Zu ihr durchdringen

Unruhig ging sie in der Haupthalle auf und ab.

Immer wieder und wieder und wieder.

Ihre Schritte kamen als Echo von den reich dekorierten Steinmauern zurück und einzig das knisternde Feuer im Kamin, war noch zu hören.

Lara war aufgeregt und besorgt, sie hätte es selbst nicht für möglich gehalten, doch so war es. Sie machte sich große Sorgen um ihn, seit Madeleine und Sammy ihn hochgebracht haben.

Sie blickte kurz zu ihren Freunden.

Sara, Zip und Alister saßen genauso angespannt auf den Sofas der Sitzecke.

Beiläufig strich Lara sich über die Stirn und spürte das sich wieder Kopfschmerzen anbahnten.

Kurtis´ Blut an ihren Händen hatte sie abgewaschen, doch es hing noch an ihren Kleidern.

Ihre Freunde beobachteten sie ab und zu.

Schließlich beschloss Sara, dass es Zeit war ihre Freundin zu unterbrechen, sie waren schließlich alle nervös.

,,…Hey, Lara…´´ begann Sara, stand auf und ging zu ihrer Freundin.

Lara blickte auf und blieb stehen.

,,…Komm setz dich endlich!´´

Die Archäologin schüttelte schweigend den Kopf und wollte ihren Weg fortsetzen, doch Sara stellte sich vor sie.

,,Es hilft ihm auch nicht, wenn du hier rum rennst!´´

,,Ich weiß,…´´ begann Lara schließlich, ,,…ich mach mir aber…ach egal…

,,…Was? Sorgen?…´´ wollte Sara wissen, doch sie wusste dass es so war, ,,…Lara, wir alle machen uns Sorgen, aber du solltest dich besser setzen, sonst kippst du uns auch noch aus den Latschen!´´

,,Wie bitte?´´ hinterfragte Lara und glaube nicht recht gehört zu haben.

Sara wollte ihr eigentlich an den Kopf werfen, dass sie äußerst blass im Gesicht war, doch sie entschied, es für sich zu behalten.

,,…Ach vergiss es! Jetzt setz dich endlich!´´ sagte Sara dann und zog ihre Freundin mit zur Sitzecke.

Schweigend ließ sich Lara neben Sara auf die Couch fallen und lehnte ihren Oberkörper gegen die Lehne. Dann schloss sie die Augen und atmete tief durch.

…Verdammt!…Warum nur mach ich mir solche Sorgen um den Kerl?…

Sie waren, nachdem Madeleine sie abgeholt hatte, nicht zu einem Arzt oder ins Krankenhaus gefahren. Lara hatte zwar darauf bestanden, doch Madeleine und auch Kurtis überzeugten sie, das sie dort nur unnötig auffallen würden und nur lästige Fragen beantworten müssten. Also sind sie zurück zu Croft Manor gefahren und Madeleine und Sammy hatten Kurtis ins Gästezimmer geschleift, um dich seine Wunde anzusehen.

Obwohl, viel sicherer waren sie hier ja auch nicht, denn Gunderson konnte jederzeit hier auftauchen. Allerdings würde die Alarmanlage Croft Manors schon Alarm schlagen, wenn jemand dem Gelände auch nur `schief anguckt´ und das würde ihnen allen genug Zeit verschaffen, um zu flüchten.

Vielleicht war es aber auch besser jetzt gleich zu verschwinden?

Auf jeden Fall würde sie wieder einigermaßen klar denken können, wenn sie wusste was mit Kurtis war.

…Lebensbedrohlich scheint seine Verletzung nicht zu sein, wenn man an Boaz denkt, doch…Oh man!… schlug sie sich gegen die Stirn.

,,Alles klar?´´ wollte Sara wissen und Lara blickte zu ihr auf, dann zu Zip und dann zu Alister, die ihr alle drei einen fragenden Blick hinwarfen.

,,Ja…alles in Ordnung!´´ murmelte sie und blickte von ihnen weg. Jetzt hatte sie sich eben selbst an diese Sache erinnert.

…Verdammt, warum kann ich das nicht einfach vergessen?…Irgendetwas scheint wirklich nicht in Ordnung mit mir zu sein…

Schritte ließen sie aufschrecken.

Schritte, die eilig die Treppe runter kamen.

Neugierig drehten allen den Kopf in diese Richtung. Es waren Sammy und Madeleine, die endlich zurückkamen.

Lara erhob sich. Zip, Alister und Sara taten es ihr gleich.

,,Und?´´ fragte Lara und konnte diese Ungewissheit nicht mehr ertragen.

Madeleine lächelte: ,,…Es ist halb so wild. Es war ein Streifschuss. Ein ziemlich tiefer zwar und er hat auch stark geblutet, aber ist nichts Lebensgefährliches. Mit etwas Ruhe, wird er sich sicher bald erholt haben!´´

Sichtlich erleichtert atmete Lara aus.

,,Wenn du willst, kannst du zu ihm!´´ sagte Sammy.

Lara überlegte kurz, was ihre Freunde von ihr denken würden, wenn sie jetzt zu einem Mann ging, den sie kaum kannte, aber es war ihr egal. Sie wollte ihn sehen, jetzt sofort.

Schweigend drehte sie sich um und machte sich auf den Weg ins Gästezimmer.

Fragende blicke wurden ihr im ersten Moment hinterher geworfen, doch dann grinste Sara und blickte in die Runde. Ihr Grinsen war auf Lara und Kurtis bezogen und es sagte mehr als tausend Worte…

Sie wollte gerade anklopfen, hielt dann jedoch inne.

Was sollte sie ihm sagen? Was würde er denken, wenn sie vor ihm stand?

…Was, was, was!….Mann, Croft, reiß dich zusammen!… ohrfeigte sie sich im Geiste und klopfte schließlich an.

Dann drückte sie die Klinke runter und trat in das Zimmer.

Kurtis war im Bett und sein Oberkörper lehnte aufrecht gegen einige Kissen am Kopfende. Sein Oberkörper war frei und die Region um seine Verletzung war mit weißem Verband verbunden worden. Gut das Madeleine und Sammy so viel Erfahrung hatten.

…Wie oft haben die beiden mich schon zusammenflicken müssen…

Leise schloss sie die Tür hinter sich und kam näher.

Kurtis hatte sie natürlich gleich erblickt, als sie in den Raum getreten war und setzte eins seiner undurchsichtigen Grinsen auf.

,,…Hi…´´ machte Lara und musterte ihn von oben bis unten, als sie ans Bett heran gekommen war. Er hatte die starken Arme vor der Brust verschränkt und man konnte seine Muskeln sehr deutlich sehen. Auch die breiten Schulten waren nicht zu verachten. Er sah im ganzen nicht übel aus, fand Lara.

,,…Hi…´´ entgegnete er ebenfalls und musterte sie genauso. Er hatte ebenfalls gespürt, dass sich zwischen ihnen etwas verändert hat.

,,Hi…´´ begann Lara noch mal und bevor sie weiter sprechen konnte funkte Kurtis ihr dazwischen: ,,…Ich glaube wir wiederholen uns!´´

,,Ja, du hast recht,…´´ sagte sie und ein Mundwinkel hob sich leicht, ,,…Ich wollte nur sehen wie es dir geht!´´

Kurtis zuckte mit den Schultern: ,,Naja…ich hätt´ jetzt gern was zu Rauchen, aber sonst….ach ja, mein Souvenir,…´´ er deutete auf seine Verletzung, ,,…schmerz höllisch, aber immer noch besser, als ein Loch durch den Magen!´´

Lara entgegnete nichts.

Sie hasste seine Scherze, drehte sich um und ging zu dem kleinen Beistelltisch neben ihr, auf dem Sammy eben Kurtis´ Tascheninhalt - die Zigaretten - ausgeleert hatte. Sie griff danach und drehte sich wieder zu ihm: ,,…Fackel hier ja nichts ab!´´

Dann warf sie ihm das Päckchen zu und er fing es Geschickt mit der Linken.

,,Sag mal,…´´ begann sie, als er sich eine Zigarette und das Feuerzeug aus der Schachtel nahm, ,,…hättest du sie nicht einfach zu dir rüber schweben lassen können?´´

Er zündetet die Zigarette an, nahm einen Zug und stieß den Rauch wieder aus: ,,…Natürlich!…´´ noch bevor Lara allerdings die Frage stellen konnte, beantwortete er sie, ,,…ich sehe dir einfach gerne zu!´´

Lara zog die Stirn kraus: ,,…Und woher wusste Mr. Trent, das ich ihn in seinem Krankenlager besuchen würde?´´

Erneut nahm er einen Zug und setzte wieder dieses Grinsen auf: ,,…Sagen wir mal so: Ich hab´s gespürt.´´

,,So?´´

,,Ja!´´

,,Gut, dann spürst du sicher auch, das ich mich gleich umdrehen und wieder gehen werde!´´ sagte sie kühl und drehte sich dann auch um.

,,Ja, aber du schaffst es nicht bis über die Türschwelle!´´ sagte er und er war sich seiner Sache mehr als sicher.

,,Ach und warum nicht?´´ wollte Lara genervt wissen und drehte sich wieder zu ihm um.

Kurtis stieß einen kurzen, amüsierten Lacher aus: ,,Na du hast dich gerade wieder zu mir umgedreht!…Nein, das habe ich nicht gespürt, sondern das war einfach nur eins und eins zusammengezählt!´´

Lara verschränkte die Arme vor der Brust und schwieg. Ihr wurde diese Unterhaltung zu blöd.

,,Schon wieder dieser Gesichtsausdruck!´´ bemerkte Kurtis halblaut.

,,Was meinst du?´´

,,Na der!…´´ antwortete er und zeigte auf ihr Gesicht, ,,…Du guckst immer so, wenn dir irgendetwas oder irgendjemand dumm kommt! Aber ich nehme es dir nicht übel, wenn dich meine Späße langweilen!´´

,,Da es dir ja offensichtlich besser als erwartet geht, würde ich vorschlagen, dass wir zum eigentlichen Thema zurückkommen!´´ entgegnete Lara ausdruckslos und beachtete seine Bemerkung von eben nicht.

,,Gut, wie du willst, Miss Croft! Warum hast du denn vorhin gezögert?´´ wollte er wissen und stieß erneut Qualm aus seinen Lungen.

,,Wie bitte?´´ hinterfragte Lara.

,,Na im Garten deines Elternhauses, als der Söldner auf uns geschossen hatte! Du hast eindeutig gezögert ihn zu erschießen!´´

,,Was? Das ist doch gar nicht wahr!´´ verteidigte sie sich und stemmte eine Hand in die Hüfte.

,,Doch es ist wahr und das weist du. Du willst es dir nur nicht eingestehen! Du bist mindestens genauso schnell wie ich, das habe ich in Paris und Prag erlebt, also, warum hast du diesmal gezögert?´´

Empört suchte Lara nach den richtigen Worten, doch ihr fielen keine ein und so sah sie ihn nur enteister an.

Er hatte wieder recht gehabt.

Sie hasste es zu töten und tat es wirklich nur dann, um ihr eigenes Leben zu retten. Vorhin hatte sie tatsächlich gezögert diesen Mann zu erschießen, doch das würde sie sich nie eingestehen.

,,Das ist schon okay…´´ begann er und blickte sie ebenfalls an, ,,…Ich wäre auch traumatisiert, wenn ich all das durchgemacht hätte!´´

,,Was?´´

,,Schon gut, ich kann dich verstehen…´´ erneut stieß er einen übel riechenden Schwall Nikotin aus seinen Lungen, ,,…Zuerst Ägypten, wo du beinahe gestorben wärst, als du unter dem einstürzenden Tempel lebendig begraben wurdest und dein Freund und Mentor lässt dich einfach hängen. Dann hast du deiner Freundin geholfen ein Artefakt zu finden und dabei einen guten Freund und deinen Geliebten verloren…´´ Laras Augen funkelten ihn sprachlos an, ,,…und dann war da letztens noch die Sache mit Eckhardt und dem Tot deines Mentors, wo du auch noch für die Mörderin gehalten wurdest. Das ist schon einiges!´´

Sie war geschockt und das verriet ihm ihr Blick.

,,Woher weißt du all das?´´ wollte sie wissen, doch sie musste ihre Stimme dazu zwingen die Worte hervor zu bringen.

,,Ich hab mich vorhin schlau gemacht!´´

,,Du meinst, du hast Sammy und Madeleine ausgefragt?´´

Er zuckte mit den Schulter und drückte die Kippe in einer kleinen Schüssel aus, die auf dem Nachttisch stand, dann schob er sich einen Kaugummi in den Mund. Das war eben seine Angewohntheit.

,,Kann sein…´´ sagte er dann und fixierte ihren Blick.

,,Das darf doch wohl nicht wahr sein!´´ brachte sie hervor und blickte ihn fassungslos an.

,,Doch, womit die Single-Frage von heute früh geklärt wäre, Red!´´

Geschockt weiteten sich ihre Augen: ,,Wage es nicht mich so zu nennen!´´

Dieser Kerl war einfach nicht zu fassen. Er war einfach Dreist und außerdem unhöflich, frech und unverschämt.

,,Was denn? Das ist doch dein Spitzname, oder Red?´´ wollte er wissen und beobachtete sie genau.

,,Das geht dich gar nichts an…´´ begann sie aufgebracht, ,,…Du…du hast kein recht mich so zu nennen!´´

,,Aber Chase hatte es, oder?´´ entgegnete er und spürte, wie alle verdrängten Gefühle in ihr hochstiegen. Genau das hatte er beabsichtigt. Er wollte sehen, was ihr fehlte.

Lara schwieg.

…Warum?…Warum reitet er denn jetzt darauf herum?…Weiß er denn nicht, dass er mich so nur unnötig quält?…

,,Wie ich sehe, habe ich da einen schwachen Punkt erwischt!´´ stellte Kurtis fest und kaute energisch auf seinem Kaugummi herum.

Lara schwieg weiter, sie wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Am liebsten hätte sie alles aus sich herausgeschrieen.

Kurtis fühlte das, dank seinen Fähigkeiten. Er wusste aber, das Lara nur dann den Weg zu sich selbst wieder finden würde, wenn sie endlich die Mauer um sich herum zerstört und alles raus lässt, was sie in die Enge treibt.

,,Du zögerst schon wieder!´´ bemerkte Kurtis nebenbei.

,,…Lass das, sprich nie wieder davon! Erwähne nie wieder seinen Namen!´´ hauchte sie und ihr fielen diese Worte unglaublich schwer.

,,Warum? Weil du Angst hast, es könnte dich zerreißen?…Oh ja, ich kenne deine Gefühle!´´

Lara blickte ihn wütend an und schloss kurz die Augen, dann drehte sie sich um und wollte gehen. Sie hatte auch schon ein paar Schritte zurückgelegt, als Kurtis erneut das Wort ergriff: ,,Es ist nicht gut, wenn du immer wegläufst!…Red warte!´´

Lara blieb stehen, drehte sich im ersten Moment aber nicht um.

,,Kurtis halt die Klappe!…´´ fuhr sie ihn dann an und drehte sich dabei zu ihm um, ,,…Reib´ nicht auch noch Salz in die Wunde!´´

,,Die Einzige, die verhindert, das die Wunde zuheilt, bist du!´´ entgegnete er und hatte die Arme wieder vor der Brust verschränkt.

,,Das kann dir doch egal sein!´´ entgegnete sie verbittert.

,,Da irrst du dich aber gewaltig, Red, du bist mir eben nicht egal!´´ er quälte sich auf, kam langsam auf sie zu und hielt seine Wunde, ,,…Wärst du mir egal, würde ich dich der Cabal Mutterseelen allein gegenüber treten lassen!´´

Kurtis stand nun direkt vor ihr und er war ein Stück größer als Lara, weswegen sie zu ihm hochblicken musste.

,,Wenn es dir nur um die Cabal geht, dann sei unbesorgt, das krieg ich schon noch hin, aber halt dich aus meinem Leben raus!´´ entgegnete sie dann sauer.

,,Das werde ich, wenn du wieder ganz du selbst bist, denn im Augenblick bist du das nicht!…Ich brauche eine Lara Croft mit klarem Kopf und keine, die ihre Gefühle nicht im Griff hat, sonst sind wir beide tot!´´

,,Das weiß ich!´´ entgegnete sie leise und drehte den Kopf weg.

Seine Worte haben ihr wehgetan und das spürte er auch.

,,Hey,…´´ begann er wieder etwas sanfter, ,,…Sorry, aber versteh´ doch, dass ich dir nicht helfen kann, wenn ich nicht weiß, was dir auf der Seele liegt?´´

Lara stürzte die Lippen, seine Worte haben eindeutig ihre Wirkung hinterlassen.

,,Kurtis…´´ begann sie schließlich, ,,…ich kann nicht!…´´ sie blickte ihm in die Augen, ,,… Noch nicht! Es tut einfach noch zu weh!´´

Dann wandte sie den Blick wieder von ihm ab und verließ eilig das Zimmer. Sie war froh, dass er sie diesmal nicht abhielt und weiter auf sie eindrang, denn irgendwann würde er es doch noch schaffen und alles würde aus ihr heraus brechen…

Kurtis kratzte sich am Nacken, als sie die Tür hinter sich schloss.

Er war verwundert über ihre Reaktion. Er spürte, dass er kurz davor gewesen war ihre Mauer zu durchbrechen und vielleicht würde er es bald schaffen.

Er würde ihr aus ihren Erinnerungen raus helfen und er würde dann für sie da sein…