Vorbei?

Kurtis blickte auf sie herab. Lara sah aus, als würde sie friedlich schlafen. Sekundenlang, er war wie in Trance.

Dann sah er etwas.

Etwas, wie grüner Nebel. Er strömte aus Laras leblosem Körper und ohne Zweifel waren es die Reste der Kräfte des Nephillim. Sie stiegen empor in die Nacht.

Doch Kurtis beachtete sie nicht weiter. Es war ihm egal, denn er wusste, was es hieße, wenn die Kräfte sie verlassen hatten.

Sie war tot, Lara war tot.

,,Nein…´´ er schluckte und drehte abermals ihren Kopf zu ihm, ,,…Lara!?!´´

Er rüttelte sie.

Er wollte es nicht wahr haben.

Es durfte nicht wahr sein.

Nach allem, was sie zusammen durch gemacht hatten, sollte er sie jetzt verloren haben?

Er schlug ihr gegen die Wange: ,,Lara, wach auf!…Verdammt, du kannst mich nicht verlassen! Ich brauche dich doch!´´

Er schlug wieder gegen ihre Wange: ,,Bitte, mach die Augen auf!…´´ er war plötzlich völlig außer sich, ,,…Lara!….Oh Gott nein! Tu mir das bitte nicht an!…Komm schon!…´´

Lara reagierte nicht.

Sie rührte sich nicht.

Sie gab kein Lebenszeichen mehr von sich.

,,Scheiße, Lara, das war so nicht abgemacht…Bitte mach die Augen wieder auf!´´ rief er zu ihr und rüttelte abermals an ihr, doch es war vergebens.

Er schloss die Augen, als eine bittere Träne seine Wange hinunter liefen.

Es war vorbei.

Es war vorbei?

Ihm wurde die Luft angeschnürt bei diesem Gedanken.

Kurtis nahm Lara behutsam in den Arm, gab ihr einen federleichten Kuss auf die Stirn und drückte sie fest an sich.

Seine Wange berührte ihre Stirn. Starr blickte er zu Boden und hielt sie einfach nur fest. Seine Stimme versagte ihren Dienst, denn am liebsten hätte er seine Wut herausgeschrieen.

Wut die er gegen die Cabal empfand, denn ihretwegen, war Lara nun tot. Ihretwegen hatten sie all das durchgemacht.

Mit bitterer Erkenntnis stellte Kurtis fest, das Lara am Ende doch recht behalten hatte, als sie sagte, sie würde hier nicht mehr rauskommen.

Er hatte sie verloren.

Er hatte die Frau, die er über alles liebte verloren.

Kurtis konnte nicht atmen und er konnte an nichts mehr denken, abgesehen davon sie für immer verloren zu haben.

Gab es denn gar nichts, was er tun konnte?

Er würde alles tun, um sie zu retten.

Sogar sein Leben würde er für sie geben, ohne zu zögern, selbst wenn er in der tiefsten Hölle, dem ewigen Fegefeuer, landen würde.

Es war vorbei?

Sollte es wirklich so enden?

…Nein…ich lass dich nicht so einfach gehen…

Plötzlich schlug er seine Augen wieder auf.

Kurtis schluckte, denn er wusste nicht, ob es funktionieren würde, denn das, was er vorhatte konnte ihn selbst das Leben kosten, doch er gab es gerne, um Lara zu retten.

Er erinnerte sich daran, was Lara damals in Minsk über die fünf Elemente gesagt hatte und das es das Fünfte wäre, der Äther oder anders ausgedrückt die Quintessenz, also der Geist, der lebloses wieder erwecken konnte.

Er musste nur Kontakt zu ihr aufnehmen, wo auch immer sie jetzt war.

Kurtis hoffte inständig, das es klappte, denn er hatte das noch nie zuvor getan und die Verbindung zwischen ihnen musste stark genug sein.

Eine Verbindung, die vom Herzen ausging.

Seelenverwandte.

Wenn die Gefühle, die Lara und er füreinander empfinden, stark genug waren, dann würde er sie finden können. Er würde sie wieder sehen, mit ihr sprechen können.

Er riskierte es, denn er hatte keinerlei Zweifel an ihrer Liebe.

Kurtis löste sich von Lara und legte sie behutsam, flach auf den Boden. Dann kniete er sich dicht neben die leblose Grabjägerin.

Seine linke Hand legte Kurtis auf Laras Bauch und seine Rechte legte er auf ihre Stirn.

Er schloss die Augen.

Er konzentrierte sich.

Kurtis drängte alles weg.

Seine Gefühle, die Ereignisse der letzten Stunden, die Söldner in der Burg, die wahrscheinlich noch immer nach ihnen suchten. Er drängte auch Sara, Zip Alister, Sammy, Madeleine und seine Mutter weg, Damians Tod und sogar den von Lara, denn nur dann würde sein vorhaben gelingen.

Alles wurde schwarz um ihn herum und Kurtis schickte seinen Geist auf eine Reise…

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Sie öffnete abrupt die Augen, doch schloss sie direkt wieder, da es unwahrscheinlich und blenden Hell um sie herum war.

Lara hielt sich die Hand vor die Augen und schlug sie diesmal langsamer auf.

Es dauerte einen Moment, bis Lara sich an die ewige, wärmende Helligkeit gewöhnt hatte.

Sie lag auf dem Boden, wie sie jetzt feststellte.

Doch er fühlte sich merkwürdig weich an. Fast so, als würde sie auf einem Meer aus weißer Watte treiben. Behutsam und beschützt.

Die Grabjägerin setzte sich langsam auf und sah sich um.

Leichter, weißer Nebel bedeckte den Boden und lag in der Luft. Ein laues Lüftchen wehte umher. Alles war strahlend weiß um sie herum.

Niemanden sonst konnte sie sehen, aber der weiße Nebel versperrte ihr aus zunehmend die Sicht, wo auch immer er hingeweht wurde.

Wo war sie?

Was war passiert?

Lara wusste nicht, wie sie hierher gekommen war. Eben war sie noch in der Burg.

Sie wusste, das etwas hier vermutlich ganz und gar nicht stimmte. Etwas lief völlig anders. Es war fremd und doch so vertraut.

Abrupt stand Lara auf und stockte, als sie an sich herunter blickte.

Die Grabjägerin fasste den weichen Stoff an und erkannte, das sie ein Bodenlanges, weißes Kleid trug. Ihre langen, rotbraunen Haare waren glänzend und seidig. Sie wellten sich etwas über ihren Rücken und waren, neben ihrer Hautfarbe, der einzige Farbfleck weit und breit.

Dann stockte sie erneut.

Es fiel ihr wieder ein und tastete nach ihrem Rücken, doch es war keine Wunde mehr zu fühlen. Überhaupt spürte sie keine Schmerzen mehr.

Oh GottBin ich denn…tot?…

,,Hab kein Angst…´´ ertönte eine Stimme von irgendwo her.

Lara fuhr erschrocken zusammen und sah sich hektisch um.

Niemand war zu sehen.

Hatte sie eben richtig gehört?

War da jemand oder bildete sie sich das ein?

Lara musste zugeben, das sie mehr als verwirrt war und das behagte ihr ganz und gar nicht. Was ging hier vor?

,,Hab keine Angst mein Kind…´´ wieder ertönte die Stimme, es war die selbe, wie vorhin, die eines Mannes.

,,Wer sind Sie? Wo bin ich?´´ rief Lara durch den Nebel. Ihre Stimme klang in einem Echo, als würde sie sich in einer riesigen Halle befinden.

,,Ich glaube, diese Frage kannst du dir selbst beantworten.´´ erklang die Männerstimme.

Diesmal konnte Lara es erahnen von wo sie kam.

Direkt vor ihr war jemand. Sie konnte seine Silhouette im Nebel erkennen.

Vorsichtig ging sie ein paar Schritte und stellte beiläufig fest, das sie barfuss war, doch spürte, trotz des lauen Lüftchens keine Kälte.

Lara ging auf den Mann zu und seine Statur wurde deutlicher.

Er trug eine weiße Kutte mit Kapuze

Normalerweise hätte sie sich zur Vorsicht ermahnt und wäre auf Abstand geblieben, doch je näher sie dem Mann kam, desto geborgener fühlte sie sich plötzlich.

Es war eigenartig und das wunderte sie.

Der laue Wind blies den Nebel fort und Lara stand nun wenige Meter vor dem Mann.

Sie hatte keine Angst, auch das Sei-auf-der-Hut-Gefühl war verschwunden. Irgendwie war es seltsam, doch es fühlte sich gut an.

,,Wer sind Sie?´´ fragte Lara erneut und ihre Stimme wurde wieder als Echo wieder gegeben.

,,Auch diese Frage kannst du dir selbst beantworten.´´ antwortete der Mann in einer vertrauten Stimme. Eine sehr vertraute.

Lara formte ihre Augen zu schlitzen und dachte angestrengt nach.

Sie kannte diese Stimme, sehr gut sogar.

So lange hatte sie diese Stimme schon nicht mehr gehört, doch es konnte unmöglich wahr sein.

Oder doch?

,,Zeigen Sie sich!´´ forderte Lara und war gespannt, ob ihre Vermutung richtig war.

Der Mann hob langsam seine Hände und streifte sich ohne weiteres zögern die Kapuze vom Kopf. Er entblößte sein Gesicht.

Ein Gesicht, das Lara seit Jahren nur auf Bildern betrachten konnte und ihr doch vertrauter war, als alles andere auf der Welt.

Ein Gesicht, das sie seit ihrem frühesten Kindesalter her kannte und das sie jahrelang begleite hatte.

Lara weitet erschrocken und überwältigt die Augen und wich eine Schritt zurück.

Ihr kam nur ein einziges Wort aus dem Mund. Lange hatte sie sich danach gesehnt dieses Wort zu ihm sagen zu dürfen und nun, nach all den Jahren tat sie es endlich: ,,Vater…?!…´´