Die nördlichen Lande

Schier stundenlang fuhren sie schon durch die kahle, verschneite Landschaft Norwegens.

Eine trostlose, aber zugleich auch wunderschöne Landschaft, die Lara nachdenklich gemacht hatte.

Sie war oft an solch trostlosen Orten, aber jetzt war es irgendwie anders gewesen.

Klar, sie war nicht alleine, aber das was es nicht.

Lara hatte Zeit über alles nachzudenken, was in den letzten Monaten und Tagen passiert war und die Stimmen ihrer Freunde kamen ihr dabei in den Sinn.

Vielleicht lag es an dieser Einsamkeit hier oben im Norden, vielleicht lag es auch an ihr selbst, aber irgendwie fühlte sie sich erleichtert.

Es war einfacher geworden und nicht mehr so, wie gestern.

Vielleicht hatte auch das Gespräch mit Kurtis dazu beigetragen.

Sie wusste es nicht, aber was sie wusste und ihr mittlerweile klar wurde, war, das sie sich verändert hatte.

Zum Guten…

Kurtis lenkte den Wagen und pustete gelegentlich den Rauch seiner angebrochenen Zigarette, es war die Zweite, seit sie losgefahren waren, aus dem Fenster,

Lara verfolgte die Koordinaten und ihre Route auf ihrem PDA, eher beiläufig, während Sara sich die Gegend ansah.

Schnee und Eis und auch mal kahle Felsen kamen zum Vorschein.

Gelegentlich trotteten auch ein oder zwei Rehntiere, etwas weiter weg durch die Gegend und suchten wahrscheinlich Futter.

Lara, Sara und Kurtis hatten sich den kalten Wetterverhältnissen Norwegens angepasst und angemessen gekleidet. Ihre Waffen - Laras 9mm Zwillinge, Saras Dienstwaffe, die Witchblade und Kurtis´ Boran X, ebenso wie sein Chirugai - waren, wie stets dabei und geladen.

Man konnte ja nie wissen.

Lara und Sara trugen beide einen Pferdeschwanz. Von hinten hätte man sie glatt verwechseln können, wenn Sara nicht etwas kürzere, dunklere Haare hätte…

Die ganze Zeit, seit sie aus der nächst liegenden Stadt losgefahren waren, schwiegen sie schon, was Sara tierisch auf den Geist ging.

Beiläufig starrte sie auf ihre Armbanduhr und konnte noch nicht einmal sagen, wie lange sie schon unterwegs waren. Sie hatte nämlich nicht auf die Uhr gesehen.

Sara hatte sich dieses Land niemals so vorgestellt.

Allein schon diese ewige Einöde war langweilend. Kahl und grau und schneebedeckte Berggipfel. Doch sie hätte niemals zurückbleiben wollen.

Plötzlich tauchte Sara zwischen Fahrer- und Beifahrersitz auf und ergriff das Wort: ,,Also, Leute, wollt ihr noch länger schweigen, oder habt ihr nichts zu bereden?´´

,,Was meinst du, Sara?´´ fragte Lara und drehte den Kopf.

,,Na, wie wollt ihr vorgehen? Zu den Koordinaten fahren und sehen, wo ihr landet?´´

,,Ja.´´ antwortete Lara knapp und drehte den Kopf wieder zu dem Mini-Computer.

Genervt rollte Sara mit den Augen: ,,Ist das alles? Ihr müsst doch einen Plan haben, oder etwa nicht? Ich meine, Lara, du hast doch immer einen Plan!´´

,,Also für gewöhnlich habe ich nie einen Plan…´´ sagte Kurtis, ,,…Ich improvisiere und ich weiß nicht, wie Lara das sonst macht!´´

Den letzten Teil seines letzten Satzes, hatte er auffordernd betont gesprochen.

Lara hob daraufhin den Kopf und sah ihn an: ,,…Was für ein Plan sollen wir denn auch haben? Wir wissen weder, was uns erwartet, noch nach was wir suchen müssen! Ich würde vorschlagen, wir sehen uns das mal an und entscheiden dann, was zu tun ist!´´

Schulter zuckend drehte Kurtis wieder den Kopf zur Straße: ,,Ganz wie du meinst!´´

Fragend schaute Sara erst zu Kurtis und dann zu Lara. Sie spürte, das zwischen den beiden etwas anders war als vorher. Sie wusste nicht was, aber irgendwie redeten sie - im Moment jedenfalls - anders miteinander.

,,Wann sind wir überhaupt da?´´ fragte Sara dann.

,,In knapp einer halben Stunde!´´ verkündete Lara und blickte wieder auf den kleinen Monitor…

Na gut, es waren fast vierzig Minuten, aber nur weil Kurtis fuhr, wie eine Schnecke. Er wollte schließlich die Aussicht genießen…

Doch dann waren sie angekommen und stoppten den Wagen.

Lara steckte den PDA in ihren Rucksack und kramte das Headset heraus.

Kurtis und Sara taten es ihr gleich.

Dann stieg Lara aus und blickte sich um.

Sie fasste mit einer Hand an das Headset und erhob ihre Stimme: ,,Zip? Könnt ihr uns hören? Wir sind jetzt da!´´

Knisternd ertönte die Antwort in ihren Ohren: ,,Ja, Lara, wir hören euch und die Kameras übertragen das Bild!´´

,,Dann lasst uns loslegen!´´ sagte Kurtis und fing an sich umzusehen.

Zip, Alister, Sammy und Madeleine waren beim Flugzeug, in der nächst liegenden Stadt, geblieben und verfolgten alles über den PC.

Zip hatte zwei normale Flachbildmonitore und einen Laptop aufgebaut, damit jede Kamera alles genaustes übertragen konnte. Ihm würde es niemals im Traum einfallen, ohne seine PC ausrüstend zu verreisen…

Nach einigen Minuten, indem die Drei sich umschauten, genau gesagt nach fast einer halben Stunde, blieb Kurtis stehen und stemmte die Arme in die Seiten.

Vor ihm war eine Klippe, die in die Tiefe führte. Die Steine waren mit Moos bewachsen und boten gute Vorsprünge, um sich festzuhalten.

Allerdings waren die Felsvorsprünge auch glatt und zum Teil vereist.

Lara trat neben ihm und besah sich die Lage.

Ihr kam das alles so bekannt vor, genau wie damals in Griechenland. Würden sie sich etwa wieder anseilen müssen?

,,Und?´´ fragte Sara, die nun auch hinzukam.

,,Wie es aussieht, geht da unser Weg weiter. Hier ist sonst weit und breit nicht, außer einigen Felsen.´´ entgegnete Kurtis.

,,Wollt ihr etwa da runter? Ihr habt doch keine Kletterausrüstung dabei!´´ knisterte Alisters Stimme in ihren Ohren.

,,Hast du eine bessere Idee?´´ sagte Lara und trat zum Abgrund.

Ihre Haare wurden durch den aufsteigenden, kalten Wind umhergewirbelt.

,,Hey, warte, vielleicht sollte ich das tun!…´´ hielt Kurtis sie am Arm zurück, ,,…Du weißt doch gar nicht wonach du suchen sollst!´

,,Du etwa?´´ fragte Lara mit hochgezogener Augenbraue.

,,Nein, aber ich bin ja hier der Lux Veritatis!´´ entgegnete Kurtis.

Schweigend trat Lara zur Seite und ließ Kurtis den Vortritt. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah im zu.

Sara stellte sich dabei neben ihre Freundin, hielt jedoch die Umgebung im Auge.

Kurtis trat zum Rand und schloss die Augen.

Er konzentrierte sich und schickte seinen Geist auf die Suche…

Es schien einige Sekunden, als wäre er gar nicht da. Er war auch überhaupt nicht ansprechbar und schien kaum noch zu atmen.

,,Em?…Kurtis?…´´ fragte Lara und tauschte dann mit Sara, die mit den Schultern zuckte, einen fragenden Blick.

Plötzlich rührte Kurtis sich wieder und grinste Breit.

,,Was war denn das eben?´´ fragte Lara und trat wieder näher zu ihm hin.

,,Wirst du gleich sehen!´´ entgegnete er und wollte sich an de Abstieg machen, doch Lara hielt ihn am Arm zurück: ,,Warte! Du kannst da nicht ohne Sicherungsseil runter!´´

Er drehte sich zu Lara, die ihm ein Seil hinhielt.

Kurtis konnte sich ein erneutes Grinsen mit einem Mundwinkel nicht verkneifen, denn er wusste, das er ihr nicht egal war.

Kurtis nahm das eine Ende des Seils und klingte den Karabinerhaken an seinem Gürtel fest.

Lara und Sara hielten das Seil straff, als Kurtis sich abseilte.

,,Sei vorsichtig!´´ rief Lara ihm zu und es war ihr etwas unangenehm. Wieso machte sie sich denn schon wieder Sorgen um ihn?

Innerlich schüttelte Lara den kopf, konzentrierte sich aber dann darauf, Kurtis mit Saras Hilfe nicht abstürzen zu lassen.

Kurtis war schon einige Meter tief. Dort verharrte er und untersuchte mit einer Hand die Felsen.

Sie waren zum Teil vereist, zum teil glitschig durch das Moos und andere waren scharf, sodass er aufpassen musste, das er sich nicht schnitt.

Er tastet ein paar Minuten die Felsen ab und dann endlich hatte er ihn gefunden.

Er spürte die feine Gravur auf der Rückseite. Fest packte er den Stein und zog ihn dann zwischen den anderen beiden Steinen hervor, hinter denen er eingeklemmt worden war.

Grinsend steckte er ihn sich in die Hosentasche und kletterte dann wieder nach oben.

,,Was sollte das?´´ fragte Lara und half ihm am Arm nach oben.

Sara tat es ihr gleich und Kurtis setzte sich erst mal an den Abgrund, um etwas zu verschnaufen.

,,Du brauchst dich nicht zu sorgen, liebes, ich komm schon klar!´´ sagte er dann zu Lara mit einem spitzbübigen Lächeln.

Ihre Miene lockerte sich nicht, sondern sie verschränkte abermals die Arme: ,,Das habe ich nicht gemeint!…Was hast du da?´´

Weiterhin grinsend zog er den Steinbrocken hervor und stand dann auf: ,,Bitte Gnädigste!´´

,,Hör bitte mit diesen Kosenamen auf! Mein Name ist Lara!´´ tadelte sie ihn und nahm den grau-braunen Stein entgegen.

Sie betrachtete ihn und sah die Gravur. Feine Linien, wurden in den Stein gemeißelt, auf die Seite, die aalglatt geschliffen worden war.

Dann hob sie den Kopf: ,,Schön, ihr hattet also recht!´´

,,Ist das wieder altdeutsch?´´ fragte Sara und sah sich den Stein ebenfalls an.

Kurtis nickte: ,,Ja, er wurde hier versteckt!´´

,,Woher wusstest du das?´´ wollte Lara wissen und versteckte nicht den Unterton in ihrer Frage.

,,Was? Wir sind doch nicht etwas schon wieder misstrauisch, oder?´´ entgegnete er.

,,Bitte beantworte meine Frage!´´ forderte sie.

,,Na schön…´´ seufzte er, ,,…Ihr habt doch sicher mitbekommen, dass ich eben kurz abwesend war…Mein Geist war auf einer anderen Ebene. Der Parallelebene in der Vergangenheit, genauer gesagt…Ich habe versucht zu sehen, was damals hier passiert war und das ist mir gelungen!´´

,,Soll das heißen, du hattest eine Art Vision?´´ hinterfragte Sara hellhörig.

,,Ja, ab und zu kann ich Dinge sehen, wenn ich es will…So habe ich gesehen, dass deine Großeltern, Lara, diesen Stein hier versteckt haben!´´

,,Wieso hast du das nicht schon früher getan? Dann hätten wir uns das hier auch sparen können!´´ fragte Lara und überging seine letzte Bemerkung.

,,Tja, so einfach ist es nicht…´´ erklärte er, ,,…ich kann das nur, wenn ich an einem starken, spirituellen Ort bin und glaub mir, Ladies, die sind äußerst selten. Außerdem bringt das manchmal Komplikationen mit sich, denen ich normalerweise gerne entgehe. Allerdings hatten wir diesmal ja keine andere Wahl, denn den Stein hätten wir so sicherlich nächsten Monat noch nicht gefunden. Doch anscheinend haben wir diesmal Glück gehabt.´´

,,Was für Komplikationen?´´ fragte Lara.

,,Ich hab dir doch von den bizarren, okkulten Ereignissen in meinem Leben erzählt. Das sind meist irgendwelche Geister, Dämonen oder sonstige Schattenwesen, die mich dann angreifen, wenn ich meinen Geist auf eine andere Ebene schicke. Diese Biester haben dann kurze Zeit Gelegenheit, durch das kleine mystische Portal, von deren Schattenebene in die unsere zu entfliehen, das durch mich dann geöffnet wurde.´´

,,Und wo ist deren Ebene - also diese Schattenebene?´´ wollte Sara neugierig wissen.

,,Irgendwo zwischen unserer, also der Ebene der lebenden und der Ebene der Toten. Aber wo genau, kann ich dir auch nicht sagen. Ich bin schließlich kein ausgebildeter Hexenmeister, oder so, aber die Ordensbrüder haben mir eben davon erzählt!´´ antwortete Kurtis.

,,Und diese Viecher können also nur zu uns gelangen, wenn dein Geist sich von deinem Körper absetzt?´´ fragte Sara dann.

Kurtis nickte.

,,Hört sich voll gruselig an!´´ murmelte Zip in der Leitung.

,,Na schönen dank auch, Mr. Demon Hunter! Du hättest uns das auch vorher sagen können, was wenn uns diese Dinger jetzt angegriffen hätten?´´ meldete sich Lara, ein wenig sauer, zu Wort.

,,Hu…´´ machte er, ,,…ganz ruhig, Croft, du erzählst mir ja auch nicht alles, was in deinem Leben passiert!´´

,,Nein, aber so etwas sollte man seinen Mitmenschen schon erzählen, findest du nicht?…Außerdem lass es gefälligst mich mit meinem Nachnamen anzusprechen!´´ entgegnete sie scharf.

Sich ergebend hob er die Hände: ,,Okay, Chef…kann ich jetzt meinen Stein wiederhaben?´´

Lara nahm ihn von Sara zurück: ,,Nein!…nicht bevor wir zurück sind!´´

,,Was denn? Vertraust du mir nicht?´´ wollte er wissen.

Lara steckte den Stein in ihren Rucksack und erhob sich dann wieder: ,,Genau! Du hast es erfasst!´´

,,Hey, schaltet mal ´nen Zahn zurück, Leute, sonst kriegt ihr euch noch in die Haare!´´ unterbrach Zip sie zwei.

,,Er hat recht!…´´ mischte sich Sara dazwischen, ,,…Vielleicht sollten wir wieder zurückfahren!…´´ sie schob Lara von Kurtis weg in Richtung des Autos, ,,…Kommt schon!´´

,,Vielleicht hätt´ ich´s sagen sollen!´´ murmelte Kurtis und trottete den beiden Frauen hinterher.

Doch plötzlich hielt er inne und drehte sich um, als er ein Helikoptergeräusch vernahm. Ein Hubschrauber näherte sich, doch hier war nichts. Die Touristen flogen für gewöhnlich noch ein Stück weiter nördlich.

…Scheiße…Die haben uns gefunden!…schoss es ihm durch den Kopf.

,,Lara, Sara, wir haben ein Problem!…´´ rief er und eilte zu ihnen.

Lara und Sara hatten ebenfalls den Helikopter bemerkt und blickten zu ihm.

Er war schon ziemlich nahe und bereits im Landeanflug, als ein Scharfschütze zum Vorschein kam, nachdem eine Schiebetür geöffnet wurde.

,,Vorsicht!´´ brüllte Zip in ihre Ohren.

Kurtis rannte und riss die beiden Frauen zu Boden, als Schüsse erklangen. Hinter dem Wagen gingen sie in Deckung…