Aus der Tasche hörte er die dumpfen Stimmen mehrerer Schüler, doch es war so undeutlich, dass er kein Wort verstand. Es wurde warm in seiner Flasche und verärgert zog Harry seinen Umhang aus. Offenbar hatte Malfoy ihn vollkommen vergessen. Ab und zu vernahm er Dracos Stimme, doch auch ihn konnte er nicht richtig verstehen. Nur ein paar Wortfetzen verirrten sich in seine Flasche. Manchmal hörte er auch seinen Namen, offenbar wurde viel über sein Verschwinden gesprochen. Malfoy, dieser elende Heuchler, lachte sich bestimmt ins Fäustchen und ergötzte sich an der Sorge seiner Freunde. Sicher hatten Hermine und Ron ihn schon überall gesucht.

Es rumpelte kurz und dann setzte sich Malfoy schließlich in Bewegung. Harry konnte das Schwanken mittlerweile schon im Schlaf deuten. Dieses Mal wirkten die Schritte des Slytherins unsicher. Vielleicht hatte er ein wenig zu viel getrunken, dachte er hoffnungsvoll. Ein guter Zeitpunkt für einen Fluchtversuch.

Er klopfte gegen das Glas.

„Malfoy!", rief er.

Eine kühle Brise wehte durch den Deckel und Harry atmete tief durch. Die stickige Luft in der Flasche war mittlerweile wirklich unangenehm. „Malfoy!" rief er noch einmal.

Endlich wurde die Flasche aus der Brusttasche genommen und Harry konnte seine Umgebung wieder, mehr oder weniger klar, erkennen. Es war zwar schon ziemlich Dunkel, doch die sternenklare Nacht erhellte den Weg, der vor ihm lag.

„Was gibt's denn, Potty?", zischte der Slytherin und hielt sich die Flasche vor das Gesicht, um Harry in die Augen sehen zu können.

„Ich krieg keine Luft mehr", versuchte Harry es halbherzig. Vielleicht fiel der Slytherin darauf ja rein.

„Deswegen habe ich dich ja raus geholt", entgegnete der Slytherin und setzte sich in Bewegung. Harry kannte den Weg. Er führte nach Hogwarts.

„Du bist ganz schön mutig, mich überall mit hin zu schleppen. Was, wenn mich jemand entdeckt?"

„Wie wir vorhin schon gesehen haben, tut das keiner. Nicht einmal deine allerbeste Freundin, das Schlammblut Granger."

Der Slytherin lachte höhnisch und Harry wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als endlich wieder groß zu sein, um Draco ein paar auf die Nase zu hauen. Ob das bluten würde? Hoffentlich!

„Ich weiß, was du jetzt denkst, Potter. Schade, dass du so klein bist."

Harry schwieg und starrte in die Nacht hinaus. Was blieb ihm auch anderes übrig? Er hatte schon im Honigtopf einige Zauberversuche unternommen, doch die waren weiterhin fruchtlos geblieben. Wie lange konnte so ein Schock dauern? Noch einmal zog er seinen Zauberstab: „Diffindo."

Nichts geschah.

„Ich verrate dir ein Geheimnis, Potter. Ich habe die Flasche magisch versiegelt. Du kannst darin nicht zaubern."

Harry klappte den Mund auf, um etwas zu erwidern, doch er war nicht fähig, auch nur ein Wort zu sprechen. Dieser miese, hinterhältige, kleine...

„Schockiert? Das hättest du dir aber wirklich denken können. Obwohl natürlich sonst das Schlammblut das Denken für dich übernimmt."

Warum fiel Harry ausgerechnet in diesem Moment die Geschichte mit dem Flaschengeist ein, den man nur zurück in seine Flasche locken musste, um sich selbst zu retten? Draco war kein Flaschengeist.

„Halt endlich den Mund, Malfoy", schleuderte Harry ihm entgegen. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen, wenn der selbstgefällige Slytherin weiter vor sich hin plapperte.

Er wusste im selben Moment, dass das so ziemlich die schlechteste Antwort gewesen war, denn Draco schüttelte die Flasche erneut.

„Es steht dir nicht, wenn du so frech bist", zischte der Slytherin.

Harry setzte sich auf den Flaschenboden und ließ sich schließlich von Draco durch die Nacht tragen. Etwas anderes blieb ihm sowieso nicht übrig.

Draco ging nicht wirklich schnell, vielleicht war er doch betrunkener, als er vorgab. In seinem Kopf setzte sich ein verrückter Plan zusammen. Hastig kramte er nach der Schachtel mit den Nasch-und-Schwänz-Leckereien und förderte einen der grünen Kekse zutage, die ihn überhaupt erst in diese missliche Lage gebracht hatten. Der Keks leuchtete grell durch die dunkle Nacht.

„Was hast du da?", fragte Malfoy argwöhnisch.

„Nichts", entgegnete Harry unschuldig und führte den Keks zum Mund.

„Ist das eins von den Dingern, die du gegessen hast, um klein zu werden?"

„Vielleicht."

„Her damit. Ich weiß was du vorhast. Du willst wieder größer werden."

Harry hatte keine Ahnung ob das wohl tatsächlich funktionieren würde, doch er würde nicht noch einmal so verrückt sein und das testen.

Draco zog indessen den Korken von der Flasche.

„Accio Keks", flüsterte er und das leuchtende Gebäck hüpfte aus Harrys Hand und flog hinüber zu Draco.

„Sieht ganz schön ungesund aus", kommentierte Draco den Keks. „Was macht der?"

„Ich weiß nicht", log Harry.

Vielleicht funktionierte es. Sein Herz klopfte schlug schneller, als er sah, wie Draco den Keks plötzlich zu seinem Mund hob. Doch er roch nur daran. Harry hätte vor Enttäuschung beinahe aufgeschrien. Er musste Malfoy irgendwie dazu bringen, den Keks zu schlucken. Wenn Draco auch klein war, dann würde die Flasche fallen und Harry war frei. Er könnte sie beide wieder wachsen lassen und Draco danach ganz zaubereruntypisch verprügeln für seinen „lustigen" Scherz. Draco verschloss die Flasche wieder, was Harry enttäuscht zur Kenntnis nahm.

„Probier ihn doch. Die machen ganz unterschiedliche Sachen", lockte er den Slytherin, doch dieser sah ihn nur mitleidig an.

„Denkst du ich falle auf so einen billigen Trick herein?"

„Ja", antwortete Harry ohne mit der Wimper zu zucken.

Draco verzog angewidert das Gesicht, doch dann grinste er plötzlich und setzte sich den Keks beinahe liebevoll auf seine Fingerspitze.

„Wohl bekommt's", sagte er lächelnd und aß den Keks behutsam.

Die Wirkung setzte augenblicklich ein. Plötzlich ging es abwärts und Harry hatte keine Sekunde, um sich irgendwo Halt zu suchen. Das war auch ziemlich unsinnig bei einer glatten Glasflasche. Als die Flasche auf den Boden traf, ging ein heftiger Ruck durch die ganze Flasche, riss Harry von den Füßen und dann sah er Sterne. Doch selbst in seinem benommenen Zustand wusste er, dass die gottverdammte Flasche nicht zerbrochen war.

Draco indessen saß nur ein paar Zentimeter von ihm weg auf dem Hosenboden und sah erstaunt an sich herunter.

„Wahnsinn, das funktioniert ja wirklich."

„Hab ich doch gesagt", antwortete Harry säuerlich, seiner Befreiung immer noch keinen Schritt näher gekommen. Draco würde sich gleich wieder zurückverwandeln und im besten Fall die Flasche und ihn wieder mitnehmen, während er sie im schlechtesten Fall einfach auf dem Waldboden liegen ließ. Sie waren nämlich nicht weit entfernt vom verbotenen Wald.

„Da haben die Weasley Zwillinge tatsächlich einmal etwas Gutes gemacht."

Da war tatsächlich Bewunderung in seiner Stimme.

„Toll, nicht wahr?", entgegnete Harry ziemlich ironisch. Er setzte sich schließlich einfach hin und harrte seines Schicksals.

„Ich überlege schon die ganze Zeit, was ich nun mit dir mache, Potty. Ich könnte dich hier liegen lassen", sinnierte Draco gerade von draußen und ging vorsichtig um die Flasche herum, sodass Harry seine Stimme nur noch undeutlich vernehmen konnte.

Außerdem hatte etwas anderes ihn in seinen Bann geschlagen. Hinter Draco war ein leuchtendes Paar Augen aufgetaucht, das unablässig seine kleinen Schritte beobachtete. Vielleicht eine Katze, oder ein Fuchs.

Harry klopfte gegen die Scheibe, denn Draco schien die Gefahr noch gar nicht bemerkt zu haben. Egal, was der Slytherin ihm die letzten zwei Tage angetan hatte, Harry fehlte die Kaltblütigkeit, die dem jungen Mann, der da um seine Flasche tapste, zu eigen war.

„Malfoy, hinter dir!", schrie er nach draußen.

Endlich hörte der Slytherin ihn und wandte sich um. Als er die glühenden Augen des Tieres sah, zückte er seinen Zauberstab: „Engorgio!"

Doch wie schon bei Harry geschah nichts. Also lag es nicht nur an der Flasche.

Dracos Augen weiteten sich panisch. „Wieso funktioniert das nicht?", rief er angstvoll.

„Das weiß ich nicht."

Harry lief nun selbst in seiner Flasche herum und stemmte sich gegen den Korken. „Du musst hier rein."

Vorsichtig, um das Tier nicht zu provozieren, schlich Draco bis hin zum Korken. Erneut versuchte er es mit einem Zauberspruch, doch nur ein paar Funken sprühten hervor.

Wie wahnsinnig drückte er nun gegen den Korken. Das Tier kroch näher heran: Eine riesige Katze. Vielleicht war sie auch gar nicht so groß, doch von seinem Momentanen Standpunkt aus, wirkte sie gigantisch.

„Zieh doch endlich, Malfoy!", schrie er so laut er konnte.

Draußen zog Draco wie verrückt am Korken, doch der bewegte sich nur millimeterweise. Dann plötzlich gab es einen Ruck und der Korken trudelte nach draußen. Draco wurde zurück geschleudert und die Katze setzte zum Sprung an.

Harry griff nach dem Arm des Slytherins und zerrte ihn durch den Flaschenhals: Keine Sekunde zu früh, die Krallen der Katze schrammten haarscharf an Draco vorbei und machten ein quietschendes Geräusch auf dem Glas.

Das Tier miaute verärgert und gab der Flasche einen Schlag, die sie bestimmt einen Meter rollen ließ. Harry blieb nichts anderes übrig, als sich an Draco festzuhalten, damit er nicht aus der Flasche geschleudert wurde. Dann endlich kam die Flasche zum Stillstand.