Lorelai wurde nur langsam wach. Allmählich drehte sie sich auf die andere Seite und tastete die andere Betthälfte nach Luke ab. Sie fand jedoch nur einen leeren Platz vor. Erst jetzt bemerkte sie die Geräusche die aus dem Bad kamen. Luke stand zweifelsohne gerade unter der Dusche. Lorelai überlegte einen Moment, ob sie zu ihm gehen sollte. Entschied sich dann jedoch dafür weiterhin im Bett zu bleiben. Sie atmete tief durch. Sie war noch nie eine ganze Nacht von zu Hause weg gewesen, weil sie bei ihrem Freund war. Lorelai lächelte unweigerlich, als sie an Luke als ihren Freund dachte. Sie kannten sich nun schon so lange. Er hatte ihren ständigen Kaffeedurst meist gestillt, hatte ihr mehr als ein Mal wirklich geholfen. Trotzdem hatte sie lange nicht wahr haben wollen, wie sehr sie diesen Mann eigentlich liebte.
Luke stand unter der Dusche und genoss das warme Wasser. Bevor er aufgestanden war, hatte er eine ganze Zeit neben Lorelai gelegen und beobachtet wie sie schlief. Er konnte noch immer nicht wirklich fassen, dass er ihr seine Liebe gestanden hatte. Aber noch weniger konnte er glauben, dass Lorelai diese Liebe wirklich erwiderte. Die letzte Nacht war wahrscheinlich ein der Schönsten, wenn nicht sogar die Schönste seines Lebens gewesen. Das wäre sie auch gewesen, wenn er Lorelai nur in seinen Armen gehalten hätte. Ob sie schon wach war?
Luke wollte so schnell wie möglich wieder bei ihr sein. Er hatte nie geglaubt, dass er einen Menschen so sehr lieben würde, dass er es nicht ertrug von ihm getrennt zu sein. Eigentlich entsprach das überhaupt nicht seiner Art. Zumindest war es ihm mit Rachel nie so ergangen.
„Ich komme im Moment noch nicht weg. Luke schläft noch immer." Jess war zum telefonieren in die Küche gegangen. Als ob die Gäste geahnt hätten, dass Luke noch nicht anwesend war. Das Diner war so gut wie leer.
„Komm schon Jess! Je früher wir los fahren, desto eher sind wir da und desto mehr Zeit haben wir." Amilia war auf die Idee gekommen, dass sie nach New York fahren könnten.
Jess verdrehte die Augen. Er hatte Amilia wesentlicher ruhiger in Erinnerung. Eigentlich war ihm immer so gewesen, als wären sie und Rory sich sehr ähnlich. „Mia, müssen wir unbedingt nach New York? Es war ziemlich spät letzte Nacht und dank Luke hab ich nicht so gut geschlafen."
„Wieso? Was ist los? Schnarcht er?"
„Das ist es nicht. Ich bin zwar gut eingeschlafen, aber als ich das erste Mal wach wurde, hat mich der Gedanke, dass seine Freundin da ist einfach nicht losgelassen."
„Seine Freundin?"
„Ja, du solltest die Wohnung sehen. Ich wusste nicht ein Mal, dass Luke zu so einem Chaos fähig ist."
Amilia lachte laut auf. „Weißt du überhaupt, wie ähnlich ihr beide euch seid?"
Jess ignorierte den letzten Kommentar. „Wollen wir nicht lieber was machen, was sich auf unsere Umgebung beschränkt? Ich habe keine Lust den ganzen Tag im Auto zu sitzen."
„Dann schlag was vor. Ich kenn mich hier nicht aus. Was hast du denn sonst so an den Samstagen getan?"
„Gearbeitet, gelesen. Musik gehört oder wenn Rory Zeit hatte, habe ich auch mal was mit ihr unternommen. Das aber nur äußerst selten."
„Dann frag sie doch mal. Zu dritt wäre es bestimmt lustig. Ich hab sie gestern Abend kaum gesehen."
„Wie auch? Du hattest doch nur Augen für diesen reichen Schnösel? Genau wie jedes andere Mädchen dort auch."
„Fast jedes. Paris und Rory können Tristin nicht besonders leiden."
Nun horchte Jess doch auf. Was hatte Amilia gesagt? Rory konnte diesen Kerl nicht leiden? „Wie meinst du das?"
„Wie soll ich das schon meinen? Die Beiden können gut und gerne auf seine Gegenwart verzichten. Okay, Paris kann sowieso kaum jemanden leiden. Damit Rory zur Party kommt, hat Tristin jedenfalls ziemlich gebettelt."
„Ach wirklich? Ich dachte, sie wäre total happy über die Party?"
Amilia verstand nun überhaupt nichts mehr. „Sag mal, ich dachte du und Rory wärt befreundet. Ihr müsst ja schon eine Ewigkeit nicht miteinander geredet haben."
Jess überlegte, was er sagen konnte. Er hatte Amilia gegenüber nicht erwähnt, dass er und Rory sich nicht mehr trafen. „Na ja, du weißt ja, wie viel man auf der Chilton zu tun hat. Rory ist fast nur noch am lernen." Jess hoffte inständig, dass Amilia ihm das abkaufte. Diese schien jedoch keinen Verdacht zu schöpfen. „Kein Wunder, dass sie so gut ist. Denkst du sie lernt heute auch?"
„Keine Ahnung. Wahrscheinlich wird sie etwas mit Dean, Lane oder Lorelai unternehmen."
„Kannst du sie nicht mal fragen? Oder gib mir ihre Nummer, dann frag ich sie."
„Nein, ich mach das schon. Ich muss jetzt Schluss machen. Die Arbeit ruft. Bis dann." Jess legte auf, ehe Amilia noch etwas sagen konnte. Er hatte nicht vor Rory zu fragen, ob sie Zeit hatte. Erst musste er sich sicher sein, dass dieser Typ von der Chilton keine Konkurrenz für ihn darstellte.
Lane und Rory warteten noch immer darauf bedient zu werden, als Rorys Handy klingelte. Verwirrt schaute sie auf das Display. Es war ein unbekannter Anrufer. Für einen Moment zögerte sie, ob sie ran gehen sollte. Entschied sich dann jedoch dafür. „Hallo?"
„Morgen Maria!"
Rory horchte verblüfft auf. Auch ohne das Maria hätte sie gewusst, dass es Tristin war. „Tristin, woher hast du meine Nummer?"
„Ich hab Paris danach gefragt. Ich wollte eigentlich auch nur hören, ob bei dir alles okay ist?"
„Ja, aber es ist im Moment nicht gerade günstig." Rory wusste absolut nicht, wie sie sich Tristin gegenüber verhalten sollte. Ihr Kuss hatte sie vollkommen verwirrt. Fast noch mehr, als der Kuss zwischen Jess und ihr.
„Oh", Tristans Stimme klang etwas enttäuscht. „Okay, dann… ähm… mach's gut."
„Ja, danke Tristin. Wir sehen uns Montag in der Schule." Rory wartete nicht ab, ob Tristin noch etwas zu sagen hatte, sondern legte einfach auf. Nachdem sie das Handy zur Seite gelegt hatte, vergrub sie ihren Kopf in den Händen. Sie wusste absolut nicht mehr, was sie tun sollte.
Lane schaute sie derweil voller erwarten an. „Rory, was hat er gesagt?"
Je länger Rory schwieg, desto neugieriger wurde Lane. Sie konnte kaum noch still sitzen, als Rory endlich ihre Hände vom Gesicht nahm. „Es wollte nur wissen, wie es mir geht."
Lane hörte augenblicklich auf herum zu zappeln. Sie hatte eindeutig mehr erwartet. Obwohl sie wirklich Mitleid mit Rory hatte, beneidete Lane sie auch. Sie wäre ja schon über einen Verehrer froh gewesen, aber darauf konnte sie wohl lange hoffen. Solange sie zu allem ja und Amen sagte, was ihre Mutter wollte, würde sie auch ohne Freund da stehen.
Rory musste doch ein wenig lächeln, als sie ihre beste Freundin sah.
Als Jess jedoch plötzlich aus der Küche auftauchte, verschwand das Lächeln sofort. Sie wusste, dass sie dringend mit ihm reden musste, doch bevor sie überhaupt eine Chance hatte zu ihm zu gehen, war er bereits wieder verschwunden.
Jess lehnte sich gegen die Wand und schloss verzweifelt die Augen. Sofort sah er ihr Gesicht vor sich. Was sollte er bloß tun? Er konnte ihr schließlich nicht ewig aus dem Weg gehen. Immerhin kam sie zu fast jeder Mahlzeit ins Diner. Eine Tatsache, die er bisher immer am besten gefunden hatte. So hatten sie indirekt viel Zeit miteinander verbringen können, ohne dass es sonderlich aufgefallen wäre. Er atmete noch ein Mal tief durch und entschloss dann, dass es besser wäre mit Rory zu reden. Er ging wieder nach vorn und sah gerade noch, wie Rory ging und die Tür hinter ihr ins Schloss fiel.
