Kaum Zeit gehabtum zu trauern

Sie kam gerade aus dem Badezimmer und trug, nach ihrer Dusche, nur Unterwäsche und einen weißen, dünnen, knielangen Bademantel.

Ihre rotbraunen, langen Haare waren noch feucht und wellten sich über ihren Rücken.

Sie verschränkte die Arme und trat vor die große Glastür in ihrem Schlafzimmer, durch die man auf den Balkon gelangen konnte. Es war noch sonnig draußen, obwohl die Sonne schon fast komplett im Süden stand und den Himmel allmählich in orange-rötliche Töne tauchten.

Doch trotz der Hitzewelle, um diese Jahreszeit, fröstelte die Archäologin.

Innerlich.

Dennoch genoss sie die Stille um sich herum, bis sie plötzlich durch ein Klopfen an ihrer Zimmertür unterbrochen wurde.

Sie rollte mit den Augen, rührte sich aber nicht.

,,Lara?…´´ Kurtis klopfe abermals, ,,…Ich weiß, dass du da drin bist! Mach bitte auf! Ich muss mit dir reden!´´

,,Kurtis, ich will jetzt nicht mit dir reden!´´ rief sie und legte den Kopf in den Nacken.

,,Lara, mach auf, bitte!´´ beharrte er.

,,Nein! Lass mich bitte in Ruhe!´´

,,Lara, du weißt, dass mich verschlossene Türen nicht aufhalten können!´´

Lara atmete tief durch uns schloss die Augen: ,,Geh weg!´´

Plötzlich hörte sie ein Knacken und dann öffnete sich ihre Tür, ohne das jemand Hand daran anlegte und Kurtis trat ein.

Abrupt drehte sie sich um und blickte ihn finster an: ,,Mann bist du hartnäckig! Was soll das?´´

,,Du wolltest ja nicht aufmachen, also hab ich meine Fähigkeiten genutzt! Und ich bin nicht halb so hartnäckig wie du, glaub mir!´´ sagte er und schloss die Tür wieder, ohne sie anzurühren.

Lara drehte den Kopf zur Seite und schüttelte den Kopf.

Dann seufzte sie: ,,…Was willst du?´´

,,Ich will mit dir reden!´´

,,Über was?´´

,,Komm schon, das weißt du ganz genau!´´ entgegnete er und blickte sie dabei an.

Sie schwieg und starrte ihm entgegen.

Lara wollte ihn einfach nur in Grund und Boden starren.

Kurtis hatte sich parat gelegt, was er zu ihr sagen wollte, doch durch ihren Blick hat sich wieder alles verflüchtigt. Er wollte, dass sie endlich über ihre Probleme redet und er würde diesmal nicht nachgeben, auch wenn er improvisieren musste.

,,Du hast ein ernstes Problem, Lara…´´ begann er und hielt ihrem Blick stand, ,,…Ich weiß zwar nicht welches, doch ich hoffe, dass du es mir verrätst!´´

,,Ha…´´ machte sie und verschränkte die Arme vor der Brust, ,,…Wieso sollte ich das tun?´´

Er zuckte mit den Schultern: ,,…Vielleicht, weil ich der Einzige bin, der dich verstehen würde. Und das weißt du!´´

,,Ach, das glaubst du?…Wieso willst gerade du mich verstehen? Du kennst mich ja kaum!´´

,,Ich kenne dich, glaub mir das…´´ entgegnete er, ,,…und du verlierst dich selbst, wenn du nicht über deine Probleme redest!´´

,,Mal angenommen ich habe ein…´´ Lara musste sich dazu durchringen dieses eine Wort auszusprechen, ,,…Problem…Warum sollte ich das hier und jetzt mit dir besprechen, obwohl meine beste Freundin unten ist?´´

,,Ganz einfach: Du erträgst es nicht ihr oder den anderen in die Augen zu sehen!´´ sagte er zu ihr.

,,Das weißt du?´´

,,Ja, denn ich kann es sehr deutlich in deinen Augen erkennen!…´´ entgegnete er und sie blickte daraufhin weg, was ihm seine Vermutung bestätigte, ,,…du hast Angst!´´

Ruckartig blickte sie ihn wieder an.

,,Du hast Angst, das alles in dir zusammenbrechen könnte und du an den Worten erstickst, wenn du sie laut aussprichst!´´ sagte er dann.

Sie schwieg weiterhin, doch sah ihn verwirrt an. Genau diese Gedanken waren ihr durch den Kopf gegangen.

Woher konnte er das wissen?

,,Lara…´´ er trat zu ihr hin und sprach dann weiter, ,,…so schwer es dir auch fällt, rede mit mir!…Es ist nicht gesund für dich, wenn du alles in dich hineinfrisst!´´

Lara schwieg weiter, wendete den Blick ab und starrte auf den Boden.

Kurtis blickte sie einen Moment lang an, dann fiel sein Blick auf eine Fotografie, die schräg hinter ihr auf einem Beistelltisch stand.

Er ging zwei Schritte darauf zu und nahm die Fotografie in die Hand.

Lara war darauf zu sehen, in den Armen eines blonden Mannes. Beide lächelten und sahen glücklich aus.

,,…Du hast ihn sehr geliebt, nicht wahr?´´

Fragend blickte Lara ihn an und drehte sich dabei zu ihm.

Kurtis hielt ihr die Fotografie hin.

Lara kam näher und nahm sie entgegen. Eine ganze Weile blickte sie das Foto an und das war Antwort genug für Kurtis.

In ihrem Blick konnte er erkennen, dass sie einsah, das sie reden musste.

,,Lara…´´ begann Kurtis dann leise.

Sie schreckte innerlich zusammen und blickte zu ihm hoch.

,,…willst du mir denn gar nichts erzählen?´´ fragte er leise.

Lara stellte die Fotografie wieder an ihren Platz.

,,…Ich…´´ begann sie leise, was Kurtis wunderte, ,,…Ich weiß nicht wie…´´

Sanft drückte er ihr Kinn hoch, dass sie ihm wieder in die Augen blickte: ,,Sag mir einfach, was sich in dir anstaut!…Sag mir wovor du Angst hast!´´

Lara zögerte einen Moment: ,,…Ich…will einfach niemanden mehr verlieren!´´

,,Deswegen ziehst du dich zurück?´´

,,Das kannst du nicht verstehen, Kurtis!´´

,,Erklär´s mir!´´ forderte er sanft.

,,Ich bringe jedem Unglück den ich liebe und alle, die mir etwas bedeuten, die sterben!´´ antwortet sie und spürte, wie ihre Augen anfingen zu brennen.

Kurtis schüttelte den Kopf: ,,…Das ist Unsinn, Lara. So etwas darfst du nicht denken! Du bist weder ein Unglücksbringer, noch hast du Schuld daran, wenn jemand stirbt!´´

Lara feuchtete ihre Lippen an: ,,Da bist du dir so sicher?…Sag das doch mal meiner Mutter. Sie würde heute noch leben, wenn ich nicht wäre!…Oder sag es meinem Vater, der mir einfach nicht verzeihen konnte, als Mutter gestorben war. Er ist daran ebenfalls zu Grunde gegangen!…´´ Lara unterdrückte die Tränen, die ihre Augen feucht werden ließen, ,,…Sag es all meinen Freunden, die während meinen Abenteuern gestorben sind! Sag es meinem Mentor von Croy oder…sag es Chase, der mir mehr bedeutet hat, als mein eigenes Leben!…´´

,,Ich weiß, wie es ist, wenn man jemanden verliert, den man über alles liebt, Lara. Es ist nicht deine Schuld gewesen, auch wenn du das glaubst!…´´ sagte Kurtis und legte ihr einen Arm auf die Schulter, ,,...Man kann nicht ahnen, in welche Bahnen das Schicksal einen lenkt!…´´

Lara schüttelte den Kopf: ,,Alle Menschen, die mir etwas bedeuten, die streben! Am Schluss bin ich immer allein. Ich habe niemanden mehr…´´

,,Du hast noch deine Freunde da unten, sie werden immer zu dir halten! Und ich doch auch!´´

Lara blickte zur Seite, als eine Träne ihre Wange hinunter lief.

,,Lara…´´ begann er sanft und wischte ihr die Träne weg, ,,...Ich bewundere dich! Du verlierst Menschen, die du liebst, du stirbst beinahe in Ägypten, dann wirst du von der Polizei verfolgt, wegen Mordes an deinem Mentor, obwohl du völlig unschuldig bist. Die Cabal hatte dich gejagt und jetzt verfolgen sie uns wieder!..´´ er machte eine kleine Pause, ,,…Ich wüsste nicht, ob ich all das durch gestanden hätte!…Es war sicher schwer für dich…´´

,,…Das ist es immer noch. Ich kann das alles einfach nicht vergessen, Kurtis…´´ entgegnete sie dann leise, ,,…Ich habe versucht, es zu verdrängen, aber…es gelingt mir nicht…Ich kann nicht mehr so weitermachen…´´

,,…Du wirst es schaffen, alles zu verarbeiten, Lara…´´ er sah ihr dabei fest in die Augen, ,,…Ich kann dir helfen, wenn du es zulässt!´´

Einige Sekunden schwieg sie und blickte ihn an, dann nickte sie leicht.

Er schenke ihr ein schwaches lächeln: ,,…Du wirst es schaffen, alles hinter dir zu lassen! Du musst nur anfangen zu reden!´´

,,Es…´´ begann sie mit zitternder Stimme und blickte den Boden an, ,,…Es ist nur so viel passiert in der letzten Zeit! Ich…ich hatte kaum Zeit gehabt…´´ sie brach ab und schloss die Augen, als die Tränen sie zu übermannen drohten.

Kurtis blickte sie an und er wusste wie sie sich fühlte.

Verloren.

Alleine.

Haltlos.

,,…um zu trauern?´´ wollte er dann wissen.

Sie hob den Kopf und blickte ihn an. Ihre Augen waren feucht und Kurtis merkte, dass sie einfach jemanden brauchte, der ihr Halt gab.

,,Komm her…´´ flüsterte er sanft und nahm sie in den Arm, als Lara etliche Tränen übers Gesicht liefen, ,,…dann trauerst du eben jetzt!´´

,,…Bitte…lass mich nicht los!…Es…tut mir Leid…´´ stammelte sie schluchzend, als sie vollends in Tränen ausbrach.

,,…Schhh…ist schon gut! Du brauchst dich nicht zu schämen! Lass einfach alles raus…Dann geht es dir besser…´´ tröstete er sie.

Lara weinte heftig und krallte sich in sein Shirt.

Sie weinte sich all das von der Seele, was sich in den letzten Monaten in ihr angesammelt hatte. Sie fühlte sich so leer, alleine und verloren. Sie konnte es einfach nicht mehr zurückhalten. Doch genauso geborgen fühlte sie sich auch in diesem Moment, als er sie festhielt.

Ihre Tränen tränkten sein Shirt, doch das war ihm egal.

Kurtis hielt sie einfach nur fest und strich ihr sanft über den Kopf und den Rücken. Er wollte sie jetzt nicht loslassen und er wollte all ihren Schmerz und ihre Trauer nur zu gerne auf sich nehmen. Er war sichtlich gerührt und eine Träne lief auch ihm über seine Wange.

Sie tat ihm unendlich Leid und er war sich seinen Gefühlen nie so sicher, wie jetzt gewesen.

Lara, ich liebe dich!

Doch er würde diese Worte niemals über die Lippen bringen…