Game over
Sie hatte die Augen geschlossen.
Sie atmete kaum, aber sie hörte Geräusche. Es waren Kampfgeräusche, die von weit weg zu kommen schienen.
Sie war fast taub. Sie konnte kaum etwas hören.
Doch dann Lara hörte doch etwas. Etwas, das war lauter, als zuvor. Etwas metallenes, das über den Boden schlitterte.
Das Schlittern wurde lauter, bis es kurz vor ihr verstummte.
Lara zwang sich die Augen zu öffnen. Es verlangte zwar große Anstrengung, doch sie schaffte es trotzdem.
Sie lehnte noch immer an der Mauer. Genau wie eben.
Sie hatte den Kampf zwischen Kurtis und Damian nur am Rande mitbekommen.
Dan sah Lara rechts neben sich etwas glitzerndes im Mondlicht.
Es war ein Kristallsplitter. Er war blutig.
War es ihr Blut?
Wahrscheinlich.
Aber das der Splitter hier lag, konnte nur bedeuten, das Kurtis ihn verloren hatte.
Lara drehte den Kopf und erblickte es.
Sie hatte Mühe klar zu sehen, denn immer wieder verschwamm das Bild vor ihren Augen.
Doch sie sah Damian, der sich über den am Boden liegenden Kurtis kniete. Der Alchemist umfasste Kurtis Hals mit seinen beiden Händen und drückte zu.
Lara musste ihm helfen.
Sie wusste, das Kurtis hier und jetzt sterben würde, wenn sie nichts unternahm.
Die Grabjägerin blickte zu dem Splitter.
Er lag nur wenige Meter weg von ihr entfernt, doch für sie war es in ihrem jetzigen Zustand eine richtige Unendlichkeit und die reinste Qual.
Doch sie tat es trotzdem.
Lara drückte sich von der Wand weg, auf den Splitter zu. Sie wollte sich auf den Armen halten, doch sie war bereits zu schwach.
Sie krachte vollends zu Boden.
Zu viel Blut war bereits aus ihrem Köper geströmt und tränkte ihr Top. Sie spürte, das immer mehr frisches, warmes Blut ihren Rücken hinunter lief, je mehr sie sich bewegte.
Sie wusste, das sie dran war zu verbluten. Das war die eiskalte, grausame Wahrheit, die Lara nur zu gut vor Augen hatte und sie würde es wohl nicht mehr hier raus schaffen, so wie sie es vorhin, in dem Gang vorausgesagt hatte.
Doch die Archäologin hatte noch niemals aufgegeben und sie würde es auch jetzt nicht tun.
Lara streckte ihre Arme vor und zog ihren, fast betäubten, Körper hinterher.
Es tat weh.
Sie kniff die Augen zusammen, denn sie konnte sich kaum bewegen.
Die Schmerzen in ihrem Rücken quälten sie bei jeder noch so kleinen Bewegung.
Sie zitterte heftig.
Am ganzen Körper, denn so kalt war ihr inzwischen geworden.
Sie fühlte sich, als würde sie in eisigem Wasser baden, ohne Hoffnung, je wieder Wärme zu spüren.
Doch Lara stoppte nicht.
Sie war fast am Ziel.
Lara zog ihren Körper ein letztes mal hinterher und dann griff sie zittrig nach dem Splitter.
Sie erreichte ihn.
Erleichterung überströmte sie, als ihre Finger den Griff umschlangen.
Sie hatte es geschafft.
Wie schön wäre es gewesen, jetzt einfach liegen zu bleiben, die Augen zu schließen und sich der Müdigkeit und der Erschöpfung hin zu geben, denn die hatten sich in ihrem Körper ausgebreitet.
Lara würde nichts lieber tun, als ihre Sinne davon schweifen zu lassen.
Doch sie dachte an Kurtis.
Er brauchte sie.
Die Zeit drängte und das wusste sie.
Die Archäologin lag noch immer am Boden und hatte den letzten Kristallsplitter in der Hand. Das Ding, wegen dem sie wohl sterben würde.
Sie brachte alle Kraft auf, die sie noch hatte und stemmte sich nun auf ihre Arme. Sie drückte ihren Oberkörper vom Boden ab und diesmal konnte sie sich halten.
Allerdings spürte Lara, das sie bald am Ende ihrer Kräfte war. Die Anstrengung war einfach zu groß und ihre Verletzung zu schwer.
Doch diese wenigen Sekunden würde sie noch durchhalten. Das versprach sie sich hoch und heilig.
So kurz vor dem Ziel.
Alles konnte von diesen wenigen Sekunden abhängen.
Sie musste Kurtis helfen.
Sie musste es einfach schaffen.
Lara hob ihren Kopf und blickte zu ihm.
,,…Kurtis!…´´
Es war nur ein krächzen, das ihren Mund verließ, doch er reagierte…
---
Kurtis drehte leicht den Kopf zu ihr, denn sie hatte nach ihm gerufen.
Er erblickte sie.
Kurtis wusste, was sie vorhatte und er war bereit dazu.
Seine Gedanken waren bereits am Schwanken und sein Luftvorrat fast erschöpft.
Damian hatte sich auf ihn gesetzt und am Boden festgenagelt. Dann hatte er mit beiden Händen an Kurtis Hals gefasst und seitdem zugedrückt.
Instinktiv hatte Kurtis seine Hände auf die des Alchemisten gelegt, um ihn weg zu drücken.
Kurtis wandte sich und seine Lungen schrieen mittlerweile nach Luft, doch er konnte sich nicht befreien. Er war noch nicht einmal dazu fähig seine Fähigkeiten gegen Damian zu benutzen.
Dann sah er, das Lara ausholte. Sie warf den Splitter in seine Richtung. Doch kaum hatte sie das geschafft, fiel sie zu Boden und blieb liegen.
Kurtis lenkte den Splitter mittels seiner Fähigkeiten zu sich.
Es war anstrengend und er drohte die Kontrolle zu verlieren, doch es gelang ihm.
Kurtis streckte die rechte Hand danach aus und packte ihn. Ihm war schwindelig, sein Hals schmerzte und er hatte nur noch wenig Zeit.
Alles hing nun von Sekunden ab.
Damian war so darauf versessen zu gewinnen, das er all das nicht mitbekam. Er war so darauf versessen Kurtis zu töten, das er es zu spät bemerkte.
Kurtis holte aus und rammte den letzten Kristallsplitter ohne zu zögern in die Mitte der Stirn des Alchemisten…
Damian erkannte es nun, aber zu spät.
Er schrie jämmerlich und gequält auf und fasste sich an den Kopf.
Er ließ ab von Kurtis, der sofort eifrig und hastig den lebenswichtigen Sauerstoff aufsog.
Kurtis schubste Damian von sich, als er wieder einigermaßen zu Kräften gekommen war und rollte sich weg. Raus aus der Gefahrenzone.
Damian brüllte und stellte sich hin. Er hielt seinen Kopf mit beiden Händen. Aus der Mitte seiner Stirn ragte der Kristallsplitter.
Blut überströmte sein Gesicht und weißer Rauch trat aus der Wunde, gefolgt von einem verdächtigen Zischen.
Dann wurde ein Licht entfacht.
Es umhüllte Damian in grellem Weis.
Kurtis konnte nicht länger hinsehen, es war zu hell. Er dachte er würde erblinden, wenn er hinsehen würde, also schützte er seine Augen vor dem Geschehen.
Damian stöhnte und schrie erneut, als das Licht, das ihn nun völlig umhüllt hatte, anfing sich in seine Haut zu fressen.
Löcher entstanden.
Löcher mit weißem Licht, die immer größer wurden.
Damian brüllte und versuchte instinktiv es ab zu schütteln, doch es half nichts. Das Licht breitete sich auf seinem Körper aus, wie Flammen.
Er konnte es nicht glauben. Er wollte es nicht wahrhaben.
Damian schrie erneut auf und krümmte sich nach vorne. Er hielt sich seinen Bauch, als das Licht sich in seine Gedärme bohrte.
Er starb.
Und er tat es unter höllischen Schmerzen.
Dann nahm die Konzentration des Lichtes weiter zu und plötzlich knallte etwas.
Der Knall war Laut und kurz darauf wurde eine Druckwelle freigesetzt. Eine Druckwelle, die den Raum erzittern ließ. Er bebte.
Die Mauern bekamen Risse und Steinbrocken lösten sich. Sie Glasscheiben an den Wänden und der Decke zersprangen unter dem Druck und prasselten zu Boden.
Kurtis schützte seinen Kopf, um nicht erschlagen oder verletzt zu werden. Zugleich fühlte er den Druck, der ihn selbst nach hinten drängte.
Ein letzter, lauter, langer Aufschrei von Damian folgte nun und dann verstummte er.
Die Druckwelle formte sich zu einem tosenden Wind um, der alles durcheinander wehte.
Der Tisch und die beiden Stühle, wurden gegen die Tür geschleudert, durch die Lara und Kurtis eben rein gekommen waren.
Dann wurde der starke Wind zu einem lauen Lüftchen, bis er schließlich völlig verschwand und das grelle Licht erlosch.
Es war nun wieder stockfinstere Nacht und nur das Mondlicht leuchtete noch immer in den zerstörten Wintergarten…
Nach einigen Sekunden, als Kurtis sicher war, das nichts mehr passieren würde, öffnete er zaghaft die Augen und nahm die Hände vor seinem Gesicht weg.
Er saß mit dem Rücken zur Mauer und sah zur Mitte des Raumes, dort wo eben noch sein Gegner war.
Jetzt, war da nichts mehr.
Kein Überbleibsel, kein Nichts, kein Gar nichts, kein Damian, keine drei Kristallsplitter, nicht mal ein Häufchen Asche war zurück geblieben. Aber der Handschuh lag unversehrt am Boden.
Damian van Eckhardt, der Alchemist und Anführer der `neuen´ Cabal, der ihnen allen das Leben in den letzten Tagen so richtig schwer gemacht hatte, war endgültig vernichtet.
Kurtis lächelte vor Erleichterung.
Es war getan.
Er hatte es geschafft. Er hatte einen Unsterblichen vernichtet.
Endlich war es vorbei.
Dank Laras Hilfe.
Abrupft schwand sein Lächeln, als es ihm wieder einfiel: ,,Lara!?´´
Sie war schwer verletzt.
Kurtis drehte den Kopf nach rechts, erblickte sie und stand dabei auf.
Es knirschte unter seinen Füßen, von den vielen Glasscherben mit denen der Boden übersäht war, doch ihm war jetzt alles egal. Er musste zu ihr.
Kurtis rannte die wenigen Meter die ihn von der Frau die er liebte trennten.
Es war ihm fast wie eine Ewigkeit vorgekommen, diese wenigen Sekunden zurück zu legen, doch endlich war er bei ihr.
Hastig ließ er sich neben ihr auf die Knie fallen…
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Lara lag auf der rechten Seite und hatte die Augen geschlossen. Aus der Wunde an ihrem Rücken triefte immer noch Blut.
Es breitete sich langsam auf dem steinernen Boden aus.
Sie bewegte sich nicht.
Mit leicht zitternden Händen streifte Kurtis ihr das lange Haar aus dem Gesicht, zur Seite. Dann fasste er an ihre Schulter und drehte sie sanft zu sich. Er war aufgeregt und nervös.
Einen Arm legte er um sie und hielt ihren Oberkörper so hoch, doch er passte auf ihre Wunde auf. Lara lag nun in seinen Armen.
Sie atmete noch. Aber ganz wenig.
Kurtis war geschockte denn er sah nur noch Blut.
Überall Blut.
Er fühlte aufgeregt ihren Puls an ihrem Hals und auch er war bereits sehr schwach.
Vorsichtig fuhr ihr Kurtis über die Wange: ,,Lara?…Lara, wach auf!´´
Sie war totenbleich im Gesicht und reagierte nicht.
Kurtis wusste, das ihm die Zeit davon lief. Er musste sie aufwecken. Sie durfte nicht einschlafen, sonst würde sie sterben.
,,Lara!…´´ er schlug ihr dann leicht gegen die Wange und plötzlich regte sie sich.
Sie schlug langsam die Augen auf und blickte direkt zu Kurtis.
Er war ein Stück erleichtert: ,,Hey, Süße…´´
Lara fühlte sich zwar überhaupt nicht gut, doch begann schwach zu lächeln: ,,Kurtis…Ist es vorbei?´´
Er nickte eifrig: ,,Ja, alles ist vorbei…´´ er machte Anstalt sie in seine Arme zu heben, ,,…Komm, ich bring dich hier raus, damit du in ein Krankenhaus kommst.´´
Sie packte seinen Hand und er brach sein Vorhaben ab.
,,Es ist…zu spät…´´ flüsterte Lara.
Sie hatte Mühe richtig zu atmen und verspürte ein Kratzen im Hals.
,,Nein…´´ Kurtis schüttelte den Kopf, ,,…Du wirst es schaffen. Ich kann dich hier raus bringen. Das habe ich dir versprochen…´´ sie sahen sich an und er sprach weiter, ,,…Du hast schon so viel durchgemacht, da wirst du doch jetzt nicht aufgeben?!´´
Lara drehte abrupt den Kopf weg, als sie husten musste. Sie hustete stark und hielt sich die Hand vor den Mund.
Kurtis hielt sie weiterhin fest und erstarrte, als Blut kam. Er schüttelte den Kopf: ,,Oh Gott…´´
Dann war es vorbei, doch das Blut lief Lara aus dem Mund und ihr Atem keuchte.
,,Lara halte durch…´´ sagte Kurtis hastig, doch er war wie gelähmt. Er wusste, das sie wahrscheinlich innere Verletzungen erlitten hatte.
Sie blickte ihn an und zitterte: ,,Es ist so kalt…´´
,,Lara, nein…´´ Kurtis schüttelte wieder den Kopf.
Er wollte es nicht wahr haben.
Es durfte jetzt nicht wahr sein.
,,…Wenn du aufhörst…zu kämpfen…´´ sie brauchte Zeit um die Worte aus zu sprechen, denn sie war schwach und unendlich müde, ,,…dann ist alles so leicht. Es tut…nicht mehr weh…alles ist so leicht…´´ ihr Kopf glitt zur Seite und sie war dran die Augen zu schließen.
,,Nein…Nein!…´´ rief Kurtis und nahm mit der freien Hand ihr Gesicht. Er drehte es zu sich und die beiden blickten sich wieder an.
,,Lara, wage es nicht mich jetzt hier allein zu lassen!´´
,,Ich…´´ begann Lara und brach immer wieder ab, weil sie atmen musste, ,,…ich werde dich…niemals …alleine lassen. Es…es tut mir so leid…Kurtis…das ich…dich angelogen habe.´´
Er wusste was sie meinte.
Es war noch nicht allzu lange her, da hat Kurtis ihr seine Liebe gestanden, doch Lara hatte ihn eiskalt abserviert. Sie tat es nur um ihn zu schützen und das wusste er.
Kurtis versuchte sie zu beruhigen: ,,Schhh…ich war dir doch nie böse. Es gibt nichts zu verzeihen, denn ich kann dich verstehen. Aber bitte, du musst durchhalten, Lara…ich liebe dich!´´
Sie stöhnte und ihre Augen wurden feucht. Diese drei winzig kleinen Worte, waren das einzige, was sie brauchte und wonach sie sich gesehnt hatte.
Lara wollte bei ihm bleiben. Lieber als alles andere auf der Welt. Lara wollte nicht gehen, doch sie wusste, das es nun zu Ende ging.
Sie wusste das sie nur noch wenig Zeit hatte.
Sie wusste, das sie ihn nie wieder sehen würde. Sie spürte ihren Herzschlag in ihrer Brust, wie er stetig schwächer wurde.
Lara streckte mit letzter Kraft ihre zitternde Hand nach ihm aus und strich ihm über seine Wange. Sie sah ihm dabei ein scheinbar letztes mal in diese wundervollen, ozeanblauen Augen und wusste, das sie es ihm sagen musste: ,,Kurtis… ich…´´ sie schluckte und dicke Tränen liefen ihr das Gesicht herunter, ,,…Ich liebe dich auch…´´
Auch seine Augen wurden feucht und er realisierte, was da gerade passierte: ,,Ich weiß es, Lara. Ich habe es doch immer gewusst…´´ er nahm ihre Hand und drückte sie.
,,Bitte Kurtis…Lass mich…jetzt nicht…alleine.´´
,,Niemals. Ich verspreche es dir…´´ entgegnete er und war wie versteinert. Er wusste nicht, was er machen sollte. Sein Herz pochte Laut.
Lara legt den Kopf zurück und schenkte ihm noch einmal ein schwaches Lächeln, als ihre Glieder schlaff wurden.
Nervös blickte Kurtis zu ihr: ,,Lara?!´´
Sie blickte ihn an, doch war nicht mehr fähig etwas zu tun.
Das Bild verschwamm vor ihren Augen.
Jetzt wusste Sie das es vorbei mit ihr war.
Aus.
Für immer.
Ihr Kopf glitt langsam zur Seite.
Kurtis rief nach ihr, doch es drang nur leise in ihre Ohren, denn sie war bereits weit weg.
Ihren schwächer werdenden Herzschlag und das keuchende Geräusch ihres Atems, waren das Einzige, was sie noch hören konnte.
Die Grabjägerin atmete ein letztes mal ein, dabei schloss sie die Augen und als die Luft aus ihren Lungen wich, wich auch das Leben aus ihr…
