Disclaimer: siehe Kapitel 1

Sie verbrachten die nächste Zeit in Schweigen. Es war wieder dieses Schweigen, bei dem keiner so wirklich wusste, was er sagen sollte, diese unangenehme Stille, die man mit Worten füllen wollte, ohne jedoch zu wissen, welche die richtigen sein würden. Vor allem, nachdem ihr letztes Gespräch, sofern man es so nennen wollte, in so einem Desaster geendet hatte. James wagte es nicht einmal, Snape anzusehen.

Er hatte mehr erfahren, als er je wissen wollte. Er wusste zwar nicht, was Snape mit Manchester und einer Meisterschaft meinte, aber der Grundgedanke dahinter war mehr als eindeutig: Snapes Familienleben war alles andere als rosig. Aber was sollte er dazu sagen? Was konnte er dazu sagen? Vor allem, wo Snape bereits zuvor angemerkt hatte, dass es ihm nicht gefiel, dass ihre Eltern eingeladen worden waren – und James selbst war auch nicht die geeignete Person dafür. Immerhin waren seine Eltern sofort ins Krankenhaus geeilt und sorgten sich um ihn. Kein Wunder, dass Snape da angefressen war, wenn er so etwas über seine Eltern sagte.

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen finsteren Gedanken. James sah auf, beinahe hoffnungsvoll. "Herein!", rief er, auch wenn er vermutete, dass Snape keine Lust auf irgendeinen Besuch hatte.

"Mr. Potter", grüßte Professor McGonagall, als sie ins Zimmer trat. "Mr. Snape."

Snape rührte sich nicht, aber James war sich nicht einmal sicher, dass er überhaupt wach war. Oder er tat einfach so, in der Hoffnung, dass er alle ignorieren konnte und von allen ignoriert wurde. James hatte keine Ahnung, welche Variante es war, aber er wollte es auch nicht testen. Er wollte sich nicht mit Snape streiten – die Gefahr, dass er noch mehr unangenehme Informationen erhielt, war ihm zu hoch.

"Professor", erwiderte James den Gruß seiner Hauslehrerin. "Was führt Sie her?"

McGonagall lächelte ihn an. Aber James konnte sehen, dass sie irgendwie erschöpft wirkte. "Einerseits möchte ich mich nach Ihrem Befinden erkundigen. Andererseits bin ich jedoch auch gekommen, um Sie darüber zu informieren, wie der Stand der Dinge ist. Oder viel mehr, wie er nicht ist – momentan ist alles noch sehr in der Schwebe, da einige Dinge noch nicht abschließend geklärt sind."

James war still. Er wusste, was McGonagall meinte. Er wusste es, ohne, dass sie es ausführen musste. Sirius und Remus. Und ihre Zukunft betreffend Hogwarts. Immerhin hatte sich erwiesen, dass die Sicherheit nicht ausreichend war, auch wenn es nicht ganz stimmte. Remus war nicht von alleine aus der Hütte ausgebrochen und Snape hätte nie alleine in den Tunnel gefunden. Aber das waren wohl Details, die für die wenigsten von Interesse waren. Wer im Wizengamot oder wo auch immer das entschieden werden würde, würde sich um die genauen Umstände kümmern? Und was war mit den Eltern? Dem Schulrat? Er wollte das alles eigentlich gar nicht erst wissen. Und das war nur die Spitze des Eisberges. Da kam ja noch ein ganzer Rattenschwanz an anderen Problemen hinterher.

"Mir geht's gut", sagte James in dem Versuch, abzulenken. "Ich meine, klar, da sind noch die Verletzungen, aber die heilen und –"

McGonagall nickte. "Das freut mich." Sie sah ihn über ihre Brille hinweg ernst an. "Aber was mich mehr interessiert, ist Ihre ... nun, geistige Verfassung, wobei ich das nicht in irgendeiner Form abwertend meine ..." Sie schien sich nicht ganz wohl zu fühlen. Aber vielleicht lag es auch einfach am Thema. James nahm es ihr nicht übel.

"Ich versteh schon", meinte James mit einem matten Lächeln. Unter anderen Umständen hätte er wohl gegrinst. Sich die Haare verwuschelt. Witze gemacht. "Es ist schwer, das wirklich zu begreifen. Ich meine, es ist ... man kann es nicht erklären, irgendwie, weil, nun, es ist bisher so ein wenig ..."

"Was Potter versucht zusammen zu stammeln", bemerkte Snape aus seinem Deckenkokon, "ist, dass es bisher mehr eine theoretische Sache ist, da niemand bisher eine klare Diagnose gemacht hat. Alles, was da ist, ist die Erinnerung, und die ist nicht komplett vertrauenswürdig, was Fakten betrifft."

James blinzelte. Dann sah er zu McGonagall und nickte einfach. Es stimmte. Sie nahmen an, dass sie beide infiziert waren. Sie erinnerten sich beide an das, was passiert war, aber Snape hatte recht, wenn er sagte, dass es ihnen mit den Fakten nicht vollständig half. Sicher, James erinnerte sich daran, dass sie beide attackiert worden waren. Er erinnerte sich auch an die Verletzungen, aber nicht mehr genau daran, wie die Verletzungen entstanden waren. Klar, es war Remus gewesen, aber hatte er sie gebissen? Hatte er nur seine Klauen benutzt? James wusste es nicht.

Die Heiler hatten ihnen auch nichts Genaueres über die Verletzungen gesagt – James wusste nicht, ob es eine Bisswunde war, weil er die Wunde bisher noch nicht gesehen hatte.

"Ich verstehe." McGonagall seufzte leise. "Ich gebe zu, ich hatte gehofft, dass Sie dazu bereits etwas mehr wissen würden als ich." Sie schüttelte den Kopf. "Andererseits, keine Diagnose ist in diesem Fall vielleicht sogar besser ..."

James konnte dem nicht zustimmen, aber er konnte es auch nicht verneinen. Es war weder das eine noch das andere – es war einfach gar nichts. Es fehlte einfach irgendeine Information. Aber vielleicht war es ja besser, wie McGonagall gesagt hatte. Solange niemand direkt sagte "Ihr seid Werwölfe", konnte man sich noch der Hoffnung hingeben. Nicht, dass James sich wirklich viel Hoffnung machte, dass sie nicht infiziert waren. Er war nicht pessimistisch – dafür hatten sie jetzt ja Snape – aber es war einfach so unwahrscheinlich.

"Sie sind nicht hier, um uns zu bemitleiden", merkte Snape leise an. "Also, warum sagen Sie nicht, was Sie zu sagen haben? Außer natürlich, es ist hausintern –"

"Mr. Snape", unterbrach McGonagall ihn, "dies ist nicht der Zeitpunkt, um auf Häuser zu bestehen. Zumindest nicht in dieser Thematik."

Er wusste nicht, woher er es wusste, aber James war sich sicher, dass Snape nicht wegen der Häuser darauf gekommen war. Vielleicht war es die Tatsache, dass Snape zuvor bereits seine Eltern in einer so negativen Art erwähnt hatte. In diesem Moment schien es sich auf die Lehrerschaft zu beziehen. McGonagall war Hauslehrerin von Gryffindor – Snape war ein Slytherin. Und wo war sein Hauslehrer?

ooOoo

"Was Sie nicht sagen ..." Severus richtete sich auf und sah McGonagall damit zum ersten Mal an. "In welcher Funktion sind Sie dann hier?"

McGonagall runzelte ein wenig die Stirn. "Als Ihre Lehrerin –"

"Warum ist dann nicht Professor Flitwick hier? Oder Professor Touchwood?", fragte Severus dazwischen. "Die sind schließlich auch unsere Lehrer."

"Mr. Snape, ich bin Hauslehrerin –"

"– von Gryffindor", unterbrach Severus, sich des intensiven Blicks von Potter bewusst. Aber er versuchte, den Gryffindor zu ignorieren. Momentan war er damit beschäftigt, es sich mit McGonagall zu verscherzen. "Ich bin ein Slytherin, Professor. Wenn ein Lehrer mich besucht, dann, so habe ich den Eindruck, dass es Professor Slughorn sein sollte. Immerhin ist er mein Hauslehrer, selbst wenn er lieber hausübergreifend agiert ..."

McGonagall wirkte nicht sehr amüsiert von Severus' ständigen Unterbrechungen, aber sie zeigte sich erstaunlich gefasst. Severus war beinahe enttäuscht. Ihm war danach, sich zu streiten, aber nein. Selbst Dumbledore hatte ihm einen besseren Gegner geboten. Warum musste McGonagall so selbstbeherrscht sein?

Severus warf Potter einen kurzen Blick zu, was zum Glück nicht weiter auffiel. Potter hatte eine seltsame Miene aufgesetzt. Mitleidig oder mitfühlend. Irgendetwas war das, und während Severus nichts gegen leidig oder fühlend hatte, war es ihm zuwider, dass es scheinbar ein mit gab. Ein gegen würde Severus' Meinung nach besser passen, aber das konnte er schlecht sagen.

"Professor Slughorn ist ... momentan unabkömmlich", sagte McGonagall steif. "Zudem bin ich der Ansicht, dass ich durchaus in der Lage bin, häuserübergreifend zu arbeiten."

Für einen Moment war er versucht, sie darauf hinzuweisen, dass "unabkömmlich" bei Slughorn bedeutete, dass er entweder eine Party vorbereiten musste, eine hielt oder sich mit seinen kandierten Ananasstückchen vollstopfte. Am Ende eben alles, was ihn davon abhielt, sich mit Problemen zu befassen. Slytherin war der perfekte Ort, wenn man Unabhängigkeit lernen wollte – abgesehen von der Sache mit dem Gruppenzwang.

Severus sagte jedoch nichts. Er starrte McGonagall schweigend an und fragte sich, ob er darauf etwas erwidern sollte. Sie hatte ihm ein wenig den Wind aus den Segeln genommen, einfach, weil sie immer noch so ruhig war. Sicher, ihr Tonfall zeigte, dass sie nicht erfreut war, aber das war nur ein kleiner Sieg. Er unterdrückte ein Seufzen, sich irgendwie leer fühlend. Was machte es schon, wenn sein eigener Hauslehrer sich nicht dazu herablassen konnte, herzukommen? Es war ja nicht so, als hätte er etwas anderes erwartet. Und vermutlich hätte es ihn auch nicht gefreut, Slughorn zu sehen. Aber dennoch ... vielleicht war es ja einfach die Tatsache, dass niemand nur wegen ihm kam. Wäre Potter nicht, vermutlich wäre Dumbledore nie aufgetaucht. Oder er wäre gekommen und hätte Severus zum Schweigen verpflichtet. McGonagall wäre sicherlich nicht hier. Und sonst? Die Heiler kümmerten sich nur um ihn, weil es ihr Job war.

Er sah weg, nicht gewillt, McGonagall oder, Merlin behüte, Potter sehen zu lassen, wie er empfand. Er musste Potter nicht noch mehr Munition liefern, indem er ihm zeigte, dass es ihn eben doch irgendwie traf, dass keiner ihn besuchte.

McGonagall räusperte sich, fast schon verlegen. "Nun, zu dem anderen Grund meines Hierseins." Severus konnte ihren Blick spüren, aber er zeigte mit keiner Regung, dass er zuhörte. "Sie beide wissen vermutlich besser als ich, was zu diesen ... Ereignissen geführt hat", begann McGonagall langsam. "Mr. Black hat auch bereits zugegeben, dass er involviert ist, und er bereut das, was geschehen ist, zutiefst –"

Severus konnte ein verächtliches Schnauben nicht unterdrücken. Black bereute es zutiefst? Wohl nur, weil sein bester Freund zu Schaden gekommen war. Wenn es nur Severus wäre – er würde ein Freudenfeuer veranstalten und nackt durch die Große Halle tanzen. Und dabei noch das Lied vom pinken Mantikor singen. Severus konnte es sich bildlich vorstellen, mit entsprechenden Zensuren, da er sich nicht auch noch selbst traumatisieren wollte.

Potter hingegen schien erleichtert darüber zu sein, dass Black zumindest zu Reue fähig war. Auch wenn er wohl nicht verstand, was Black bereute. Manchmal glaubte Severus, dass er Black besser verstand als Potter es tat, aber das war kein Wunder. Severus war schon immer der Ansicht gewesen, dass man seinen Feind besser kennen sollte als seine Freunde.

"Hat Sirius sonst noch etwas gesagt?", fragte Potter. "Außer, dass es ihm Leid tut?"

"Ist er dazu überhaupt fähig?", knurrte Severus. "Reue empfinden und so. Weil ich habe davon bisher herzlich wenig gesehen, und ich bezweifle ernsthaft, dass er irgendetwas von dem bereut, was er mir angetan hat."

Severus funkelte die beiden Gryffindors herausfordernd an. Während Potter jedoch immer noch an das Gute in Black zu glauben schien, war McGonagalls ausdruckslose Miene Antwort genug. Offenbar hatte sie es nicht so deutlich sagen wollen. Tja, Pech, dass Severus es trotzdem herausgehört hatte. Potter mochte denken, dass es eine allgemeine Reue war – Severus wusste es besser. Und McGonagall war wenigstens anständig genug, ihn nicht offen anzulügen. Die Wahrheit verschweigen, ja, aber lügen? Da zeigte sie mehr Ehrgefühl als der Rest ihres Hauses zusammen.

Bevor Potter Black verteidigen konnte, brachte McGonagall ihn mit einer Geste zum Schweigen. "Mr. Snape", sagte sie leise, "ich verstehe, wie Sie sich fühlen."

Severus' Blick verfinsterte sich. "Tun Sie das?"

McGonagall seufzte. "Ich kann mich nicht wirklich in Ihre Situation hineinversetzen. Aber ich denke, ich kann sehr gut nachvollziehen, wie Sie sich im Bezug auf Mr. Black fühlen. Immerhin sind Sie das primäre Opfer, auch wenn ich nicht sagen will, dass Sie, Mr. Potter, nicht ebenso ein Opfer sind. Die Tat galt Mr. Snape." Sie schüttelte sacht den Kopf. "Momentan wird ermittelt", erklärte sie ihnen, "und ich kann Ihnen aus verfahrenstechnischen Gründen nichts Genaues sagen, was auch daran liegt, dass ich nicht alle Informationen habe. Die Lage sieht jedoch wie folgt aus: Mr. Black wird angeklagt werden und eine Verhandlung vor dem Wizengamot haben –"

"Aber er ist noch nicht volljährig", merkte Potter an. "Ich dachte, für die Verhandlungen von Minderjährigen sind die Leute der Abteilung für die Zauberei Minderjähriger und die Magische Sozialabteilung zuständig ...?"

McGonagalls Blick sagte alles. Black war, gelinde gesagt, am Arsch.