Die Kräfte des Nephillim
Etwas klirrte und Kurtis schreckte hoch.
Es war dunkel, denn es war noch tiefe Nacht, doch er war sich sicher, das er sich das nicht eingebildet hatte.
Er hörte Gum bellen. Etwas war auch zerbrochen und es hatte sich wie Glas angehört.
Sofort stand er auf und griff seine Boran X und sein Chirugai, das beides unter seinem Kopfkissen lag.
Dann schritt er langsam und vorsichtig zur Tür, um sein Zimmer zu verlassen.
Kurtis schloss keineswegs aus, das die Cabal hier sein würde und sein verdacht wurde stärker, als er draußen auf dem Flur jemanden gehen hörte.
Er umfasste den Türgriff, und zählte innerlich bis drei…
Dann sprang er hinaus und richtete die Waffe auf die Person: ,,Halt!´´
Sie erschrak: ,,Junge, ich bin es!´´
Kurtis senkte seine Waffe sofort, als er seine Mutter vor sich hatte: ,,Es tut mir Leid, Mutter, ich dachte…´´ er sah sie an, ,,…Ist etwas? Das Geräusch von eben…´´
,,…Ich war es nicht, aber ich habe es auch gehört!´´ unterbrach Marie.
Sofort drehte Kurtis den Kopf zu Laras Zimmertür und sah Gum knurren und an der Tür kratzen. Kurtis ging vorsichtig darauf zu.
Zip und Alister konnten es nicht sein, oder gehört haben, denn die beiden schliefen einen Stock höher.
Marie folgte ihrem Sohn und war ebenso angespannt, denn sie wusste nicht, was da war.
Sie hatte ja eben selbst nachsehen wollen, denn auch sie war durch das scheppernde Geräusch vorhin wach geworden. Marie wusste, das es aus Laras Zimmer kam und sie wusste, das mit dieser Engländerin irgendetwas nicht stimmte…
Kurtis griff den Knauf und öffnete Laras Zimmertür und weitete seine Augen.
,,Oh mein Gott!´´ Marie legte sich erschrocken beide Hände auf den Mund.
Lara lag in ihrem Bette, aber wandte sich hin und her. Sie schlief und hatte wieder einen Alptraum, doch diesmal war es ganz anders als sonst.
Ein Wind, der wie aus dem Nichts kam, wehte um sie in grünlichen Farbtönen.
Er hatte eine Vase zu Boden geschleudert und somit das Geräusch verursacht.
Ein durcheinander herrschte in dem Zimmer, da der Wind alles, was lose herumlag, herumschleuderte.
Kurtis glaubte nicht, was er da sah, doch er wusste, das er es beenden musste.
Er stürzte los und sprang zu Lara auf das Bett.
Sie wandte sich immer noch und sah gequält aus.
Kurtis fasste ihre Arme, damit sie nicht um sich schlagen konnte und versuchte sie zu wecken: ,,Lara?…Lara! Wach auf!´´
Sie reagierte nicht.
Gum stand bei Marie und bellte.
Der Wind brauste stärker und dann musste er sich ducken, um nicht irgendetwas gegen den Kopf zu bekommen.
Er rüttelte an ihren Schulter und rief: ,,Lara!´´
Sie atmete gehetzt und er merkte, das sie einen schlimmen Traum haben musste.
Dann reichte es ihm und es tat ihm weh, das zu tun, aber er holte aus.
Seine flache Hand schlug, nicht zu fest, gegen Laras Wange und ihr Kopf fiel zur Seite.
Im gleichen Moment stoppte der Wind und die Gegenstände, die noch nicht an der Wand zerschlagen waren, fielen wie Sandsäcke zu Boden, als Lara abrupt die Augen aufschlug.
Sie brauchte einen Moment, um ihren Atem zu beruhigen und blickte Kurtis dabei fragend an.
Sein Haar war vom Wind zerzaust und er fragte sie dann. ,,Alles okay?´´
Noch immer perplex hielt sie den Blickkontakt und fragte, als sie bemerkte, das etwas nicht stimmte: ,,Was ist passiert?´´
Der Hund hopste aufs Bett und legte sich neben Kurtis. Er hechelte und behielt alles im Auge.
,,Kurtis! Komm her…´´ rief Marie ihm zu, ,,…Sie bringt ungeheuerliche Kräfte mit sich! Halte dich von ihr fern!´´
,,Mutter! Bitte!´´ entgegnete Kurtis und gebot so seiner Mutter mit der Hand Einhalt, dabei rutschte er zur Seite, um Lara platz zu machen.
Unterdessen setzte Lara sich langsam auf, fasste sich an die Stirn und sah das Durcheinander.
,,Was ist passiert?´´ fragte sie wieder vollkommen verwirrt.
War sie das etwa gewesen?
,,Lara…´´ begann Kurtis, doch er wurde am Arm gepackt.
Es war seine Mutter: ,,Kurtis, hör mir zu mein Junge…´´ er und Lara sahen zu ihr, ,,…sie bringt nur Unglück mit sich!…Halte dich von ihr fern!´´
,,Mutter…´´ begann Kurtis abermals, doch Lara unterbrach die beiden: ,,…War ich das?´´
Kurtis und seine Mutter blickten zu der Archäologin, die beide fragend anblickte und nicht verstand, was eben passiert war.
Kurtis sah ihr in die Augen: ,,Ja, du warst das…´´ er griff ihr an die Schultern, ,,…Lara, weißt du das denn nicht?´´´
Sie hielt seinem Blick stand und schwieg, was Antwort genug für ihn war.
,,Kurtis…´´ mischte Marie dazwischen und blickte Lara missbilligend an, ,,…sie hat die Kräfte des Nephillim und ist unberechenbar.´´
,,Was?´´ Kurtis blickte zu Marie und glaubte nicht, was er da gehört hatte.
,,Ja, sie ist eine Gefahr für jeden, der in ihrer Nähe ist.´´ sagte Marie dann, ohne den Blick von Lara zu wenden, die noch immer nicht mitkam.
,,Ich…´´ unterbrach Lara, ,,…ich würde nie jemandem etwas antun…´´ sie blickte Marie flehend an, ,,…Bitte, wenn Sie wissen, was mit mir passiert, dann sagen Sie es mir.´´
Marie blickte zu ihrem Sohn, der nickte und er sagte: ,,Du weißt es, oder?´´
Schließlich nickte Marie und setzte sich zu den beiden: ,,Ja, ich weiß, was los ist…´´ sie schluckte, ,,…Ich hatte bereits einen Verdacht, als ihr heute angekommen seid und ich ihre Hand berührte.´´
,,Was ist da passiert, Mutter? Warum hat Lara, diese eigenartigen Kräfte?´´ fragte Kurtis. Er wollte Abends schon diese Sache ansprechen, doch Lara hatte den Kopf geschüttelt. Also hatte Kurtis dieses Thema erst mal gelassen. Doch jetzt kamen sie nicht mehr drum herum.
,,Sie waren auch in Prag, oder?…´´ fragte Marie Lara und als diese nickte, fuhr Marie fort, ,,…Haben Sie Eckhardt getötet?´´
Lara schüttelte den Kopf: ,,Nein, ich wollte es, aber Joachim Karel, hat mir den letzten der drei Kristallsplitter abgenommen und Eckhardt vernichtet. Dann kämpften wir miteinander, doch es war aussichtslos. Mir fiel ein, das Karel mir erzählt hatte, das er ebenfalls ein Nephillim war, also dachte ich mir, wenn ich den schlafenden Nephillim vernichte, vernichte ich so auch Karel…´´
,,Und Sie haben den Schläfer also vernichtet?´´ fragte Marie.
,,Ja, mit dem Sanglyphen…´´ antwortete Lara, ,,…Dann leuchtete ein grünliches Licht auf und der Nephillim war dabei zu explodieren und ich bin davon gelaufen, doch eine Druckwelle der Explosion erreichte mich trotzdem und ich wurde gegen eine Wand geschleudert….´´
Lara sah, wie Marie den Kopf senkte und stoppte ihrer Erzählung.
,,Mutter?´´ fragte Kurtis und sah kurz zu Lara und dann wieder zu Marie.
,,Hör zu, liebes…´´ Marie blickte zu Lara, ,,…Du wurdest von der Explosion des Nephillim getroffen, in dem seine Kräfte enthalten waren und sich entluden…Diese Kräfte sind dabei auf dich übergegangen!´´
,,Was?…´´ entfuhr es Kurtis, ,,…Soll das heißen, Lara hat die Kräfte des Nephillim?´´
Lara blickte geschockt drein, als Marie nickte: ,,Ja, das hat sie…´´ sie blickte wieder zu Lara, ,,…Haben oder hatten Sie in der letzten Zeit eigenartige Träume oder heftige Kopfschmerzen und sind Dinge passiert, die Sie sich nicht erklären können?´´
Lara schluckte und nickte.
,,Dann besteht kein Zweifel mehr.´´ sagte Marie und wirkte traurig.
,,Ja, wie? Ich meine woher weißt du das?´´ fragte Kurtis seine Mutter.
,,Dein Vater hat mir das einmal erzählt…´´ begann Marie, ,…Wenn man einen Nephillim tötet, besteht die Möglichkeit, seine Kräfte zu übernehmen. Allerdings hat das bisher noch niemand getan, denn ein Mensch könnte sie niemals lange beherrschen.´´
Kurtis nickte: ,,Das stimmt. Alister hat mir auch so etwas erzählt. Es steht in einem unserer Bücher.´´
Marie nickte.
,,Moment! Stopp!…´´ unterbrach Lara, die endlich wieder ihre Worte gefunden hatte, ,,…Wenn das wahr ist und ich diese…Kräfte in mir habe…´´ Lara suchte die richtigen Worte, ,,…Wie werde ich sie wieder los?´´
Marie schüttelte den Kopf und senkte ihre Stimme: ,,Das geht nicht…´´
,,Das geht nicht?…´´ hinterfragte Lara, ,,…Aber ich kann doch so nicht weiterleben.´´
,,Das musst du auch gar nicht.´´ sagte Marie und sie sagte es nicht gerne. Sie wechselte auch unbewusst zum `Du´, doch das kümmerte im Moment niemanden.
,,Wie meinst du das?´´ fragte Kurtis, während Lara Marie nur fragend anblickte und ahnte, was diese gleich sagen würde.
Marie schluckte, sah Lara in die Augen und flüsterte fast: ,,…Du wirst sterben!´´
Lara hatte sich auf ihre Hände gestützt und ihr war die Sprache vergangen.
Ebenso wie Kurtis.
Einen ganzen, langen Moment lang.
Schließlich fragte Kurtis: ,,Wie meinst du das?´´
,,…Dies Kräfte sind zu mächtig, für einen Menschen…´´ begann Marie, ,,…Erst merkt man gar nichts, doch mit der Zeit werden sie stärker und fangen an, den Menschen zu kontrollieren, bis er sich selbst zerstört, wenn er ausgebrannt ist…´´ sie sah Lara wieder in die Augen, ,,…Niemand kann diese Kräfte kontrollieren und sie werden dich eines Tages töten.´´
Lara wandte den Blick ab und lies sich durch den Kopf gehen, was ihr Marie gerade erzählt hatte.
Die Alpträume und die Kopfschmerzen kamen nur von diesen Kräften, die auf sie übergesprungen sind, als sie den Nephillim vernichtete?
Sie konnte das alles kaum glauben.
…Sie kontrollieren mich?…Unten in den Katakomben, in Eckhardts versteck und im Wald, als ich den Dämon vernichtet habe?…Das waren alles diese Kräfte, die in mir sind?…
Abrupt blickte sie zu Kurtis, der sie ebenfalls anblickte.
Dann blickte Lara wieder in die Leere.
…Ich werde…sterben?…
,,Nein! Mutter, es muss doch eine Möglichkeit geben! Was wenn du dich irrst?…´´ brach Kurtis die Stille, ,,…Ich…kann sie doch nicht sterben lassen!´´
,,Du kannst nichts tun, Kurtis…´´ entgegnete Marie, ,,…Entweder töten diese Kräfte ihren Köper oder sie stirbt auf anderem Wege. Auf jeden Fall verlassen diese Kräfte sie erst, wenn sie tot ist…Und mit ihnen, hält sie nicht lange durch…´´
Lara schloss die Augen und schluckte.
Es ging also wirklich zu Ende?
Sie blickte zu Marie: ,,W…wie…´´ sie schluckte abermals, ,,…Wie lange habe ich noch?´´
Marie sah die Engländerin an: ,,…Das kann ich dir nicht sagen…Bis jetzt hat noch kein Mensch, die Kräfte eines Nephillim erhalten. Du allerdings hast sie schon seit mehreren Wochen. Wie lange dein Körper diese Belastung noch aushält, weiß ich nicht, aber je öfter du diese Kräfte unbewusst oder bewusst anwendest, desto schwächer wirst du…´´ nach einer kurzen Pause fügte Marie hinzu, ,,…Es tut mir Leid, liebes.´´
Lara senkte den Blick und war noch immer völlig perplex und verwirrt und man sah ihr den Schock auch an.
Kurtis schüttelte langsam den Kopf.
Er wolle es nicht wahrhaben. Lara durfte nicht sterben. Er wollte sie nicht verlieren. Er durfte sie nicht verlieren. Nicht, nach allem, was sie erlebt hatten. Nicht, nach allem, was er für sie empfand.
Kurtis blickte zu ihr, doch sie blickte stumm ins Leere.
…Verdammt, du wirst nicht sterben…Mir wird schon was einfallen…Ich brauche dich und ich lasse das nicht zu!…
Das schwor er sich, bei allem was ihm heilig war…
