Und schon wieder ein Wunsch von Sasyan, aber als Korrekturleser sei ihr diese Belohnung vergönnt :) Diesmal befinden wir uns nach dem großen Krieg, in welchem Voldemort umgekommen ist. In Hogwarts soll heute der Schulbetrieb wieder aufgenommen werden. Ob da alles so klappt, wie es soll? Ich vermute ja eher nicht – aber Mal sehen, was Olivia Ollivander daraus gemacht hat ;)


Denn Hinten ist nur Dunkelheit

Noch immer liegt hier alles in Schutt und Asche. Erst heute Morgen wieder... schaudernd erinnerte sich Professor McGonagall an den Augenblick zurück, als sie die Leiche eines jungen Hufflepuff aus den Trümmern im Nordturm gezogen hatten. Langsam und ohne ihre sonst so stolze Haltung schritt sie den Gang hinab in Richtung der Klassenzimmer. Sie dachte an den Anblick zurück, der sich ihr heute Morgen in der Großen Halle geboten hatte. Schüler hatten ihrer kurzen Rede gelauscht, in der sie erklärte, wie es nun weitergehen würde: Dass der Unterricht heute wieder beginnen würde, dass man einen Vermissten mehr auf die Liste der Toten hatte setzen müssen.

Aber auch Eltern und Geschwister waren gekommen, um als Familien zusammen zu sein, aber auch, um beim Wiederaufbau des Schlosses zu helfen. Sie alle hatten dort an den Haustischen gesessen, die eigentlich keine mehr waren, da es nun keine Rolle mehr spielte, ob man blau trug oder gelb, ob man unter dem Zeichen der Schlange stand oder ob man das Wappen Gryffindors auf der Brust trug.
Es war merkwürdig, wie sehr sich alles verändert hatte seit der Schlacht. Die Rivalität und dieses ständige „ich-bin-besser-als-du"-Denken zwischen den Häusern hatte sich allem Anschein nach über Nacht in Luft aufgelöst. Das, was lange Reden über Zusammenhalt und Freundschaft nicht hatten schaffen können, war nun plötzlich ganz selbstverständlich. Keiner würde jetzt seine Hilfe verweigern, selbst Schüler, die seit ihrer ersten Begegnung miteinander verfeindet waren, sah man nun Hand in Hand zusammenarbeiten, um das, was ihnen allen über die Jahre wie ein zweites Zuhause geworden war, wieder aufzubauen.

Jeder half jetzt jedem, egal worum es ging. Auch wenn teils die seit Jahrhunderten bestehenden Schutzzauber von Hogwarts die Wiederaufbau-Arbeiten erheblich erschwerten. So konnten zum Beispiel keine Zauberer hinauf in die Mädchenschlafsäle, da sich alle Treppen sofort in spiegelglatte Rutschbahnen verwandelten, sobald einer von ihnen den Aufgang betrat, sodass ausschließlich Hexen die Schlafsäle reparieren mussten. Hinzu kam das Problem, dass sie all ihrer Verteidigungslehrer beraubt waren, sodass es niemanden mehr gab, der sich in diesem Ausmaß mit den vielfältigen Verteidigungszaubern des Schlosses auskannte und Anweisung geben konnte, diese Schutzfunktionen außer Kraft zu setzen. So gab es noch immer einige Teile des Schlosses, die nicht betreten werden konnten, aber wenigstens hatten alle wieder richtige Schlafplätze, nicht so wie in den ersten Tagen, als viele in der Großen Halle übernachten mussten, weil die Schlafsäle unbewohnbar geworden waren. Sie hatten fast den gesamten Boden mit Schlafmatten, Decken und Kissen ausgelegt, denn die Slytherin-Räume in den Kellern waren die einzigen Orte, die von der Schlacht weitgehend unberührt geblieben waren. So mussten fast sämtliche Schüler, ein Großteil der Lehrer und natürlich alle zusätzlich angereisten Eltern und anderen Angehörigen in die Große Halle ausgelagert werden. Doch das Gröbste war nun überstanden, jetzt galt es, Hogwarts zum zweiten Mal aufzubauen, wie es einst die Gründer in Eintracht getan hatten.

Mit den Schülern zogen auch sämtliche Emotionen an ihr vorbei: Noch immer stand den meisten Angst und Entsetzen über das, was geschehen war, ins Gesicht geschrieben. Selten sah man Mienen, die erleichtert darüber waren, dass es nun endgültig vorbei war mit dem Schrecken, den die Herrschaft des dunklen Lords verbreitet hatte.
Doch die schlimmsten waren jene, deren Gesichter ins Leere starrten. Vollkommen unbewegt vor Schock und Trauer liefen sie durch die Korridore, bleicher als Gespenster, ebenso still. Sie waren die, die Verluste zu beklagen hatten, schreckliche Opfer, die dem Bösen Einhalt gebieten wollten und dafür mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Professor McGonagall schüttelte den Kopf, um die Gedanken loszuwerden und betrat das Klassenzimmer. Nur eine Hand voll Schüler und Schülerinnen war gekommen, der Rest war wohl entweder bei ihren Familien, noch verschwunden oder ... oder manche von ihnen würden den Unterricht wohl nie wieder besuchen können. Sie lagen entweder aufgebahrt in einer kleinen Kammer bei den anderen Toten oder warteten noch darauf, dass man ihre leblosen Körper aus den Trümmern zog – noch immer wurden vier Menschen vermisst, drei Schüler und ein Schulabgänger, der den kämpfenden Verwandten und Freunden versucht hatte zu helfen.

Ihr Blick blieb an Ginny Weasley hängen; mit ihren ein wenig zerzausten Haaren, dem bleichen Gesicht und dem leeren Blick, den ihre vom Weinen geröteten Augen ihr zuwarfen, wirkte sie nicht viel gesünder oder lebendiger als die Verstorbenen. Aber wahrscheinlich war ein Teil von ihr zusammen mit ihrem großen Bruder gestorben. Der Tod von Fred Weasley war einer jener, die sie wirklich berührt hatten, auch wenn sie dies nicht erwartet hätte. Auch das Ableben von Remus und Tonks mussten sie beklagen, und das, wo sie doch gerade ihr gemeinsames Kind bekommen hatten, wo sie gerade endlich so glücklich miteinander gewesen waren...

Wirklicher Unterricht wurde heute natürlich nirgendwo im Schloss gehalten. Es würde noch lange dauern, bis etwas Normalität in Hogwarts einkehren würde. Zum jetzigen Zeitpunkt mussten sie alle auf ihre Art die Geschehnisse der vergangenen Tage verarbeiten: Erst die Anspannung unmittelbar vor der Schlacht, dann die seelischen und körperlichen Qualen während des Kampfes und dann die kurze Erleichterung, dass sie noch lebten und dass es nun vorbei war, dass sie es geschafft hatten. Und dann als man nach und nach immer tiefer fiel. Als man begann, das ganze Ausmaß der Zerstörung zu erfassen. Als man anfing die Toten zu bergen. Als man Schutt und Asche, Stein um Stein umdrehte, um doch noch die Angehörigen und die Vermissten lebend zu finden.

Der Verwandlungskorridor war noch immer mit Trümmern übersät und so beschloss Prof. McGonagall mit den Schülern die Reparaturarbeiten fortzusetzen. Sie hatten gerade die Mauer, welche das Klassenzimmer einst von dem Gang getrennt hatte, vollständig wieder aufgerichtet, als sie regelrecht zusammenzuckte. Professor Flitwick hatte sie angeredet, wie sie eben festgestellt hatte, er redete weiter leise auf sie ein, wahrscheinlich hatte er gar nicht bemerkt, dass ihr seine Anwesenheit erst soeben aufgefallen war.

„ ... und der Zauberkunstsaal ist auch noch völlig zerstört , die Acrumantulas haben wirklich einiges an Schaden angerichtet, es müssen wirklich viele gewesen sein, die dem Dunklen Lord in die Schlacht gefolgt sind." Er seufzte.
„Was glaubst du, wie lange wird es dauern, bis das Schloss wieder hergerichtet ist, Minerva?"
Sie blickte sich in dem Korridor um, in dem sie immer noch standen. Noch immer sah es aus, als ob ein heftiges Erdbeben alles innerhalb von Sekunden zerstört hatte. Dann antwortete sie: „ Ich weiß es nicht, Filius, ich weiß es wirklich nicht."

Noch immer waren sie nicht sicher, wie viel es tatsächlich war, das völlig zerstört worden war, wie groß das Ausmaß der Verwüstung wirklich war. Doch so langsam konnte einen wirklich nichts mehr schocken, sie hatten alle zu viel Leid, zu viel Tod, zu viel zerstörerische Wut gesehen. Viel mehr als ein einziger Mensch jemals zu Gesicht bekommen sollte. Vor allem die vielen Kinderaugen, die all den Schrecken nun erfuhren, eigentlich noch viel zu jung, um dem Tod auf diese Weise ins Gesicht geblickt zu haben.
Sie seufzte, schon wieder hatte sie fast vergessen, dass sie Filius noch immer eine Antwort schuldete.

Es ist so einfach in den eigenen Gedanken zu versinken, oder zu ertrinken, dachte sie, rief sich dann selbst zur Ordnung und wandte sich wieder Prof. Flitwick zu:
„ Das Ministerium hat uns baldige Hilfe versprochen, aber ich bin mir nicht sicher, wann diese Unterstützung hier eintreffen wird, ob sie überhaupt irgendwann eintrifft. Aber bis dahin müssen wir erst mal mit den Eltern und den übrig gebliebenen Ordensmitgliedern das Schlimmste rückgängig machen, auch wenn wir auf Arthur und Molly sicherlich verzichten müssen." Das Bild von Ginny blitzte vor ihrem geistigen Auge auf, als Filius bereits geseufzt hatte.

„ Schrecklich, das Schicksal des Jungen, ich konnte ihn und seinen Bruder zwar nie auseinander halten, was zwar eigentlich keinen Unterschied gemacht hat, weil sie eh immer beide in den Entwicklungen verstrickt gewesen waren, aber ich glaube genau deswegen haben sie für mich immer zusammengehört. Dass jetzt nur noch einer der Beiden unter uns weilt ..." Er schüttelte den Kopf.
„ Unvorstellbar ...", flüsterte er fast.

Unvorstellbar, das traf zur Zeit auf so Einiges zu, hatte sie den Eindruck. Es war in der Tat unvorstellbar, dass hier jemals alles wieder so sein würde, wie es vor der Schlacht gewesen war. Das Blut der Gefallenen würde für immer an den Wänden des Schlosses haften, die Schreie der Verletzten, die Bilder des Kampfes würden für ewig in ihren Gedächtnissen bleiben, da war sie sich sicher. Auch wenn ein dunkler Schleier der Trauer und der Angst all diesen Erinnerungen überschattete, wie die Nacht den Tag überschattet – sie hatte eines gelernt : Kämpfen war nicht ruhmreich, wie in den Sagen der großen Duelle mächtiger Zauberer beschrieben, nicht heldenhaft, wie von manch einem Historiker später sicher behauptet werden würde – in dieser Nacht war es einzig ums nackte Überleben gegangen. Zwar mit einem ehrenhaften Ziel freilich, Lord Voldemort zu besiegen, aber niemand der Verstorbenen wird in seinen letzen Momenten auf dieser Erde gedacht haben : „ Hoffentlich habe ich genug getan, hoffentlich hat es gereicht, hoffentlich war mein Beitrag groß genug, sodass die Macht des Dunklen Lords ein für alle Mal gebrochen ist!"

Sie haben wohl an ihre Familien gedacht, an ihre Freunde, an alles, was ihnen wichtig war auf dieser Welt.
Hatten sie dafür gekämpft? Dafür, dass wir nun in Frieden leben können, ohne Angst um unsere Familien haben zu müssen?
Das hatten viele der Überlebenden gesagt, mit denen sie gesprochen hatte, dass sie während der Schlacht an ihre Familien gedacht haben, und dass sie dann, wenn als das hier überstanden war, ein friedvolles, angstfreies Leben würden führen können.
Hatte es sich gelohnt dafür zu kämpfen? Dafür zu sterben?

Aber was half es, sich darüber den Kopf zu zerbrechen? Was half es, der dunklen Vergangenheit nachzuhängen, wenn man sie eh nicht ändern konnte?
Der Weg führte nach Vorne, das wusste sie jetzt, und nach Vorne würde sie von nun an blicken – denn Hinten ist nur Dunkelheit.

Ende