Rory saß auf den Treppen des Pavillons und versuchte verzweifelt in ihrem Buch weiter zu kommen. Immer und immer wieder las sie den gleichen Satz, doch sie war viel zu nervös, um sich richtig zu konzentrieren. Sie hatte sich mit Dean verabredet und der Moment in dem sie ihm den Kuss gestehen würde, rückte sichtlich näher. Immer wieder schaute sie auf ihre Uhr, um zu wissen, wie lange es noch bis zu diesem Moment dauern würde. Dann sah sie Dean auch schon auf sich zu kommen. Er wirkte glücklich, was Rory einen noch stärkeren Stich ins Herzen versetzte.
„Rory, hey!" Dean schloss seine Freundin glücklich in die Arme. „Du hast mir gefehlt."
Rory versuchte zu lächeln. Sie wollte den richtigen Moment abwarten, um Dean alles zu gestehen. „Wie war es in Chicago?"
„Super. Irgendwann musst du unbedingt mal mitkommen!" Dean setzte sich neben seine Freundin. „Hab ich dir schon gesagt, dass du mir gefehlt hast?"
Rory lächelte gequält. „Ja, hast du."
Erst jetzt bemerkte Dean ihren niedergeschlagenen Blick. „Rory, ist alles okay?"
Rory zuckte mit den Schultern. Noch immer überlegte sie, wie sie Dean am besten erklären konnte, was passiert war.
„War etwas bei eurem Freitags-Essen?"
Rory zuckte unmerklich zusammen. Nun war Dean auf den Freitag zu sprechen gekommen und sie hatte keine Möglichkeit die Party noch länger zu verschweigen. „Wir waren am Freitag nicht bei meinen Großeltern."
„Waren sie nicht da?" Dean spielte mit einer Strähne von Rorys Haaren und schien nicht wirklich daran interessiert zu sein, was sie zu erzählen hatte.
Rory schüttelte den Kopf und atmete tief durch. „Ich war zu einer Party eingeladen und musste deswegen nicht hin. Mom durfte auch zu Hause bleiben."
Nun horchte Dean doch auf. „Was für eine Party?"
„Dean hör mir bitte erst zu, bevor du etwas sagst. Du weißt, dass Tristin wieder zurück ist. Er hat eine Party gegeben, um das zu feiern. So ziemlich jeder Schüler war eingeladen und nachdem sogar Paris hingehen wollte, habe ich auch zugestimmt."
Dean hatte aufgehört mit Rorys Haaren zu spielen und schaute sie nun ernst an. „Du warst auf einer Party von Tristin? Ausgerechnet von Tristin?"
„Dean, das ist noch nicht alles." Rory wusste, dass es besser war, wenn sie sofort mit der Sprache herausrückte.
„Was noch?" Deans Stimme klang nun wirklich gereizt.
Rory schaute beschämt auf den Boden. Ihre Stimme war nur noch ein flüstern. „Wir haben uns geküsst…"
Dean hatte sie nicht ein Mal im Ansatz verstanden. „Was hast du gesagt?"
Rory schaute nun auf, direkt in Deans Augen. Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. „Tristin und ich… wir haben uns geküsst." Rory ahnte, als sie Dean ansah, dass es kaum eine Chance für sie gab, ihre Beziehung zu retten. Aber warum sollte er auch mit ihr zusammen bleiben? Sie hatte ihn in mehr als einer Art betrogen. Und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, erwiderte sie seine Gefühle schon seit langem nicht mehr wirklich.
Trotzdem schmerzte es sie sehr, als Dean auf stand und sie voller Verachtung anschaute.
Er wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Es war schlimm genug, dass Rory einen Anderen geküsst hatte, aber das es ausgerechnet Tristin war, verletzte ihn noch mehr. Er schaute Rory noch ein Mal kurz an und noch etwas zu sagen, drehte er sich um und ging.
„Guten Morgen Maria!" Tristin lächelte Rory entgegen, hörte jedoch sofort damit auf, als er sah, wie fertig sie war. „Rory, ist alles okay bei dir?"
Rory schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich. Dean und ich haben Schluss gemacht."
Tristin schaute sie verblüfft an. „Was... was ist passiert?"
„Ich habe ihm von unserem Kuss erzählt." Sie lehnte sich gegen eine Wand. Das Gefühl des kalten Steines in ihrem Rücken tat ihr gut.
Tristin wusste nicht, was er daraufhin sagen sollte. Warum hat sie ihrem Freund von dem Kuss erzählt? Sie weiß doch, dass er mich nicht leiden kann.´ Er schaute Rory mitfühlend an. „Rory, es tut mir sehr leid für dich." Er wollte sie tröstend in die Arme nehmen, Rory wich jedoch sofort zurück.
„Ich muss los Tristin. Ich muss noch dringend mit Mr. Medina reden." Rory schaute ihr Gegenüber noch ein Mal kurz an und verschwand dann zwischen den Schülermassen.
Tristin blieb niedergeschlagen zurück. Er wusste, dass er sich keine allzu großen Erwartungen machen sollte, aber etwas in Rorys Verhalten ließ trotzdem einen Funken Hoffnung in ihm aufkommen.
Rory beeilte sich auf ihrem Weg zur ersten Stunde. Sie hoffte, dass sie früh genug dran war, um in aller Ruhe mit Max Medina reden zu können. Irgendetwas sagte ihr, dass er sie besser verstehen würde, als Lorelai. Rory tat der Gedanke an ihre Mutter weh. Sie hatten sich noch nie so sehr gestritten. Seit ihrem Gespräch am Sonntag hatten sie kaum ein Wort miteinander gewechselt.
Rory öffnete die Tür zum Unterrichtsraum und stellte erleichtert fest, dass noch kein weiterer Schüler dort war. „Max?"
Max schaute verblüfft von seiner Lektüre auf. Es sah aus, als hätte er so früh noch nicht mit einem Schüler gerechnet. „Rory, ist alles in Ordnung? Du bist so früh."
Rory stellte ihre Tasche auf ihrem Platz in der dritten Reihe ab und ging dann zum Lehrertisch im Vorderteil des Raumes. „Du hast gesagt, ich könnte zu dir kommen, wenn ich jemandem zum reden brauchen würde." Obwohl er ihr die Erlaubnis gegeben hatte, war es komisch für Rory ihren Lehrer zu duzen.
Max schaute die junge Frau vor sich besorgt an. Erst jetzt bemerkte er, dass sie mitgenommen aussah. „Was ist passiert? Ist etwas mit Lorelai?"
Rory schüttelte den Kopf. Sie wusste nicht, wie sie anfangen sollte. Bisher hatte sie immer mit Lorelai oder Lane über ihre Probleme geredet. Am besten war es wahrscheinlich, wenn sie mit dem wichtigsten begann: „Dean hat Schluss gemacht."
„Oh, Rory das tut mir leid. Warum?"
Rory atmete tief durch und fing dann an zu erzählen: „Wir hatten schon länger kleine Probleme. Es fing an, als Lukes Neffe Jess in Stars Hollow aufgetaucht ist. Jess und ich interessieren uns für die gleichen Dinge. Wir sind gute Freunde geworden. Vor ein paar Monaten hatten wir dann einen kleinen Unfall, woraufhin Luke ihn weggeschickt hat. Dean war zufrieden, aber ich war alles andere als froh. Als er dann wieder in Stars Hollow aufgetaucht ist, hätte es nichts Schöneres für mich geben können. Leider fingen die Streitigkeiten zwischen den Beidem sofort wieder an. Dann tauchte Tristin auch noch hier auf." Rory zögerte einen Moment, ob es wirklich richtig war, sich ausgerechnet Max anzuvertrauen. Aber mit wem sollte sie sonst reden? Jeder der in Frage gekommen war, war in die eine oder die andere Richtung parteiisch gewesen. „Letzt Woche ging es mit so schlecht, weil Jess entschieden hat, dass wir uns nicht mehr öfters als nötig sehen sollten."
Max hatte ruhig zugehört. Nun unterbrach er Rory jedoch kurz: „Also ist dieser Jess schuld an eurer Trennung?"
„Nicht wirklich. Genau da liegt ja mein Problem. Tristin ist seit seiner Rückkehr unglaublich zuvorkommend. Ich habe mich sogar richtig auf seine Party letzten Freitag gefreut. Mia hatte Jess mitgebracht. Wir haben uns gestritten und plötzlich war Tristin da..." Rory zögerte erneut. Es war eine Sache mit einem Lehrer, auch wenn es Max war, über Dean und Jess zu reden, aber Tristin ging schließlich auch auf die Chilton.
„Rory, du weißt, dass du mir vertrauen kannst."
„Ich weiß." Rory lächelte matt. Zum ersten Mal erzählte sie alle Ereignisse. „Also, Tristin und ich haben uns auf der Party geküsst. Ich war verletzt und Tristin war eben einfach da, als ich jemanden brauchte. Es hatte nichts zu bedeuten. Dean hat das anders gesehen." Rory atmete erleichtert durch. Endlich war sie fertig. Mit dem Erzählen hatte sich auch die Anspannung der letzten Tage gelöst.
Max überlegte, wie er Rory am besten auf Tristin ansprechen konnte. Obwohl er sie erst seit einer Woche unterrichtete, hatte er die Blicke gesehen, die Tristin immer wieder zu ihr warf. „Rory, weiß Tristin, dass dieser Kuss nichts zu bedeuten hatte?"
„Keine Ahnung. Ich denke schon. Wieso?"
„Du weißt, dass Tristin in dich verliebt ist?"
Rory schaute Max erschüttert an. Wie konnte er nur auf eine solche Idee kommen? „Tristin ist nicht in mich verliebt. Er ist nur an mir interessiert, weil er genau weiß, dass ich kein Interesse an ihm habe."
Max fing an zu lächeln, womit er Rory nur noch mehr verwirrte. „Rory, ihr habt euch geküsst. Vielleicht irre ich mich ja auch, aber du machst nicht unbedingt den Eindruck, als wäre dir dass alles vollkommen egal."
Rory ging nicht auf diese Aussage ein, was wahrscheinlich daran lag, dass sie wusste, dass Max damit durchaus Recht hatte. Seit Freitag hatte sie kaum an etwas anderes denken können, als an den Kuss mit Tristin. Sie kam jedoch nicht zum antworten, da die ersten Schüler den Raum betraten.
„Lass uns nachher weiterreden." Max nickte Rory kurz zu, woraufhin sie sich auf ihren Platz setzte.
Paris tauchte nur wenige Minuten später auf. Sie setzte sich neben Rory und betrachtete sie fragend. Als sie nicht reagierte, fragte Paris: „Wo bist du Freitag abgeblieben?"
Rory schaute überrascht auf. Sie hatte überhaupt nicht mitbekommen, dass Paris aufgetaucht war.
„Guten Morgen Paris. Ja, es freut mich auch dich zu sehen."
„Rory, bitte! Du bist Freitag plötzlich verschwunden. Was war los?"
Rory schaute ihre Mitschülerin ernst an. „Du wirst dir doch nicht Sorgen um einen anderen Menschen gemacht haben?"
Paris verdrehte die Augen.
„Okay, bevor du mich noch anschreist. Mir ging es nicht gut. Nachdem ich mich von Tristin verabschiedet hatte, bin ich sofort nach Hause gefahren."
„Deswegen wollte er auch unbedingt deine Nummer?"
Rory schaute Paris für einen Moment verblüfft an, ehe ihr wieder einfiel, dass Tristin ihre Nummer von Paris hatte.
„Ja, er wollte nur hören, wie es mir geht." Rory war dankbar, als die Klingel ertönte und Paris nicht weiter nachfragte. Zwar hatte sich zwischen den beiden Mädchen etwas entwickelt, was man durchaus als Freundschaft bezeichnen konnte, doch Rory war sich nicht sicher, ob sie wirklich mit ihr über Tristin reden konnte.
Aber mit wem sollte sie es sonst tun? Lane kannte ihn nicht und Lorelai war nicht gerade gut auf ihn zu sprechen. Das hatte Rory am Vorabend mit erschrecken festgestellt.
Rory schaute Dean traurig hinterher. Obwohl sie mit dieser Reaktion gerechnet hatte, hatte ihr Deans kalter Blick einen Stich versetzt. Sie wusste absolut nicht, was sie tun sollte. Nur langsam erhob sie sich und ging los. Sie hatte keine Ahnung, wo sie hingehen sollte.
Lorelai war am Morgen mit Luke weggefahren. Sie wollten sich einen schönen Tag außerhalb der Stadt machen.
Zu Lane? Das war auch nicht möglich. Sie hatten Besuch und ausnahmsweise war Rory absolut nicht erwünscht.
Mit Jess konnte sie auch nicht reden. Mit ihm hatte sie schließlich auch Probleme.
Einer Eingebung folgend zog sie ihr Handy aus der Tasche. Sie suchte die angenommenen Anrufe heraus und sah, dass Tristins Nummer angezeigt wurde. Vielleicht würde er sie ja verstehen? Rory hatte schon fast die Wahltaste gedrückt, als sie sich eines besseren besann. Tristin war ja eigentlich der Grund für ihre missliche Lage. Verzweifelt klappte sie ihr Handy wieder zu und ging weiter.
Sie wusste nicht, wie lange sie durch die Stadt gelaufen war, bevor sie nach Hause gegangen war.
Als sie die Tür öffnete, hörte sie erleichtert, dass Lorelai bereits zurück war. Der Fernseher lief ziemlich laut.
„Mom?" Rory schmiss die Tür ins Schloss.
„Mini-Me?" Lorelai stand sofort auf und stürmte auf ihre Tochter zu, bleib jedoch abrupt stehen, als sie ihr verweintes Gesicht sah. „Was ist los?"
„Dean hat Schluss gemacht…" Rory zuckte mit den Schultern, als ob es ihr egal war.
Lorelai konnte jedoch erkennen, dass das nicht der Fall war. Tröstend zog sie ihre Tochter zu sich. „Schatz, es tut mir so Leid für dich."
„Ich bin ja selber Schuld." Rory trennte sich von ihrer Mutter und setzte sich auf die Couch.
Lorelai schaute sie nur verständnislos an.
„Jess war auf Tristins Party… wir haben uns gestritten… er ging weg und ich blieb heulend zurück. Plötzlich war Tristin da… er hat mich getröstet… wir habe uns geküsst."
„Ihr habt was?" Lorelai glaubte sich verhört zu haben. Ihre Tochter, das Mädchen das über alles genau nachdachte, hatte einen Jungen geküsst, den sie eigentlich nicht mal mochte?
„Du hast richtig gehört… Tristin und ich haben uns geküsst. Ich war nach dem Streit mit Jess total verstört. Tristin hat sich so sehr verändert, seit dem er zurück ist. Man kann mit ihm reden, er hört einem zu und…" Rory kam nicht weiter, weil Lorelai sie unterbrach: „Nein, Rory! Leute wie Tristin ändern sich nie! Er gehörte schon immer zur Brut Satans und das wird sich nicht ändern! Hast du denn total vergessen, wie er dir das Leben auf der Chilton zur Hölle gemacht hat?"
Rory spürte Wut in sich aufsteigen. Warum musste Lorelai ihn nur so schlecht machen? „Hör auf damit, Mom! Ich weiß, dass Tristin sich verändert hat. Er macht sich was aus mir! Das wichtigste für ihn war, dass ich zu seiner Party komme. Wäre ich die einzige gewesen, wäre er genauso glücklich, wie mit der gesamten Chilton!"
„Nein, Rory! Du bist für ihn nach wie vor nur eine Eroberung! Sobald er bekommen hat, was er will, wird er dir verdammt wehtun!"
Rory schüttelte heftig mit dem Kopf. Sie wusste, dass Lorelai Unrecht hatte. Sie war nicht nur irgendeine Eroberung für Tristin. Sie stand von der Couch auf und ging in ihr Zimmer.
Sie verstand mittlerweile überhaupt nichts mehr. Ja, Tristin war für sie da gewesen, aber warum stritt sie mit ihrer Mutter darum? Im Grunde genommen hatte Lorelai recht mit dem, was sie sagte und doch war Rory überzeugt, dass sie das richtige getan hatte.
„Ms. Gilmore! Es wäre nett, wenn sie dem Unterricht jetzt folgen würde!"
Rory schaute erschrocken auf. Sie war vollkommen in Gedanken versunken gewesen. So etwas durfte ihr nicht noch ein Mal passieren. In dieser Klasse ging es noch, schließlich war Max Medina der Lehrer und er wusste um die Ereignisse am Vortag. Andere Lehrer wären höchstwahrscheinlich nicht so nachsichtig. Sie entschuldigte sich leise und versuchte dann dem Unterricht so gut es ging zu folgen. Zum ersten Mal atmete sie erleichtert auf, als die Schulklingel ertönte. Es war einfach zu schwer sich zu konzentrieren.
Rory packte ihre Sachen nur langsam zusammen. Zum Schluss waren nur noch sie, Max und Tristin im Raum.
Rory wusste, dass Tristin nur wegen ihr noch da war, was ihr so gut wie keine Möglichkeit gab weiter mit Max zu reden.
„Ms. Gilmore, ich würde sie gerne in der Mittagspause sprechen." Er schaute kaum von seiner Lektüre auf.
„Okay." Sie hatte alles zusammen gepackt und verließ den Raum. Tristin ging ihr sofort nach.
„Rory, jetzt bleib doch endlich mal stehen."
„Es ist gerade wirklich schlecht Tristin. Ich habe es eilig." Rory blieb nicht ein Mal eine Sekunde stehen, um Tristin anzuschauen.
Er überlegte zögernd, was er tun sollte. Entschied sich aber dafür nicht nach zu geben. „Bitte, rede mit mir!" Er griff nach ihrem Handgelenk und hinderte sie so daran weiter zu gehen.
Rory schloss ihre Augen für einen Moment und atmete tief ein. „Wenn es unbedingt sein muss, dann lass uns in der Mittagspause reden."
Tristin fing an zu lächeln, ehe ihm einfiel, was Max Medina zu ihr gesagt hatte. „Ähm Rory, Mr. Medina will dich doch in der Pause sehen…" Er überlegte einen kurzen Moment, ehe fort fuhr: „Aber ich könnte dich nach der Schule nach Hause fahren und dann reden wir. Was hältst du von der Idee?"
„Ich weiß nicht." Sie war sich wirklich nicht sicher, ob es eine gute Idee war sich von Tristin nach Hause fahren zu lassen. Sie blickte ihrem gegenüber in die Augen. Sie erkannte, dass er sich wirklich um sie sorgte und für sie da sein wollte. Was war bloß aus dem Tristin von früher geworden? Dem Tristin, der sich um nichts anderes kümmerte, als um sich selbst?
„Komm schon Mar'! Ich verspreche auch mich zu benehmen." Er lächelte sie verschmitzt an.
Rory stöhnte auf. Es würde wahrscheinlich absolut keinen Sinn machen, ihn auch weiterhin abzuweisen. Er würde scheinbar nicht nachgeben. „Okay, du gibst ja doch keine Ruhe."
„Okay, nach der Schule auf dem Parkplatz."
Rory nickte nur kurz und ging bereits weiter, als sie seine Stimme erneut hörte: „Viel Spaß noch Rory!"
Sie blieb abrupt stehen. Als er ihren Namen gesagt hatte, war ihr ein Schauer über den Rücken gelaufen. Doch nicht die Art von Schauer, wenn man vor etwas Angst hat. Viel mehr war es ein angenehmes Gefühl gewesen. Sie zögerte einen Moment, ob sie sich noch ein Mal zu ihm umdrehen sollte. Als Rory sich jedoch dafür entschieden hatte, war er bereits zwischen den anderen Schülern verschwunden.
Rory saß in ihrer letzten Stunde für diesen Tag. Bereits kurz nach Stundenanfang hatte sie die Stimme des Lehrers ausgeblendet und über die Unterhaltung, die sie mit Max geführt hatte.
„Max?" Rory spähte in den Raum, in dem sie bereits früher am Tag gewesen war, konnte ihren Lehrer jedoch nirgends entdecken. Sie öffnete die Tür komplett und betrat das Klassenzimmer. Sie legte ihre Tasche auf einen Tisch in der ersten Reihe und trat dann an das Bücherregal hinter dem Tisch von Max. Schon die Anzahl der Bücher, die er hier in der Schule hatte, war zahlreich. Rory konnte nur erahnen, wie viele er zu Hause haben musste. Obwohl Max und Lorelai eine lange Zeit zusammen gewesen waren und sogar verlobt, war sie nie in seiner Wohnung gewesen.
„Rory, du bist schon da?"
Rory drehte sich erschrocken um, sie hatte nicht mitbekommen, dass Max wiedergekommen war.
„Hab ich dich erschreckt? Das tut mir leid! Ich habe uns Kaffee besorgt." Er hielt insgesamt drei große Kaffeebecher in den Händen.
Rorys Augen fingen augenblicklich an zu funkeln. Sie hatte eindeutig noch nicht genug Kaffee gehabt. Schon gar nicht für den Stress unter dem sie momentan stand.
Max blieb dieses Funkeln nicht verborgen. „Dachte ich mir doch, dass das deine Stimmung aufhellen wird." Er reichte ihr einen der Becher.
„Dankeschön."
Max setzte sich an einen Tisch in der ersten Reihe und deutete Rory an, sich ebenfalls zu setzen. Nur langsam nahm sie neben ihm Platz, während sie kleine Schlucke von ihrem Kaffee nahm.
Es waren bereits mehrere Minuten vergangen und noch immer hatte niemand etwas gesagt.
Max wollte Rory zwar zu nichts drängen, aber die Pause dauerte auch nicht ewig. Nachdem bereits zehn Minuten verstrichen waren, räusperte er sich kurz, bevor er sprach: „Rory, ich kann dir nicht helfen, wenn du nicht mit mir redest." Er lächelte sie aufmunternd an.
Rory schien wie aus einer Trance aufzuwachen, als sie Max anschaute. „Es tut mit leid, wenn ich dich um deine Pause bringe. Ich sollte besser gehen."
„Nein Rory, ich habe dir doch gesagt, dass du ruhig zu mir kommen kannst. Nur du musst mit mir reden, was dich so bedrückt."
Rory versuchte krampfhaft zu lächeln. Sie hatte bisher nur mit Lorelai über sich solche Dinge geredet. Es kostete sie durchaus Überwindung sich an jemand anderen zu wenden. Sie atmete tief ein und aus, in der Hoffnung sie würde endlich sagen können, was ihr auf dem Herzen lag. Sie wusste einfach nicht mehr, was sie tun sollte.
Max sah ein, dass er sie auf das Geschehne ansprechen musste, wenn er mehr erfahren wollte. Es gab sogar etwas, was er sich schon den ganzen Morgen gefragt hatte. „Rory, versteh das nicht falsch, aber warum redest du eigentlich nicht mit deiner Mutter darüber?"
Rory schaute ihn überrascht an. Sie hat mit vielem gerechnet, aber nicht damit. „Ich wollte es ja! Ich habe ihr genau das gleiche erzählt, wie dir, aber sie hat mich dafür verurteilt. Sie traut Tristin noch weniger als Jess."
„Rory, sie verurteilt dich nicht. Sie macht sich Sorgen um dich." Max Stimme klang vollkommen ruhig. Rory sollte sich nicht auch noch über ihn aufregen.
„Aber sie verurteilt Tristin für das, was er früher getan hat. Sie glaubt einfach nicht, dass er sich verändert hat."
„Glaubst du es denn?"
„Ich…" Rory war sich nicht wirklich sicher, woran sie glaubte. Sie konnte kaum an etwas anderes als den Kuss denken. Trotzdem hatte sie Zweifel. Zweifel, die Lorelai gesät hatte. „Ich denke schon."
Max wusste, dass er es ihr nicht unbedingt leicht machte, in dem er immer weiter nachbohrte, aber er war sich sicher, dass Rory sich nur so über ihre Gefühle klar werden konnte. „Du denkst oder du weißt?"
Rory stöhnte auf. Und sie hatte gedacht, dass schwer wäre mit Lorelai zu reden. Zumindest war Max wesentlich ruhiger. „Ich weiß ja nicht einmal, was ich denke." Sie schaute verzweifelt zu ihrem Lehrer. „Ich dachte immer, ich würde Tristin nie wieder sehen. Selbst wenn, hätte ich nie gedacht, dass es wegen ihm mit Dean aus ist." Rory hatte ihren ersten Kaffee beendet und griff nun nach dem zweiten Becher.
„Du hast gedacht, wenn jemand zwischen Dean und dich kommt, dann dieser… wie hieß er noch? Jess?"
Rory nickte kurz.
Max wollte gerade etwas sagen, als die Schulklingel ertönte.
„Das ist dann wohl mein Zeichen, dass ich gehen sollte." Rory stand langsam auf. Wirklich viel hatte dieses Gespräch nicht geholfen. Sie war sich noch immer nicht über ihre Gefühle im Klaren. „Danke Max!"
Rory war schon fast aus der Tür raus, als Max noch etwas sagte: „Ich denke auch, dass Tristin sich verändert hat. Und eine andere Sache weiß ich… er hat noch nie ein Mädchen so angesehen, wie er dich ansieht. Ich würde sogar behaupten, dass er verliebt ist."
