Noch ein Tag, noch ein Tag! Und damit er schneller vergeht, bekommt ihr heute die längste aller Geschichten. Aesculap hat unsere Obergrenze von 5000 Wörtern pro Geschichte nicht nur gesprengt, er ist sogar fast auf das doppelte an Wörtern gekommen. Ich muss sagen, damit habe ich wirklich nicht gerechnet, als ich den Wunsch eingereicht habe. Aber jetzt bin ich gespannt, was Sir Cadogan und seinem grauen Pony so alles widerfahren wird ^^ Danke für die Geschichte Aesi :)


Eisblumen

„Oh nein, war das wieder eine Stunde!" Seamus kickte missmutig seinen kleinen Gummiball gegen eine Rüstung, von wo er mit lautem Klonk abprallte und den Gang hinunterkullerte.
„Und die Hausaufgaben erst, die die alte Vogelscheuche uns aufgetragen hat", stöhnte Dean, „ich weiß echt nicht, wer in Hogwarts die größere Schreckschraube ist. Die oder die alte Pince."
„Accio, Ball", sagte Seamus, wartete, bis der Flummi angesaust kam und drosch ihn erneut den Korridor hinunter. Diesmal erwischte es den Hut eines Schülers, der in einem Pulk Zweitklässler stand und Froschkarten tauschte.
„ … hey, was soll das, du Idiot?", maulte der Junge und schob sich seinen Spitzhut wieder zurecht.
„Prima Treffer, Seamus", grinste Dean, „ jedenfalls …."
„… sollten sich die beiden jungen Herren besser zu benehmen wissen", tönte eine Stimme hinter ihnen.
„Äh, hast du was gesagt, Parvati?", sagte Dean und drehte sich lässig nach der kleinen Mädchengruppe um, die schnatternd den Gang hinunterkam.
„Ach nee, Thomas, der Unterricht eben hieß 'Wahrsagen', nicht 'Wassagen'", kicherte Lavender, „aber ich kann dir ja mal deine Zukunft voraussagen" und grapschte nach der Hand Deans, der wie die anderen Jungen im Gang stehen geblieben war.

„Iiieeh, bloß nicht! Was die alte Fledermaus aus ihren Teeblättern herausliest, ist schon grausig genug", jammerte Dean, schaute aber genüsslich zu, wie Lavenders Fingerspitzen an seinen Handlinien auf- und abwanderten.
„Also, ich muss doch wirklich bitten! Alte Fledermaus? Vogelscheuche? Welch schändliche Ausdrücke gegenüber einer Dame!"
Die Schüler sahen sich erstaunt an, dann drehte sich die ganze Gruppe zu der Wand des Korridors um.
„Oh nein, nicht der schon wieder", hörte man von hinten Neville murmeln.
„Ah, welch eine Ehre!", sagte Seamus schleimig und verneigte sich mit einem übertrieben Kratzfuß vor dem Bild.
„Sir Cadogan, zu Diensten", erwiderte der kleine Ritter und verneigte sich so tief, wie es seine Rüstung zuließ. „Das ist schon viel besser, werte Damen und werte Herren", fuhr er fort, wobei er sich Mühe gab, seine Verbeugung von eben an Tiefe noch zu überbieten.

„Es trifft sich gut, Herr Cadogan, dass diesen frechen Schnöseln endlich jemand Benehmen beibringt", ließ sich Lavender vernehmen und machte vor Dean, ohne dessen Hand loszulassen, einen Knicks. „Wollt Ihr nicht als Knappe bei Sir Cadogan in die Lehre gehen, edler Herr Thomas? Nötig hättet Ihr es gewiss."
„Mit größtem Vergnügen, Mylady Lavender, unter der Bedingung, dass Ihr mein Burgfräulein wärt", säuselte Dean, führte seine Hand, die sich nach wie vor in privatem Wahrsageunterricht befand, zum Mund und schleckte der Länge nach über Lavenders Handrücken.
„Bäääh, Dean, du Ferkel!", kreischte Lavender und zerrte ihre Hand aus Deans Umklammerung. „Da seht Ihr es, Sir Cadogan, so gehen heutzutage Jungs mit uns armen Mädchen um!", giftete Lavender in Richtung des Bildes und wischte sich angeekelt den Sabber an ihrem Umhang ab.
„Was hast du gegen die Zunge eines Jungen einzuwenden, Lavender?", fragte Dean scheinheilig.
„Vielleicht hat ihr nur die Stelle nicht behagt!", johlte Seamus und patschte Dean wiehernd die Hand auf die Schulter.
„Ha, ha, haaa….", ließ sich der Mädchenchor vernehmen, während Seamus sich mit dem Zauberstab sauertöpfisch die herabtropfende Fluchtinte aus Gesicht und Haaren entfernte.
„Aber, aber, meine jungen Freunde, etwas mehr Anstand bitte", mischte sich Sir Cadogan ein. „Gutes Benehmen ist die Zier aller jungen Damen und Herren und Zaubern auf dem Gang ist nach wie vor verboten. Auch wenn wir Bewohner der Bilder schon lange tot sind, haben wir nicht die Pflicht und Aufgabe vergessen, den jungen Schülern Hogwarts ein Vorbild an Anstand, Edelmut und Ritterlichkeit zu sein", sagte Sir Cadogan würdevoll und warf sich respektheischend in die Brust.

„Ja, ja, Vorbilder…, sicher, …, schon klar", murmelte Ron und rollte mit den Augen. "Also, wen hätten wir denn da: die Dame vor dem Gryffindorgemeinschaftsraum, die aus vornehmen Anstand kaum zu essen wagt, ihre Freundin Violet, die es vor lauter Schnapspralinen manchmal nicht von einem Bild ins andere schafft…"
„Die Mönche im Gang zu den Hufflepuff-Räumen", warf Neville ein. „Egal, wann man bei denen vorbeiläuft, entweder sie fressen, saufen aus Humpen oder beides."
„Das Bild vom Alten Richter an der Treppe zum Astronomieturm. Keiner kann so unanständige Witze erzählen wie der", sann Hermine nach, „und was Hermann der Neugierige mit seiner Hose gemacht hat, als Mandy Brocklehurst neulich an seinem Bild vorbeilief, möchte ich gar nicht erzählen."
„Doch, erzähl's, Hermine, was hat der olle Hermann …", rief Ron begeistert, aber Hermines empörter Blick ließ ihn rasch verstummen.
„Wo wir gerade bei Tugenden sind", fuhr Hermine fort, musterte die Jungen mit strengem Blick und wandte sich wieder dem Bild zu, „Bescheidenheit soll ja angeblich auch eine Zier vornehmer Damen sein."

„Selbstverständlich, junges Fräulein, so sind die Damen meiner Zeit erzogen worden." Sir Cadogan drehte sich kurz nach seinem Pony um, das ein Stück weiter ins Bild hinein gelaufen war und sich an den heruntergefallen Früchten eines Apfelbaums gütlich tat. „Edle Damen verlangt es nur nach Tugend, nach sonst nichts", sagte er dann zu Hermine mit würdevollem Kopfnicken.
„Bescheiden, wie die Gräfin ‚Ich-wünsch-mir-was'…", sagte Parvati Patil und verdrehte die Augen.
„Gräfin wer?", echote Ron und schaute Parvati verständnislos an.
„Na, dass du die nicht kennst, wundert mich nicht", sagte Hermine spitz. „Gräfin Clothilde-Isodora of Upperfield-Brewsburry upon Norrington Hill".
„Ähh…" Ron und Dean sahen sich verständnislos an.
„Ihr Bild hängt in der Astronomieabteilung der Bibliothek", erläuterte Hermine.
„Eben, und gehört damit praktisch zur Verbotenen Bibliothek für Leute wie Sean, Harry und Ron", kommentierte Parvati. „Ich meine, Astronomie und überhaupt alles, was sich oberhalb eines fliegenden Quaffels befindet, ist praktisch jenseits des geistigen Horizonts gewisser Jungen."
„Ha, ha, haaa …", ließ sich der Chor wieder vernehmen, diesmal jedoch eine Oktave tiefer.
„Gräfin Clothilde? Von der habe ich noch nie gehört", sagte Ritter Cadogan und kratzte sich nachdenklich am Kopf.
„Eine hochwohlgeborene Dame, die Sir Cadogan nicht kennt?", fragte Lavender spöttisch.
„Nun ja, mein Fräulein", murmelte die kleine Gestalt verlegen, „bedenkt, das Schloss ist sehr groß, es gibt zahllose Porträts und ich habe immerhin hier meine Pflichten zu erfüllen. Es wäre verantwortungslos, meinen Posten zu verlassen und nur zum Vergnügen in den Bildern des Schlosses herumzustreunen."
„Ein Glück, man stelle sich vor, wir würden auf dem Weg zum Wahrsageunterricht im Flur von wilden Drachen angefallen", sagte Harry ernsthaft.
„Entsetzlich! Ihre Zungen sollen fürchterlich sein", grinste Dean, hüpfte aber gleich darauf mit schmerzverzerrtem Gesicht auf einem Bein herum, während er das andere in den Händen hielt.
„Nicht nur ihre Zungen, Thomas, nicht nur ihre Zungen", fauchte Lavender, „man sollte auch ihre Füße fürchten."
„Ähmm, Ihr sagtet, das Benehmen der Gräfin gäbe Anlass zur Klage?", wandte sich Sir Cadogan an Hermine, ohne Dean und Lavender zu beachten, die sich kreischend vor seinem Bild balgten.
„Jedenfalls kann man zur Zeit in der Bibliothek kaum in Ruhe seine Astronomie-Hausaufgaben erledigen", antwortete Parvati an Hermines Stelle. „Dauernd jammert die Gräfin herum. ‚Ich hätte gern dies, ich hätte gern das, niemand schenkt mir was, niemand tut mir was Gutes'", ahmte Parvati mit affektierten Gesten die Stimme der Gräfin nach.
„Ja, es stimmt. Zur Weihnachtszeit ist es immer ganz schlimm. Das haben mir auch ältere Schüler erzählt. Sogar Prof. Sinistra hat in ihrem Unterricht mal erwähnt, dass die Schüler in der Vorweihnachtszeit die Astronomieabteilung der Bibliothek meiden sollen." Hermine machte dabei eine finstere Miene.
„Aber warum meldet ihr es nicht Madame Pince?", schlug Neville vor, der keinen Astronomieunterricht nahm.
„Neville, du kennst doch die alte Pince", warf Harry ein. „Solange irgendetwas Schüler aus der Bibliothek fernhält, wird Madame Pince bestimmt nichts dagegen unternehmen."
„Och, Harry, da braucht sie bei dir garantiert nicht aktiv zu werden", frotzelte Hermine.
„Nun, es wird doch sicher einen wichtigen Grund haben, wenn eine hochwohlgeborene Dame Anlass zur Klage hat", ließ sich der kleine Ritter wieder vernehmen und schritt aufgeregt in seinem Bild auf und ab.
„Glaub ich nicht", sagte Ron mit einem schiefen Seitenblick auf Hermine, „Damen brauchen keinen Grund zum Klagen."
Hermine ignorierte ihn. „Komischerweise mault die Gräfin nur in der Weihnachtszeit herum, das restliche Jahr über ist sie meist aus ihrem Bild verschwunden."
„Was sagt sie denn so?", fragte Neville.
„Na ja, wie ich schon sagte, sie jammert, dass sie keine Weihnachtsgeschenke bekommt, dabei quillt ihr Bild über von Geschenkpaketen."
„Da seht Ihr es", rief Sir Cadogan, „vornehmen Damen bedeuten Geschenke und materielle Dinge nichts. Sie leben in höheren, geistigen Sphären. Nein, es muss einen anderen Grund geben."
„Oh, wäret Ihr nicht der Richtige, um das herauszufinden?", fragte Dean Thomas und machte eine Verbeugung. „Ein Mann von Welt, gebildet, redegewandt, mutig ..."
„Ja, genau, Sir Cadogan, Ihr müsst Mylady aufsuchen und herausfinden, was sie bedrückt. Uns einfachen Schülern würde sie solch wichtige Dinge gewiss nicht anvertrauen", rief Ron und knuffte dabei Dean in die Rippen.
Das Ritterlein strahlte über das ganze Gesicht und zwirbelte selbstgefällig den Schnurrbart. „Gewiss, gewiss, ich bin in meinen Kreisen durchaus kein Unbekannter und habe schon so manche Schlacht für des Königs Banner geschlagen, aber …" Der kleine Mann stockte und schielte dann hoffnungsvoll zu den Jungen. „Anderseits, ich kann nicht so einfach davongehen und diesen Teil der Burg ungeschützt lassen."
„Keine Sorge, Sir Cadogan, wir werden hier für Euch Wache halten, das heißt, falls Ihr bereit seid, uns diese vornehme Aufgabe anzuvertrauen", sagte Seamus Finnigan gewichtig, ohne Neville zu beachten, der heftig an Seamus' Umhang zupfte.
„Aber nein, ich finde nicht, dass wir …", brachte Neville noch heraus, bevor ihm Deans Hand den Mund verschloss.
„Sei ruhig, Neville, Seamus hat Recht. Wenn eine Dame in Not ist, darf Zweifel nicht das Herz beschleichen", rief Dean theatralisch und hob, während er gleichzeitig den protestierenden Neville im Schwitzkasten hielt, seinen Zauberstab wie ein Schwert über sich. „Zu Pferd, Ritter Cadogan, fürchtet weder Drachen noch Tod, es gilt, eine edle Dame zu retten!"
„Das ist ein Wort", rief der kleine Ritter begeistert, drehte sich nach seinem Pony um und brüllte in die Tiefen des Bildes: „Komm, Rosinante, auf, die Schlacht ruft!", wobei er begeistert seine Lanze schüttelte.
„Sagt mal, Jungs, geht's euch eigentlich…", empörte sich Hermine, wurde aber von Ron zum Schweigen gebracht. „Sei still, davon versteht ihr Mädchen nichts. Reitet nur los, Sir Cadogan, und tut, was ein Mann tun muss."
„Ach, seit wann weißt du denn, was ein Mann zu tun hat?", keifte Hermine.
„Bestimmt hat ihm seine Mutter mal wieder einen Heuler geschickt und es ihm gesagt!", gickerte Parvati und wuschelte dabei Rons Haare.
„Lass das, du Gans …", fauchte Ron.
„So lebt wohl, Ihr edlen Jungfrauen und kühnen Knappen", rief jetzt der kleine Ritter, der bereits auf seinem dicklichen Pony saß. „Wenn mich das Schicksal ereilen und wir uns nicht wiedersehen sollten, vergesst Sir Cadogan nicht. Lauf, Rosinante, hüühjaaa!". Dann verschwand er samt Pony hinter dem Bilderrahmen.

„Nein, wir werden Euch ganz bestimmt nicht vergessen", japste Dean Thomas, der mittlerweile am Boden lag und sich klatschend auf die Schenkel klopfte.
Ron beugte sich zu dem Bild vor, legte die Hände zu einem Trichter zusammen und brüllte: "Und solltet Ihr keinen Drachen finden, Sir Cadogan, Madame Pince tut es auch!"
„Ron!"
„Was denn, Hermine? Er hat doch Recht." Harry wischte sich mit seinem Umhang die Lachtränen von der Brille. „Stell dir vor, Madame Pince' Kopf als Jagdtrophäe in der Großen Halle, und …"
„Harry, du bist geschmacklos!" Hermine stemmte die Hände in die Hüften. „Ehrlich, Jungs, ihr solltet euch schämen, Sir Cadogan so ins Bockshorn zu jagen!"

„Hüaah, Rosinante, lauf, gleich haben wir den Turm der edlen Dame erreicht", schrie Sir Cadogan und Schlamm spritzte auf in der ‚Moorlandschaft bei Loch Fendoc' vor dem Eingang zur Bibliothek. Ein paar braunen Sumpfhühnern, die auf einem Rasenstück ihr Sonnenbad nahmen, blieb gerade noch Zeit, sich vor den Hufen des Ponys schnatternd in die modrigen Tümpel zu retten und schon sprengte ein gepanzerter Reiter in vollem Galopp ins Bild der ‚Liderlichen Sophie', das sich unmittelbar hinter der Bibliothekstür befand.
Leider hing es damit auch unmittelbar über dem Schreibtisch von Madame Pince, die anhand einer Pergamentrolle gerade die Fehlbestände der Zaubertrankbücher überprüfte und in entsprechender Laune war.
„Haaalt", kreischte die Bibliothekarin, sprang auf und stellte sich mit gezücktem Zauberstab vor das Bild. Die Hufe des Ponys schienen Funken zu schlagen, als der Ritter erschrocken an den Zügeln riss und das Pferdchen schlitternd durch das Zimmer rutschte und dabei einige Blumenvasen umwarf.
Verwirrt, wer seinem Parforceritt denn aufgehalten haben könnte, sah sich Sir Cadogan um und starrte in das wutverzerrte Gesicht einer ältlichen Frau mit strengem Dutt.

„Was fällt Ihnen eigentlich ein, mit Ihrem Klepper in der Schulbibliothek herumzureiten? Sind wir hier im Zirkus oder was? Nicht genug, dass sich unverschämte Schüler in Bibliotheken nicht zu benehmen wissen, nein, jetzt zeigen die Bilder den Rotznasen, wie sie es noch toller treiben können", schrie Madame Pince und fuchtelte bedrohlich mit ihrem Zauberstab.
„Ruuuhe, altes Schreckgespenst, wie soll denn hier ein Mensch schlafen!", tönte es jetzt hinter Sir Cadogan. Eine dicke Frau in einem schmuddeligen Nachtrock lag auf einem Kanapee und sah böse zu Madame Pince hinüber.
„Halten Sie sich gefälligst da heraus, Sie, Sie …", keifte die Bibliothekarin und rang nach Worten, „statt den ganzen Tag faul im Bett herumzuliegen, sollten Sie mal lieber Ihren Schweinestall aufräumen."
Während die beiden Frauen sich über den Bilderrahmen hinweg ankreischten, sah sich Sir Cadogan verstohlen um und befand, dass die Liderliche Sophie ihrem Namen alle Ehre machte. Schmutzige Wäsche lag verstreut auf dem Boden herum, daneben aufgeschlagene Bücher zwischen Obst- und Brotresten und in der hinten angrenzenden Küche sah man Berge verdreckten Geschirrs stehen.
Der kleine Recke wollte sich schon davonschleichen, als er den Zauberstab von Madame Pince auf seiner Brust spürte. „Das-Pferd-bleibt-drau-ssen-verstanden?", giftete die Alte und bei jedem Wort machte es Klonk auf Sir Cadogans Harnisch.
„Aber ich bin ein Ritter, erwartet Ihr etwa, dass ich zu Fuß gehe?" fragte er empört.
„Es interessiert mich nicht, wer oder was Sie sind, in dieser Bibliothek wird gemacht, was ich sage! Und jetzt raus mit dem Viech!"
Murrend führte Cadogan sein Pferdchen hinaus zu den Sumpfhühnern, band Rosinantes Zügel an einem der Bäume fest und kraulte dem Pony zum Abschied kurz die Mähne. „So, mein Liebes, warte hier auf mich, leider kann ich dich nicht mitnehmen, du hast ja gehört, dass die alte Hexe dich nicht einlassen will."
„Können Sie nicht leiser gehen?", tönte es vom Schreibtisch her, kaum dass er das Zimmer der Liderlichen Sophie betreten hatte. „Es scheppert schlimmer als in der Elfenküche um elf Uhr vormittags. Ölen Sie mal Ihre Rüstung! Ich sollte Hausmeister Filch Bescheid geben, dass er mal mit der Ölkanne zu Ihnen kommt!", rief Madame Pince dem kleinen Ritter hinterher, der bereits durch das nächste Bild stakste und sich, bei allem höfischen Respekt vor der Damenwelt, fragte, ob er mit seiner Zurechtweisung den Schülern vorhin nicht unrecht getan hatte.

Nach einigen Umwegen durch die weitläufige Bibliothek erreichte Sir Cadogan die Astronomieabteilung. Aus dem Bild der Muse Urania schaute er neugierig in den kleinen Astronomiesaal, wo es neben Regalen voller Bücher und Folianten zur Sternenkunde auch etliche astronomische Instrumente zu bewundern gab. Alte Jakobsstäbe hingen an den Wänden neben tapetengroßen Sternkarten, es gab einige Teleskope zu sehen und zwischen den mächtigen Holztischen stand ein mannsgroßer Himmelsglobus.
Ehrfürchtig und voller Staunen betrachtete der kleine Ritter die ihm fremde Welt geistiger Sphären, als von Ferne leises Jammern in seine Ohren drang. „Immer der gleiche Krempel, …nie bekomme ich was Schönes, … warum werden immer nur die anderen mit schönen Sachen beschenkt …" So ging der Singsang in einem fort.
Der Ritter dachte an die Worte der Schüler und seinen Auftrag und ging ein paar Gemälde berühmter Astronomen weiter, als er zu einem kleinen Bild kam, wo eine junge Frau in einem liebevoll eingerichteten Zimmer am Fenster im Sonnenlicht saß, den Saum eines Seidenrocks ausbesserte und zum Takt der Nadel ein munteres Lied sang.
Sir Cadogan, der während seiner Knappenzeit im Chor der Abtei von Reedswood gesungen und später manch gesellige Herrenrunde durch weinselige Lieder kulturell bereichert hatte, lehnte sich an den Bilderahmen, betrachtete eingehend die hübsche Näherin und summte leise die zweite Stimme mit. Leider wurde aus dem heimlichen Duett ein missgestaltes Trio, als sich wieder eine jammernde Frauenstimme vernehmen ließ, doch diesmal deutlich lauter.
„Chrmm, …", hüstelte Sir Cadogan und klopfte verlegen gegen einen kleinen Schrank mit wappenverzierten Zinnkrügen darin, der sich gleich neben dem Bilderrahmen aufbaute. „Chrmm … entschuldigt, wenn ich störe, werte Dame…, aber ich suche die Gräfin Clothilde-Isodora of Upperfield-Brewsburry."
Die junge Frau sah auf, ließ ihre Handarbeit sinken und musterte erstaunt die kleine Gestalt, die etwas atemlos vor ihr stand.
„Oh, Ihr möchtet zu Mylady Clothilde, Herr ….?", fragte sie dann.
„Verzeiht, dass ich so unvermutet und ohne mich vorzustellen in Euer Gemach trete, werte Dame", sagte der kleine Ritter und verbeugte sich. „Sir Cadogan, zu Diensten."
„Elizabeth Forrester, Mylord", sagte die junge Frau, stand auf und machte einen artigen Knicks. „Ihr braucht nicht ‚Mylady' zu mir zu sagen, werter Herr, ich bin nur eine einfache Zofe."
„Doch Eure Anmut und Schönheit, Miss Forrester, wäre jeder vornehmen Dame würdig", sagte Cadogan und verbeugte sich erneut.
Zarte Röte zeigte sich auf ihrem anmutigen Gesicht, dann aber lächelte sie und sagte: "Herr Ritter, wenn Ihr alle Schmeicheleien an eine einfache Zofe verschwendet, bleibt nichts mehr für die hohe Herrin übrig."
Der tapfere Recke war in seinem Element. „ Nie würde ich es wagen, Euch mit törichten Schmeicheleien zu belästigen, werte Miss Forrester. Ich spreche nur aus, was meine Augen sehen." In dem Fall musste sich Cadogan insgeheim selber Recht geben. Miss Forrester war wirklich sehr apart anzusehen in dem geschmackvollen blaugrauen Kleid. In ihr hellbraunes Haar hatte sie schwarze Bänder und Silberkettchen eingeflochten, die aber nicht verhinderten, dass einzelne vorwitzige Locken in das hübsche Gesicht fielen.
„Erlaubt, dass ich Euch anmelde, Sir Cadogan", sagte die Zofe und ging in den Nebenraum.

„Bitte, Sir Cadogan, Mylady lassen bitten".
Sir Cadogan ging freundlich nickend an Miss Forrester vorbei und betrat das Gemälde der Gräfin of Upperfield-Brewsburry. Der prachtvoll ausgestattete Raum beeindruckte wohl jeden Besucher. Kostbare Möbel standen vor hohen Bücherregalen, vor den mit wertvollen Seidentapeten bespannten Wänden standen kunstvoll gearbeitete Büsten und Skulpturen. Wie in der Bibliothek jenseits des Rahmens gab es auch hier zahlreiche astronomische Instrumente und Himmelsgloben zu sehen.
Das erstaunlichste an dem ganzen Raum aber war der mächtige Weihnachtsbaum. Eine herrlich gewachsene Blautanne, auf deren Spitze ein goldener Stern funkelte. Große, in allen Farben irisierende Glaskugeln, Gold- und Silberfäden hingen von den Zweigen und zahllose brennende Duftkerzen schmeichelten Auge und Nase.
Am Fuße des Baumes lagen, kunstfertig in buntes Seidenpapier eingeschlagen, ganze Stapel von Geschenkpaketen. Etliche von ihnen waren geöffnet und zeigten ihre Schätze: Porzellanvasen aus China gab es, Bücher und Konfekt aus fernen Ländern, Geschmeide, Seidenblusen, kristallene Parfumfläschchen in jeder Form und Größe.

Vor dem Baum aber stand eine groß gewachsene, schlanke Frau in schimmerndem Seidenkleid. Ein schön gearbeiteter Kragenspiegel nach Mode ihrer Zeit ließ die kunstvoll geflochtene Frisur mit den vielen eingewobenen Perlenketten darin noch besser zur Geltung kommen.
Der kleine Ritter dachte beschämt an seine eigene Aufmachung und war heilfroh, dass die Kerzen des Festbaumes nicht hell genug schienen, um die Rostflecken sichtbar zu machen, die sich hie und da schon an seiner Rüstung zeigten.
„Sir Cadogan, Euer bescheidener Diener, edle Dame", sagte der Ritter und machte trotz seiner unbequemen Rüstung einen vollendeten Kratzfuß.
Die Gräfin musterte den seltsamen Gast von oben bis unten und fragte schließlich: „Nun, Sir Cadogan, was führt Euch hierher?"
Sir Cadogan, dem es als gut erzogenem Edelmann nicht anstand, mit der Tür ins Haus zu fallen, versuchte erst einmal Konversation zu machen.
„Verzeiht, Lady Clothilde, ich kann gut verstehen, dass Ihr meinen Namen noch nie gehört habt, wohne ich doch in einem weit abgelegenen Teil des Schlosses." Da er es für besser hielt, die Schüler nicht zu erwähnen, fuhr er gewichtig fort: "Verschiedene Geschäfte führten mich in die Große Bibliothek des Schlosses und weil ich schon von Mylady habe erzählen hören, dachte ich mir, dass es sich für einen Edelmann gehöre, einer so vornehmen Damen die Aufwartung zu machen."
„Ich danke Euch, Sir Cadogan, es tut gut zu hören, dass Anstand, Höflichkeit und gutes Benehmen in dieser Welt noch nicht gänzlich ausgestorben sind", antwortete Gräfin Clothilde, wobei sie einen schrägen Blick auf die wenigen Schüler drüben in der Bibliothek warf.
„Oh, man hat Euch beleidigt, Mylady? Nennt mir seinen Namen und ich werde dem Schurken Respekt beibringen", brauste der Ritter auf, zückte sein Schwert und fuchtelte damit über dem Kopf herum.
„Nein, nein, beruhigt Euch, Sir Cadogan", lächelte die Gräfin, „steckt Euer Schwert wieder ein. Es ist nur so, dass man mir nicht immer die Aufmerksamkeit schenkt, die einer Dame von Stand gebührt."
„Verzeiht, Mylady, dass ich so ungeschickt frage, aber wie kommt eine so vornehme Dame in die Bibliothek einer Schule", fragte der Ritter und ließ erneut seinen Blick über die kostbare Ausstattung des Bildes gleiten.
„Mein Mann, der Earl of Norrington, war ein berühmter Astronom. Deshalb seht Ihr hier auch die ganzen astronomischen Instrumente. In seinem Testament hat er später neben einer ansehnlichen Anzahl Galleonen seinen gesamten wissenschaftlichen Besitz der Hogwartsschule vermacht. Nicht nur dieses Bild, sondern auch die Himmelsgloben, die Teleskope und die vielen astronomischen Bücher" und wies dabei hinaus in die Bibliothek.

Der Ritter bemerkte erstaunt, dass etliche der Instrumente im Bild draußen in der Bibliothek im Original zu sehen waren. Dann wanderte sein Blick wieder zu dem großen, prachtvoll geschmückten Weihnachtsbaum. Die Gräfin schien die unausgesprochene Frage zu verstehen.
„Seht Ihr den großen goldenen Stern auf der Spitze des Baumes? Sein Leben lang versuchte der Earl, das Geheimnis des Sterns von Bethlehem zu ergründen. Als Zeichen seiner Lebensaufgabe Zur wissenschaftlichen Um sich besser inspirieren zu können, stand das ganze Jahr über in der Bibliothek unseres Schlosses ein Weihnachtsbaum. Selbstverständlich auch mit reichen Gaben."
„Aber dann müsst Ihr doch sehr glücklich sein, wenn jeden Tag Weihnachten ist", sagte der Ritter und ließ seinen Blick über die zahllosen Päckchen und die Kostbarkeiten gleiten, die achtlos oder nur halbausgepackt unter dem Baum lagen.
„Ach, wenn Ihr wüsstet, Sir Cadogan", seufzte Lady Clothilde. „Seit Hunderten von Jahren packe ich die gleichen Geschenke aus, ich kenne den Inhalt jedes Paketes. Seht Ihr da drüben die grünweiße Schachtel? Handschuhe aus Bundimunleder von meiner Großtante Heralda. Daneben in rotem Papier eine Packung altägyptischer Flüche von meinem Bruder Anthony.
Und so weiter, und so weiter, wenn ich alles ausgepackt habe, packt meine Zofe es wieder ein und alles beginnt von vorne."
„Es ist so langweilig", seufzte die Gräfin mit bekümmertem Gesicht, „nie bekomme ich was Neues, niemand schenkt mir etwas Originelles, alles ist so langweilig" und so ging es eine Weile im greinenden Klageton weiter.
Der Ritter, der jetzt begriff, was die Schüler gemeint hatten, fragte: „Was könnten Mylady sich denn noch wünschen? Alle Schätze der Welt liegen doch schon hier" und zeigte auf die Geschenke.
„Nun, ich dachte an etwas, was meine Freundinnen nicht haben. Mein Gatte selig, Earl Norrington, war auf seinen wissenschaftlichen Reisen viel herumgekommen. Mehrfach hat er mir von einer Fee erzählt, die eine große Sternkundige sein soll. Bei dieser Fee, der Earl nannte sie Graue Waldfee oder so ähnlich, hatte er bei Besuchen in ihrem Turm Eisblumen von seltener Schönheit gesehen."
„Eisblumen?", unterbrach sie der Ritter. „Was soll daran Besonderes sein? Die finden sich im Winter doch an jedem Fenster."
„Nein, nicht solche gewöhnlichen. Der Earl sagte, dass diese Eisblumen wie richtige Blumen aussehen und in allen Farben leuchten." Die Gräfin sann eine Weile nach, dann fuhr sie fort: „Bestimmt sind sie so schön, weil sie unter Sternen wachsen. Ja, so hat es mir mein Gatte berichtet. Die Eisblumen der Grauen Fee sollen im Licht der Sterne wachsen."

„Die Graue Waldfee...", murmelte der kleine Ritter und trank einen Schluck von dem Kakao, den die Zofe Elizabeth hereingebracht und mit einem freundlichen Lächeln neben ihn gestellt hatte. Er hatte kein Wort von dem verstanden, was die Gräfin gesagt hatte. „Und wo lebt diese Graue Fee, von denen Euer Gatte berichtete?"
„Hmmmh", brummte die Gräfin und machte ein missmutiges Gesicht, „das hat er nicht gesagt. Wer weiß denn schon, wo Feen leben? Ich habe mich nie groß für sie interessiert. Aber angeblich befand sich im Testament meines Gatten ein Bild von ihr und auch meine Freundin, die Herzogin von Glennstone, hat einmal erwähnt, sie hätte gehört, dass irgendwo im Astronomieturm ein Bild einer Waldfee hinge."

Die Gräfin seufzte. „Wenn sich doch nur jemand fände, der mir solche Blumen brächte."
Der Ritter, der den Wink durchaus verstanden hatte, sprang auf, verbeugte sich und sagte: „Mylady, es betrübt mein Herz, Euch im Unglück zu sehen. Erlaubt, dass ich mich auf die Suche nach den Eisblumen mache."
„Das würdet Ihr für mich tun, edler Herr Cadogan?", sagte Gräfin Clothilde mit nicht ganz überzeugender Überraschung. „Wenn Ihr mir von diesen Blumen bringt, wäre ich Euch zu tiefstem Dank verpflichtet. Hier, nehmt diese kleine Silberschatulle. Wenn Ihr die Eisblumen gefunden habt, könnt Ihr sie darin sicher aufbewahren und zu mir bringen."
Der Ritter nahm das metallene Etui in die Hand. Es war mit rotem Samt überzogen und das gräfliche Wappen der Upperfields war darauf abgebildet. Dann schob er die Schatulle in seinen Brustharnisch, verbeugte sich vor Gräfin Clothilde und verabschiedete sich.

Nach einigen Irrungen und Wirrungen in den zahllosen Bildern Hogwarts erreichte Sir Cadogan schließlich den mächtigen Astronomieturm. Irgendwo hier sollte ein Bild hängen, das ihn zu dieser Waldfee bringen könnte.
Eine Weile klapperte er die Gemälde des Turmes ab, forschte hier, fragte dort und lenkte schließlich sein Pony in ein großes Bild im achten Stock. Es schien kein bewohntes Gemälde zu sein, denn er stand mitten auf der Lichtung eines tief verschneiten Winterwaldes. Der Schnee bog die Äste der Tannen fast zu Boden, Eichhörnchen sausten umher und suchten nach Nahrung, während es im dichten Gestrüpp nahe dem gegenüber liegenden Rahmen verdächtig raschelte. Ob er hier richtig war? Er schaute hinaus in den Korridor und sah an der Gegenwand zwei kleinere Bilder. Eines davon war leer, in dem anderen saß ein alter Mann in einem Schaukelstuhl und las in der Zeitung. Zu seinen Füßen kauerte ein braungelber Hund und durchschnüffelte sein Fell nach Flöhen.
„Heh, Ihr da, guter Mann", schrie Ritter Cadogan quer über den Gang, „ist das hier das Bild der Grauen Waldfee?"
Der Alte schien nichts zu hören, blätterte weiter in der Zeitung und blies dichte Rauchwolken aus seiner Pfeife. Nur der Hund schaute kurz zu dem Männlein in dem Bild auf der anderen Seite hinüber, bellte ein-, zweimal und widmete sich gleich darauf wieder seinen Flöhen.
„Heh, Ihr da", brüllte der Ritter abermals, „könnt Ihr mir sagen, ob..." Cadogan gab es auf und sagte zu seinem Pony gewandt: „Es ist zwar nicht höflich, Rosinante, aber manchmal muss auch ein Edelmann zu den Methoden des einfachen Volkes greifen." Sprach's, stieg umständlich aus dem Sattel und bückte sich hinab zu dem tief verschneiten Boden.
Der erste Schneeball zerplatzte unterhalb des Bildes an der Wand, der zweite darüber, der dritte ließ den Hund aufjaulen und der vierte Wurf schließlich verschaffte Cadogan den erwünschten Konversationspartner.
Der Ritter wartete höflich, bis der Alte die Schneereste aus seinem Bart entfernt und den wütend bellenden Hund beruhigt hatte, dann rief er hinüber: „Hallo, guter Mann, entschuldigt meine Aufdringlichkeit, aber ist das hier das Bild der Grauen Waldfee?"
„Ihr braucht gar nicht so zu brüllen", brummte der Alte, „ich bin zwar nicht mehr der Jüngste, aber schwerhörig bin ich deswegen noch lange nicht."
„Entschuldigt, mein Herr, Sir Cadogan zu Diensten", sagte nun das Ritterlein deutlich leiser und verbeugte sich. „Ich bin im Auftrag einer Hohen Dame auf Ritterfahrt und suche den Palast der Grauen Waldfee."
„Palast? Graue Waldfee...?", brummte der Alte und versuchte umständlich, seine schneeverstopfte Tabakspfeife wieder in Schwung zu bringen. „Hmmmh...Graue Waldfee...? Von der habe ich noch nichts gehört. Wisst Ihr, Herr Ritter, ich kümmere mich nicht groß darum, was in der Welt passiert. Ich gehe nur selten außer Hause und lese seit zweihundertvierundsiebzig Jahren in Ruhe meine Zeitung. Glaubt mir, es hat sich seitdem nichts Nennenswertes zugetragen. Zum Beispiel hier", fuhr er fort und schlug seine Zeitung auf, „die Hagelunwetter im April 1723, die nach Meinung des Untersekretärs Cathelbroke vom Amt für Meteomagie angeblich auf das Konto der Hurrlington-Schwestern gehen, weil sie, so Cathelbroke, beim Walisischen Preiszaubern wider aller Erwarten nur den vierten Platz errungen hatten und ..."
„Ja, gewiss, das ist alles sehr interessant", unterbrach Cadogan die aktuellen Nachrichten aus der Schadzauberbranche, „aber könnt Ihr mir kurz sagen, wo ich die Graue Waldfee finden könnte?"
„Was? Die graue...? Ach so, ja, ..., aber ich sagte Euch doch schon, dass ich keine Graue Waldfee kenne. Aber warum fragt Ihr nicht mal dahinten?" und deutete über Korridor und Ritter hinweg in die Tiefen des Winterwaldes.
Cadogan drehte sich um, spähte in das Halbdunkel des Dickichts, lief ein paar Schritte umher, um besseren Ausblick zu bekommen und entdeckte tatsächlich, von Baumstämmen und Zweigen halbverdeckt, in der Ferne auf einem kleinen Hügel die Umrisse eines Turms.
Dann musterte er wieder den tief verschneiten Wald, wo sich zwischen den Bäumen nicht einmal der Hauch eines Weges abzeichnete. Dafür raschelte es in dem Gebüsch drüben an der anderen Rahmenseite wieder unheimlich.
Cadogan packte seine Lanze fester, ging hastig zur Vorderkante des Waldbildes zurück und wandte sich wieder an den Alten: „Ihr meint also,… dort hinten lebt die Waldfee?" und deutete mit dem Daumen über seine Schulter.
„Das habe ich nicht gesagt, Herr Ritter", kam es von der anderen Seite zurück, „ich weiß nur, dass jenseits der Bäume etwas ist. Manchmal sieht man Licht da drüben und Rauch steigt über den Bäumen hoch."
„Ah ja, das habe ich mir schon gedacht, dass da etwas ist", murmelte Sir Cadogan und drehte sich besorgt zu dem Gestrüpp, aus dem jetzt merkwürdiges Grunzen drang. „Ihr wisst nicht zufällig, ob ein Weg oder Pfad durch diesen Wald führt?"
„Ich? Seid Ihr von Sinnen?", rief der Alte herüber und tippte sich mit der zusammengerollten Zeitung an den Kopf. „Glaubt Ihr, ich hätte nichts Besseres zu tun, als meinen gemütlichen Schaukelstuhl zu verlassen und bei der Kälte in anderer Leute Wälder herumzustapfen? Außerdem, Herr Ritter, da", und dabei deutete der Alte mit der Pfeife unbestimmt in Richtung Sir Cadogan, „ würde ich sowieso nicht hineingehen. Ich sag Euch, nachts höre ich manchmal Stimmen aus dem Wald dringen und mein Hund bellt wie verrückt und wenn ich morgens meine Zeitung lese und hinüberschaue, kommt's mir oft vor, als stünden die Bäume nicht mehr am gleichen Platz wie abends zuvor. Richtig unheimlich ist's."

Aber zu seiner Erleichterung konnte der tapfere Recke unbehelligt durch den Wald reiten und erreichte schließlich den kleinen Hügel, auf dessen Spitze ein mächtiger Turm stand. Cadogan ritt den schmalen Weg hinauf, lenkte das Pony bis zu der kleinen Gartenpforte und stieg dort ab. „So, Rosinante, da wären wir. Mal sehen, ob das wirklich der Turm der Waldfee ist."
Cadogan sah sich um. Eine mannshohe Mauer aus grauen Steinen verlief längs des verschneiten Pfades und, so vermutete Cadogan, auch an den übrigen Seiten der Hügelspitze.
Der Ritter untersuchte die hölzerne Tür des Eingangs, fand, dass sie nicht abgeschlossen war und stieß sie nach kurzem Zögern auf.
„Komm, schauen wir uns mal drinnen um", sagte er, packte das Pony am Zügel und führte es hinter sich durch die Pforte. Hinter der Außenmauer erstreckte sich ein hübscher Garten. Zumindest würde er im Sommer sehr schön anzusehen sein, aber jetzt lag alles unter einer kniehohen Schneedecke vergraben.
In den Büschen zankten sich Vögel um Samenkörner und Eichhörnchen sprangen zwischen den Ästen herum. In der Mitte des Gartens stand ein großer Springbrunnen. Cadogan konnte nicht sehen, wo das Wasser her kam, aber es lief munter plätschernd über den Beckenrand und lange Eiszapfen reichten fast bis zum Boden. Aus dem Brunnenbecken erhob sich eine schmale Säule, auf deren Spitze ein goldener Stern funkelte und gleißte, so hell, dass er selbst jetzt bei Tageslicht das Auge blendete. Ob das der Stern war, der die Eisblumen wachsen ließ? Eine Weile suchte der Ritter den Garten ab in der Hoffnung, hier die Wunderblumen zu finden.

Da er aber nichts finden konnte, wandte er sich dem Turm zu. Die Eingangstür war aus schön gearbeitetem Weißdornholz. An beiden Türseiten sah man einen geschnitzten Baum hochwachsen, dessen Zweige sich mit seinem Gegenüber oben im Türsturz berührten. In der Mitte der Tür aber war, von einem Kranz astronomischer Symbole umgeben, eine große Armillarsphäre eingearbeitet.
Ein Türschloss oder Klinke konnte Cadogan nicht entdecken. Dafür hing rechts der Tür eine kleine Glocke mit einer Schnur aus geflochtener blauer Seide. Beherzt griff der Ritter nach dem Klingelzug und tat einen kräftigen Ruck. Die Türglocke schwang auch hin und her, blieb aber merkwürdigerweise stumm. Dafür erwachte zum Erstaunen des Ritters auf der Tür die Armillarsphäre zum Leben und unter melodiösem Klingen begannen sich die Planetenräder zu drehen. Gleichzeitig öffnete sich die Turmtür und schwang langsam auf. Der kleine Besucher zögerte nicht lange und schritt durch die Tür, die hinter ihm mit einem leisen Ploppen von selber zufiel.
So einladend und freundlich die Tür auch gewesen war, schien ihn niemand begrüßen zu wollen. Sir Cadogan sah sich in der Eingangshalle um. In der Mitte erhob sich eine mächtige Steinsäule, von der aus etliche Spitzbogen zur Turmwand hinüber wuchsen. Der Boden war mit einem komplizierten Mosaik aus bunten Kacheln gefliest und an den Wänden sah man schön gewebte Bilderteppiche und einige Porträts.
„Hallo!", rief Sir Cadogan zögerlich einige Male, „ist hier jemand?". Doch da er nur seine eigene Stimme von den Wänden zur Antwort erhielt, schritt er schließlich zum Fuß der breiten Treppe, die sich an der Turmmauer empor wand, und stieg hinauf.

Ein paar Stockwerke ging es nach oben, aber der Ritter folgte nicht den Fluren, die von der Wendeltreppe aus in die einzelnen Etagen führten, sondern begnügte sich damit, von Zeit zu Zeit stehen zu bleiben und ‚Hallo! Ist da jemand?' zu rufen.

Schließlich gelangte er in das oberste Stockwerk. Es bestand aus einer einzigen geräumigen Halle, die sich über die gesamte Fläche des Turmes erstreckte. Zwölf zierliche Säulen trugen das nachtblaue Deckengewölbe, das über und über mit goldenen Sternen bemalt war.

In der Mitte des weiten Raumes stand ein kleiner Springbrunnen, dessen leises Plätschern dem Ritter wundersam in den Ohren klang. Neugierig trat er näher, um den Brunnen näher zu untersuchen. Die Brunnenschale war als Miniaturlandschaft gestaltet mit Büschen, Bäumen und kleinen Felsen, die allesamt um einen herum Teich gruppiert waren. Am Rand des Sees kniete eine nackte Frau mit zwei Krügen. Aber die Figur schöpfte nicht etwa Wasser, wie man es an einem See hätte erwarten dürfen, sondern sie hielt die Krüge gekippt und unablässig floss Wasser aus in den Teich und auf den Uferrand. Das erstaunlichste an dem Zimmerbrunnen aber war der leuchtende Stern, der schwerelos über der Steinfigur schwebte und Statue und Wasser in goldenes Licht tauchte. Ritter Cadogan schaute nachdenklich auf das Wasser. Diese Frau am See, den Stern .... irgendwo hatte er den Brunnen schon einmal gesehen.

„Guten Tag, Sir Cadogan."
Der Ritter schrak zusammen und drehte sich um.
„Willkommen in meinem bescheidenen Heim", lächelte die Frau und nickte dem Gast freundlich zu.
„Sir Cadogan, zu Euren Diensten, edle Dame", murmelte der Ritter verwirrt und machte eine ungeschickte Verbeugung, „aber woher wisst Ihr…?"
„…Euren Namen?", vollendete die Hausherrin die Frage, sagte aber nichts weiter, sondern ging zu einer der schlanken Säulen, vor der in einer kleinen Vitrine Gläser und verschiedene Kristallflaschen standen. Aus einer davon füllte sie zwei Gläser, ging damit zu einer Wandnische, wo links und rechts eines hohen Fensters Sitzbänke zum Verweilen einluden und stellte die Gläser auf einen niederen Beistelltisch.
„Kommt, Sir Cadogan, setzt Euch ein wenig her und ruht Euch von Eurer Reise aus."
Verwundert folgte der Ritter der Einladung, ging hinüber zu der Fensternische und setzte sich auf eine der gepolsterten Wandbänke. Nachdem er eine Weile hin und her gerutscht war, bis er eine Position gefunden hatte, in der er es in seiner schweren Rüstung halbwegs bequem hatte, reichte ihm die Frau ein Glas, hob das ihre hoch und sagte freundlich: „Nochmals willkommen in meinem Heim, Sir Cadogan."
Der Kräuterwein schmeckte vorzüglich und Cadogan nickte anerkennend halb dem lindgrünen Trunk, halb seiner Gastgeberin zu, als er sein Glas auf dem Tisch abstellte.
„Herbstkrautwein, gewürzt mit Sandolienblättern und Indischen Zimtblüten. Ich stelle ihn selbst her", erläuterte die Frau.
Genüsslich fuhr sich der Ritter mit der Zungenspitze über die Lippen, lehnte sich zufrieden zurück und musterte aufmerksam seine Gastgeberin. Langes, silbergraues Haar fiel ihr offen über die Schultern, nur die dünne Kette um ihren Kopf, an der ein kleiner, goldener Stern über ihrer Stirn hing, bändigte ein wenig die Silbermähne. Ihr Gesicht war schon von einigen Falten durchzogen, doch wirkte sie nicht alt, im Gegenteil, ihre sanfte Stimme und die blitzenden Augen ließen sie jung und voller Lebensfreude erscheinen. Gekleidet war sie in ein hellgraues, schimmerndes Satingewand mit schwarzen Stickereien, das der Frau einen Eindruck vornehmer Eleganz verlieh. Cadogan hatte die Graue Waldfee gefunden.
„Ich nehme an, Ihr seid die Graue Waldfee, edle Dame", sagte er schließlich.
„Ja, so nennt man mich unter anderem auch, Sir Cadogan", lachte die Fee, „aber auch Winterfee, Meralde vom Turm, Sternauge, Eisliesel, Alte Baumwirkerin und noch ein paar andere Titel mehr."
„Ja, aber woher wisst Ihr denn meinen Namen?"
„Heißt es von uns Feen nicht, wir hätten die Gabe, in die Zukunft blicken zu können, Sir Cadogan? Und auch…", die Fee sah den Ritter schelmisch an, „… in die Herzen der Menschen?"
Sir Cadogan spürte, wie er hinter seinem Bart errötete und sagte hastig: „Gewiss, Mylady, Euch Weisen Frauen sagt man große Zauberkräfte nach."

Lachend warf die Fee den Kopf zurück und der goldene Stern hüpfte lustig auf ihrer Stirn. „Was Ihr nicht sagt, Herr Ritter. Das klingt ja fast, als hättet Ihr ein wenig Angst vor uns Weisen Frauen."
Nun wurde der Ritter purpurrot und antwortete gekränkt, weil er vermeinte, nicht nur sich, sondern seinen ganzen Berufsstand verteidigen zu müssen: „Mylady, wenn Ihr Euch schon rühmt, in die Herzen der Menschen sehen zu können, dann solltet Ihr wissen, dass im Herzen eines Ritters nichts als Tapferkeit zu finden ist, Mut, Aufrichtigkeit, Ehre und…."
„Schon gut, Herr Ritter, schon gut", lächelte die Fee, „ich wollte Euch doch nur ein wenig aufziehen. Nie hätte ich an Eurer edlen Gesinnung und Eurem Mut gezweifelt."
Sir Cadogan, erleichtert darüber, dass die Fee offenbar die Sache mit dem Walisischen Waldlöwen oder den Ausgang der Fehde mit dem Burggrafen von Darnwood nicht in seinem Herzen entdeckt hatte, wechselte vorsichtshalber das Thema.
„Ihr habt ein sehr schönes Zuhause, Mylady", sagte der Ritter und sah bewundernd in die säulenverzierte Halle. Sonnenstrahlen fielen durch die Turmfenster und tauchten den Raum in heimeliges Licht. Sir Cadogan stand auf und trat an das hohe Fenster. Schier endlos erstreckte sich der Wald zu Füßen des Turmes. Die Wintersonne ließ die schneebedeckten Bäume gleißend aufleuchten, ein paar Raben oder Krähen flogen krächzend umher, unten im Garten blinkte das Eis an dem großen Springbrunnen und das Pony hatte den Kopf in die verschneiten Zeiselbeersträucher gesteckt und rupfte mit dem Maul gierig die süßen Früchte herunter. Cadogan dachte an die einfache Wiese mit ein paar Apfelbäumen und Ausblick auf den Korridor zum Klassenraum von Prof. Trelawney.
„Ja, es ist schön hier, innen wie außen", sagte er leise.
„Ich danke Euch", sagte die Fee, als sich ihr Gast wieder gesetzt hatte, „aber was hat Euch denn nun hierher geführt, Herr Ritter?"

Cadogan sann noch kurz seinen Gedanken nach, dann räusperte er sich und sprach: „Werte Fee, ich bin im Auftrag einer Hohen Dame unterwegs, um Eisblumen zu suchen."
„Was Ihr nicht sagt, Herr Cadogan? Ich dachte, tapfere Ritter bekämpfen Drachen oder retten Jungfrauen. Dass sie auch Blumen pflücken gehen, ist mir neu", spöttelte die Graue Fee.
Der kleine Ritter errötete erneut. „Mylady, jede Tat im Dienste einer Dame ist für einen Ritter ehrenhaft!", sagte er mit lauter Stimme.
„Schon gut, Sir Cadogan", besänftigte ihn die Winterfee, „merkt Ihr denn nicht, dass ich Euch nur ein wenig necken will?"
Der Ritter, dem Wortgefechte weit weniger lagen als handfeste Raufereien mit Schwert und Schild, brummte in seinen Bart, war aber rasch wieder guter Dinge, als er sah, dass die Fee aus dem Nichts ein Flasche herbeigezaubert und von dem köstlichem Kräuterwein nachgeschenkt hatte.
„Auf die Ritterlichkeit", rief die Fee, hob ihr Glas und schaute den kleinen Kerl wohlmeinend an.
„Auf die Ehre und Schönheit der Damen!", stimmte Sir Cadogan begeistert ein und ließ sein Glas gegen das der Fee klirren.
Dann tat er einen tüchtigen Schluck und erzählte der Fee ausgiebig von seinem Ritterleben im Flur zum Wahrsageklassenraum, von der Gräfin Clothilde, den Eisblumen, einem giftigen Drachen namens Pince, von der lieblichen Zofe Elizabeth und dem zeitungslesenden Alten mit seinem verflohten Hund.
Die Graue Fee hörte aufmerksam zu und unterbrach den Ritter nur, um sein Glas aufzufüllen. Als er seine Abenteuer berichtet hatte, sah sie ihm in die Augen und sagte ernst: „Und Ihr glaubt, dass Ihr die Eisblumen für die Gräfin hier finden könnt?"
„Nun ja", antwortete der Ritter unsicher, „wenigstens hoffte ich es, denn ich wüsste nicht, wo ich sonst noch suchen könnte."
„Aber Ihr seid in meinem Garten gewesen, seid durch den Turm gelaufen und", die Fee zeigte unbestimmt in die Säulenhalle, „…. habt Ihr hier irgendwo Blumen aus Eis gesehen?"
Cadogan sah in den weiten Raum mit seiner schlichten, aber sehr geschmackvollen Einrichtung. Blumen konnte er auch hier keine entdecken. Eisblumen, die unter Sternen wachsen… Blumen aus Eis … vielleicht war es nur eine Legende, die die Gräfin gehört hatte. Wenn er nun mit leeren Händen zu der Hohen Dame zurückkehren müsste?
Die betrübten Gedanken schienen dem Ritter im Gesicht zu stehen, denn die Fee griff ihn sanft bei der Hand und sagte: „Kommt, Sir Cadogan, ich möchte Euch etwas zeigen." Dann führte sie ihn zu dem Brunnen in der Mitte der Wohnhalle.
Wieder betrachtete der Ritter die kniende Frau, die aus ihren Krügen Wasser fließen ließ und abermals hatte er das Gefühl, diese Figur schon einmal gesehen zu haben. Nachdenklich ließ Cadogan seine Hand über den Brunnenrand gleiten und tauchte die Finger in das kühle Nass. Im Wasser spiegelte sich das Licht des Sterns, der über der Figur schwebte. Der Stern… Der Ritter sah der Fee ins Gesicht. Sie lächelte und auf ihrer Stirn glänzte der goldene Stern an der Kette. Der goldene Stern… Der Weihnachtsbaum im Zimmer der Gräfin kam ihm wieder in den Sinn…der Stern… Gedankenverloren ließ er seine Hand über die Teichlandschaft des Brunnens gleiten. Die Frau… Wasser… der Stern… Ob…?
„Hier? Die Eisblumen wachsen hier am Teich? Unter dem Licht des goldenen Sterns? Das ist es also…!" Cadogan sah die Fee aufgeregt an.
„Gut kombiniert, mein tapferer Ritter…", lachte die Fee, streckte die Hand nach dem Stern aus und pflückte ihn wie einen Apfel herunter. Der kleine Ritter starrte ungläubig auf die kleine Kugel, die funkelnd und gleißend in der Handfläche der Winterfee ruhte. Sie ließ ihn eine Weile das Wunder bestaunen, dann führte sie die Hand zum Mund, lächelte den Ritter spitzbübisch an und – pustete das Sternlein einfach wieder an seinen alten Ort zurück.
„…doch leider nicht gut genug, Herr Cadogan", vollendete die Fee den angefangenen Satz und genoss sichtlich den verdatterten Gesichtsausdruck ihres kleinen Gastes. „Eisblumen in einem klirrend kalten Wohnzimmer züchten, das wäre selbst einer Winterfee zu ungemütlich. Oder findet Ihr nicht, werter Sir?", fragte die Frau schelmisch.
„Ja,… schon,…aber…?"
„Sagtet Ihr nicht, dass Ihr im Korridor zum Wahrsageklassenraum wohnt, Herr Cadogan?"
Der Ritter starrte die Frau an und – dann wusste er, wo er die Brunnenfigur schon einmal gesehen hatte. In Großtante Amalias Kartenspiel. Tante Amalia, die für die ganze Familie die Tarotkarten gelegt hatte und bis zu ihrem Tod davon überzeugt war, dass alle Antworten der Welt in den Karten lägen. Man müsse nur, so Amalia, Cadogan erinnerte sich deutlich an ihren bei solchen Ansprachen emporgereckten Zeigefinger, die richtigen Fragen stellen.
Eine nackte Frau, die am Ufer kniet, Wasser aus dem einen Krug in einen Teich, dem anderen auf die Erde gießt und über ihr leuchtet ein Stern… „Der Brunnen stellt eine Tarotkarte dar!?", sagte der Ritter.
„Nein", sagte die Fee, „der Brunnen und die Tarotkarte stellen beide das Gleiche dar. Sie stehen beide symbolisch für – den Stern."

Cadogan schaute die Fee an. In ihren unergründlichen Augen sah er sein eigenes Spiegelbild, ihr unbekümmertes Lachen schien ebenso aus ihrem Gesicht verschwunden zu sein wie auch alle Spuren von Zeit und Alter. Für einen kurzen Moment glaubte der Ritter, in eine andere Welt zu schauen. Dann lächelte die Winterfee und der Vorhang schloss sich wieder.
„Lasst es mich Euch erklären, Sir Cadogan. Die Figur, Ritter Cadogan, steht für die Mäßigung, die Bescheidenheit, die Ruhe und den Seelenfrieden. Seht, sie ist nackt, ohne Besitz, und doch schenkt sie unentwegt Wasser aus ihren Krügen, damit der Teich nicht austrocknet und die Erde nicht verdorrt. Alles, was sie gibt, kommt aus einer nie versiegenden Quelle tief in ihrem Inneren."
Cadogan sah die Graue Waldfee verständnislos an.
„Reich, Sir Cadogan, ist nicht der, der viel hat, sondern der, der viel gibt", sagte die Fee leise.
Der Ritter dachte an den prachtvollen Weihnachtsbaum, die zahllosen Geschenkpakete und die jammernde Gräfin.
„Und der Stern", fragte er und blickte hoch zu der leuchtenden Kugel über dem Brunnen. „Was bedeutet der?"
„Der Stern steht für die Hoffnung der Menschen, dass sie ihre Bestimmung und ihre Lebensquelle finden mögen. In der Dunkelheit ihrer Seele, in ihren Träumen."
Der Ritter ließ seine Finger neben der Steinfigur über den Brunnen wandern. Die Worte der Winterfee verwirrten ihn sichtlich. Sein Auftrag kam ihm mit einem Mal sehr kompliziert vor. „Aber die Eisblumen?", fragte er schließlich, „wo wachsen die nun?"
Die Fee seufzte leise, dann fasste sie den Ritter bei der Hand. „Kommt, ich will Euch noch etwas zeigen."
Eine schmale Treppe, die Cadogan bisher noch gar nicht aufgefallen war, führte in ein höher gelegenes Stockwerk. Schweigend folgte er der Fee und fand sich auf der Spitze des Turmes wieder. In der Mitte des kreisrunden Bodens stand eine große Armillarsphäre. Unablässig bewegten sich die gewaltigen Räder und Monde, Planeten und Sonnen tanzten um ihr unsichtbares Zentrum.
Eisige Kälte herrschte hier oben. Die Sonne, die eben noch freundlich durch die Fenster geschienen hatte, war mit einem Mal verschwunden und über ihnen spannte sich das dunkle Firmament einer sternklaren Winternacht.
Cadogan fröstelte in seiner Rüstung. „Aber wie ist das möglich?", fragte er die Fee verwundert. Doch sie antwortete nicht, sondern trat neben die Armillarsphäre und betrachtete eine Weile das Spiel der Planeten. Dann sah sie zum Firmament hoch, wo die Zeit stillzustehen schien.
„Vieles ist möglich, auch wenn wir es nicht immer verstehen, Sir Cadogan", sagte sie schließlich unbestimmt. „Blumen, die in Kälte und Dunkelheit unter Sternen wachsen…" Sie zeigte sie auf einen kreisrunden Spiegel, der neben der Armillarsphäre an einer Säule hing.
Der Ritter trat neben die Fee. „Hier wachsen die Eisblumen?", fragte er unsicher. Dann sah er in den Spiegel hinein. Ein bärtiges Gesicht schaute ihm entgegen.
„Und wie …?"
Die Fee lächelte. „Sie wachsen nicht von selbst, Ihr müsst sie erschaffen. Hier oben, wo es nichts gibt als Kälte und Dunkelheit, nur hier blühen sie. Ihr müsst in den Spiegel sprechen, Sir Cadogan."
Wieder blickte der Ritter in den Spiegel. Sein Atem wehte gegen das Glas und überzog das bärtige Gesicht mit einem nebligen Schleier. Was sollte er schon groß zu sich selbst sagen?
„Wolltet Ihr die Blumen nicht Eurer Dame schenken, Herr Ritter? Die Blumen müssen von dort kommen, wo sie wohnt. Und dorthin kehren sie auch wieder zurück."
Worte legten sich auf das Glas und eisiger Wind trug sie wieder hinweg. Das Bild einer knienden Frau schob sich in das Bewusstsein Cadogans, unablässig strömendes Wasser…
Er dachte an seinen Auftrag, an seine Ehre und Pflicht als Ritter, der Hohen Dame zu dienen. „Holde Herrin, schön sind Eure Augen, Euer Mund ist wie…" Die Gräfin sah Cadogan an, Eisschleier legten sich über ihr Gesicht, Eis, aus dem hier und da zarte Blumen wuchsen.
Worte fielen auf das Glas und gefroren zu Eis. Worte verklangen in seinem Kopf und wallten wie graue Schleier vor seinen Augen.
Eine junge Frau in einem blaugrauen Kleid. Das Spiegelbild lachte fröhlich, zupfte sich eine Locke aus der Stirn und sang mit heller Stimme ein Lied. Cadogan lächelte und begleitete die junge Frau zu einer Melodie, die er irgendwann einmal gehört hatte. Zahllose Eisblumen krochen über den Spiegel, keine war wie die andere, schillernd in allen Farben verwoben sie sich zu einem herrlichen Bouquet. Dann fiel dem Ritter ein, weswegen er hier war. Die Gräfin sah ihn aus dem Spiegel an und Cadogan neigte ehrerbietig den Kopf.
Eine Hand legte sich sanft auf seine Schulter. „Das genügt, Herr Ritter. Zu sehr sollte man Frauen auch nicht verwöhnen." Die Winterfee lächelte und fuhr fort:" Hat Euch die Gräfin nicht ein Etui mitgegeben?"
Cadogan nickte stumm und zog die kleine Schachtel hervor. Die Fee löste die glitzernden Blumen von dem Spiegel ab und legte sie vorsichtig in die geöffnete Schatulle. „Hier, Herr Cadogan, achtet gut auf sie und tragt sie über Eurem Herzen."
Der Ritter betrachtete kurz das gräfliche Wappen auf dem Deckel, dann schob er das Etui unter seinen Brustpanzer.
„Lebt wohl, Mylady, und habt vielen Dank für alles. Ihr habt nicht nur einen armen Ritter glücklich gemacht, sondern auch eine edle Dame."
„So lebt denn wohl, Sir Cadogan", lächelte die Graue Waldfee hintergründig, „mögen die Blumen die Dame Eures Herzens erfreuen."

„Ich denke, dass es besser ist, wenn du gleich hier bei den Sumpfhühnern auf mich wartest, Rosinante. Wir hatten letztes Mal genug Ärger mit der alten Hexe." Cadogan stieg aus dem Sattel und band Rosinante an eine Eberesche nahe einem der Teiche, die sich weit in das Moorbild erstreckten. „Aber friss dich nicht wieder so voll, schließlich müssen wir nachher noch nach Hause reiten", sagte er ermahnend zu dem Pony, dass sein Maul bereits in das saftige Gras gesteckt hatte.
„Psst, Sophie… pssst….", zischelte Cadogan, „ist sie da?"
Aber die Liderliche Sophie schlief tief und fest. Leise schlich der Ritter weiter, linste um den Rahmen herum und stellte voller Erleichterung fest, dass der Platz hinter dem Schreibtisch leer war. Vorsichtig stieg er durch das Chaos in Sophies Zimmer, und huschte, so leise er konnte, von Bild zu Bild bis er schließlich vor dem Gemälde der gräflichen Zofe angelangt war.

Elizabeth saß in einem Polstersessel und stickte, leise vor sich hin summend, kleine Ornamente in ein weißes Leinentuch, das sie vor sich in einen Stickrahmen gespannt hatte.
Der Ritter stand still hinter dem Rahmen und genoss die anmutige Szene. Sein Herz schlug ganz schnell und er wusste nicht, ob aus Angst, von Madame Pince hier entdeckt zu werden oder …
„Sir Cadogan, Ihr seid zurück!" Die junge Frau legte ihre Handarbeit beiseite, sprang auf und lief strahlend auf den Ritter zu. „Aber warum kommt Ihr denn nicht herein?", griff nach seiner Hand und zog den Ritter in ihr kleines Gemach. „Ich habe Euch gar nicht kommen hören und …" Errötend machte sie vor Sir Cadogan einen Knicks. „Verzeiht mir mein ungebührliches Benehmen, Sir Cadogan!"
„Aber nicht doch, Miss Collington", sagte der Ritter mit einer eleganten Verbeugung und registrierte bedauernd, dass die junge Frau seine Hand losgelassen hatte, „ich war es, der unhöflich war, weil ich nicht angeklopft hatte."
„Verzeiht, Ritter Cadogan, aber…" … „Nicht doch, Elizabeth…"… So ging es eine ganze Weile hin und her und beide wurden nicht müde, sich selbst der Unhöflichkeit zu bezichtigen und dabei einander mit strahlenden Augen anzusehen.
Irgendwann hielt die Zofe inne und fragt: „Habt Ihr …?"
„Ja, Miss Elizabeth", lächelte der Ritter und berichtete der jungen Frau ausführlich, was er bei der Grauen Waldfee erlebt hatte. Doch schließlich war es das Gejammere aus dem Nachbarbild, das die beiden in die Realität zurückrief. „Ach, herrjeh, die Gräfin", sagte die Zofe, „ich werde Euch gleich ankündigen."

Der Ritter trat in das prachtvolle Zimmer. Die Gräfin schien gerade mal wieder ausgiebig Bescherung gespielt zu haben, denn es sah hier aus wie im Bild der Liderlichen Sophie. Der ganze Boden war bedeckt mit zerknittertem Geschenkpapier, achtlos weggeworfenen Grußkarten und halb ausgepackten Paketen. Auf dem Tisch häuften sich die Geschenke und daneben stand sauertöpfisch die Gräfin und krittelte an einer Perlenkette herum, an der noch ein Geschenkanhänger baumelte.
„Ah, Sir Cadogan", rief die Gräfin und warf das Collier achtlos auf den Tisch. Der Ritter verneigte sich und küsste galant die dargebotene Hand.
„Nun, war Eure Reise erfolgreich?" und sah ihren Gast erwartungsvoll an.
„Mylady, ich habe allen Gefahren getrotzt und die Eisblumen gefunden, wie Ihr es mir aufgetragen habt", sagte Sir Cadogan, blähte vor Stolz die Brust und zog das gräfliche Etui aus seinem Harnisch hervor. „Hier, nehmt, Lady Clothilde, ich trug den kostbaren Schatz an meinem Herzen, doch nun soll er Euch gehören."
„Hah, endlich", rief die Gräfin, „endlich mal ein Weihnachtsgeschenk, das meiner würdig ist!" Aufgeregt riss die Gräfin die rote Schatulle auf und erstarrte in ungläubigem Staunen. „Wollt Ihr mich zum Narren halten, Sir Cadogan?", rief sie erbost und streckte dem Ritter das geöffnete Etui entgegen. Verwirrt sah Cadogan die Gräfin an, dann schaute er in die Schatulle hinein. Von den glitzernden Eisblumen war nichts mehr zu sehen, nur Schmelzwasser schwappte darin herum.
„Aber ich verstehe nicht, die Eisblumen waren darin….", stotterte der Ritter.
„Ja, sie waren darin, aber Ihr musstet sie unter Eurem Harnisch aufbewahren!", kreischte die Gräfin. „Himmel, es sind Eisblumen! Eis! Ihr Dummkopf!"
„Aber die Graue Waldfee hat gesagt, ich soll die Blumen an meinem Herzen tragen", jammerte der kleine Ritter.
„Es interessiert mich überhaupt nicht, was diese alte Schachtel zu Euch gesagt hat, Cadogan, wahrscheinlich ist sie schon genauso senil wie Ihr", schrie die Gräfin, „Womit soll ich jetzt Weihnachten feiern? Mit diesem Plunder hier vielleicht? Ihr habt alles verdorben! Hier, nehmt Eure Wasserblumen und schert Euch raus!"
Der Ritter stand mit hängendem Kopf da und schämte sich entsetzlich. Wortlos nahm er das Etui aus der Hand der Lady und schlich zurück zur Tür. Traurig ließ er den Blick ein letztes Mal durch den herrschaftlichen Raum gleiten, der für ihn allen Glanz verloren hatte. Da sah er auf der Spitze des großen Weihnachtsbaumes den goldenen Stern und ihm fiel ein, was die Fee gesagt hatte und was er erst jetzt selber verstand: „Reich, Sir Cadogan, ist nicht der, der viel hat, sondern der, der viel gibt". Es ging an Weihnachten um etwas anderes als Geschenke. Er wandte sich noch einmal um, in der Hoffnung, dass sich die Gräfin wieder beruhigt hätte, aber sie beachtete ihn nicht mehr, schritt zornig auf und ab und kickte missmutig beiseite, was ihr gerade an Geschenken im Wege lag.

„Nehmt es Euch nicht zu sehr zu Herzen, Herr Cadogan", sagte Elizabeth und legte dem Ritter tröstend die Hand auf die Schulter. „Lady Clothilde ist eine verwöhnte Dame, aber sie meint es nicht böse und sie wird sich sicher rasch wieder beruhigt haben."
Sie betrachtete das rote Etui mit dem Wappen, das vor ihnen auf dem Tisch lag. „Schaut, Sir Cadogan, Ihr habt doch die seltenen Eisblumen gefunden und hergebracht und gewissermaßen sind sie ja dort in der Schatulle." Sie lächelte den Ritter aufmunternd an. „Es kommt doch auf die Geste an…"
„Vielleicht habt Ihr recht, Miss Elizabeth, aber meine Ehre als Ritter … Was wird nun die Gräfin von mir denken?", murmelte Cadogan und hätte gar zu gerne seinen Kopf an die Schulter der jungen Frau gelegt. Aber das schickte sich nicht und für heute hatte er schon genug Unheil angerichtet. Darum begnügte er sich damit, zutiefst zu seufzen, was sein armes Herzen auch ein wenig erleichterte.
„Ich werde jetzt besser gehen, Miss Elizabeth, bestimmt wird gleich die Gräfin nach Euch rufen und ich habe Euch schon lange genug belästigt." Dann winkte er der Zofe zum Abschied zu und machte sich auf den Weg zu seinem Pony.

Seit Stunden hockte Sir Cadogan im Gras und zerpflückte gedankenverloren an eine Blüter in seinen Händen. Draußen im Korridor gingen Schüler vorbei, mal lärmend, mal in Gespräche vertieft. Das Pony ging seiner Lieblingsbeschäftigung nach und sorgte dafür, dass das Bild nicht zuwucherte.
Eine nie gekannte Melancholie füllte das Herz des kleinen Recken und wo zuvor Mut, Ungestüm und Tapferkeit gewohnt hatten, waren mit einem Mal Nachdenklichkeit und Selbstzweifel eingekehrt. Immer wieder kreisten seine Gedanken um die Worte der Grauen Waldfee und das, was er auf der Spitze des geheimnisvollen Turmes erlebt hatte.

„Pssst … Herr Cadogan … darf ich?"
Der Ritter schrak aus seinen Grübeleien auf. Die Stimme kannte er, sie gehörte zu einem blauen Kleid, und das Kleid zu Miss Elizabeth … die am Rahmen seines Bildes lehnte und ihn scheu anlächelte.
„Störe ich Euch in Euren Gedanken, Herr Ritter? Ich … ich bin nur vorbeigekommen …"
„Miss Forrester … Elizabeth…? Was macht Ihr denn hier?" Der kleine Ritter sprang freudig auf, um die junge Zofe zu begrüßen. „Welch eine Freude, Euch wiederzusehen, Miss Forrester", strahlte der Ritter
„Bitte, bleibt doch bei ‚Elizabeth', Herr Cadogan."
„Mit dem größten Vergnügen … Elizabeth", strahlte der kleine Ritter, ohne über die tiefere Bedeutung iher Worte nachzudenken. „Was führt Euch denn her in mein bescheidenes Zuhause?"
„Sir Cadogan, Ihr hattet das Etui auf dem Tisch liegen lassen, als Ihr gegangen seid. Hier, bitte, ich wollte es Euch nur bringen."
Erstaunt sah der Ritter erst auf das samtene Etui, dann auf die junge Frau. „Aber die Schatulle gehört Mylady, immerhin ist ihr Wappen darauf."
„Aber was darin ist, gehört Euch, Herr Cadogan."
„Ja, geschmolzene Eisblumen. Welch kostbarer Besitz…", sagte er bitter und klappte den Deckel des Kästchens auf. Kristallklar schwappte das Wasser darin herum.
Die junge Frau fasste den Ritter zart bei der Hand. „Erinnert Ihr Euch nicht mehr, was die Winterfee zu Euch gesagt hat?"
Die Stimme der Winterfee flüsterte in Cadogans Kopf. Ein Gesicht tauchte in seinen Gedanken auf, ein Gesicht in einem fernen Spiegel, graue Eisblumen krochen darüber hinweg.
‚Die Blumen kommen von dort, wo sie wohnt, und sie kehren auch dorthin zurück'.
Ein anderes Gesicht sah ihn in seiner Erinnerung an, ein Spiegel voller Lachen, er sprach zu dem Gesicht und mit jedem Wort, das aus seinem Herzen kam, wuchsen zahllose glitzernde Eisblumen auf dem Spiegel und verwoben sie sich zu einem herrlichen Bouquet.

Cadogan sah die junge Frau an und begriff. Er hatte nicht zu Gräfin Clothilde gesprochen.
„Ich würde Euch die Blumen von Herzen gerne schenken, Elizabeth, aber sie sind…" Traurig betrachtete der Ritter das Schmelzwasser in der Silberschatulle.
„Ihr habt sie mir bereits geschenkt, Herr Cadogan."

Unablässig goss sie Wasser aus ihren Krügen und was sie der Natur schenkte, kehrte in die Krüge zurück.

Der Ritter sah Miss Elizabeth an, dann drehte er die Schatulle langsam um und ließ das Wasser zu Boden rinnen. Die junge Frau lächelte. „Wisst Ihr, Ritter Cadogan, es ist an der Zeit, dass auch die Worte wieder ihren Weg zurückfinden." Und zärtlich berührten ihre Lippen auf seinen Mund.

Ende