Kapitel 15

Hier bin ich wieder, mehr oder eher weniger erholt von der Kursabschlussfahrt. Ich wünsche euch viel Spaß mit diesem Kapitel :)

„Alexandra?"

„Alexandra?"

„ALEXANDRA?"

„Ja?", fragte sie verwirrt. Wer weckte sie denn da so früh?

„Hast du mitbekommen, was ich gesagt habe?", fragte die Stimme und Alexandra entschloss sich dann doch einmal die Augen zu öffnen. Als sie erkannte, wo sie sich befand, schnappte sie überrascht nach Luft und wäre beinahe mit ihrem Stuhl umgefallen.

Sie konnte sich ein „Oh verdammt" nicht mehr verkneifen. Sofort war sie hellwach und sah verunsichert hinter sich, doch sie sah nur in die verwirrten Gesichter ihrer Mitschüler, die sich keinen Reim auf ihre Reaktion machen konnten.

„Ja genau! Ich werde mir das notieren. In meinem Unterricht einschlafen, wo kommen wir denn da hin!"

Lexie war momentan nicht in der Lage zu kontern, sie hatte gerade sowieso andere Sorgen.

„Ich werde dann die Frage noch einmal wiederholen: Kannst du an der Tafel eine nukleophile Addition von Ammoniak durchführen?", fragte Alexandras Chemielehrer mit strengem Blick.

Jetzt war Alexandra vollends verwirrt. „Äh, nein.", versuchte sie als Antwort und hatte dabei nur einen Gedanken im Kopf: Sie musste nach Leah schauen!

„Falsche Antwort! Schade.", sagte ihr Lehrer gerade ironisch betrübt und zückte sein Notenbuch, sowie den gefürchteten roten Stift.

„Ohne Fleiß keinen Preis", kommentierte er, während er sein Heftchen wieder zur Seite legte.

Das weckte dann doch Lexies Aufmerksamkeit und sie zog die Augenbrauen hoch und schaute ihren Lehrer mit einem Blick an, der zu sagen schien: Was sollte jetzt das bescheuerte Sprichwort?

„Dann sollte ich vielleicht lieber gleich gehen", antwortete sie, immer noch ihr Ziel vor Augen, den Raum verlassen zu wollen. Ohne auf eine Antwort zu warten, räumte sie ihre Sachen schnell zusammen und stürzte kopflos aus dem Chemielabor. Der gesamte Kurs schaute ihr verwundert hinterher, als die Tür zu fiel und die Blicke der Schüler wanderten zu ihrem Lehrer, der perplex in der Mitte des Raumes festgewachsen zu sein schien.

Als Lexie vor der Türe war, rannte sie den Flur entlang und um die Ecke, um schnellstmöglich außer Sichtweite von möglichen Personen zu kommen. Als sie sich unbeobachtet fühlte, lehnte sie sich gegen die Wand, schloss die Augen und atmete tief durch. „Okay, ganz ruhig. Es hatte tatsächlich funktioniert und es war noch nicht einmal Zeit vergangen, als sie weg war. Alles war wie vorher!", redete sie in Gedanken mit sich selber. „Alles ist in Ordnung! Atmen", versuchte sie ihre Atmung und Herzschlag wieder unter Kontrolle zu bekommen, um einer möglichen Panikattacke zu entgehen. Sie hatte sich gerade wieder gefangen, als sie fast schon wieder einen Herzinfarkt bekam, da sich plötzlich eine Hand auf ihre Schulter senkte. Unbeabsichtigt schrie sie auf und wich einen Schritt zurück.

Vor ihr stand ihre Freundin Daniela, die jetzt abwehrend die Hände hob: „Ist ja gut, was ist los mit dir?".

„Es geht mir gut!", antwortet Alexandra etwas zu hastig.

„Das sehe ich", kommentierte ihre Freundin ironisch und musterte Lexie von oben bis unten.

„Hast du dich in den Deck gelegt? Oh Gott, bist du mit dem Fahrrad hingeflogen, hast du eine Gehirnerschütterung?", schlussfolgerte Daniela.

„Nein.", war Alexandras einzige Antwort.

„Dann solltest du mal öfter duschen, du hast da Dreck." Daniela befeuchtete ihren Finger mit etwas Spucke und wollte ihr etwas Schmutz aus dem Gesicht wischen, doch Alexandra wich gerade noch rechtzeitig zur Seite aus. Sie hätte ihrer manchmal sehr direkten Freundin ja jetzt gerne erklärt, dass Duschen in 17. Jahrhundert einen nicht ganz so großen Stellenwert hatte und eher als seltenes Ereignis angesehen wurde, doch sie entschied sich dann doch für die andere Variante: „Danke für das Kompliment"

„Kein Problem", antworte Daniela unbeirrt. „Und wenn wir schon mal dabei sind, warum siehst du so verheult aus, hat dich jemand sitzen lassen?"

„Haha, sehr lustig. Ich muss jetzt weiter, wirklich"

Daniela musterte sie noch einmal mit einem ernsthaft besorgten Blick: „Dann halte ich dich mal nicht auf, aber du kannst mit mir reden, wirklich! Wenn was ist, dann sag es mir!".

„Danke, aber es ist alles in Ordnung, wirklich!", beteuerte Lexie.

Daniela schaute sie noch mit einem prüfendem Blick an, weil sie das ihrer Freundin wirklich nicht glauben konnte, konnte aber dann nur noch Alexandra hinterhersehen, wie sie hinter der nächsten Ecke verschwand.

Warum musste sie das ansprechen? Aramis. Sie vermisste ihn jetzt schon. Wenn sie daran dachte, dass er ja jetzt gar nicht mehr lebte, wurde ihr schlecht.

In Gedanken, fand sie automatisch ihren Weg, vor die Klassentür ihrer Schwester. Sie hatte gedacht, dass es komisch wäre, wieder hier zu sein, aber alles war wie immer. Alles, außer sie! Wie konnte sie vergessen, wo sie das letzte Jahr verbracht hatte, was sie getan hatte? Scheiße, sie hatte sogar einem Menschen das Leben genommen! Wie sollte sie weitermachen, als wäre nichts geschehen? Nein, das konnte sie nicht. Auf keinen Fall! Sie musste immer wieder an Aramis denken und daran, was sie alles verloren hatte. Sie besaß eine Verantwortung, aber wer war sie hier? Eine Schülerin, die noch nichts erreicht hatte. Sie war unbedeutend und klein! Und was kam nach der Schule, wie sollte es weiter gehen, wenn sie in einem halben Jahr fertig war? Sie konnte doch mit niemandem reden, denn dass würde man sie für verrückt halten. Es gab nur noch ihre Schwester, aber sie wollte sie nicht mit ihren Sorgen belasten.

Sie war fast angekommen und wollte gerade auf den Flur abbiegen, als ihr Leah schon entgegenkam. Erleichtert atmete sie durch und auch Leah entspannte sich. Sie umarmten sich und Leah fing vor Erleichterung an zu lachen.

„Wir haben es geschafft, wir sind zurück!"

„Ja, sind wir!", bestätigte Alexandra und lächelte ihre Schwester an. Sie wollte sie nicht durch ihre Gedanken beunruhigen.


Bei den Musketieren:

„Was ist in dich gefahren? Verdammt!" Athos hatte alle Mühe, Aramis zurückzuhalten, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war, um auf die Eiche zu zurennen. Er schrie Alexandras Namen. Als die Geschwister nicht mehr zu sehen waren, ließ sein Widerstand nach und er stand wie angewurzelt und starrte auf die leere Stelle unter dem mächtigen Baum. Athos schaute ihn mit einem Blick an, der vermuten ließ, dass er Aramis für verrückt hielt.

„Das hätte schief gehen können! Was dachtest du dir dabei? Du hättest sonst wo landen können.", redete Athos aufgebracht auf Aramis ein.

Als Aramis nicht antwortete und ihm sonst auch keinerlei Aufmerksamkeit schenkte, stellte Athos sich vor ihn. Er musterte ihn und schüttelte den Musketier an den Schultern als er keine Reaktion zeigte.

„Was ist los mit dir?"

„Sie wird nie wieder kommen, oder?". Langsam wandte Aramis seinen Kopf Athos zu.

„Sie sind jetzt wieder in ihrer Zeit, und das ist gut. Das ganze Zeitreiseding war mir schon immer skeptisch.", antwortet Athos jetzt ruhiger.

Damit war das Thema für ihn fürs erste erledigt. Er wusste, dass es jetzt keinen Sinn hatte, Aramis zu drängen, ihm mehr zu erzählen, daher ging er zu einem anderen Thema über.

„Was machst du hier, du solltest die neuen Rekruten einweisen", sagte er in einem fragendem Ton.

„Mir ging´s nicht gut", bekam er als als leise Antwort.

Athos bedachte Aramis mit einem skeptischen Blick: „Das ist das erste mal, dass ich dich das sagen höre. Du musst dem Tode wirklich nahe sein, wenn du zugibst, dass er dir nicht gut geht", warf er ein und zog eine Augenbraue hoch. „Aber trotzdem hast du dich entschlossen, einen Ausflug in den Wald zu machen?"

„Frische Luft", grummelte Aramis als Antwort und folgte Athos, der gerade dabei war, die Pferde vom Baum loszubinden. Kopfschüttelnd und mit dem Wissen, dass Aramis ihm ganz eindeutig etwas verschwieg stieg Athos auf sein Pferd.

Als sie wieder in der Garnison ankamen, ging Aramis direkt auf sein Zimmer. Auch das Abendessen verpasste er und die drei verbleibenden Musketiere begannen sich Sorgen zu machen. Ihre Sorge war berechtigt, denn auch am nächsten Morgen war Aramis noch immer schlecht gelaunt. Schweigsam saß er am Tisch und starrte Löcher in sein Frühstück, welches vor ihm stand. Porthos saß ihm gegenüber und musterte seinen Freund besorgt.

„Was ist los? Rede mit uns!", versuchte Porthos jetzt schon zum gefühlt tausendsten mal einen Anlauf.

„Nichts, mir geht es gut.", antwortete Aramis knapp und sah dabei nicht so aus, als wolle er noch weiter auf dieses Thema eingehen.

„Du siehst aber nicht so aus, als würde es dir gut gehen", stellte Porthos fest. „Wir machen uns Sorgen".

Bei diesen Worten schaute Aramis auf: „Müsst ihr aber nicht, wirklich!" Der Musketier versuchte ein gequältes Grinsen.

„Ist es, weil Alexandra weg ist?", traute sich Porthos endlich die Frage zu stellen, die im schon die ganze Zeit im Kopf herum schwirrte.

Aramis Gesichtsausdruck verfinsterte sich und Porthos erkannte, dass er ins Schwarze getroffen hatte.

„Was war das zwischen euch", hakte er also nach.

Aramis machte ein unschuldiges Gesicht: „Ich glaube, ich habe mich verliebt", gestand er.

„Oh Aramis". Porthos wusste nicht mehr, was er darauf antworten sollte. Er konnte nur hoffen, dass Aramis über sie hinweg kommen würde, denn Lexie würde nicht wiederkommen. Warum musste sein Freund auch immer so ein Pech mit den Frauen haben?

In dem Moment kamen Athos und D´Artagnan an den Tisch und verkündeten, dass sie aufbrechen sollten. Sie waren auf eine neue Mission geschickt worden, die bedeuten würde, dass sie einige Tage unterwegs waren. Porthos hoffte, dass er damit Aramis irgendwie ablenken konnten. Er stand auf und klopfte seinem besten Freund brüderlich auf die Schulter.

„Das wird schon wieder!", riet er, aber er wusste, dass dieses Thema noch lange nicht beendet war.