„Toll gemacht, Malfoy." Fluchend klopfte Harry sich den Dreck von der Hose. „Wirklich, absolut großartig."
Draco seinerseits war nun aufgesprungen und funkelte den Gryffindor böse an. „DU hast gesagt, ach nimm doch einen Keks, da passiert schon nichts. Nennst du das hier nichts? Ich kann nicht einmal mehr zaubern."
„Das konnte ich doch nicht wissen. Du hast gesagt du hast die Flasche verhext."
„Hab ich überhaupt nicht, ich habe nur gedacht, dass du es glauben würdest."
Harry warf ein Stück Brot nach Malfoy, das den blonden Slytherin am Kopf traf. „Wieso erzählst du auch so einen Blödsinn?"
„Hör sofort auf nach mir zu werfen", ereiferte sich Draco.
„Und wenn nicht? Was machst du dann? Hast du dann noch so eine tolle Idee?"
„Deine Idee ist überhaupt schuld daran, dass wir irgendwo zwischen dem verbotenen Wald und Hogwarts in einer Flasche sitzen. Hättest du nicht einfach deine Hausaufgaben machen können?"
Darauf wusste Harry nichts zu erwidern. Er saß fest. Mit seinem Erzfeind in einer verblödeten Flasche, mitten in der Nacht, nahe einem Wald voller Monster die für ihn jetzt im Moment mindestens zehn Meter groß waren.
„Nimm halt nächstes Mal keine Kekse von mir", sagte er störrisch und kickte ein weiteres Stück Brot nach Malfoy.
„Lass das endlich. Wer weiß, wo wir das nächste Mal welches bekommen."
„So weit kann es doch gar nicht zum Schloss sein", versuchte Harry es.
„Natürlich ist es das. Ich war ja gerade einmal aus Hogsmeade raus. Von hier aus sind es noch locker dreißig Minuten bis zum Schloss."
Dazu fiel Harry nun wirklich nichts mehr ein und er ließ sich schließlich zu Boden sinken. Die Flasche kippelte unangenehm und er stand lieber wieder auf.
„Vielleicht sollten wir einfach loslaufen", schlug Draco vage vor, doch Harry schüttelte den Kopf.
„Ich habe ja nicht einmal mehr eine Ahnung, in welche Richtung wir gegangen sind."
„Ich auch nicht", murmelte der Slytherin nun wesentlich ratloser als vorher.
Plötzlich schien der Boden zu beben und ohne auch nur darüber nachzudenken, was er tat, hielt Harry sich an Draco fest. Draco war jedoch ebenfalls viel zu beschäftigt damit, das Gleichgewicht zu halten, als Harry einen blöden Spruch aufs Auge zu drücken.
„Da läuft jemand", wisperte er.
„Hallo!", rief Harry so laut er konnte.
„Hey!", schrie nun auch Draco, doch die Schritte wurden zwar lauter und ließen den Waldboden erzittern, doch niemand schien sie zu hören, denn die Menschen, die dort gingen, die beachteten sie nicht.
Als die Schritte endlich leiser wurden wagte sich Draco als erster aus der Flasche. „Wenigstens haben sie die Katze verscheucht. Und beim nächsten Mal klammerst du dich gefälligst nicht an meinen Arm, wie ein verschüchtertes, kleines Mädchen."
Harry spürte, wie das Blut in seinen Kopf schoss, doch er weigerte sich, Draco darauf eine Antwort zu geben. Draußen sah Draco sich nun ziemlich orientierungslos um. „Bei Merlins Bart, wenn man klein ist, sieht alles ganz anders aus", fluchte er und trat gegen die Flasche.
„Auch schon gemerkt?"
Das Trottel sparte er sich auf. So nervtötend und demütigend es war, er war auf Draco angewiesen, genauso wie Draco auf ihn und das schmeckte Harry überhaupt nicht. Aber eine andere Wahl hatte er auch nicht.
„Ich kann nicht einmal mehr die Lichter von Hogsmeade sehen", murmelte Draco ziemlich kleinlaut. Offenbar begriff er langsam, dass sein geschmackloser Scherz ziemlich nach hinten losgegangen war.
„Wir müssen uns wohl für eine Richtung entscheiden", sagte Harry schlicht und kletterte nun ebenfalls aus der Flasche. Der laue Nachtwind war angenehm kühl und erfrischend auf seiner Haut. In der Flasche war es die meiste Zeit sehr stickig gewesen. „Vielleicht sollten wir nicht unbedingt im Dunkeln weitergehen."
„Uhh...", machte Draco, „hat Potty Angst im Dunkeln?"
„Ja." erwiderte Harry sarkastisch. „Vielleicht könntest du dein Gehirn mal für irgendetwas anderes nutzen, als damit nur Sprüche zu kloppen. Die hört hier draußen sowieso niemand."
Draco schien mit seinen Worten nicht so recht etwas anfangen zu können, er wiegte lediglich den Kopf ein wenig unentschlossen, doch dann kam er zu ihm hinüber.
„Dann lass uns doch mal einen Blick da runter werfen", er zeigte zum Abgang auf ihrer Linken. Nun, Abhang war vermutlich übertrieben, doch für jemanden in ihrer Größe war die sanfte Kerbe des Weges eine kaum überwindbare Kluft.
Harry reckte sich und stellte sich auf die Zehenspitzen, doch er konnte nicht in das Tal schauen, das sich normalerweise sanft neben dem normalen Weg nach Hogsmeade erstreckte. Vielleicht befanden sie sich auch mittendrin, er hatte keine Ahnung, wie weit die Flasche bei ihrer Flucht gerollt war, auch wenn er ein paar Schüler den Weg vor ihnen genommen hatten. Aber Schüler wandelten eben nicht immer nur auf den erlaubten Wegen. Vielleicht waren es auch gar keine Schüler gewesen, sondern ein paar Muggelkinder auf dem Weg zur nächsten Party. Immerhin war es Samstag.
Draco erklomm eine kleine Mauer, vielleicht war es auch so etwas wie ein Bordstein und sah sich um. „Mir kommt hier einfach gar nichts bekannt vor." meinte er ein wenig hilflos.
Harry tat es ihm gleich, der kleine Bordstein wirkte auf ihn wie eine meterhohe Mauer und stand bald neben Draco. „Da hast du wohl recht." erwiderte er resignierend
Der Slytherin ließ sich auf dem kleinen Mäuerchen nieder und ließ die Beine baumeln. „Trotzdem lustig, so klein zu sein."
„Es ist furchtbar", ereiferte sich Harry.
„Warum denn? Für nur mal einen Abend oder so..."
„Bisher habe ich meinen Abend in einer Flasche verbracht", knurrte er.
„Stimmt", sinnierte Draco.
Harry starrte in den wolkenlosen Himmel. „Wir müssen Irgendjemanden finden, der uns hilft."
„Und wo willst du den finden? Sollen wir ein paar Wanderern auflauern?"
„Wir sind nun nicht gerade in der Wildnis."
„Aber näher daran, als mir lieb ist. Ich weiß, warum der verdammte Wald verboten ist."
Harry konnte sich vage an sein erstes Schuljahr erinnern. Er und Draco waren aufgrund einer Strafarbeit im Wald gewesen und Draco hatte ziemliche Angst gehabt. Der Schock schien tiefer gesessen zu haben als er gedacht hatte und das ließ ihn schmunzeln.
„Das ist überhaupt nicht witzig, Potter", kommentierte Draco verärgert das albere Grinsen auf Harrys Gesicht.
„Doch, definitiv, das war witzig."
Draco warf einen Stein nach ihm. „Ich lass mir meinen Abend von dir nicht vermiesen. Sorgen machen kann ich mir auch morgen noch."
Da hatte der Slytherin wohl nicht ganz Unrecht, fand Harry, auch wenn ihm das Kleinsein entscheiden auf den Keks ging. Er war aber auch schon länger in diesem Zustand als Draco. Morgen früh würde der andere es genauso hassen.
„Ich meine, warum muss man überhaupt groß sein? So ist es doch auch nicht schlecht", philosophierte Draco bereits drauflos.
„Mh...", machte Harry. „Weil es viel einfacher ist, wenn man größer ist." Dass das stimmte, wusste er. Er wusste nur nicht warum das so war.
„Aber warum wollen denn alle immer größer sein?", Malfoy schien eine seltsame Laune zu haben. Vielleicht waren das auch die Nachwirkungen des Alkohols. Er hatte schließlich in den Drei Besen etwas getrunken. Oder vielleicht lag es auch an dem neongrünen Keks...
„Weil man dann eben größer als andere sein kann?"
„Und was hat man davon?"
Harry hatte sich nie Gedanken, darum gemacht, dass Draco Malfoy genau wie er ein Mensch mit Gefühlen, Sorgen oder vergleichbarem war, für ihn war er immer der miese Rivale gewesen, der sich wo er ging und stand, über ihn, seine Familie, seine Freunde und sein Haus lustig machte. Doch jetzt gerade im Moment war das alles fort. Schließlich legte er den Kopf in den Nacken und sah zum Sternenzelt empor. Der Gedanke der ihm kam, klang zwar albern, doch schließlich sprach er ihn aus.
„Vielleicht wollen alle größer sein, weil man dann näher an den Sternen ist."
