Kapitel 12:
Sie hatten sich wieder auf den Weg gemacht und ritten in die Richtung, an der sich der Ort befinden sollte, an dem der Zukunftsmann damals durch die Zeit gereist war. Jetzt im Hellen konnte Alexandra den Mann das erste mal richtig erkennen. Er hatte braune Haare, welche ihm bis zu den Schultern reichten. Er war ziemlich hager und man konnte sehen, dass es ihm hier wohl nicht so gut ergangen war. Lexie schätzte sein Alter auf ungefähr 45 und fragte sich, ob er wohl Familie hatte. Dann fiel ihr ein, dass sie noch nicht einmal seinen Namen kannte: „Wie heißen sie eigentlich?", fragte sie deshalb.
Der Mann lächelte das erste mal seit sie ihn befreit hatten. „Daniel, Daniel Gruber. Ich habe vor kurzem geheiratet.
„Oh, dann vermissen sie sie sicher sehr", sagte Lexie mitfühlend.
„Ja, das tue ich", er versank kurz in Gedanken, sah dann jedoch wieder auf: „Aber vielleicht sehe ich sie wieder"
Sie standen nicht weit entfernt von einer großen Eiche. Und Lexie sah aus dem Augenwinkel, wie die Musketiere den großen, alten Baum misstrauisch von der Krone bis zur Wurzel musterten.
„Hm, das ist also der Ort", sagte Aramis noch etwas unschlüssig, was er jetzt tun sollte. Das Musketier machte einen Schritt auf den Baum zu und wollte ihn sich aus der Nähe anschauen, doch fiel im nächsten Moment beinahe um, als ihn ein fester Griff an seinem Doublet zurückhielt.
„Hey, was soll das", sagte er vorwurfsvoll, drehte sich um und legte eine Hand schützend über seine nun schmerzende Schulter.
Porthos sah Aramis warnend an und schaute dann den Baum grimmig an: „Näher dich bloß nicht diesem Baum, ich traue ihm nicht"
„So ein Unsinn! Ist doch nur ein blöder Baum, jetzt lass mich!" Er befreite sich umständlich aus Porthos Griff und näherte sich dem Gewächs. Das Musketier streckte seine Hand aus und wollte die Rinde berühren, doch auch Athos bekam seine Zweifel, was die Sicherheit seines Vorhabens betraf. „Aramis! Nicht anfassen, nur ansehen", rief er gerade noch rechtzeitig.
„Bin ich dein Kind, oder was", sagte er trotzig, ließ jedoch seine Hand sinken.
Die ehrfürchtige Szene wurde durch den Zukunftsmann unterbrochen. Auch er hatte sich die Eiche erst einmal genauer angeschaut.
„Durch anstarren werden wir wohl nie herausfinden, ob es funktioniert.", sagte er entschlossen und ging auf die mächtige Eiche zu. Er hatte beide Anhänger mit seiner Hand fest umschlossen und schaute in das Blätterdach über ihm. Aramis hatte sich wieder neben seine Freunde gestellt. Man konnte ja nie wissen, was dieser Baum so vorhatte.
Nichts passierte.
„Vielleicht muss man irgendwas machen, einen Zauberspruch oder ein Tanz", schlug Porthos vor.
Alexandra sah ihn mit einem fragenden Blick und hochgezogener Augenbraue an: „Porthos, ich bin beim ersten mal auch nicht umhergesprungen und habe im Zauberkessel gerührt."
Doch in diesem Moment fingen die Äste der Eiche an sich leicht im Wind zu bewegen. Ein Rauschen kam auf und die Musketiere und Lexie sahen, wie Daniel bewusstlos zu Boden fiel. Im nächsten Moment war er verschwunden, einfach weg. Gebannt starrten sie auf die Stelle, an der der Mann verschwunden war.
„Krass, ich glaub´s nicht, er ist weg! Hat es funktioniert? Das ist ja der Hammer, vielleicht kommen wir dann auch zurück?", freute sich Alexandra, während die Musketiere mit offenen Mündern da standen und noch immer nicht fassen konnten, was gerade passiert war.
„Mon Dieu" Aramis hatte seine Sprache wiedergefunden. „Gütiger Himmel, das ist doch nicht möglich!"
„Ich hab es euch ja gesagt", triumphierte Lexie und konnte einen kleinen Freudenschrei nicht unterdrücken.
„Allmächtiger, das hätte ich nie für möglich gehalten!" Porthos schüttelte den Kopf, als wolle er nicht glauben, von was er gerade Zeuge geworden war.
„Hast du auch so ein Erbstück, wie dieser Anhänger?", fragte Aramis hastig und fixierte Lexie, die vor Aufregung auf der Stelle hüpfte.
„Ja, da habe ich auch schon drüber nachgedacht" Lexie holte eine Kette aus dem Ausschnitt ihres Hemdes. An der Kette hing ein hübscher, geschliffener Stein, auf dessen dunkelblauem Untergrund ein paar Linien eingeritzt waren. Der Stein war jedoch in der Mitte gebrochen und machte das Symbol unerkennbar.
„Wer hat die andere Hälfte", fragte Aramis, während er die Kette in seiner Hand hin und her wendete, als könne er dadurch ein Rätsel lösen.
„Meine Schwester. Wir haben den Stein schon so bekommen, von meiner Oma"
Und plötzlich wurde Lexie alles klar. „Kein Wunder, dass wir beide hier sind! Wir haben beide ein Stück der Kette"
„Also müssen wir euren Vorfahren finden, hoffen, dass er diese Kette noch hat und dann könnt ihr zurück."
„Ja, das müsste funktionieren. Es hört sich so leicht an, aber wie sollen wir unseren Vorfahren jemals finden?". Lexie schaute fragend zu Aramis auf, der jedoch auch keine Antwort wusste.
„Ich habe keine Ahnung!"
Lexie überkamen wieder erste Zweifel: „Und was machen wir jetzt?"
„Wieder nach Paris. Wir haben den Mann gefunden und jetzt ist er wieder weg", murmelte Athos, als er an der Aramis und Lexie vorbei lief, um sein Pferd loszubinden.
Nicht sicher, ob Lexie lachen oder weinen sollte, folgte sie Athos Beispiel.
Sie machten halt an einer Taverne. Als sie den schmalen Weg entlang ritten und das Gebäude zwischen den Bäumen in Sicht kam, überkam Lexie ein seltsames Gefühl der Vertrautheit. Sie stockte und blieb stehen. Sie kannte dieses Haus. Es war die selbe Gaststätte in der sie mit ihrer Schwester gelandet war und Aramis sie gefunden hatte.
„Kommst du?" Aramis hatte sich zu ihr umgedreht. Sie hatte ganz vergessen, dass sie stehen geblieben war und trabte jetzt zu den Musketieren auf.
„Das ist sie, die Taverne!", stellte Lexie jetzt laut fest.
Aramis nickte ihr zu: „Ja, das ist die Selbe"
Vielleicht war es möglich, dass es auch der selbe Ort war, an dem sie mit Leah aufgewacht war. Sie versuchte sich an den Moment zurück zu erinnern. Doch alles, was sie in ihrem Gedächtnis finden kannte war Angst, Verzweiflung und lauter Bäume. Vielleicht stand da, wo jetzt die Eiche wuchs später einmal ihre Schule. Und zwischen den Gegenständen aus den verschiedenen Zeiten gab es eine Art Anziehungskraft, wenn sie sich näherten. Also war ihr Vorfahre vielleicht auch gar nicht so weit weg. In Paris vielleicht?
Als sie durch die Tür eintraten und die Schankstube in ihr Sichtfeld kam, wurde Alexandras Herz schwer. Wie lange war es her gewesen? Sie wusste es nicht, sie hatte das Zeitgefühl verloren. Ein Monat vielleicht. Sie wollte so dringend wieder nach Hause und sie sorgte sich um Leah. Leah, was sie wohl gerade machte? Sie war bestimmt krank vor Sorge, weil sie noch immer nicht zurückgekehrt war.
„Alles klar bei dir?", fragte D´Artagnan, der ihren bekümmerten Gesichtsausdruck bemerkt hatte.
„Ja, ich habe nur gerade an Zuhause gedacht und überlegt, wie lange es wohl her ist, als das ganze angefangen hat"
„Du kommst zurück, wir wissen jetzt das es möglich ist!", beruhigend legte das junge Musketier ihr eine Hand auf die Schulter.
„Hoffentlich", flüsterte Lexie, mehr zu sich selber.
Sie setzten sich an einen Tisch. Der selbe Tisch wie beim letzten mal dachte Alexandra seufzend. Um sie herum lachten die Musketiere, tranken Wein, zogen sich gegenseitig auf und schwelgten in alten Zeiten. Nur Alexandra bekam davon nicht viel mit. Nachdenklich schaute sie in ihr Glas Wasser, woraus sie noch nichts getrunken hatte. Immer wieder wanderten ihre Gedanken zu den heutigen Ereignissen und dem Problem, dass die keine Ahnung hatte, wo sich derjenige befinden sollte, von dem sie später einmal die Kette erben sollte. Sie vermisste ihre Zeit so sehr. Aber ein neues Problem bahnte sich seinen Weg. Würde sie die Musketiere nicht auch vermissen? Und Aramis... sie dachte an den Kuss zurück. Ja, sie würde ihn definitiv vermissen! Konnte es denn keinen Aramis in ihrer Zeit geben? Loyal, hilfsbereit, witzig, leidenschaftlich, lebensfroh, treu, mutig, unglaublich gut aussehend und ...
Jemand fuchtelte mit der Hand vor ihrem Gesicht herum. Verwirrt blickte sie auf.
„Siehst du, sie lebt noch. Hab´s dir ja gesagt", hörte sie Porthos sagen.
„Ich war mir da kurz nicht so sicher", grummelte Athos und musterte Lexie.
„Woran denkst du? Was beschäftigt dich so sehr, dass du freiwillig Porthos schlechte Witze verpasst", wollte Aramis interessiert von ihr wissen.
„Hey, mein Witzige sind fabelhaft", wehrte sich Porthos entrüstet gegen Aramis Beleidigung.
„Qualität Porthos, nicht Quantität", warf D´Artagnan ein und Athos musste schmunzeln.
Aramis ignorierte die Anderen und schaute Alexandra erwartungsvoll an, da er noch immer auf eine Antwort wartete. Lexie wurde augenblicklich rot im Gesicht, als sie an ihre Gedanken von eben dachte.
„Ähm, ich habe an nichts gedacht, bin nur etwas müde", versuchte sie der Antwort auf die Frage zu entkommen. Aramis schaute sie jetzt noch intensiver an und grinste, als Lexies Wangen noch eine Spur roter wurden. Er interpretierte ihr Ausweichmanöver vollkommen richtig und schenkte ihr einen wissenden Blick.
„Vielleicht solltest du dich hinlegen, ich begleite dich nach oben", schlug er vor und erhob sich, ohne auf eine Antwort zu warten von seinem Platz.
Porthos beobachtete das ganze Schauspiel hoch interessiert und ihm entgingen auch nicht die Blicke, die sich sein bester Freund und die junge Lady zuwarfen. Als sie gemeinsam nach oben verschwanden wurde er noch misstrauischer. Mit einem tiefen Seufzer wandte er sich wieder dem Gespräch zwischen D´Artagnan und Athos zu, die gerade diskutierten welche Paris beste Taverne sei.
„Nein, da ist es viel zu voll und belebt. Alle reden durcheinander und es ist stickig", kommentierte Athos gerade.
„Was würdest du dann deiner Meinung nach vorschlagen? Etwas diese Tavernen, in die nur launische, unglückliche und alte Menschen gehen und sich voll laufen lassen", erkundigte sich D´Artagnan abschätzig.
Dieses Kommentar brachte ihm nun einen äußerst bösen Blick von Athos ein. D´Artagnan musste schlucken, doch Porthos ignorierte seinen strengen Ausdruck: „Das wäre doch dann wohl der perfekte Platz für unser launisches Musketier", zog er Athos weiter auf und klopfte ihm auf die Schulter. „Ich bevorzuge „das lustige Pony", fügte er noch hinzu.
„Constance hat ihm verboten dahin zu gehen". Nun war Athos an der Reihe ihren Jüngsten aufzuziehen"
„Nicht dein Ernst! Die Geschichte musst du mir mal erzählen." Porthos lehnte dich zu Athos vor.
Athos lies sich auf Porthos Spiel ein: „Vielleicht hatte sie Angst, der Kleine würde seine Unschuld dort verlieren.", spekulierte er.
„Wer verliert seine Unschuld?" Aramis war zurückgekommen und quetschte sich auf seinen Platz zurück.
Porthos klärte ihn auf: „D´Artagnan würde seine Unschuld verlieren, würde er ins „lustige Pony" gehen."
Aramis hielt einen Zeigefinger hoch: „Also ich kann aus eigener Erfahrung sagen, ich wäre nicht überrascht, wenn ..."
Porthos schnappte mit gespielten Entsetzten nach Luft und hielt D´Artagnan der neben ihm saß die Ohren zu: „Ah, ich bitte dich Aramis, das ist ganz bestimmt nicht für Kinderohren geeignet."
In seinem Stolz verletzt befreite sich D´Artagnan von Porthos Händen. „Was soll das?, fragte er wütend.
„Ich habe dich nur vor einer von Aramis „Geschichten" bewahrt". Porthos machte ein unschuldiges Gesicht.
„Danke dafür", meldete sich Athos zu Wort. Und alle Vier brachen in frohes Gelächter aus.
Ein großes Tor kam hinter einem Hügel in Sicht. Das Tor, welches die große Stadt ankündigte, die sich dahinter befand.
„Sweet home", seufzte Porthos und atmete die Stadtluft ein, die im Vergleich zu der Landluft eigentlich nicht so wünschenswert war. Der passende Kommentar ließ also auch nicht lange auf sich warten und kam von D´Artagnan: „Wenn man auf den Duft nach Abfall und Staub steht.
„Bullshit, es riecht nach Heimat", antwortete Porthos unbeeindruckt.
Es klopfte an Constances Tür. Schnell unterbrach sie ihre Mahlzeit und ging, um zu öffnen. Jedes mal wenn es an der Tür klopfte, hoffte sie es wäre D´Artagnan mit Lexie und bis jetzt wurde sie jedes mal enttäuscht. Wo waren sie denn bloß? Sie machte sich solche Sorgen. Sie sollten schon längst wieder zurück sein. Es hatte schon viel zu lange gedauert und mit jedem Tag, nein mit jeder Stunde, die sie länger weg blieben wuchs Constance Besorgnis. Eigentlich sollte sie es doch schon gewöhnt sein auf ihr Musketier zu warten, doch jedes mal hatte sie Angst um ihn. Angst er würde vielleicht nicht wiederkehren. Leah wurde auch immer ungeduldiger und mit jedem Tag schlechter gelaunt. Schon unzählige Male musste sie sie trösten und ihr versprechen, dass alles wieder gut werden würde, obwohl sie selber nicht so ganz davon überzeugt war. Was würde sie nur tun, wenn wirklich etwas Schlimmes passiert war? Sie hatte sich schon alle möglichen Horrorszenarien vorgestellt. Ein erstochener D´Artagnan, ein erschossener D´Artagnan, ein ertrunkener D´Artagnan, ein erhängter D´Artagnan, ein von Pferden überrannter D´Artagnan... sie war an der Tür angekommen und auch heute öffnete sie diese hoffnungsvoll, obwohl sie eigentlich schon vermutete, das es wieder jemand anders war. Umso größer war die Freude, als sie tatsächlich Lexie und D´Artagnan entdeckte.
Erleichtert schaute sie von Alexandra zu D´Artagnan, als müsse sie sich vergewissern, dass sie auch in einem Stück wieder angekommen waren. Außer ein bisschen Dreck und Müdigkeit konnte sie jedoch nichts erkennen und fiel ihrem Musketier ungestüm um den Hals.
„Meine Güte, wo war ihr nur?"
D ´Artagnan traf diese stürmische Begrüßung so überraschen, dass er beinahe umgefallen wäre, stände hinter ihm nicht Porthos, der ihm nun als Stütze diente. Lächelnd betrachtete Lexie die Begrüßungsszene und ihr Lächeln wurde noch größer, als sie jetzt ebenfalls von Leah umgerannt wurde.
Aramis war aufgetaucht: „Warum begrüßt mich keiner?", wollte er irritiert wissen.
Daraufhin wurde er von Porthos brüderlich umarmt. „Tja, sieht so aus als hätte uns keiner vermisst"
Athos lehnte etwas abseits, weit genug entfernt, um nicht zwischen die Fronten zu geraten. Doch er hatte die Rechnung ohne Porthos und Aramis gemacht, die jetzt zu ihm kamen um ihn in den Begrüßungskreis mit ein zu binden. Er versuchte zu fliehen, doch es war bereits zu spät. Mürrisch ergab er sich seinem Schicksal.
