Harry schätzte, das Morgen war, denn er hörte Geräusche von draußen, aber er sah nichts. Er saß immer noch in tiefster Schwärze in seiner Flasche und lauschte mal hierhin mal dorthin, doch niemand näherte sich dem Schrank, in dem er saß. Ein Wecker klang zu ihm hinüber. Was war heute für ein Tag? Samstag. Ein Hogsmeade Wochenende. Wie gerne wäre er auch mitgegangen. Vermutlich würde Malfoy ihn den ganzen Tag hier drinnen vergessen. Vielleicht konnte er dann einen Fluchtversuch wagen.
Der Krach draußen wurde lauter und er hörte mittlerweile sogar ein paar Stimmen. Eine, die er nicht kannte, war sogar so nah, dass er die Worte verstehen konnte, die sie sprach.
„Nein, man sucht immer noch nach Potter. Er hat sich scheinbar in Luft aufgelöst."
Harry hörte Gelächter von weiter weg, doch sein Herz schlug schneller. Man suchte nach ihm. Vielleicht hatten mehrere Schüler sein Verschwinden bemerkt und bald würde man ihn finden.
Etwas schlug gegen den Schrank und Harrys Flasche wackelte.
„Blödsinn, Zabini", erkannte er Draco Malfoys Stimme. „Niemand löst sich in Luft auf. Nicht einmal der großartige Harry Potter."
Nein, dachte Harry spöttisch. Damit hatte er wohl Recht. Es sah Draco ähnlich in einem solchen Fall das Unschuldslamm zu spielen. Außerdem würde sowieso keiner der Slytherins ihn verraten. Ron würde ihn schließlich auch nicht verraten. Bei Hermine war er sich da manchmal nicht so sicher.
Der Tumult draußen wurde lauter und verschwand dann abrupt. Harry atmete tief durch. Zeit an Flucht zu denken. Er stemmte sich gegen die Wände der Flasche doch nichts geschah. Mittlerweile hatte er schrecklichen Hunger und seine Flasche Kürbissaft war auch schon leer.
Schließlich griff er erneut zu seinem Zauberstab und versuchte irgendetwas. „Stupor." rief er, doch nichts geschah.
„Dich hätte ich ja beinahe vergessen", klang eine Stimme von draußen.
Harry schloss geblendet die Augen, als Draco den Schrank öffnete und nach der Flasche griff. „Guten Morgen." rief der Slytherin fröhlich, während Harry ihn verärgert anstarrte. Offenbar war Draco noch nicht mit den Anderen nach Hogsmeade aufgebrochen, denn er trug noch Shorts und ein zerknittertes T-Shirt.
„Darf der kleine Draco heute nicht mit den Anderen spielen?", knurrte Harry.
Draco schüttelte die Flasche kurz, sodass Harry von den Füßen gefegt wurde.
„Lass das", rief er nach draußen.
„Benimm dich, Potter. Ich habe dir sogar etwas gebastelt, damit du ein wenig mehr von der Welt sehen kannst." Mit diesen Worten stülpte er einen Korken auf die Flasche.
Harry sah seine Chancen auf eine Flucht schwinden. Nur ein paar kleine Löcher ließen Luft durch den Korken, doch die Löcher waren noch viel kleiner als er selber.
„Ich habe Hunger", maulte er schließlich und verschränkte die Arme. Er musste irgendwie Draco dazu bringen, den Deckel wieder zu öffnen.
„Daran habe ich natürlich gedacht."
Ein kleines Brot und ein Glas Marmelade quetschten sich durch den engen Flaschenhals. Harry war wirklich hungrig, doch er wollte nicht unbedingt direkt vor Draco zugeben, wie viel Hunger er tatsächlich hatte, denn der Slytherin hätte das wohl mit Genugtuung gesehen.
„Du gehst heute mit mir nach Hogsmeade", verkündete Draco schließlich.
„Hab ich denn irgendeine Wahl?", entgegnete Harry verbittert. Langsam schlug ihm die Flasche aufs Gemüt.
„Nein", kicherte der Slytherin und sprang auf. „Und jetzt drehst du dich brav um, ich ziehe mich jetzt an."
Harry lehnte sich betont lässig an die Wand der Flasche. Selbst wenn er sich bei dem Anblick übergeben müsste, würde er sich nicht umdrehen, wenn es dazu führte, dass Draco sich unwohl fühlte.
Als Draco schließlich schon sein T-Shirt ausgezogen hatte und Harry betont desinteressiert den Oberkörper des hageren Slytherins betrachtete, bemerkte er schließlich, dass der geschrumpfte Gryffindor ihn immer noch anstarrte.
„Was soll denn das werden, Potter?", zischte er.
War das ein Hauch Rot auf seinen Wangen? Harry sah es mit Genugtuung, doch Draco warf schließlich sein T-Shirt über die Flasche. Die schwankte zwar bedrohlich, aber stürzte nicht. Ein warmes, blaues Licht breitete sich nun in der Flasche aus, dafür wurde es aber auch ziemlich warm.
Eine Weile blieb Harry regungslos sitzen und für einen Moment dachte er schon, Malfoy wäre ohne ihn gegangen, als schließlich doch noch das T-Shirt von der Flasche gezogen wurde. Dracos Gesicht war jetzt ganz nah.
„Dann wollen wir mal, mein Kleiner."
Der letzte Teil des Satzes triefte nur so vor Verachtung.
Wenn Harry jetzt seine normale Größe gehabt hätte, dann hätte er Draco jetzt die Nase gebrochen. Einfach so.
Draco nahm schließlich die Flasche und steckte sie in seine Brusttasche. „Hörst du mich noch?" fragte er nach unten.
„Leider", knurrte Harry zurück. Er hatte genug mit dem schaukelnden Gang des Slytherins zu tun.
..::~::..
Harry hatte keine Ahnung wo sie waren. Ein frischer Wind fuhr ab und zu durch die Luftlöcher seiner Flasche, doch er sah nichts, dafür saß sein Gefängnis zu tief in der Tasche. Innerlich verfluchte er sich bestimmt zum hundertsten Male für die grandios blöde Idee, einen dieser Kekse zu essen. Flüsternd probierte er sich an neuen Zaubersprüchen, doch nichts geschah. Und ab und zu, weil Draco ihn hier nicht sehen konnte, knabberte er hungrig an dem Laib Brot. Er hatte das Gefühl, dass der Slytherin noch nicht eines der Geschäfte betreten hatte. Vielleicht mied er sie absichtlich, schließlich hätte Harry um Hilfe rufen können.
Doch dann, Harry schätzte, dass Draco sich in ziemlichem Gedränge befinden musste, denn er hörte plötzlich viele Stimmen, klang eine Stimme zu ihm hinüber, die ihn mit Hoffnung erfüllte: Hermines Stimme.
„Hermine!", rief er, so laut er konnte. „Hermine!"
Er sah, wie sich Dracos Finger um den Flaschenhals schlossen. Trotzdem schrie er weiter, klopfte sogar an das Glas, doch kein Laut schien mehr hinaus zu dringen.
Dennoch hörte er verschwommen Hermines Stimme und dann auch Rons.
„War das nicht Harrys Stimme?" Sie klang aufgeregt.
„Ich habe nichts gehört. Ich glaube das bildest du dir ein." Das war Ron.
Schreiend warf sich Harry gegen die Flaschenwand, doch nichts geschah. Draco entfernte sich mit schnellen Schritten von den beiden und hier drinnen hörte er tatsächlich auch, wie Dracos Herz schneller schlug.
Vielleicht hatte er damit wenigstens erreicht, dass der Slytherin ihn fortbrachte und alleine ließ. Dann würde er die Flasche umstürzen und den Korken entfernen und dann war er frei. Es war sicher ein Leichtes, sich aus dem Schlafsaal der Slytherins herauszuschleichen.
Plötzlich wurde es heller. Draco zog die Flasche heraus und hielt sie sich vor die Augen. Sein Blick war mehr als nur verärgert.
„Pass mal auf, Potter", zischte er gefährlich leise. „Wir zwei Beide spielen nach meinen Spielregeln. Und wenn du dich brav anstellst, dann werde ich dich zurückgeben, wenn ich deiner überdrüssig bin. Solange aber, wirst du nicht noch einmal um Hilfe schreien. Haben wir uns verstanden?"
Harry erwiderte seinen Blick hasserfüllt. „Und wenn nicht?"
„Es gibt Mittel und Wege einen Gartenzwerg wie dich zum Schweigen zu bringen. Wenn mir danach ist, könnte ich dich einfach in den See werfen."
„Warte nur ab, wenn ich wieder groß bin."
„Bis dahin hat es noch lange Zeit." Das Lächeln auf seinen Lippen wurde breiter. „Du kannst ja nicht einmal zaubern, Potty."
Egal wie Harry es drehte und wendete, er war tatsächlich in Dracos Hand und das machte ihn wahnsinnig. Er musste fliehen, irgendwie. Doch so sehr er auch überlegte, keiner seiner Pläne schien auch nur im Ansatz erfolgversprechend.
„Wo sind wir hier überhaupt?", fragte er, um vom Thema abzulenken.
„An der heulenden Hütte. Da hört keiner dein Gezeter."
Draco hielt die Flasche ein Stück höher und tatsächlich erkannte Harry das bekannte Spukhaus, wenn auch sehr verzerrt.
„Hättest du nicht eine bessere Flasche nehmen können? Da wird man ja verrückt bei", murrte er, doch der blonde Junge ignorierte sein Gejammer.
„Wir sind hier nicht bei Wünsch dir was", gab er unfreundlich zurück.
„Was hast du überhaupt davon, mich festzuhalten. Ha, ha. Es war lustig. Du hattest deinen Spaß. Reicht es nicht endlich mal? Dir ist doch durchaus klar, dass ich jedem auf die Nase binden werde, wer mich festgehalten hat."
„Und ich werde alles so drehen, dass du keine Beweise gegen mich hast. Ich bin nicht blöd, Potter."
Darauf wusste Harry nichts zu erwidern. So war das schon immer gewesen, seitdem sie sich kannten. Harry wusste immer, dass Malfoy irgendetwas im Schilde führte, aber beweisen konnte er es schlussendlich nie. Und so hatte Malfoy nie seine verdiente Strafe erhalten. Außer einmal, im ersten Schuljahr, aber das zählte nicht so recht.
Als hätte Draco seine Gedanken gelesen, begann er zu lachen. „Wenn du jetzt dein Gesicht sehen könntest. Das ist wirklich herrlich."
Harry kehrte dem lachenden Slytherin schließlich den Rücken zu und sprach kein Wort mehr. So blieb er bis zum Ende des Hogsmeade Rundgangs auch sitzen. Erst als es plötzlich wärmer und lauter wurde, horchte er wieder auf. Wenn er die Geräusche richtig deutete, war er in den Drei Besen.
