Schon seit Stunden folgte Harry Draco durch das dichte Geäst des Waldes. Er hatte die Orientierung verloren und er hatte bestimmt schon seit zwei Stunden den Himmel nicht mehr gesehen, denn das Geäst der Bäume war dicht und vertrieb jeden Sonnenstrahl. So merkte er zuerst gar nicht, dass es dämmerte. Sie hatten schon eine Weile nicht mehr miteinander gesprochen, doch als es zunehmend dunkler wurde, blieb Draco plötzlich stehen und sah sich nach ihm um.
„Ich verstehe das nicht, sagte er verwirrt. Wir hätten schon vor Stunden den Weg erreichen müssen, der an Hagrids Hütte entlang führt."
Harry seufzte. „Ich befürchte, dass wir nur tiefer in den Wald gegangen sind. Von hier aus ist es sicher nicht mehr weit, in den verbotenen Teil des Waldes."
Harry wusste von Hagrid, dass der Wald bis nach Hogsmeade reichte, doch war er am Saum des Dorfes weniger dicht und eben auch nicht verboten.
Verärgert trat Draco gegen die hervorstehende Wurzel einer knorrigen Pflanze. „Scheiß Wald", fluchte er.
Harry pflichtete ihm im Stillen bei. Wie hatten sie nur in eine solche Situation geraten können? Das war einfach nicht auszuhalten.
Verärgert ließ Draco sich nach einer Weile auf einer Wurzel nieder. „Zwecklos. So kommen wir hier nie heraus."
Harry ließ sich neben ihm auf die Wurzel sinken. Seine Füße taten weh. Den ganzen Tag waren sie gelaufen. Und er hatte Hunger. Ziemlich großen Hunger sogar. Sein Magen knurrte laut.
„Ich hab auch Hunger", maulte Malfoy.
„Wir sind vorhin an einem Beerenstrauch vorbei gekommen", schlug Harry halbherzig vor.
„Findest du den in der Dämmerung?", entgegnete Malfoy verächtlich.
„Nein", musste Harry zustimmen. „Aber versuchen könnten wir es wenigstens."
Ohne ein weiteres Wort glitt Draco von der Wurzel herunter und stapfte in die Richtung, aus der er vermutete, dass sie gekommen waren. Harry hatte zwar keine Ahnung, wie der Slytherin sich da so sicher sein konnte, aber er folgte ihm.
Tatsächlich fanden sie sogar das Brombeergestrüpp, das Harry vorhin gesehen hatte, doch die Dornen hingen bedrohlich über ihren Köpfen und als Harry versuchte, eine der Brombeeren zu lösen, wurde er beinahe aufgespießt.
Die halbreife Brombeere, an einigen Stellen noch rot, purzelte schließlich auf den Boden und erschlug beinahe Draco, der gerade in eine andere Richtung sah.
„Pass doch auf", raunzte er Harry an, doch er hielt brav die Brombeere fest, damit sie nicht wieder ins Gebüsch rollte. Als er ein Stück aus der Brombeere löste und es sich gierig in den Mund steckte, ging ein schaudern durch seinen Körper.
„Alles in Ordnung?", fragte Harry misstrauisch.
Draco schüttelte angewidert den Kopf, zwang sich aber dennoch, die Frucht herunter zu schlucken.
„Sauer", wimmerte er und schmatzte geräuschvoll. „Einfach ekelhaft."
Harry war jedoch viel zu hungrig, um sich darüber Gedanken zu machen, dass die Brombeere vielleicht nicht schmeckte, er brach ebenfalls ein Stück heraus und aß es. Die Frucht war wirklich unerträglich sauer, doch Harry zwang sich dazu, tief durchzuatmen und sich vor allem nichts anmerken zu lassen. Was blieb ihm auch anderes übrig? Hier draußen gab es gar nicht die Möglichkeit, wählerisch zu sein.
Draco schien das ähnlich zu sehen, denn stumm schob er sich Stück um Stück der sauren Beere in den Mund und sah dabei eindeutig gequält aus.
Einige Ameisen kamen vorbei, angelockt von dem Saft der Brombeere und Harry und Draco überließen ihnen bereitwillig den Rest. Vielleicht auch deswegen, weil Ameisen sehr imposant wirkten, wenn man so klein war wie Harry und Draco.
Schweigend setzten sie sich erneut in Bewegung. Ein paar Glühwürmchen erhellten die Nacht, doch ansonsten wurde es langsam wirklich finster, nicht so wie gestern, als sie gemütlich in den Sternenhimmel geblickt hatten. Das hier war beinahe schon bedrohlich.
„Autsch", machte Draco vorne und dann sah Harry ihn nicht mehr. Er stürmte nach vorne und wäre beinahe ebenfalls gestürzt. Eine Loch im Boden, vielleicht ein Kaninchenbau oder etwas Ähnliches. Harry ruderte mit den Armen, um nicht ebenfalls hinunter zu stürzen.
„Draco?", rief er hinunter.
„Ja...", klang es dumpf.
„Ich komme zu dir runter."
Harry hörte einen ziemlich unfeinen Fluch aus dem Loch und machte sich dann vorsichtig an den Abstieg. Irgendetwas schepperte blechern. Blech? Im Wald?
„Kannst du etwas da unten sehen?", rief er noch einmal.
„Nein, verdammt. Aber hier unten ist irgendetwas."
Harry rutschte das letzte Stück des Lochs hinunter. Er musste husten, als der Staub aufstieg und seine Augen brannten. Offenbar bahnte sich nur selten der Regen seinen Weg hier hinein.
Dann sah er Dracos Gestalt, der vor einer Abzweigung stand, die offenbar tiefer in die Erde führte.
„Da drin ist irgendetwas. Ich glaube eine Dose. Vielleicht ist da noch etwas drin." Dracos Stimme klang hoffnungsvoll.
Harry arbeitete sich tastend an ihm vorbei und stieß auf das Metall vor ihm. Er tastete vorsichtig.
„Tatsächlich, eine Dose. Ich glaube sie ist sogar noch verschlossen." Er hatte den Verschluss ergriffen, der immer noch unbeschadet an dem Gefäß hing.
„Dann lass uns sie aufmachen", erwiderte Draco gierig und schob ihn zur Seite.
„Das wirst du kaum alleine schaffen", entgegnete Harry spöttisch.
„Unsinn." Draco machte eine wegwerfende Handbewegung, während Harry dem Slytherin amüsiert zusah, wie er sich mit dem Verschluss abmühte. Vielleicht war es auch gar keine Dose mit Nahrung, sondern eine Getränkedose, dann würden sie gleich fortgespült werden.
„Wäre es nicht sicherer, wenn wir nur ein kleines Loch hinein schlagen?", schlug er Draco vor.
Schwer atmend ließ Draco von der Dose ab.
„Meinetwegen, Mr. Oberschlau." Mit einer gespielt unterwürfigen Verbeugung entfernte sich Draco von der Dose.
Harry verdrehte die Augen. Der Slytherin konnte ja so lästig sein. Er sah sich um und fand nach einer Weile sogar einen passenden Stein. Mit aller Kraft hieb er gegen den Verschluss, er war sich sicher, dass dies die schwächste Stelle der Verpackung war, doch außer einem metallischen Klong war nichts zu hören und auch nichts zu sehen. Noch einmal warf er sich mit voller Kraft dagegen, den spitzen Stein vornweg, doch wieder geschah nichts.
Draco grinste im schwächer werdenden Tageslicht amüsiert vor sich hin. „Vielleicht sollten wir einmal beide an dem Öffner ziehen."
„Willst du von der Flüssigkeit in den Kaninchenbau gesaugt werden?", gab Harry zu bedenken.
Der Slytherin wiegte den Kopf. „Dann machen wir sie nicht ganz auf, sondern nur so, dass die Schnittkante sich öffnet."
Harry seufzte. Zu verlieren hatten sie schließlich sowieso nichts mehr.
Als Beide an dem Verschluss nach Leibeskräften zerrten, war plötzlich ein Klicken und Zischen zu hören. Erschrocken ließ Harry los und auch Draco tat es ihm gleich. Aus den feinen Ritzen sprudelten ein paar Blasen mit bräunlichem Schaum.
Draco sah Harry zweifelnd an.
„Das war deine Idee", knurrte Harry.
Zu seiner Verwunderung nickte Draco jedoch nur und hielt schließlich den Mund an die Rillen und er sah, dass der Slytherin trank.
„Und?", fragte er neugierig.
Draco schüttelte sich. „Eine Dose Whiskey Cola."
„In einer Dose?"
Draco zuckte die Schultern. „Muggel mögen so etwas."
„Woher weißt du denn, was Muggel mögen?"
Draco verzog spöttisch den Mund. „Ich weiß eine Menge mehr Dinge, als du denkst, Potter."
Harry ließ es dabei bleiben. Es hatte sowieso keinen Sinn mit dem Slytherin zu streiten, es brachte sie weder vorwärts, noch stand ihm der Sinn danach.
Als er einen Schluck nahm, breitete sich eine heiße Wärme in seinem Magen aus und stieg ihm sofort zu Kopf. Er hatte noch nie etwas Stärkeres als Butterbier getrunken und das hier war um einiges Stärker.
„Es wird warm." kicherte Malfoy.
Es wurde wirklich überall warm. Vielleicht gar nicht so schlecht, die letzte Nacht hatte er erbärmlich gefroren, denn Malfoy hatte sich in seinen Umhang eingerollt und er hatte die meiste Zeit frierend wachgelegen. Nun, wenigstens passierte ihm das nun nicht noch einmal. Er fragte sich, wie viel Whiskey Cola man wohl brauchte, wenn man so klein war, wie sie, um vollständig betrunken zu sein.
Draco schien etwas ähnliches zu überlegen, dennoch nahm er einen erneuten Schluck und ließ sich dann auf den staubigen Boden sinken.
„Wenigstens haben wir jetzt gute Verpflegung." rief er grinsend. Harry glaubte zumindest, dass er grinste, er konnte kaum noch etwas erkennen. Mittlerweile war es Nacht geworden.
Er stand erneut auf, doch dieses Mal drehte sich alles um ihn herum. Ganz offenbar der Alkohol, er hatte noch nie wirklich getrunken und er musste sich an den Rändern der Dose festhalten, um nicht einfach wieder umzufallen.
Draco lachte laut. „Wie niedlich, Potty."
Harry ignorierte ihn und nahm noch einen tiefen Schluck. Sollte der alberne Slytherin nur kichern und lachen, das war ihm herzlich egal.
„Lass mir auch noch was drin", knurrte er nun, aber nicht wirklich verärgert und trat neben Harry. Zumindest versuchte er es, er schwankte bedrohlich und musste sich an Harrys Hemd festhalten.
„Aha", rief Harry triumphierend. „Wie niedlich, Malfoy." Er streckte ihm die Zunge heraus. Irgendwo in seinem Hinterkopf mahnte ihn eine Stimme, sich nicht so furchtbar albern aufzuführen, aber irgendwie gelang ihm das nicht.
„Mach das noch mal", kiekste Malfoy.
Harry gab dem Slytherin einen Schubs, der ihn zu Boden taumeln ließ.
