Am Ende nickte er nur vage und schaute dann weg.

Ruhe fand er aber keine auf der Fahrt.

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