A/N: Diesmal wieder etwas längere Ladezeiten :(
Disclaimer: Die liebe, liebe J.K. Rowling ist für die Harry Potter Reihe verantwortlich, die Rechte liegen bei ihr und mit meiner Fanfiktion will ich kein Geld verdienen, oder ihr das Recht an Harry Potter streitig machen. Das einzige, was ich beanspruchen kann, ist die Handlung dieser Story. So viel dazu.
Warnings: Slash, also die Zuneigung zweier männlicher Charaktere zueinander.
„Und noch einmal. Was machst du hier, Malfoy?", fragte Ron verblüfft und schaffte es nicht wirklich, seinem Ton eine fiese Note zu verleihen. Er und Draco standen verloren im Klassenzimmer für Zaubertränke, doch der zugehörige Lehrer war nicht anwesend.
„Denk nicht, ich hätte darum gebeten, hier zu sein. Snape hat mich zu deiner Aufsicht gemacht.", blaffte Draco ihn an. In diesem Moment war er dankbar, so erzogen worden zu sein, dass er rund um die Uhr seine Maske aufhaben musste, sonst hätte Ron sofort mitbekommen, was wirklich in ihm vorging. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, zu erahnen, welche Gefühle Draco verbergen wollte.
Zu gern hätte er nicht mehr so tun müssen, als hegte er einen Groll auf Ron, als wolle er wirklich nichts von ihm, als ließe ihn Rons Anwesenheit kalt. Doch da sprachen so einige Dinge dagegen. Zum Beispiel, dass sein Vater ausrasten würde, oder dass alle Slytherins (bis auf Blaise) ihn dafür verachten würden, ergo er würde seinen guten Ruf verlieren. Nun ja, sein Ruf war nicht gut in dem Sinne, aber er war als fieser, gefühlskalter, Besitz ergreifender Slytherinprinz bekannt und wurde dementsprechend vorsichtig behandelt. Diesen Status für Ron aufzugeben, erschien Draco mehr als unlogisch. Der Rothaarige gäbe ja im Gegenzug auch nichts auf.
Nun ja. Nicht ganz. Alle Gryffindors wären wohl böse auf ihn, dass er sich mit einer widerlichen Slytherinschlange abgab und zudem hätte er es wahrscheinlich auch nicht einfach, fänden alle heraus, dass er schwul war. Aber diese zwei Risiken ginge Draco auch ein, also reichte es nicht, was Ron für das Ermöglichen einer Beziehung der beiden opfern musste.
Für Draco war es wichtig, dass er für eine Beziehung nicht mehr leiden musste, als der andere auch- nicht einmal für Ron wollte er da eine Ausnahme machen. Er würde sich jetzt nur noch durch die Zeit quälen müssen, in der er andauernd an Ron denken musste und dann hatte er das ganze Gehabe hinter sich. Und was ist, wenn ich ewig an ihn denken muss? Konnte es denn sein, dass der Rotschopf seine Gedanken so sehr in der Gewalt hatte? Würde Draco jemals damit aufhören, ihn bei sich haben zu wollen? Nein, das wäre unmöglich. Menschen waren vergesslich- eines Tages würde Draco aufwachen und einfach vergessen, an Ron zu denken und ab da würde er es immer seltener tun, bis er Ron letztendlich nie wieder mit irgendetwas in Verbindung setzte.
Aber bis er so vergesslich geworden wäre, müsste erst eine lange Zeit vergangen sein...
„Willst du hier ewig so rum stehen und mir ins Gesicht starren?", holte Ron ihn aus seinen Gedanken. Draco wand sich schnell ab und schalt sich einen Dummkopf. Es war ihm nicht einmal aufgefallen, dass er die ganze Zeit über Rons Gesicht mit seinen Blicken abgefühlt hatte. Angestrengt versuchte er, die Röte von seinen Wangen fernzuhalten und seine Bemühungen zeigten erfolg. Ihm war nicht im Geringsten anzusehen, wie peinlich es ihm war.
„Professor Snape meinte, du sollest die Zutaten aus dem Schrank reinigen und sortieren und die Kessel putzen. Magie ist nicht erlaubt. Nur dem Professor und mir ist es momentan möglich, hier zu zaubern. Am Besten, du fängst jetzt gleich an, sonst bist du vor dem Morgengrauen nicht fertig." Jetzt war Ron an der Reihe, Draco unverhohlen anzuglotzen. Meinte der es so ernst mit der Aufsicht. „Wieso guckst du mich so ungläubig an?", schnarrte Draco schlecht gelaunt.
„Weil du mich tatsächlich die Aufgaben machen lässt, die Snape gegeben hat."
"Was hattest du denn anderes erwartet?"
„Na ja, wir wären wirklich viel früher hier raus, wenn du einfach kurz deinen Zauberstab schwingst und die Arbeit für mich erledigst."
„Warum sollte ausgerechnet ich dir helfen, Weasley? Wenn Professor Snape das herausbekommt, bleiben alle Strafen an mir hängen. Fang jetzt gefälligst an, denn früh gehen möchte ich tatsächlich." Draco war mehr als nur schlecht gelaunt. Seine Überlegungen waren darauf hinausgelaufen, dass er Ron nur aus seinem Kopf verbannen konnte, wenn es jemanden gab, der ihn noch mehr beschäftigte und diese Person ließ sich auf Hogwarts nicht finden. Er ließ sich auf dem Stuhl am Lehrerpult nieder und blickte Ron erwartungsvoll an.
„Gut.", stöhnte dieser unfreiwillig. „Wonach soll ich die Vorräte sortieren?"
„Nach Alphabet. Die Schüler stellen sie nie richtig zurück im Unterricht. Ich würde dir empfehlen, erst die Zutaten zu säubern, ehe du sie alle einsortierst und dann wieder herausnehmen musst." Draco klang zusehends genervter. Es lag weniger an Ron, als an der Tatsache, dass er sich eingekesselt fühlte. Er wollte wegen Ron nichts unternehmen, das wäre falsch. Aber unternähme er wirklich nichts, würde sein Gewissen ihn damit plagen, wie viel besser es jetzt in Rons Armen sein konnte. Draco hegte keine Zweifel an dem Umstand, dass Ron wohl auch interessiert an ihm war, nur ob es dem Rotschopf auch so... einigermaßen ernst und wichtig war, wusste er nicht.
Ron ging zum Zutatenschrank und begann, die vielen Fläschchen, Dosen, Ampullen und Phiolen auf einen nahe gelegenen Tisch zu stellen. Zu seinem Glück waren sie beschriftet und er musste nicht erst herausfinden, was in ihnen enthalten war.
Es schien ihm, als würde das hier eine ziemlich langweilige Beschäftigung werden, denn Draco wirkte nicht so, als würde er gleich eine interessante Konversation mit ihm beginnen. Ron seufzte schrecklich tief und nahm sich vor, das Beste aus der Situation zu machen. Vielleicht konnte er Draco dazu bewegen, sich mit ihm zu unterhalten, oder wenigstens etwas von sich zu geben.
„Weißt du, es ist zwar unfair, Snape die Schuld zu geben, aber ich wette, mit einem anderen Lehrer hätte ich auch bessere Noten in Zaubertränke.", begann er auf gut Glück ein Gespräch, während er mit einem Lappen die verschiedenen Zutaten säuberte. Draco hätte Ron am liebsten so angeguckt, als ginge es ihm nicht mehr ganz gut. Merkte der Rotschopf denn nicht, wie außerordentlich genervt er gerade war? Ihm war zumindest nicht nach einem netten Plausch.
Ron ignorierte das geflissentlich und redete einfach weiter. „Ich meine, er zieht alle Gryffindors immer in den Dreck und selbst, wenn sie etwas richtig machen, gibt es keine einzigen Hauspunkte. Aber euch Slytherins stopft er ja schon fast voll damit. Nicht, dass ich etwas gegen euch hätte... nun doch, ich habe eine Menge Vorurteile, aber ich wette, es lässt sich mit euch leben, wenn es sein muss. Aber Fakt ist, dass Snape für uns Gryffindors einfach verdammt demotivierend ist. Wenn mein Lehrer mich mögen würde, würde ich auch sicher besser lernen." Ron guckte zu Draco, doch der betrachtete nur seine Fingernägel.
Auf der einen Seite war es fast schon niedlich, dass Ron versuchte ihn mit seinem Selbstgespräch zum reden zu bringen, aber auf der anderen fand er es wirklich nur verdammt nervig, weil er eigentlich auf Ruhe aus gewesen war.
„Aber mal vom Unterricht abgesehen ist auch Quidditch recht unmotivierend. Ich meine- auch wenn das meinen Stolz als Gryffindor untergräbt- du bist ein genialer Spieler und Harry erst recht und jeder aus meiner Familie... nun ja, wenn man einmal von Percy absieht- kann Quidditch seit er klein war nur ich vermassle es jedes Spiel aufs Neue. Dabei bin ich nicht mal so verdammt schlecht. Ich glaube, es hat etwas mit meiner... Psyche zu tun, oder so. Wenn alle um mich herum so gut sind, fühle ich mich automatisch schlechter und spiele dann auch so." Draco hätte beinahe peinlich gekichert. Ron verhielt sich so... plump und unwissenschaftlich, aber irgendwie fand er das wirklich süß. Süß? Du hast vorhin wohl auf der falschen Seite geschlafen. Es war ihm äußerst neu, dass er jemanden als süß empfand, aber Draco fand auch keinen Sinn darin, es zu unterdrücken.
„Es ist wirklich nicht einfach, allein für ein Gesprächsthema zu sorgen, obwohl du nicht einmal so wirkst, als ob du besonders erfreut darüber wärst, dass ich es trotzdem versuche." Da hatte Ron nicht Unrecht, denn Draco zog immer noch seine genervte Miene.
„Einen so langen Satz von dir zu hören ist ungewohnt, Weasley. Zumal er grammatikalisch sogar korrekt war." Nur weil er ihn etwas süß fand, musste Draco es ihm nicht auch noch unter die Nase reiben.
„Schon gut, ich hab eh nicht erwartet, dass du auf einmal super nett zu mir bist." Klang da etwa Enttäuschung in Rons Stimme? Der Weasleyspross riss sich wieder zusammen. „Wenn ich jetzt das alte Thema herauskrame und über unseren Kuss spreche, wirst du mich sicher umbringen wollen..." Hier schaute Ron kurz zu Draco um seine Reaktion abzuwarten. „Aber es ist das einzige, was mir noch einfällt. Weißt du, als du mich auf dem Gang einfach so geküsst hattest, war ich ganz schön überrumpelt. Aber irgendwie... hat es mir dann auch ge-... gefallen. Ich meine, ich kann nicht behaupten, dass es nicht... gut war." Ron konnte es nicht verhindern, so auszusehen, als hätte er einen Sonnenbrand und Draco hätte am liebsten mädchenhaft gequietscht. War es denn zu fassen, wie unsicher sich Ron verhielt? Der Rotschopf räusperte sich einmal und versuchte vom selbst ausgesuchten Thema abzulenken, indem er noch ein Mal prüfend die Trankzutaten betrachtete. „Sind die sauber genug?"
„Von dir könnte ich ja eh nichts Besseres erwarten als das." In Dracos Stimme lag nicht mehr der gewöhnliche, gehässige Biss, aber Ron hätte ein feineres Gehör benötigt, um das zu bemerken. Er fasste es als übliche Beleidigung auf und, dass sein Selbstgespräch bis jetzt nichts bei Draco bewirkt hatte. Wie er sich da doch irrte. Draco hielt es bis jetzt nicht für nötig, seine zusehends positiveren Gefühle für- und Gedanken an Ron, zu unterdrücken.
"Also sortiere ich jetzt ein...?"
„Die Zutaten aufessen sollst du jedenfalls nicht.", gab Draco sarkastisch zur Antwort. Wie Ron sich hier benahm, schnitt sich enorm mit seinem üblichen Verhalten. Wenn Draco ihm sonst auf dem Gang begegnete war Ron schnell gereizt und gab perfekt Parole zu den Gemeinheiten, die ihm der Blonde an den Kopf warf. Jetzt verhielt er sich absolut un-ron-haft und verunsichert. Seine Versuche, Draco irgendetwas zu entlocken, klangen recht unbeholfen, doch Draco störte sich daran nicht. Es machte sogar ein wenig mehr Spaß, den Rotschopf einmal so erleben zu dürfen. Aber Ron würde sich nur so lange so benehmen, wie Draco ihm nicht antwortete, also würde er es die nächste Stunde wohl einfach lassen.
Ron nickte nur entschuldigend und begann die vielen Gefäße einzusortieren.
„Weißt du, als ich nach unserem... naja, es war ja eigentlich mehr, als ein Kuss." Ron räusperte sich verhalten und wurde sanft rot um die Nasenspitze. „Danach bin ich jedenfalls nach Gryffindor und Harry und Hermine haben auf mich gewartet." Draco schnaubte, als er den Namen der Granger hörte. Er fand es überhaupt nicht gut, dass Ron etwas von ihr wollte. Den Gryffindor brachte dieses Verhalten nur zum Schmunzeln. „Du musst bei ihrem Namen nicht sauer werden, ich will nichts mehr von ihr und sie hegt momentan eh einen beträchtlichen Groll für mich." Draco schnaubte verächtlich.
„Als würde mich interessieren, ob du mit Granger kleine Weasley-Erben zeugst, oder ihr euch in Ruhe lasst. Ich kann nur leider nicht unterdrücken, allen meinen beträchtlichen Groll auf das goldene Trio mitzuteilen." Ron lachte freudlos auf.
„Natürlich, wie konnte ich das übersehen." Er stellte gerade das Artemisia dracunculus in den Vorratschrank und beschwerte sich im Stillen darüber, weshalb es nicht einfach mit Estragon beschriftet werden konnte. „Worauf ich eigentlich hinauswollte war, dass die beiden über alles Bescheid wissen." Draco entgleisten die Gesichtszüge und er fühlte sich, als würden seine Muskeln lahm werden. Das erste Mal in seinem Leben fiel es ihm wirklich schwer, seine Miene unter Kontrolle zu halten.
„Du. Hast. Ihnen. Davon. Erzählt?", knirschte er zwischen seinen Zähnen hervor. „Bist du von allen guten Geistern verlassen? Jetzt werden Gerüchte kursieren, dass Draco-Schwuchtel-Malfoy es gern mit Männern treibt, oder was?" Der blonde, wütende Slytherin gab sich größte Mühe, nicht zu explodieren und mit unfeinen Begriffen um sich zu hauen. Alles, worüber er sich die letzten 24 Stunden den Kopf zerbrochen hatte, hatte Ron nicht im Geringsten interessiert und es einfach so allen mitgeteilt.
Es war jetzt erst ein Tag vergangen? Und trotzdem fühlte es sich für Draco schon wie eine Ewigkeit an. Vielleicht regte er sich gerade grundlos auf... obwohl, nein. Ron hatte einfach so ihr kleines Geheimnis ausgeplappert, ohne anscheinend auch nur ein Mal darüber nachgedacht zu haben. Sie hatten sich zwar nicht darauf vereinbart, niemandem etwas zu erzählen, aber Draco war einfach davon ausgegangen, dass selbst Ron das als Geheimnis für sich behalten wollen würde. Er selbst hatte es ja Blaise auch nicht erzählt, der war von selbst draufgekommen.
„Malfoy. Beruhige dich und lass mich ausreden." Draco hatte nur einen fiesen Blick für ihn übrig, doch Ron ließ sich nicht verunsichern und erzählte ihm, was vorgefallen war. Natürlich nur bis zu dem Zeitpunkt, als Harry von ihm und Draco Näheres erfuhr. Von der Liste und seinen Traum berichtete er absichtlich nichts. Es wirkte nicht so, als ob Draco von seiner Erzählung sehr beruhigt war, aber wenigstens wollte er ihm nicht länger an den Hals springen. „Ich weiß, dir brauch ich das zwar nicht zu sagen, aber den beiden kann man vertrauen. Sie werden es niemandem erzählen, den es nichts angeht und wenn doch, kannst du gerne mich zur Verantwortung ziehen." Ron dachte, der Blonde antwortete nicht, wegen seiner Sturheit, was normalerweise wohl auch zutreffend gewesen wäre, doch diesmal war es anders. Dracos Gedanken begabe sich sofort auf eine nette Wanderung und fanden dort ein Bild, wie Ron bestraft wurde.
Er wand arrogant den Blick ab, um von seiner Verlegenheit abzulenken. Sein Gedanken-Ron wurde gerade seiner Kleidung entledigt, als der echte Ron mit dem Einsortieren der Zutaten fertig wurde. Jetzt musste er nur noch alle Kessel putzen. Nur noch war nett ausgedrückt, dafür dass es ganze zwanzig Töpfe mit dem Lappen zu säubern galt. Blieb noch die Frage, wo er den Lappen hernehmen sollte.
Als könne der Raum lesen, was in Rons Kopf vorging, erschien vor ihm ein Eimer voll Wasser und einem Lappen. Ron seufzte mental und machte sich an die Kessel. Während er schrubbte und immer wieder den Lappen auswusch erzählte er weiter. Er berichtete Draco von seinem Streit mit Hermine, oder dass er Hagrid schon lange nicht mehr außerhalb des Unterrichts gesehen hatte. Draco sah nicht einmal so aus, als würde er Ron überhaupt zuhören, doch davon ließ er sich nicht beirren und erzählte von den harten Plätzchen, die der Halbriese immer bei sich zu stehen hatte. Nach einer Weile gingen ihm die Ideen aus und er begnügte sich mit dem Erstbesten, was ihm einfiel.
„Es ist selten, dich so ruhig zu erleben, Draco." Ron vergewisserte sich mit einem Blick in dessen Richtung, ob Draco auf die Anspielung reagierte. „Normalerweise würdest du mich anmotzen, dass ich dich Malfoy nennen soll. Und du hättest dich schon längst darüber beschwert, dass ich so nervig bin. Oder du hättest mich stumm gezaubert. Es ist nicht so, als wollte ich den alten Draco zurück, aber der hier ist mir gänzlich ungewohnt." Draco verkniff sich ein Kichern, bevor ihm bewusst wurde, dass Ron absolut Recht hatte.
Brachte er Ron damit vielleicht auf ganz andere Gedanken? Seine Strategie, Ron mit Ignoranz von sich abzulenken funktionierte nämlich wirklich nicht. Schon die ganze Zeit über Amüsierte er sich an Rons Aufdringlichkeit und hatte dabei komplett vergessen, ihn ab und zu zurückzuweisen. Aber das war ja auch nicht der Sinn in „ich ignoriere ihn eiskalt". Ron zu ignorieren hieß somit, den Dingen seinen freien Lauf zu lassen, ohne einschreiten zu können. Wie die Sache sich entwickelte, hing also ganz vom Rotschopf ab.
Bei Merlins buschigen Augenbrauen, selbst jetzt vermied Draco es, Ron zu antworten, geschweigedenn ihm in die Augen zu blicken! Ron wurde ungeduldiger und ungeduldiger. Fiel es dem Slytherin denn so extrem schwer, ein Mal den Mund aufzumachen? Ron wusste nicht wieso, aber es machte ihn fertig, so ignoriert zu werden. Aber wer mochte es schon, keine Beachtung geschenkt zu bekommen? Ron kam als einziges Beispiel nur Harry in den Sinn, aber der war ja auch eine Art für sich. Harry bekam ständig Aufmerksamkeit, selbst wenn er sie nicht wollte, also war es ihm nicht zu verdenken, einmal in den Hintergrund rücken zu wollen.
Ron ließ ein angestrengtes Ächzen verlauten, als er mit viel Kraft im dritten Kessel rumschrubbte. Hier hatte jemand den Trank eindeutig zu lange auf dem Feuer gelassen. Die Zeit ging quälend langsam vorüber und Ron fielen das erste Mal die Details des dunklen Kellergewölbes auf. Der Putz an der Decke sah aus, als hätte sich Feuchtigkeit durchgefressen, doch er hielt ihr stand. In den Ecken hätte Ron etliche Spinnennetze erwartet, doch von ihnen fehlte jede Spur. Alles war vollkommen sauber. Nicht einmal Staub haftete in den Ecken, oder auf den Regalen, die mit eingelegten... Dingen befüllt waren, von denen Ron nicht wissen wollte, was sie waren.
Das Lehrerpult war von dunklem, schwerem Holz, das sicher auch schon einige Jahre hier verbracht hatte. Trotzdem sah es unberührt aus- keinerlei Kerben, oder Flecken hatten sich auf ihm manifestiert. Ron kam zu dem Schluss, dass dieser Raum wohl mittels Magie sauber gehalten wurde und auch auf die Tische und Regale Zauber ausgesprochen worden waren.
Bis zum zehnten Kessel schwiegen die beiden Jungen sich eisern an. Draco, weil er herausfinden wollte, wie es sich entwickelte, würde er Ron weiterhin ignorieren und Ron, weil er nicht einsah, weshalb er derjenige war, der Draco zum reden bringen sollte. Dabei war es ganz logisch. Er war hier der einzige, der dieses Interesse hatte. Ron ergab sich dem Verlangen, Draco reden zu hören und sprach weiter.
„Weißt du, ich wünschte mir wirklich, zu wissen, wie der echte Draco unter der Maske aussieht." Keine Reaktion Seiten Dracos. „Ob er sehr schüchtern ist, oder genau das selbe, gefühlskalte Arschloch." Nicht mal die Beleidigung konnte Draco dazu anstacheln, etwas von sich zu geben. „Vielleicht macht sich der echte Draco aber auch Sorgen und Gedanken um seine Mitmenschen. Möglich wäre es. Du warst auch der einzige, der es geschafft hat, mich zu beruhigen. Also, ich meine jetzt gestern... Aber wenn du so ein fürsorglicher Mensch wärst, hätte es doch keinen Sinn, das hinter einer Mauer zu verstecken." Einerseits war es Draco ganz schön unangenehm, Ron über sich philosophieren zu hören, andererseits war es auch ganz interessant, zu erfahren, was er über ihn dachte. Und noch interessanter war, dass er der einzige war, der Ron gestern beruhigen konnte. Nach dem, was der Rotschopf vorhin erzählt hatte, hatte er bei seinen Freunden auch ganz schön Dampf abgelassen. „Es ist generell eine interessante Frage, weshalb du dich hinter der Maske versteckst. Ist es denn so schlimm für dich, andere Leute sehen zu lassen, was du fühlst?" Ron war sich durchaus bewusst, dass er Draco damit eher zu einem Streit provozierte, als zu einer gewöhnlichen Unterhaltung, aber ihm war es nur wichtig, das Draco überhaupt etwas von sich gab.
Draco musste sich inzwischen wirklich beherrschen, um Ron nicht kräftig die Leviten zu lesen. Woher nahm er es sich, einfach über ihn zu urteilen? Er hatte doch keine Ahnung, wie er erzogen worden war! Da war es ein Zeichen von Schwäche gewesen, Gefühle zu zeigen und Lucius hatte Schwächen gehasst. Draco wollte nur ein wenig Liebe, oder Annerkennung von seinem Vater, mehr nicht. Deshalb hatte er so gut wie möglich versucht, all seine Erwartungen zu erfüllen. Er hatte es auch geschafft, aber Lucius hatte es gerade mal so zur Kenntnis genommen, da es für ihn eine Selbstverständlichkeit war, dass sein Sohn das tat, was er von ihm verlangte.
Ron wäre es nicht aufgefallen, hätte Draco nicht kurz unschlüssig gezuckt. Der Blonde hatte seine Hände zu Fäusten geballt und in seinen sturmgrauen Augen spiegelte sich Verbitterung. Es war nicht schwer, selbst nicht für Ron, zu dem Schluss zu kommen, dieses Gesprächsthema fallen zu lassen.
„Ich- entschuldige, ich habe nicht gewusst, dass dieses Thema für dich so eine Bedeutung hat."
„Du weißt doch gar nichts.", sprach Draco so leise, das er selbst es fast nicht gehört hätte. Ron guckte ihn großäugig an. Hatte er sich das gerade nur eingebildet, oder hatte Draco tatsächlich gesprochen?
„Wie bitte?", fragte er vorsichtig nach, doch Draco antwortete nicht. Ron widmete sich wieder seiner Arbeit und überlegte, was er sagen könnte, um diese unangenehme Stille zu brechen, ohne Draco erneut an dieses strittige Thema zu erinnern. Leider kam ihm keine Idee und so musste er sich damit begnügen, dass die Wut und Verbitterung sehr langsam wieder aus Dracos Augen verschwand. Seine Hände waren zwar nicht mehr zu Fäusten geballt, dafür krallten sie sich angespannt in die Tischkante.
Ron konnte sich nicht erklären, wie er ausgerechnet darauf kam, aber in diesem Moment wirkte Draco extrem zerbrechlich auf ihn. Als könnte jeden Moment ein Windstoß kommen und ihn in tausend kleine Teile zerbersten lassen. Nur das der Windstoß im übertragenden Sinne eine Beleidigung oder Ähnliches war und Draco nicht zerbersten, sondern in Trauer und Wut ausbrechen würde.
Ron tat es fast schon weh, den sonst so unnahbaren und gefühlskalten Draco Malfoy in so einem Licht zu sehen. Er wollte nichts lieber, als Draco vor allem Kummer dieser Welt zu bewahren und ihn ein Mal lachen zu sehen. Nicht dieses kalte, höhnische Lachen, sondern ein Echtes, Glückliches.
Woher kam denn jetzt bitte dieser Gedanke? Ron schüttelte kurz den Kopf und wollte sich an den nächsten Kessel machen, als die Kerkertür schwungvoll aufgerissen wurde und Professor Snape mit wehendem Mantel den Raum betrat. Er sah noch genervter aus, als Draco sich vorhin gefühlt hatte, hob seinen Zauberstab und säuberte mit einem Schwingen dessen die restlichen Kessel.
„Weasley, sie können gehen. Und ich rate ihnen, das nächste Mal in meinem Unterricht ihre sommersprossigen Ohren auf das auszurichten, was ich sage, denn sonst wird das nächste Nachsitzen nicht annähernd so schnell vonstatten gehen, wie dieses. Mister Malfoy, danke für die gewissenhafte Aufsicht, auch sie sind entlassen." Ron hatte das Gefühl, dass Snapes Stimme noch öliger und unfreundlicher klang, als sonst und war heilfroh, endlich gehen zu können. Er verabschiedete sich mit einem genuschelten „Ja, Sir" und floh schon fast aus dem kalten, grauen Raum. Mitten im Gang blieb er stehen und drehte sich noch einmal um. Draco kam gerade aus dem Klassenraum für Zaubertränke. Ron überlegte, ob er noch etwas sagen sollte, doch Draco sah nicht so aus, als würde er sich sehr über jedes weitere Wort, das den Mund des Gryffindors verließ, freuen. Ron nickte ihm also nur kurz zu und beeilte sich, zu den Treppen zu kommen, ohne Dracos Reaktion abzuwarten.
Auf dem Weg zu den Gryffindor-Räumlichkeiten hatte Ron genug Zeit, über die letzten Stunden nachzudenken. Seine Gedanken waren die ganze Zeit um Draco gekreist und auch jetzt ging ihm der platinblonde Slytherin nicht aus dem Sinn. Das Nachsitzen gerade war mit Abstand das... Anstrengendste, das er je hatte hinter sich bringen müssen. Von Draco so ignoriert zu werden war ihm absolut missfallen und auch, als er sich schuldig dafür fühlte, dass Draco sich so aufgeregt hatte und so zerbrechlich aussah.
Hatte der Slytherin jetzt vor, nie wieder auf das einzugehen, was Ron ihm sagte? Würde sich Draco gar nicht mehr mit ihm auseinandersetzen? Das hieß also, dass Ron sich nicht mal mehr sicher sein konnte, dass Draco ihm zuhörte, wenn er ihn ansprach. Musste er ihm also einen Brief schreiben, um sich sicher sein zu können? Einen Versuch war es zumindest wert...
Ron wog das Für und Wider ab, während er die letzte Treppe hoch lief, die ihn vor die fette Dame führte. Heute Abend hatte er Glück gehabt, dass die Treppen ihre Richtungen nur zu seinen Gunsten verändert hatten. Er lebte jetzt zwar schon gute fünf Jahre in diesem Schloss, aber verlaufen konnte er sich immer noch wunderbar.
Die fette Dame saß auf einem Suhl, den sie wohl aus einem anderen Gemälde hatte und war eingenickt. Ron hätte schwören können, dass sie leise schnarchte. Er räusperte sich um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die fette Dame schreckte auf und blickte ihn verwirrt an.
„Was? Weshalb weckst du mich einfach so?"
„Ähe, na ja, ich will in den Gemeinschaftsraum."
„Oh." Die fette Dame blickte etwas bestürzt drein, richtete ihre Frisur und fragte dann erhaben, wie eh und je: „Passwort?"
„Ars vivendi ." (*) Sofort schnappte das Gemälde nach innen auf und gewährte Ron somit den Einlass.
Im durch und durch roten Gemeinschaftsraum der Gryffindors war wenig los. Die Schüler der unteren Klassenstufen waren wohl schon in ihren Schlafsälen und auch von den älteren Schülern war nicht mehr jeder auf Gesellschaft aus. Ein paar alte Ohrensessel und Sofas waren von kleinen Schülergrüppchen besetzt, die sich mehr oder weniger leise unterhielten, während man im Hintergrund das beständige, ruhige Knacken der Holzscheite im Feuer vernehmen konnte.
Ron wunderte sich nicht, Hermine in der hintersten Ecke mit ihren Büchern sitzen zu sehen, während Ginny sich neben ihr leise mit Lavender unterhielt. Er war sich sicher, dass Hermine wenigstens Ginny über ihr Gespräch informiert hatte, was seine Lust darauf, sich zu den dreien zu setzen, nur noch weiter senkte. Keines der Mädchen hatte überhaupt wahrgenommen, dass Ron den Raum betreten hatte, was es ihm ermöglichte, leise die Wendeltreppe zu den Jungenschlafsälen hinaufzusteigen.
Er ging an ein paar Türen vorbei, bis er an der ankam, die ihn in den Raum führen würde, in dem sein Bett stand. Von außen hörte man kein Sterbenswörtchen von dem, was drinnen geschah. Ron öffnete die Tür und sah, wie seine Freunde dort saßen und ausgiebig lachten, doch hören konnte er immer noch nichts. Sobald er durch den Türrahmen hindurchgegangen und die Tür hinter sich geschlossen hatte, löste sich der Stillezauber für ihn auf und er wurde von der guten Stimmung seiner Zimmergenossen empfangen. Dean und Seamus hatten es sich auf Seamus' Bett bequem gemacht, Neville saß zu ihren Füßen und Harry hatte sich quer auf den Boden gelegt. Alle hielten eine Flasche Butterbier in der Hand und in ihrer Mitte standen noch mehr von ihnen vorrätig, neben zugedeckten Körben, aus denen ein angenehmer Duft nach Essbarem drang.
Erst jetzt bemerkten die vier, dass Ron zu ihnen gestoßen war und prosteten ihm zu. Harry reichte ihm eine Flasche und forderte ihn dazu auf, sich neben ihm auf den Boden zu setzen.
„Und, was musstest du machen.", erkundigte sich Dean in einer Lautstärke, an die Ron sich erst noch gewöhnen musste. Der Rothaarige stöhnte wehleidig auf und begann zu berichten.
„Snape hat heute Abend noch ein Kind gequält, weshalb Malfoy auf mich aufpassen sollte." Er gab sich große Mühe, doch der gehässige Ton misslang ihm etwas, als er Draco erwähnte. Das fiel den leicht beschwipsten Jungs nicht weiter auf und sie bemitleideten ihn alle. Ron hatte die lustigen Abende mit seinen Freunden vermisst und er ließ sich heute nur zu gerne darauf ein. Die Ablenkung würde ihm ganz gut tun, ehe er sich daran machte, einen Brief an Draco zu verfassen, der nicht im Entferntesten nach einem Liebesbrief klingen durfte.
„Und was habt ihr alles gemacht, während ich mich mit dem schweigenden Malfoy vergnügt habe?", fragte Ron in die Runde, während er einen tiefen Schluck aus seiner Flasche nahm und etwas husten musste. Ganz normal war das Butterbier jedenfalls nicht.
Harry und Seamus warfen ihm einen Blick zu, den Ron nicht ganz zu deuten wusste. Erst da fiel ihm auf, wie zweideutig man seine Aussage hatte verstehen können. Ron hatte den Anstand, sofort rot anzulaufen, während Dean ihn aufklärte.
„Seamus und ich, mein Freund, haben dafür gesorgt, dass in dem Butterbier auch ein wenig Alkohol ist, sonst macht das Ganze doch keinen Spaß. Und Neville und der liebe Harry haben uns aus der Küche was zu Essen besorgt."
„Dobby hätte uns am Liebsten gleich ein ganzes Buffet zusammengestellt.", ergänzte Harry und alle brachen in Gelächter aus.
(*)Ars vivendi: Das ist ein Lateinisches „Sprichwort" und heißt so viel, wie Lebenskunst.
A/N: Das wars dann auch schon wieder. Ich habs schon wieder nicht geschafft, das Kapitel da enden zu lassen, wo ich wollte, aber sonst wäre es wirklich viel zu lang geworden. Ich hoffe, ihr mögt mich noch so ein bisschen, auch wenn ich so lange auf mich hab warten lassen...
Liebste Grüße, SpinatKeks :)
