Als Harry die Augen öffnete war alles ein wenig verschwommen. Und er saß nicht mehr, er lag. Kein Geräusch drang an sein Ohr und er befand sich an einem düsteren Ort. Scheinbar dämmerte es schon.
Mühselig rappelte er sich auf und machte ein paar Schritte voran, doch er stieß mit dem Kopf gegen ein unsichtbares Hindernis. Fluchend rieb er sich die Stirn und taumelte ein Stück rückwärts. Auch hier war eine Wand. Nein, keine Wand. Das war Glas. Er saß auf dem Boden einer Flasche. Wie war er hier hingekommen? Saß er in einer sehr großen Flasche... oder war er etwa geschrumpft?
Ängstlich sah Harry an sich hinunter, doch er konnte keinen Hinweis darauf finden, dass er tatsächlich seine Größe verändert hatte. Unerreichbar weit oben befand sich die Öffnung der Flasche, doch an der glatten Oberfläche gab es keine Möglichkeit dorthin zu gelangen.
Er presste seine Nase an das Glas, doch die Krümmung der Flasche ließ kaum zu, dass er irgendetwas erkennen konnte. Trotzdem hatte er das Gefühl, sich in einem Schlafsaal zu befinden, jedoch nicht im Schlafsaal der Gryffindors. Dafür war es definitiv zu düster hier drinnen.
Er hörte, dass hinter ihm eine Türe geöffnet wurde. Alles schien ihm mit einem Mal viel lauter. Schritte kamen zu ihm hinüber und dann erblickte er unverkennbar das Gesicht von Draco Malfoy, nur viel viel größer als sonst. Die Gewissheit traf ihn wie ein Schlag: Er war geschrumpft.
„Du bist ja wach, Potter", vernahm er die gehässige Stimme von draußen.
„Ja", knurrte Harry zurück. Er würde dem Slytherin nicht die Genugtuung verschaffen, ihn anzubetteln. Er saß also auf dem Boden einer Flasche, ganz offenbar eine Nebenwirkung, oder vielleicht auch die gewollte Wirkung des grünen Kekses. Aber er hatte immer noch seinen Zauberstab, und verärgert registrierte er, dass er auch die kleine Schachtel mit Nasch- und -Schwänzleckereien bei sich trug. Das blöde Ding hatte ihn ja erst in diese verfahrene Situation gebracht.
Malfoy beobachtete ihn neugierig von draußen, wie man vielleicht ein besonders spannendes Insekt betrachtete.
Harry zog seinen Zauberstab, richtete ihn auf sich selbst und sagte: „Engorgio." Ein paar Funken sprühten aus der Spitze seines Zauberstabs, doch nichts geschah. „Engorgio!", rief er noch einmal lauter. Wieder mit demselben Ergebnis.
Malfoy hatte sich mittlerweile neben seinem Nachtschränkchen niedergelassen und sah grinsend zu ihm hinunter. „Scheint nicht zu funktionieren, was?"
Harry war noch zu schockiert, um seinem Erzfeind eine passende Antwort zu geben und er stammelte nur: „Wie kann das sein? Oh, verdammt... das gibt es doch nicht. Hat denn Niemand mitbekommen, dass ich verschwunden bin?"
„Ich hatte nicht den Eindruck, nein", antwortete Malfoy immer noch grinsend.
„Bring mich zu Professor Dumbledore", herrschte Harry den blonden Slytherin an.
„Nein."
„Und warum nicht?"
„Weil ich das hier...", Malfoy wies auf die Flasche, in der Harry saß, „...lustig finde. Das ist wie ein sprachbegabtes Haustier."
„Malfoy, wenn ich wieder groß bin, bringe ich dich um."
Malfoy lachte laut und gab der Flasche einen Stups, sodass Harry beinahe umfiel. „Du bist aber nicht groß. Wenn du ein braver kleiner Flaschengeist bist, dann lasse ich dich vielleicht hinaus. Aber bis dahin behalte ich dich."
..::~::..
Da saß Harry nun also mit einer Kiste Nasch-und–Schwänz-Leckereien, seinem offenbar wertlos gewordenen Zauberstab und ansonsten leeren Händen auf dem Grund einer Flasche. War das alles nur ein verdammt schräger Traum, hervorgerufen durch vergammelte, grüne Kekse? Er hoffe es. Außerdem bekam er langsam Durst und Draco hatte sich bestimmt schon seit vier Stunden nicht mehr blicken lassen. Ein paar Mal noch hatte er die einfachsten Zaubersprüche geprobt, doch nicht einer wollte ihm Glücken.
Hermines Stimme klang ihm dabei immer in den Ohren: „Wenn ein Zauberer einen Schock erleidet, kann es manchmal geschehen, dass die magische Kraft stundenlang, ja sogar tage oder wochenlang, versiegt."
Hoffentlich war das nicht in seinem Falle so, betete er immer wieder. Das durfte doch alles nicht wahr sein. Zu allem Überfluss hatte Draco die Flasche auf das Fensterbrett gestellt, sodass Harry es nicht wagte, sie einfach umzuwerfen. Der Sturz wäre zu tief. Und wenn die Flasche in die falsche Richtung fiel, dann hatte er einen langen freien Fall vor sich. So blieb Harry gar nichts anderes übrig, als auf dem Boden der Flasche sitzen zu bleiben und auf etwaige Geräusche im Schlafsaal der Slytherins zu hören. Er hatte nicht einmal eine Ahnung wie spät es war, doch offenbar war der Nachmittagsunterricht noch nicht vorbei, denn er hörte keine Schüler von draußen.
Wenn Malfoy ihn nun einfach vergessen würde? Wie lange dauerte es wohl, bis ein Mensch verdurstete? Warum hatte er Hermine nur nie besser zugehört, die wüsste so etwas bestimmt.
Auch liebäugelte er noch einmal mit den Nasch-und-Schwänz-Leckereien. Vielleicht machte ja ein Bonbon davon groß? Oder aber er würde krank werden, dann musste Draco natürlich einem Lehrer Bescheid sagen. Obwohl er nicht recht wusste, ob der Slytherin das tatsächlich tun würde. Immerhin waren sie seit ihrem ersten Schuljahr verfeindet bis aufs Blut. Vielleicht würde er das einfach nur zur Kenntnis nehmen und Harry elendig zu Grunde gehen lassen. Einem Malfoy war schließlich alles zuzutrauen.
Und überhaupt war Harry die Lust auf diese Süßigkeiten gründlich vergangen, schließlich waren sie Schuld an seiner ausweglosen Situation. Wer sagte ihm denn, dass er davon „nur" krank werden würde? Vielleicht wurde er davon auch verrückt? Man konnte ja nie wissen.
Das Geräusch der Türe riss ihn aus seinen Gedanken und er richtete sich auf, um zu sehen, ob Draco zurückgekehrt war.
Er war es und offenbar alleine, auch wenn er sich nervös umsah. Offenbar schien ihn das schlechte Gewissen doch ein wenig zu plagen, denn sobald man natürlich Harry in der Flasche entdecken würde, dann wäre Malfoy geliefert. Vielleicht sollte er nachts einmal um Hilfe schreien, dachte er bei sich.
„Na, Kleiner?", begrüßte Malfoy ihn gewohnt feixend. „Ich habe mir gedacht, dass du vielleicht Hunger hast. Aber was gibt man einem Gartenzwerg wie dir?"
Harry verschränkte die Arme vor der Brust. Malfoy „fütterte" ihn sicherlich nicht aus Nächstenliebe. Vielleicht musste er ein bisschen kriechen und winseln, bevor er sein Abendessen bekam. Er ging zumindest davon aus, dass es Zeit fürs Abendessen war.
„Ich habe keinen Hunger", erklärte Harry verärgert.
„Schade. Aber vielleicht später", Malfoy machte schon Anstalten zu gehen, als Harry es sich seufzend anders überlegte. Die Flucht würde ihm sicherlich nicht gelingen, wenn er vollkommen am Ende seiner Kräfte wäre.
„Ich habe Durst."
Malfoy lugte misstrauisch in die Flasche hinein, doch dann zuckte er lediglich die Schultern. Offenbar hielt er Harry sogar dann noch für gefährlich, wenn dieser seiner Zauberkräfte beraubt, auf dem Grund einer Flasche saß und nicht entkommen konnte. Soweit, so gut. Vielleicht konnte er sich das zu Nutzen machen.
„Du könntest eine andere Flasche schrumpfen", versuchte es Harry waghalsig, denn er hatte den Verdacht, dass Malfoy keinen blassen Schimmer hatte, wie er Harry etwas zu trinken reichen sollte.
Tatsächlich saß er keine fünf Minuten später auf dem Boden seiner Flasche und trank eine Flasche Kürbissaft, während Malfoy ihm fasziniert dabei zusah.
„Das ist wirklich unglaublich", murmelte Malfoy schließlich. „Was denkst du, wie lange das anhält?"
„Ich hoffe nicht für ewig", murrte Harry und nahm noch einen Schluck.
„Wie hast du das gemacht?", wollte Malfoy schließlich wissen.
„Ich weiß es nicht", erwiderte er ehrlich. „Ich habe nur einen Keks gegessen und dann bin ich hier wieder aufgewacht."
„Einen Keks?"
„Ihr Slytherins habt wohl nichts von den Nasch- und -Schwänzleckereien der Weasley Zwillinge mitbekommen."
„Vielleicht auch besser so", sinnierte Draco und stütze sein Kinn auf seine Hände.
Harry musste ihm in seiner momentanen Lage sogar beipflichten, auch wenn er das lieber nur in Gedanken tat. So weit kam es noch, dass er Draco Malfoys Meinung teilte. Obwohl er zugeben musste, dass er sich jetzt gerade ganz normal mit ihm unterhalten hatte.
Es klopfte an der Türe und Draco griff hastig nach der Flasche.
„Herein", rief er nach draußen, während Harry vollständig durchgeschüttelt wurde und seine Flasche Kürbissaft wie einen Schatz hütete. Die durfte bloß nicht kaputt gehen.
Draco stellte Harrys Flasche ruppig auf den Nachttisch hinter ihm und sprach mit einem Slytherin Jungen der an der Tür stand.
„Ich komme sofort", hörte er Draco noch sagen, dann wurde er wieder in die Luft gehoben und dann befand er sich plötzlich in einem dunklen Raum.
