„Weißt du Potter, vielleicht hast du damit gar nicht so Unrecht."

Ein wenig verwundert sah Harry zu dem Slytherin hinüber, der sich vorsichtig von der Mauer herunter gleiten ließ.

„Was denn?", fragte Draco.

„Nichts. Ist nur ungewohnt, das aus deinem Mund zu hören."

„Die ganze Situation ist ungewohnt", entgegnete Draco säuerlich. „Und jetzt komm endlich von der Mauer runter, wir brauchen einen Schlafplatz für die Nacht."

Tatsächlich folgte Harry ihm ohne ein weiteres Wort in die sternenklare Nacht hinein.

Sie stoppten nach einer Weile am Stamm einer riesigen Eiche. Harry konnte die Krone des Baumes von hier aus nicht erkennen, so groß war der Baum.

„Vielleicht wäre es nicht die verkehrteste Idee dort oben zu schlafen", überlegte Draco. „Hier unten passiert zu viel."

Vermutlich hatte der andere damit Recht und Harry sah ihm interessiert zu, wie er sich eine passende Stelle zum Klettern suchte. Nachdem er jedoch einmal um den Baum herum gegangen war, gab er auf.

„Du könntest mir wenigstens helfen", knurrte der Slytherin.

„Und wie?", entgegnete Harry spöttisch. „Das letzte Mal, als ich dir helfen wollte, hast du dich bitterlich beklagt."

Draco machte eine verächtliche Geste und griff beherzt nach einem Vorsprung in der knorrigen Rinde. Tatsächlich gelangte er dadurch einige Meter, vielleicht waren es auch nur Zentimeter, wenn man so klein war wie sie wirkte nur alles andere viel größer, höher.

„Möchtest du da unten bleiben?", rief er Harry zu und Harry erwachte endlich aus seiner Starre.

Vorsichtig griff er nach dem ersten Vorsprung, an dem sich auch Draco festgehalten hatte und schob sich schließlich ächzend in die Höhe. Harry hatte zwar keine Höhenangst, aber es war etwas vollkommen anderes auf seinem Feuerblitz zu sitzen, oder eben am Stamm eines Baumes zu hängen, während der Wind an seinem Umhang zerrte. Wenigstens hatte er seinen noch, es wurde langsam kalt.

„Gibt es dort oben irgendetwas, wo wir Rast machen können?", rief er zu ihm hoch.

„Nein", kam von Oben die Antwort. „Ich sehe Nichts."

Harry wurde es langsam nun wirklich Unwohl. Der Boden war verdammt weit entfernt und der erste Ast schien kilometerweit entfernt zu sein. Er sah, wie Dracos Fuß wegrutschte und für einen Moment dachte er, das der Slytherin gleich in die Tiefe stürzen würde, doch Draco suchte sich seinen Halt wie ein geübter Kletterer und verlor kein Wort darüber. Und dann zog er sich plötzlich über eine Kante und war fort.

Erschrocken beeilte sich Harry, ihm hinterher zu kommen, doch das erwies sich als gar nicht so einfach. Scheinbar hatte der Slytherin einiges mehr an Übung als er. Keuchend erreichte er schließlich den Vorsprung und hievte sich mit letzter Kraft in das Astloch hoch.

„Nicht hübsch, aber sicher."

„Und feucht", antwortete Harry, ziemlich außer Atem.

Draco schien sich einen gehässigen Kommentar regelrecht verkneifen zu müssen, denn seine Lippen zuckten amüsiert.

„Was auch immer du sagen willst: Behalte es bloß für dich", knurrte er und sah dann ins Tal hinunter. Von hier aus sah er die Lichter von Hogsmeade endlich wieder.

„Wenigstens wissen wir jetzt eine Richtung", seufzte er erleichtert.

Draco nickte und ließ sich weiter hinten im Astloch nieder. „Weck mich, wenn es hell wird."

Harry tippte sich an die Stirn. „Sag, wovon träumst du eigentlich nachts? Ich werde genauso schlafen, wie du."

„Wie du meinst."

Schulterzuckend setzte sich Draco zurecht. Harry sah, dass er fröstelte und war hin und hergerissen. Das da war immer noch Draco Malfoy, sein Erzfeind. Ebenso hatte sich dieser Erzfeind bisher nicht viel anders verhalten als sonst, mit dem minimalen Unterschied, dass sie eine philosophische Diskussion geführt hatten. Anders herum fühlte er sich gerade Draco näher, als allen anderen Menschen die er kannte. Vielleicht, weil es eine Tatsache war. Wer konnte wohl dieses hilflose Gefühl, das er hatte, besser verstehen, als jemand, dem es genau so erging? Sie waren klein, sie waren ihrer Zauberkraft beraubt und sie hatten keine Ahnung wo sie sich befanden. In Ordnung, das stimmte nicht, sie hatten eine vage Ahnung, zumindest lag Hogsmeade vor ihnen und sie konnten sich am Tage einen neuen Weg bahnen.

Nachdenklich sah Draco nach Draußen und schlang die Arme um seinen Oberkörper.

Schließlich seufzte Harry und zog seinen Umhang aus, den er dann ungefragt über Draco ausbreitete. „Wenn du das jemandem erzählst, bringe ich dich auf der Stelle um?"

„Womit?", fragte Draco, doch er lächelte. Tatsächlich war das Lächeln nicht so überheblich wie sonst. „Mit deinen Händen?"

„Wenn's sein muss, ja", lachte Harry und zog ein Stück Umhang über seine Beine. Tatsächlich wurde es kühl.

Sie schwiegen eine Weile und Harry war beinahe schon weg gedämmert, als Draco plötzlich sagte. „Siehst du, Potter, man muss gar nicht so groß sein. Von hier aus ist man viel näher an den Sternen."

..::~::..

Harry erwachte früh am nächsten Morgen. Die Vögel zwitscherten ohrenbetäubend und sein Nacken tat höllisch weh, denn er hatte die ganze Nacht in einer ziemlich unbequemen Position verharrt. Dracos blonder Schopf war auf seine Schulter gesunken und er spürte dessen warmen Körper an seiner Seite. Der Atem des anderen ging gleichmäßig und ruhig, scheinbar schien er noch tief und fest zu schlafen.

So verharrte Harry schließlich eine Weile, denn ihm gefiel die Vorstellung nicht, Draco zu wecken, auch wenn er es seiner eigenen Verschlafenheit zuschrieb und so döste er eine Weile vor sich hin, angeschmiegt an den drahtigen Körper des blonden Slytherins, der sich schließlich, nach einer ganzen Weile regte.

Gähnend richtete er sich auf und sah ein wenig verwundert zu Harry hinüber.

Harry konnte gar nicht anders, über den verwunderten Blick musste er einfach lachen. „Auch schon wach?"

„Du solltest mich wecken", murrte Draco verschlafen und unterdrückte ein erneutes Gähnen.

Harry streckte sich und kroch nach vorne um aus dem Astloch zu schauen. Die Vögel im Geäst machten einen irren Krach, was er missbilligend zur Kenntnis nahm. Ein wenig mehr Schlaf wäre vielleicht gar nicht so verkehrt gewesen. Ein Tautropfen zersprang auf seiner Schulter.

„Uargh", machte Harry angewidert und schüttelte sich. Eine Hälfte seines Kopfes war komplett nass, die andere zumindest feucht.

Draco begann zu lachen. „Damit hättest du dir wenigstens die Dusche gespart."

Grollend gab Harry Draco einen Schubs und wrang sein nasses Haar aus. So oder so war vermutlich ein Schnupfen vorprogrammiert, immerhin hatten sie die ganze Nacht in einem feuchten, muffigen Astloch verbracht.

Wie an jedem Morgen, seit seinem schicksalhaften Keks während der Zaubertrankstunde, versuchte er, einen Zauber zustande zu bringen, doch die Bemühung blieb vergeblich.

Draco tat es ihm gleich, gebrauchte aber wesentlich mehr Schimpfworte, als ihm kein Zauber gelang.

„Na, sag mal...", rief Harry milde entrüstet. „Hat Mami dir das Fluchen nicht verboten?"

Dracos Augen verengten sich zu schlitzen und seine Miene wurde hart.

„Was meine Mami mir verbietet und was nicht, geht dich einen feuchten Dreck an. Vielleicht hätte deine Mami gut daran getan, dir..." Er verstummte. Offenbar war ihm gerade der Gedanke gekommen, dass Harrys Mutter wohl ganz offensichtlich keine Zeit gehabt hatte, ihm irgendetwas beizubringen.

Auf seinem Gesicht lag eine Spur Verlegenheit, wie er sie noch nie bei dem Slytherin gesehen hatte. Ganz offensichtlich hatte Draco ihn nicht verletzten wollen. Harry fühlte sich seltsamerweise auch gar nicht verletzt, auch wenn er normalerweise keinerlei Geduld mit Leuten hatte, die sich über seine verstorbenen Eltern lustig machten und Draco hatte das schon oft zu spüren bekommen.

Dann ließ Draco sich vorsichtig aus dem Astloch hinab und machte sich an den Abstieg. Harry hatte sowieso nicht erwartet, eine Entschuldigung von ihm zu hören, doch die Tatsache, dass es ihm ganz offensichtlich Leid tat, genügte ihm vollkommen.

Als die Sonne schließlich höher stieg, waren sie beinahe fertig mit dem Abstieg und als Harry endlich, nach Stunden, wie es sich anfühlte, wieder festen Boden unter den Füßen hatte, fühlte er sich so optimistisch, wie schon lange nicht mehr.

„In die Richtung liegt Hogsmeade", rief er selbstsicher. „Wäre doch gelacht, wenn wir heute Abend nicht wieder in Hogwarts sind."

Draco folgte ihm schweigend.