Versprich es mir!
Der Morgen graute gerade, als Marie die Treppen hinunter stieg.
Die restliche Nacht hatte sie über diese Sache nachgedacht. Sie hatte trotz allem versucht, eine Lösung zu finden, doch sie wusste, das man der Macht der Nephillim nicht entkommen konnte.
Diese Engländerin tat ihr irgendwie leid. Marie kannte die junge Frau nicht und deshalb war für sie nicht die Rede von mögen oder nicht mögen. Doch Marie wusste, das Kurtis diese Frau liebt und allein das schon war Grund genug, um eine Lösung zu finden.
Irgendwie.
Marie hörte jemanden im Bücherraum, am anderen Ende des Flurs, nachdem sie die Treppe herunter gekommen war. Sie ging darauf zu und öffnete die Tür.
Kurtis stand, mit einer Zigarette im Mund, vor dem Bücherregal.
Rings um ihn herum und auf dem Schriebtisch, der Lesecouch und dem kleinen Beistelltisch, lagen Bücher.
Bücher der Lux Veritatis, die einmal seinem Vater gehört hatten.
Sein Hund, Gum, lag hechelnd auf der Couch, doch hob den Kopf und wackelte mit dem Schwanz, als er Marie erblickte.
Kurtis selbst hatte ein Buch in den Händen und blätterte darin herum.
Er sah nervös aus und eine leichte Blässe lag über seinem Gesicht, die seine Augenringe zur Geltung brachten.
Seine Mutter hatte irgendwie Mitleid und kam auf ihn zu.
Er schien sie nicht zu bemerken, bis sie ihm eine Hand auf den Arm legte: ,,Junge.´´
Kurtis zuckte zusammen und drehte sich zu ihr um: ,,Mutter?´´
,,Was machst du hier, Kurtis?´´ fragte sie, als sie sich das Durcheinander betrachtete.
Er klappte das Buch zu und nahm sich mit der anderen Hand die Zigarette aus dem Mund: ,,Ich habe…Naja, ich wollte….´´ er brach ab, als nur Gestotter aus seinem Mund kam und fing kurz darauf einen neuen Satz an, ,,…Wo ist Lara?´´
,,Oben. Sie packt ihre Sachen.´´ antwortete Marie.
Kurtis nickte und drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, in dem schon viele andere von ihm lagen. Er war so nervös, das er eine nach der anderen gequalmt hatte. Dann schob er sich ein Kaugummi in den Mund.
Er hatte die ganze, restliche Nacht nach Antworten gesucht, doch keine gefunden.
,,Hast du dir das noch nicht abgewöhnt?´´ kam es von Marie dann mit einem verhaltenen Lachen, um ihn etwas aufzumuntern, doch es schien nicht zu klappen und sie merkte, das es ein blöder Versuch gewesen war.
Kurtis zuckte allerdings nur mit den Schultern, steckte das Buch wieder ins Regal und steckte seine Hände in die Hosentaschen, als er ins Leere starrte.
,,Hast du denn wenigstens etwas geschlafen? Du siehst furchtbar müde aus!´´ bemerkte Marie besorgt.
,,Pah!…´´ er blies Luft aus seinen Lungen und sagte gereizt: ,,Was glaubst du denn?´´
Marie atmete tief durch, denn sie wusste, wie sehr ihm die letzte Nacht an die Nieren ging.
Ihnen allen.
Nach einer kurzen Weile, fragte sie: ,,Du liebst sie sehr, nicht wahr?´´
Kurtis blickte daraufhin zu seiner Mutter und dann nickte er.
,,Ich verstehe dich, Kurtis…´´ begann Marie, ,,…Es ist nicht leicht, von jemandem Abschied nehmen zu müssen, aber…´´
,,Hör auf , Mutter!…´´ unterbrach Kurtis wütend und ging zum Fenster, dann sprach er weiter, ,,…Noch ist Lara nicht tot und ich werde es zu verhindern wissen, wenn es so weit kommt!´´
,,Glaubst du denn, mir fiel es leicht, euch das zu sagen?…´´ fragte Marie und kniff die Augenbrauen zusammen, ,,…Himmel, du kannst nichts tun…Du kannst sie nicht retten!´´
Abrupt blickte er zu seiner Mutter und sagte: ,,Doch ich kann! Und ich werde…Irgendwie…´´ er machte eine kurze Pause und man konnte den Schmerz in seiner Stimme deutlich hören, ,,…Ich werde Lara nicht auch noch an die Cabal und deren schmutzige Spielchen verlieren, wie einst meinen Vater!…Nicht sie…´´
Marie kam langsam auf ihn zu: ,,Wie willst du das denn anstellen? Die Macht der Nephillim ist viel zu mächtig…Wenn Lara sich dir entgegen stellen würde, würde sie dir sogar überlegen sein.´´
Stumm blickte Kurtis aus dem Fenster und sah der schnell aufsteigenden Sonne entgegen.
Marie konnte ihm diese Last nicht abnehmen, denn er würde Lara verlieren, so viel stand fest. Sie legte ihm ihre Hand auf die Schulter: ,,Junge…ich werde versuchen in den Büchern und Aufzeichnungen deines Vaters eine Lösung zu finden, wenn ihr weg seid.´´
Kurtis nickte nur.
,,Wenn es allerdings erfolglos ist, dann musst du es akzeptieren!´´
Empört und zugleich geschockt blickte Kurtis seinen Mutter an: ,,Wie kannst du das sagen?…Ich werde niemals akzeptieren, das ich sie vielleicht verlieren könnte!…´´ er entzog sich seiner Mutter und ging eilig zur Tür.
Er drehte sich im gehen noch ein mal um: ,,Niemals!´´ dann verließ er rasch das Zimmer und eilte den Flur hinunter.
,,Kurtis!´´ Marie wollte ihm folgen, doch er war schon weg. Der Hund blickte sein Frauchen fragend an.
Marie seufzte. Sie würde sich gleich an die Arbeit machen…
Schweigend stand er da.
Er wusste nicht wie lange er schon vor dieser Steinplatte stand, doch die Sonne war nun vollends am Himmel.
Er war noch immer am grübeln und sah sich immer wieder die Inschrift auf der Steinplatte an.
…Konstantin Heissturm…
…geboren 1933...gestorben 2001...geliebter Ehemann und Vater…für immer…
Kurtis hoffte auf eine Antwort, von irgendwo.
Egal wo.
Hauptsache, eine Antwort.
Doch er wurde bitter enttäuscht…
Sachte legte sich Plötzlich eine Hand auf deine Schulter und er wusste sofort, das sie es war.
Er schloss die Augen.
,,Kurtis?´´
Er schluckte und öffnete die Augen wieder. Dann drehte er sich langsam zu ihr um und sagte: ,,Lara.´´
Sie sahen sich eine Weile in die Augen und es war fast so, wie früher.
,,Deine Mutter sagte, das ich dich wahrscheinlich hier finden würde…´´ begann Lara und sah auf den Grabstein vor ihm, dann wieder in seine Augen, ,,…Alles klar?´´
Kurtis atmete tief durch: ,,Das fragst du mich?…Was ist mit dir?´´
Lara zuckte nur mit den Schultern und stellte sich dann neben ihn.
,,Stimmt es, das du zum ersten mal hier bist?´´ fragte sie.
Er drehte sich dabei wieder zum Gab um und nickte: ,,Ja…und ich bereue es.´´
,,Was?…Jetzt erst hier zu sein?´´
,,Das auch, aber…´´ begann er, ,,…Ich habe mich mit meinem Vater nie richtig unterhalten, als er noch lebte, bevor er unsere Familie verlassen hatte und das tut mir Leid.´´
,,Ich kenne das…´´ murmelte Lara.
Ein laues Lüftchen wehte zwischen den beiden hindurch und brachte sie wieder zum schweigen.
Der Friedhof war verlassen, denn es war noch zu früh. Trotz der Helligkeit und der Wärme des Sonnenlichts, legte sich eine eisige Kälte um die beiden.
Alles war jetzt anders und sie spürten beide, das die letzte Nacht ihre Spuren hinterlassen hatte.
Lara fühlte es ganz deutlich und sie würde nicht lieber tun, als ihn jetzt in die Arme zu schließen. Seine Nähe, war alles, was sie wollte. Wie gerne würde sie ihm sagen, das ihr Leid tat, was sie zu ihm gesagt hatte, denn er war ihr keineswegs egal. Doch gerade jetzt konnte sie es nicht.
Gerade jetzt, wo sie erfahren hatte, was mit ihr los war, wollte sie Abstand zu ihm halten. So gut es eben ging, auch wenn ihr Herz dadurch unendlich wehtun würde...
,,Warum bist du denn gekommen?´´ fragte er leise.
,,Ich wollte nach dir sehen…´´ antwortete Lara genauso leise, ,,…Deine Mutter hat mir erzählt, was passiert ist.´´
Kurtis sah zu ihr: ,,…Und?´´
Sie blickte ihn ebenfalls an: ,,…Ich wollte nur sicher sein, das es dir gut geht!…Du hast letzte Nacht kein Auge mehr zugemacht…´´
,,…Du doch auch nicht…´´ entgegnete er feststellend.
Sie nickte und wieder stoppte das Gespräch der beiden.
Er blickte erneut knapp zu ihr rüber, doch er brachte kein weiteres Wort heraus.
Kurtis spürte, das er ihr nicht egal war, denn sonst wäre sie nicht gekommen.
Er spürte, das auch sie ihn brauchte und er verstand, warum sie ihn auf Abstand halten wollte. Damit der Schmerz geringer ist…
Lara seufzte leise, dann ergriff sie das Wort: ,,…Wir haben alles zusammen, was wir brauchen…Zip und Alister werden hier bei deiner Mutter bleiben, denn da sind sie wenigstens sicher…´´ sie brach ab.
,,…vor dir?…´´ fragte Kurtis.
Lara nickte: ,,Ja, auch.´´
,,Das ist Unsinn, Lara, du würdest niemals jemandem etwas antun das weiß ich und…´´ begann er, doch sie unterbrach ihn: ,,…Kurtis…´´
Er sah sie an.
,,Das weiß ich nicht…´´ sagte Lara dann.
Verwirrung zeichnete sich in seinem Gesicht ab: ,,Wie meinst du das?´´
Lara überlegte, wie sie es ihm sagen sollte und blickte weg, dann ergriff sie langsam das Wort: ,,…Diese…Kräfte irgendwo in mir…Ich kann es nicht kontrollieren…´´ sie sah ihn wieder an, ,,…Was da in Minsk mit mir passiert ist, darauf hatte ich keinen Einfluss und so etwas kann jederzeit wieder passieren…Ich will niemanden gefährden, schon gar nicht meine Freunde.´´
Kurtis nickte, dann fragte er: ,,Wissen sie es?´´
Lara schüttelte den Kopf: ,,Nein…ich will nicht das sie es wissen. Jedenfalls jetzt noch nicht. Deine Mutter wird schweigen…Du auch?´´
,,Alles was du willst…´´ entgegnete er.
,,Ich werde in einer Stunde los fliegen.´´ sagte Lara leise.
Kurtis nickte: ,,Und ich begleite dich´´
Lara lächelte knapp: ,,Ich hatte gehofft, das du das sagst, denn ich habe eine Bitte…´´
Sie und blickte zu ihm.
Er war etwas verwundert, dass Lara wollte, das er mitkam. Sie hatte sogar mit ihm darüber geredet, was in ihr vorging. Doch er lies diese Gedanken jetzt beiseite, um sie aussprechen zu lassen. Also nickte er wieder und sah dabei ebenfalls in ihre Augen.
,,…Wenn ich nicht mehr…´´ Lara brach ab und fing anders an, ,,…Wenn es zu Ende gehen sollte…mit mir und…´´
,,Lara…´´ unterbrach er, ,,…sag das nicht. Bitte.´´
,,Lass mich ausreden…´´ sagte sie mit Nachdruck und sah ihm fest in die Augen, ,,…Wenn es zu Ende gehen sollte…mit mir…und Sara noch immer bei denen ist, dann musst du sie da raus holen. Du musst diese Sache dann ein für alle mal beenden…´´ nach einem kurzen Augenblick, sprach sie weiter und legte ihm eine Hand auf den Arm, ,,…Versprich es mir, bitte.´´
Er sah in ihren Augen, das sie es ernst, sogar todernst meinte und er würde ihren Wunsch erfüllen: ,,Ich verspreche es. Bei allem was mir heilig ist!´´
Ein schwaches, erleichtertes Lächeln entstand auf ihrem Gesicht: ,,Danke.´´
Er sah ihr noch immer in die Augen und nickte…
