Gewonnen oder verloren?

Sie hatte die Erschütterung gespürt und einen entsetzlichen Schrei gehört.

Sara wusste, das etwas geschehen sein musste. Sie wusste allerdings nicht, was passiert war, oder was sie erwarten würde.

Gerade griff der letzte Söldner sie an, als dieser wieder auf die Beine gekommen war, doch Sara wich dem Hieb mit dem Messer aus. Der Mann nahm Schwung und stach nach ihrem Bauch.

Sara wich zurück und schlug mit der Hand gegen seinen Arm, woraufhin er das Messer fallen ließ. Doch seine andere Hand stürmte vor und traf Saras Gesicht.

Ihr Kopf flog zur Seite und sie knallte mit dem Rücken gegen die Wand.

Der Mann stürmte auf sie zu und grub sein Knie in ihrem Magen. Sara rutschte zu Boden. Es war ein langer Kampf gegen die Söldner gewesen und sie war mittlerweile ganz schön erledigt. Sie hoffte, das nicht noch mehr von denen auftauchen würden.

Der Söldner riss sie an den Haaren hoch und holte zum schlag aus, doch Sara würde diesen Typen niemals gewinnen lassen.

Als die Faust auf sie zuschnellte, riss Sara ihren Kopf zur Seite und die Faust des Mannes prallte krachend gegen die Steinmauer.

Er stöhnte auf.

Sara ließ sich vollend zu Boden gleiten und trat nach dem Knie des Söldners.

Der Mann schrie auf vor Schmerzen, als Sara ihm so das Knie durchtrat und seine Knochen auf der anderen Seite seines Beines wieder herauskamen.

Er stürzte neben sie zu Boden und wimmerte.

Sara erhob sich unterdessen und blickte kurz zu dem Mann hinab, der kaum reagierte. Dann trat sie aus und traf die Schläfe des Mannes, der sich die blutende Wunde an seinem Bein gehalten hatte. Seine Glieder wurden augenblicklich schlaff und er schloss die Augen.

Nun hatte Sara den letzten Söldner, der sie angegriffen hatte, schlafen gelegt. Sie hatte gegen viele Gegner gewonnen, doch es hatte lange gedauert.

Vielleicht sogar zu lange?

Jetzt beeilte sie sich und hastete zur Tür, denn ihr Instinkt sagte ihr, das es dort im Wintergarten passiert war.

Tausend Gedanken kreisten ihr durch den Kopf.

Sie machte sich Sorgen um Lara und Kurtis, denn irgendeine kleine, unscheinbare Stimme, tief in ihrem innern, sagte ihr, das etwas schreckliches passiert sein musste.

Ihr Herz raste, denn Sara malte sich innerlich das schlimmste aus.

Sie wollte hoffen, doch wagte es nicht.

Die Polizistin umfasste, im Laufen, den Knauf der Tür und wollte einfach so hineinplatzen, doch das einzige, was Sara sah, war das dunkelfarbige Holz vor ihr, als sie voll dagegen krachte.

Innerlich trat sie sich gerade selbst in den Hintern für diese blöde Aktion, doch ihr fiel auf, das sie keinerlei Geräusche mehr vernahm.

Auch das trug dazu bei, das ihre Befürchtungen wahr wurden.

Sara trat einen Schritt zurück, hob die Witchblade und schoss eine gebündelte Energieladung auf die Tür ab. Das Holz zersprang in viele tausend Splitter und Sara erkannte, das ein massiver Holztisch die Tür von innen verbarrikadiert hatte. Doch durch die Wucht der Energie, wurde er weg geschleudert und zerschellte an der gegenüber liegenden Mauer.

Dann hastete Sara in den einstmaligen Wintergarten und stockte…

Es knirschte unter ihren Füßen, denn tausende, kleine Glassplitter bedeckten den Boden. Das Dach und ein Teil der Wände, die einmal aus Glas bestanden, waren zerstört. Auch Steinbrocken wurden aus den Mauern gerissen und lagen nun auf dem Boden des ansonst kahlen Raumes.

Doch das ignorierte Sara.

Es war ihr jetzt auch egal, was passiert war, denn sie sah links von sich, nahe der Steinmauer zwei Personen liegen.

Lara und Kurtis.

,,Nein…´´ entfuhr es ihr leise und Sara hastete eilig zu den Beiden.

Lara lag auf dem Rücken und Kurtis auf der linken Seite neben ihr. Sie schienen bewusstlos zu sein, denn Saras sah, das sich Kurtis Brust gleichmäßig hob und wieder sank. Er atmete noch, was hieße, das er lebte. Seinen Hand umfasste die von Lara.

Dann blickte Sara zu der Grabjägerin und stellte mit Schrecken fest, das sie kein Lebenszeichen mehr von sich gab.

Sara eilte zu ihr und ließ sich neben sie auf die Knie fallen, dabei ignorierte sie den Schmerz, als sie unsanft auf den Glassplittern landete.

Sara sah Blut.

Es kam von Lara.

Hastig drehte Sara ihre Freundin leicht zu sich auf die Seite, da sie vorne keinerlei Wunden hatte. Auf Laras Rücken dann, sah Sara das Loch unterhalb ihrer Schulterblätter.

Sara war außer sich und drehte ihre Freundin langsam wieder zurück. Sie fasste Lara dann an den Hals, um ihren Puls zu fühlen, denn sie sah, das Lara nicht atmete: ,,Lara?´´

Es tat sich nichts.

,,Nein!´´ hauchte Sara und blickte in das Gesicht der Grabjägerin.

Lara war bleich, jede Farbe war gewichen. Das sonst gesunde, strahlende Rot ihrer vollen Lippen, war zu einem blassen Schein geworden.

Behutsam strich Sara ihrer Freundin über die Stirn.

Sie war eiskalt.

,,Oh Nein!…´´ Sara schossen die Tränen in die Augen, ,,…Lara, wach doch auf…Bitte, du darfst nicht sterben!´´

Es durfte nicht wahr sein.

Es konnte nicht wahr sein.

Der Schock stand der Polizistin ins Gesicht geschrieben und sie nahm Laras freie Hand. Auch diese wahr eiskalt.

Sara fuhr ihrer Freundin abermals über die Stirn und schüttelte den Kopf, als sie weinte: ,,Oh Lara…es tut mir so leid!´´

Sara war es egal, ob jetzt noch Söldner kamen oder nicht.

Alles war ihr jetzt egal, denn sie konnte ihrer Freundin nicht mehr helfen.

Sara war die Trägerin der Witchblade, einer uralten, mystischen Waffe. Sie konnte angreifen, verwandeln, verteidigen, sogar heilen, aber die Blade war nicht dazu im Stande die Toten wieder zu beleben.

Mit dieser erschütternden, niederschmetternden Erkenntnis, zog Sara ihre Hand zurück und blickte stumm ins Leere.

Gab es keine Möglichkeit ihrer Freundin zu helfen?

Dank der Witchblade konnte Sara mit den Toten sprechen, wenn sie es wollte, auch die Zeit konnte man mithilfe der Blade beherrschen, doch beides war für Sara noch immer ein Rätsel. Sie beherrschte diese beiden Fähigkeiten nicht richtig, denn wenn sie es täte, wäre es wahrscheinlich anders gekommen. Es wäre ein leichtes gewesen die Zeit zurück zu drehen und alles ungeschehen zu machen.

Sara verfluchte sich selbst.

Als sie damals die Blade erhielt, hatte sie keine Zeit darauf verschwendet, deren Fähigkeiten voll und ganz zu erlernen.

Wenn sie doch damals, nicht so stur gewesen wäre, und sich von der Blade hätte leiten lassen, könnte Sara nun all das Ungeschehen machen.

Sie schloss die Augen und hielt sich die Hände vors Gesicht. Sie hatte die Macht dazu, doch sie konnte sie nicht beherrschen. Sie wusste nicht wie. Jetzt war es ihre Schuld und Sara wusste, das sie ihre Freundin für immer verloren hatte…

---

Sie wusste nicht wie ihr geschah.

Eben noch war sie dort oben und alles war irgendwie einfach gewesen, jetzt war es schwarz um sie herum und es war, als würde sie in eisiger Dunkelheit versinken.

Sie frierte entsetzlich, doch es war keinesfalls von Dauer.

Ein Stich.

Ein heftiger, schmerzender Stich stieß plötzlich durch ihre Brust, ihren Rücken, ihre Arme, ihre Beine, ihren Kopf.

Sie krümmte sich, stöhnte auf und saugte dann wieder den lebenswichtigen Sauerstoff ein, als der Schmerz abebbte.

Sie entspannte sich und atmete…

---

Sara erschrak und blickte perplex drein.

Lara bewegte sich.

Sara konnte nicht glauben, was da gerade passiert war. Doch gleich kam das Gefühl, froh und erleichtert zu sein.

,,Lara?´´ Sara nahm hoffnungsvoll erneut die Hand ihrer Freundin und drückte sie. Mit der anderen strich die Polizistin abermals über Laras Stirn.

Lara regte sich und drehte den Kopf zu ihr.

Dann schlug die Archäologin wieder die Augen auf.

Sie war zurück gekehrt…

,,Lara!…Du lebst!´´ hauchte Sara und fing an zu lächeln.

Lara war noch völlig perplex. Sie stützte sich auf ihre Arme und setzte sich auf. Verwirrt blickte sie ihre Freundin an: ,,Sara?…Was ist passiert?´´

Sara fiel ihrer Freundin erleichtert um den Hals: ,,Du warst tot, Süße…Oh Gott, ich bin so froh, das du wieder da bist!´´

Lara entgegnete erleichtert ihre Umarmung.

Sie fror schrecklich, doch ansonsten ging es ihr gut, dann löste sie sich irritiert von ihrer Freundin und fasste sich an den Rücken.

Ihr war schlagartig alles wieder eingefallen.

Doch sie fühlte keine Wunde mehr.

Lara blickte daraufhin Sara wieder an: ,,Tot?…Aber wie…´´ Lara brach ab, ihr fehlten die Worte.

,,Süße, wie fühlst du dich?´´ fragte Sara und sah ihr in die Augen.

,,Mir ist schrecklich kalt, aber ansonsten…´´ Lara zuckte mit den Schultern, sie konnte wirklich nicht sagen, das es ihr schlecht ging.

,,…Was hast du gemacht?´´ fragte Lara dann ihre Freundin.

,,Gar nichts…ich dachte du wärst…naja…´´ Sara brach ab, als Laras Gesichtszüge sich änderten, ,,…Lara, was ist los?´´

Schrecken stand im Gesicht der Archäologin geschrieben und es fiel ihr wieder ein.

Sie war irgendwo gewesen, doch wo, konnte sie sich nicht erklären. Sie hatte ihren Vater gesprochen, doch er war fort gegangen. Er hatte sie wieder alleine gelassen.

,,Lara?´´ fragte Sara wieder und fasste ihrer Freundin an die Schulter.

Lara schluckte und antwortete nicht.

…Kurtis…

Er war auch dort oben gewesen. Doch warum war er nicht hier, bei ihr?

Lara sah im Augenwinkel jemanden neben sich liegen und drehte mit Grauen den Kopf zu ihm.

Er lag neben ihr und rührte sich nicht.

Lara stockte.

Das hieße, er war noch immer dort. Wo auch immer das war und ihm würde die Zeit weg laufen, je länger er dort bleiben würde.

,,Kurtis…´´ hauchte Lara und kam auf die Knie.

Sie bewegte ihre kalten Glieder und drehte Kurtis sachte auf den Rücken: ,,Kurtis?´´

Sara kam auf die andere Seite: ,,Was ist mit ihm?´´

,,Er ist noch immer dort…´´ Lara horchte nach seinem Atem und fühlte seinen Puls.

,,Was? Wo?´´ fragte Sara aufgeregt und fragte sich, was das alles sollte.

,,Er atmet nicht mehr!…´´ hauchte Lara fast panisch und überstreckte seinen Kopf. Sie wusste, das er sterben würde, wenn sie nichts tat.

,,Was?…´´ auch Sara fühlte seinen Puls, ,,…Was geht hier vor?´´

Die Polizistin verstand das nicht.

Wieso, atmete Kurtis nicht mehr, obwohl er es eben noch getan hatte? Ging es ihm denn so schlecht? Was war das für ein Ort, wovon Lara gesprochen hatte?

Sara machte sich Vorwürfe.

Sie hätte nach ihm sehen sollen, dann wäre das vielleicht nicht passiert.

,,Er wird sterben, wenn ich ihn nicht zurückhole!…´´ Lara suchte hastig den Druckpunkt auf Kurtis´ Brust und fing unverzüglich an ihn wieder zu beleben.

Sie drückte fünf mal und beatmete ihn dann zweimal. Dann drückte sie wieder fünf mal.

,,Lara…was…´´ begann Sara, doch brach ab.

Sie wusste nicht was geschehen war und wusste auch nicht wie sie Lara und Kurtis helfen konnte. Ihr kam das alles so bekannt vor, denn vor nicht allzu langer Zeit, hatte sie diese Szene schon einmal gesehen, im adriatischen Meer, aber die Rollen von Lara und Kurtis waren vertauscht gewesen. Wieder hatte sie dieses Angst, einen Freund zu verlieren und saß hoffend da.

Sara wollte sich nicht ausmalen, was geschehen würde, wenn Kurtis für immer schlafen würde. Er musste Leben, für sich und für Lara.

Sara bemerkte, das Lara abgekämpft war, fertig, doch Sara bewunderte ihre Freundin auch. Noch niemals hatte Lara aufgegeben, egal wie es ihr dabei ging und Sara war sich sicher, das sie es jetzt auch nicht tun würde.

Lara hatte ihn gerade wieder beatmet und begann dann wieder zu drücken: ,,Stirb mir ja nicht weg!´´

Ihr fiel prompt ein, was er da oben zu ihr gesagt hatte: ,Ich will dich doch retten.´

Und das hatte er auch getan.

Kurtis hatte sie gerettet.

Nicht nur hier und heute Nacht, sondern auch schon die ganzen Tage davor.

Er hatte sie wieder zudem gemacht, was sie gewesen war und sie aus ihrem Schneckenhaus heraus geholt. Er hatte ihr gezeigt, wie schön das Leben sein konnte und die Zeit, die sie miteinander verbrachten, war die schönste ihres Lebens gewesen.

Endlich gestand Lara es sich ein.

Und jetzt sollte sie ihn verlieren?

Lara wusste, das er sterben würde, wenn er zu lange dort oben bleibt. Und er würde es ohne zögern tun, um sie zu retten, auch das wusste Lara.

Sie hatte all das, in den letzten Sekunden, deutlich vor Augen.

Doch nun war es an ihr, ihn zu retten und sie wollte nicht versagen. Das schwor sie sich, bei allem, was hier hoch und heilig war. Sie hatte es ihm versprochen.

Wieder hatte sie ihn beatmet.

Sie wusste nicht wie lange sie das schon tat.

Mittlerweile standen Tränen in ihren Augen: ,,Kurtis bitte, du hast versprochen, mich nicht alleine zu lassen!´´

Erneut beatmete sie ihn zweimal und Tränen rannen ihr über die Wange. Sie tropften auf die seine Wangen und es sah so aus, als würde auch Kurtis weinen.

Wieder machte sie die Herzmassage und ihre Hoffnung schwand.

Lara wollte nicht wahr haben, ihn aufzugeben. Sie würde ihm helfen, und wenn es das letzte war, was sie tat.

Sie war aufgeregt und das zehrte an ihren Kräften.

Eben noch war sie tot gewesen und sie fühlte, das sie sich noch nicht erholt hatte.

Ihre Atmung ging hastig.

Ihr Puls raste.

Ihr Herz raste ebenso und pumpte, das wenige Blut, das sie jetzt noch in sich hatte, rasend schnell durch ihren Körper. So schnell, das ihr schwindelig wurde. Doch sie gab nicht auf.

Alles was ihr wichtig war, das Einzige, was sie wollte und brauchte, lag vor ihr und es lag an ihr, ob er leben oder sterben würde.

Lara konnte nicht daran denken, was passiert, wenn sie ihn verlieren würde. Ihn, den Mann, den sie über alles liebte.

Wieder hatte sie ihn beatmet und wieder drückte sie.

Ihre Kraft war am Ende, sie würde nicht mehr lange durch halten und ihre Hoffnung floss dahin, ebenso wie die vielen Tränen, die ihr inzwischen über die kühlen Wangen liefen: ,,Verdammt Kurtis, tu mir das nicht an…Verlass mich nicht!…´´ ihre Hände waren eiskalt und ihr drücken war lange nicht mehr so stark, wie am Anfang.

Sie fühlte eine Leere in sich.

Eine Leere ihn verloren zu haben, denn noch immer gab er kein Lebenszeichen von sich.

Verzweifelt drückte sie wieder, nachdem sie ihn erneut beatmet hatte: ,,Ich brauche dich doch!´´

Plötzlich zuckte Kurtis auf und im gleichen Moment, verschwamm das Bild und wurde schwarz vor Laras Augen.

Sie war an Ende ohne zu wissen, ob sie es geschafft hatte oder nicht. Ihre Kraft gab nun völlig nach und sie kippte erschöpft zu Boden…