Nachdem Fina gestern einen Wunsch erfüllt hat, tauschen wir heute die Rollen. Dela ist der Autor und Fina der Wünscher. Wieder kommt der geschätzte Professor Tränkemeister vor, jedoch diesmal etwas verändert…


Weihnachten bei Severus Snape
oder
Wie der Halbblutprinz entstand

~ ~ ~ 24. Dezember 1971 ~ ~ ~
~ ~ ~ Severus Snape ist in der ersten Klasse in Hogwarts ~ ~ ~

Es war der erste Tag der Weihnachtsferien. Severus Snape saß in einem Abteil im Hogwarts-Express und schaute aus dem Fenster. Die verschneite Landschaft rauschte schnell an ihm vorbei. Ihm gegenüber saß Lily, die ihn eindringlich musterte.
„Freust du dich auf Zuhause, Sev?", fragte sie ihn.
„Nein", antwortete er knapp.
Der Himmel draußen wurde immer dunkler, sodass bald die Lichter im Zug angeschaltet wurden. Die Bäume, die die Eisenbahnlinie säumten, verschwanden allmählich, bis der Hogwarts-Express nur noch über freies Feld fuhr.
„Wir sind bestimmt bald da", sagte Lily mit strahlenden Augen.
Fünf Minuten später verlangsamte der Hogwarts-Express tatsächlich und fuhr schließlich in King´s Cross ein.
Lily sprang auf, zog sich ihre Jacke an und versuchte, ihren Koffer von der Gepäckablage herunterzuziehen.
„Warte, ich helfe dir", sagte Severus und stand ebenfalls auf. Gemeinsam hoben sie ihre Koffer von der Ablage und bahnten sich einen Weg durch die lärmende Schülermenge. Endlich hatten sie es aus dem Zug heraus und auf den Bahnsteig geschafft. Lily entdeckte ihre Eltern und ihre Schwester Petunia. Fröhlich lief sie auf diese zu. Severus ging ihr missmutig nach, wobei er beide schweren Koffer hinter sich her zog.
„Danke, Sev", sagte Lily und nahm ihm den Koffer ab. „Wir müssen leider schon fahren. Dann sehen wir uns nach den Ferien. Frohe Weihnachten."
„Dir auch."
Und so gingen die Evans aus dem Bahnhof. Severus blickte Lily traurig nach. Dann sah er sich nach seinen eigenen Eltern um. Als er sie nicht entdecken konnte, setzte er sich auf seinen Koffer und wartete. Sie hatten sich wohl verspätet. Oder hatten sie vielleicht wirklich vergessen, ihn abzuholen? Nein, bald würden sie bestimmt da sein.
Ein Lachen hinter ihm ließ ihn aus seinen Gedanken schrecken. Er drehte sich um und sah Sirius Black vor sich stehen. Sofort sprang er auf.
„Na, Schniefelus? Sitzt hier so einsam und verlassen herum. Pass auf, dass der alte Koffer nicht zusammenbricht."
Wieder lachte er.
„Sirius, kommst du? Wir wollen fahren."
Es war James Potter.
„Bin schon unterwegs", rief Sirius zurück. „Wir sehen uns, Schniefelus."
Und damit zog er davon.
Severus ließ sich wieder niedergeschlagen auf seinem Koffer nieder. Es war der alte Koffer seiner Mutter.
Die Schülerschar um ihn herum löste sich langsam auf. Der Bahnhof wurde allmählich leerer. Es war kalt. Severus zog die dünne schwarze Jacke, die einmal seinem Vater gehört hatte und die ihm um einige Nummern zu groß war, fester um sich und schlang die Arme um seinen Körper. Die letzten lachenden und schwatzenden Schüler trennten sich endlich und gingen mit ihren Eltern aus dem Bahnhof. Es wurde dunkler.
Panik stieg in ihm auf und breitete sich in seinem Körper aus. Was sollte er jetzt tun?
„Wo sind denn deine Eltern?", fragte ihn eine freundliche Stimme.
Er sprang nun schon zum zweiten Mal auf und schnellte herum. Es war eine Frau mit langen dunkelblonden Locken und neben ihr stand – Remus Lupin.
„Sind deine Eltern noch nicht da?"
„Nein", sagte er. Was wollte denn jetzt Lupins Mutter von ihm?
„Wie heißt du denn?"
„Severus Snape."
„Und wo wohnst du?", fragte sie ihn.
Warum wollte sie das alles wissen?
„In Spinner´s End in Halifax, Yorkshire", antwortete er, um sie endlich loszuwerden. Warum interessierte sie sich denn dafür, wo er wohnte?
„Wenn du willst, nehmen wir dich mit, das liegt auf unserem Weg."
Und bevor er protestieren konnte, hatte sie schon seinen Koffer genommen und zog ihn Richtung Ausgang.
„Na komm, du kannst ja schließlich nicht hier übernachten", rief sie.
Da hatte sie allerdings Recht.
Remus Lupin hatte eine genauso verdutzte Miene wie Severus. Doch er folgte seiner Mutter aus dem Bahnhof heraus. Severus lief den beiden hinterher.
Als sie aus dem Bahnhof herausgekommen waren, gingen sie zum Parkplatz. Mrs Lupin blieb vor einem schwarzen Renault stehen. Sie zog den Autoschlüssel heraus und sperrte den Wagen auf. Remus half ihr, die Koffer einzuladen. Dann stieg er ein. Severus setzte sich auf den Rücksitz neben Remus. Die Fahrt verlief zunächst schweigsam, denn er und Remus würdigten sich keines Blickes und starrten stur in die entgegengesetzte Richtung.
„In welchem Haus in Hogwarts bist du, Severus?", fragte Mrs Lupin, wohl um ein Gespräch anzuregen.
„Slytherin."
„Und in welche Klasse gehst du?"
„In die erste."
„Remus ist auch in der ersten Klasse, in Gryffindor. Dann müsstet ihr euch doch eigentlich kennen, oder?"
„Vom Sehen", antwortete Remus.
Severus starrte weiter aus dem Fenster.
Endlich, es kam ihm vor wie eine Ewigkeit, nahmen sie die Autobahnausfahrt Halifax.
„Da vorne links", sagte Severus.
Sie fuhren in das ehemalige Industriegebiet der Stadt. Es gab dort eine alte Fabrik. Der lange, dünne Schornstein ragte unheilvoll über die tristen Häuserdächer mehrerer Straßen hervor.
Sie bogen in die nächste Straße ein.
Rechts verlief ein sich mehrfach windender Fluss, der so dreckig war, dass man seinen Gestank schon aus einigen Meilen Entfernung riechen konnte. Auf der anderen Straßenseite standen kleine verdreckte Backsteinhäuser. Sowohl die Häuser als auch die Straßenbeleuchtung waren in einem sehr schlechten Zustand. Die meisten der Häuser standen leer. Einige Fenster waren mit Brettern vernagelt.
„Es ist das letzte Haus dort vorne", sagte er Mrs Lupin.
„Ok."
Sie hielt vor dem letzten Haus an. Severus stieg aus. In seinem Haus brannte Licht.
Es war also jemand zu Hause. Warum hatten sie ihn dann nicht vom Bahnhof geholt?
Mrs Lupin half ihm, seinen Koffer auszuladen. Sie begleitete ihn zur Haustür. Er läutete.
Es dauerte eine Weile, aber dann öffnete sich die Tür. Seine Mutter stand darin. Völlig verdutzt sah Eileen Snape ihren Sohn und Mrs Lupin an.
„Severus, was machst du denn hier?"
Was er hier machte? Er wohnte doch hier!
„Es sind Weihnachtsferien", entgegnete er seiner Mutter.
„Ihr Sohn saß allein am Bahnhof, da habe ich ihn mitgenommen. Es lag auf dem Weg", sagte Mrs Lupin.
„Ich wusste gar nicht, dass du über Weihnachten nach Hause kommst, Severus. Vielen Dank, dass Sie ihn hergefahren haben, Mrs ... ?"
„Lupin. Hab ich doch gerne gemacht. Ich muss jetzt aber losfahren. Auf Wiedersehen, Severus."
„Wiedersehen und danke."
Mrs Lupin ging zu ihrem Wagen, stieg ein und fuhr los.
Severus sah kurz seine Mutter an und lief dann an ihr vorbei ins Haus.
Sie hatte also nicht erwartet, dass er über Weihnachten nach Hause kommt. Für ihn war es selbstverständlich gewesen. Hätte er denn etwa in Hogwarts bleiben sollen? Er hatte doch bisher immer mit seinen Eltern Weihnachten gefeiert.
Severus stand in dem kleinen Wohnzimmer. In einem alten Sessel am Feuer saß sein Vater, Tobias Snape, und starrte ihn leicht überrascht an.
„Was machst du denn hier?", fragte er Severus abfällig. Seine schwarzen, undurchdringlichen Augen musterten ihn.
Severus antwortete nicht, sondern nahm seinen Koffer, durchquerte das Wohnzimmer und stieg die schmale Treppe empor.
Unten hörte er seine Eltern reden.
„Er hat Weihnachtsferien und ist mit dem Zug nach London gekommen. Eine hat ihn hergebracht."
„Was will er denn hier? Warum ist er nicht in eurer tollen Schule geblieben?"
„Tobias, lass ihn doch über Weihnachten herkommen."
„Spiel doch jetzt nicht die liebende Mutter. Du hast ihn doch auch nicht erwartet."
Seine Mutter antwortete nicht. Severus ging in sein Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Es war ein sehr kleiner Raum. Die Wände waren vollständig mit Büchern bedeckt, die größtenteils alte schwarze oder braune Ledereinbände hatten. Ein großer alter Schrank stand gegenüber der Tür. Daneben ein kleiner, wackliger Tisch und ein zerschlissenes Bett. Das Zimmer hatte kein Fenster.
Die einzige Lichtquelle war eine Lampe, die von der Decke hing, in der eine Kerze steckte und die einen trüben Lichtkegel in den Raum warf.
Er setzte sich auf sein Bett und starrte auf den Boden. Plötzlich hörte er Schritte die Treppe heraufkommen. Die Zimmertür öffnete sich und seine Mutter betrat den Raum. Severus sah auf.
„Severus, es tut mir leid, dass wir dich nicht vom Bahnhof abgeholt haben. Du hattest dich ja länger nicht mehr bei uns gemeldet, deshalb hatten wir nicht damit gerechnet, dass du kommst."
„Ist schon gut."
„Möchtest du noch etwas essen?"
„Ich hab im Zug gegessen."
Severus begann, seinen Koffer auszuräumen. Er hörte, wie seine Mutter den Raum verließ.

~ ~ ~ Der Morgen des 1971 ~ ~ ~

Severus wachte am nächsten Morgen erst spät auf. Er zog sich an und ging nach unten in die Küche. Dort saßen seine Eltern am Tisch und frühstückten.
„Guten Morgen, Severus, und frohe Weihnachten." Seine Mutter lächelte ihn an und reichte ihm ein Päckchen. „Es ist zwar nicht neu, aber ich hoffe, es gefällt dir trotzdem."
„Danke."
Er hatte völlig vergessen, dass heute ja Weihnachten war. Severus setzte sich an den Tisch und packte das Geschenk aus. Heraus fiel ein sehr lädiert wirkendes Buch, „Zaubertränke für Fortgeschrittene" von Libatius Borage.
„Du hattest ja in deinem Brief am Anfang des Schuljahres geschrieben, dass dir Zaubertränke sehr gut gefällt. Das ist mein altes Zaubertrankbuch aus dem UTZ-Kurs", erklärte ihm Eileen Snape.
„Natürlich sind darin nur sehr schwierige Zaubertränke, die ihr erst später lernen werdet, aber ich dachte, es könnte dich interessieren."
Sie sah ihn zweifelnd an.
„Ja, danke, das ist toll."
Er frühstückte mit seinen Eltern und ging danach wieder in sein Zimmer. Er setzte sich auf sein Bett und schlug das Zaubertrankbuch auf. Der erste Trank, der ihm sofort in die Augen stach, war ein Trank namens „Felix Felicis". Auf der linken Buchseite war ein Kessel abgebildet. Der Trank darin hatte die Farbe von geschmolzenem Gold. Große Tropfen des Trankes hüpften wie Goldfische über die Oberfläche, aber nichts wurde verschüttet.
Severus las die Beschreibung des Trankes. „Felix Felicis ist flüssiges Glück. Es bewirkt, dass man Glück hat und all Ihre Unternehmungen dazu neigen, zu gelingen."
Er überflog die Zutatenliste und das Rezept. Die Herstellung war furchtbar kompliziert und sollte sie nicht gelingen, könnte es in einer Katastrophe enden.
Weiter unten auf der Seite standen noch zwei Hinweise: „In großen Mengen höchst giftig!" und „Strengstens verboten bei Wettbewerbsveranstaltungen, Sportereignissen, Prüfungen und Wahlen!"
Severus blätterte um.
„Amortentia."
Er las die Beschreibung: „Mächtigster Liebestrank der Welt. Verursacht starke Schwärmerei oder Besessenheit. Riecht für jeden anders, je nachdem, was derjenige anziehend findet."
Auf der linken Buchseite war ein goldfarbener Trank mit Perlmuttschimmer abgebildet. Darüber stieg Dampf in Spiralen auf.
Severus sah auf. Vom Erdgeschoss drang Geschrei herauf. Sein Gesicht verzog sich zu einem gequälten Ausdruck.
Warum stritten seine Eltern denn nun schon wieder? Es war doch Weihnachten.
Er schlug das Buch zu, stand auf und ging in seinem Zimmer auf und ab. Was gab es denn immer so viel zu streiten?
Urplötzlich starb das Geschrei ab. Eine Tür knallte. Es klang, als wäre es die Haustür gewesen. Leises Schluchzen drang zu ihm herauf.
Severus ging nach unten. Er fand seine Mutter weinend in der Küche sitzen.

~ ~ ~ Eine Woche später ~ ~ ~ 1972 ~ ~ ~

Es waren noch 3 Tage, dann würde Severus mit dem Hogwarts-Express zurück nach Hogwarts fahren. Er saß in seinem Zimmer, schlug „Zaubertränke für Fortgeschrittene" auf und blätterte darin.
„Veritaserum: Ein klares, farbloses und geruchloses Wasser, das den Trinkenden zwingt, die Wahrheit zu sagen", stand da und auf der nächsten Seite:
„Vielsaft-Trank: Gemächlich blubbernde, schlammartige Substanz, die einen für eine Stunde in eine andere Person verwandelt."
Er kannte das Buch nun fast schon auswendig. Die letzte Woche hatte er viel darin gelesen. Und er hatte bemerkt, dass viele Angaben von Libatius Borage lückenhaft oder gar fehlerhaft waren.
Zum Beispiel beim „Euphorie-Elixier" auf Seite 57.
„Ein sonnengelber Trank, der den Trinkenden in euphorische Stimmung versetzt."
Aber weiter unten auf der Seite waren Nebenwirkungen aufgelistet: „lautes Singen und Nasenjucken".
Severus wusste, dass es doch irgendetwas gegen diese Nebenwirkungen geben müsste. Er holte sein eigenes Zaubertrankbuch aus seinem Koffer hervor. Stand da nicht irgendetwas über einen einfachen Trank gegen Hautjucken darin? Er schlug „Zaubertränke und Zauberbräue" von Arsenius Bunsen auf und blätterte darin auf der Suche nach diesem Trank. Und er fand ihn: den Anti-Hautjucken-Trank.
Er ging die Zutatenliste durch. Da war Öl – natürlich, das war beruhigend gegen den Juckreiz.
Aber was half besonders bei Juckreiz auf der Nase?
Plötzlich ging ihm ein Licht auf.
Es ging nicht darum, dass etwas den Juckreiz lindern sollte. Er durfte erst gar nicht entstehen. Und wie sorgte man dafür? Indem man etwas Gutes für die Nase hinzutat. Was tat der Nase gut? Schöne Gerüche. Nur, was für ein schöner Geruch half gleichzeitig gegen lautes Singen?
Er blätterte in seinem zweiten Zaubertrankbuch „Tausend Zauberkräuter- und pilze" von Phyllida Spore, bis er die Lösung endlich fand.
Pfefferminze.
Pfefferminze half gegen beide Nebenwirkungen und würde die Wirkung des Euphorie-Elixiers in keiner Weise einschränken.
Er nahm seine Feder heraus, schraubte die Tinte auf, tauchte die Feder hinein und begann mit sehr engen, kleinen und gedrängten Buchstaben in „Zaubertränke für Fortgeschrittene" zu schreiben.
„Einen Pfefferminzzweig gegen die Nebenwirkungen hinzugeben."
Zufrieden mit sich schlug Severus das Buch zu. Doch dann kam ihm ein weiterer Gedanke.
Er durfte dieses Buch mit niemandem verwechseln. Das Beste war wohl, seinen Namen hineinzuschreiben.
Severus klappte den hinteren Buchdeckel auf und war schon fast dabei das „S" von „Severus" hineinzuschreiben, als er innehielt.
„Severus Snape"?
Sollte er wirklich diesen Namen verwenden? Snape? Den Namen seines Muggelvaters? Er hatte doch gar nichts mit Zauberei am Hut. Er hasste Hogwarts. Deshalb konnte er doch nicht diesen Namen in sein Zaubertrankbuch schreiben. Das Zaubertrankbuch, mit dessen Hilfe er der Meister der Zaubertränke werden würde. Nein, ein anderer Name musste her. Der Name seiner Mutter. „Prince". Ja, „Prince", das klang gut. Aber nur „Prince" war zu einfach. Es musste eine Verbindung von ihm zu dem Namen „Prince" her. Schließlich war er ja kein richtiger „Prince", nur zur Hälfte. Ein Halbblut sozusagen.
HALBBLUT!
Ein halber „Prince".
Der Halbblutprinz.
Fieberhaft tauchte er die Feder wieder in die Tinte und schrieb in enger Schrift ganz unten auf den hinteren Buchdeckel:
„Dieses Buch ist Eigentum des Halbblutprinzen."

Ende