Kichernd lag Draco auf dem Boden und Harry musste sich zwingen, seinen Blick ruhig zu halten, was unter Alkoholeinfluss gar nicht so einfach war, wie er fand.

„Worüber lachst du so, Malfoy?", wollte er wissen.

„Über dich", giggelte der Slytherin und machte einige Anstalten, aufzustehen, doch die Bemühungen waren vergebens.

„Du hättest weniger trinken sollen", nuschelte Harry und ließ sich in die Knie sinken, um Draco aufzuhelfen. Einmal am Boden musste er jedoch feststellen, dass es viel einfacher war, auch unten zu bleiben.

Sein Gegenüber hatte sich mittlerweile aufgerichtet und starrte ihn herausfordernd an.

Harry war in einer seltsamen Stimmung. Hogwarts, seine Gefangenschaft in der Flasche, all das war gerade weit weg von ihm, jetzt und hier zählte nur der Augenblick. Er machte sich zum ersten Mal keine Gedanken darüber, was Morgen geschehen sollte oder würde und auch nicht, was in der Vergangenheit geschehen war. Als wäre eine große Last von ihm genommen worden. Und er war sich ziemlich sicher, dass der Alkohol zwar sein Gemüt lenkte, es aber nicht schuld war, dass da noch etwas Anderes in ihm brodelte.

„Sag mal Potter, hast du je...?", dann schwieg er wieder.

„Was habe ich je?"

„Vergiss es. Das war albern." Draco sah die Dose an. „Vielleicht wenn ich vollends betäubt bin..." Er zog sich an der Dose hoch und nahm noch einen tiefen Schluck aus der Dose. Die Hälfte der Flüssigkeit lief seinen Hals hinunter. Harry sah, wie sich die Tropfen ihren Weg zu seinem weißen Hemd bahnten und kleine, feuchte Flecke hinterließen.

„Schau mich nicht so an", zischte Draco, doch Harry bemerkte, dass der Slytherin ein wenig unruhig wurde, offenbar mochte er es nicht, wenn er die Gedanken seines Gegenspielers nicht ergründen konnte. Zeit endlich einmal die Rollen zu tauschen. Sonst war es immer Harry, der blind in Malfoys Netz tappte. Heute Nacht vielleicht einmal nicht.

Ein weiterer Schluck aus der Dose wischte seinen Gedanken fort.

„Warum hast du mich in die Flasche gesteckt?", fragte er leise.

„Weil ich das lustig fand. Zugegeben, ich weiß jetzt, dass es weniger lustig ist. Aber du hättest es kaum anders gemacht. Die Gelegenheit war zu verlockend."

Wenn Harry sich das recht besah, stimmte das wohl, und hatte er wirklich auf eine Entschuldigung seitens Malfoy gewartet? Das war geradezu utopisch und dem Gesicht des Slytherins sah er an, dass er darauf wohl noch tausend Jahre warten konnte. Er selbst tat sich schließlich mit Entschuldigungen auch nicht gerade leicht.

„Hast recht", murmelte er und ließ sich, mit dem Rücken zur Dose, auf den Boden sinken.

„Verlockung ist etwas Verrücktes", sinnierte Draco.

Harry überlegte. Wann hatte er jemals etwas gehabt, was ihn wirklich in Versuchung gebracht hatte, etwas wirklich Verrücktes zu tun? Zugegeben, da war Cho, aber das machte wohl jeder Mann einmal durch. Das war normal. Etwas Verlockendes? Nein, da war nichts. „Woher willst du das wissen?"

Der Slytherin lächelte undefinierbar, sodass Harry eine Gänsehaut bekam. Er wurde das Gefühl nicht los, dass hier gerade etwas seinen Anfang nahm, was fürchterlich schief zu laufen schien.

„Ich hab dir schon einmal heute Abend gesagt, dass ich viel mehr weiß, als du dir auch nur vorstellen kannst."

Harry kannte solche Sprüche von Malfoy zur Genüge. Der Slytherin musste einfach alle anderen übertreffen, das lag in seiner Natur. Auch wenn er sich mittlerweile darüber wunderte, dass manche Dinge wohl tatsächlich der Wahrheit entsprachen. Er hütete sich jedoch, danach zu fragen. Die Prahlerei hasste er mehr als alles andere an Draco. Vielleicht wusste der Slytherin das auch und stellte ihn deswegen auf die Probe. Wer konnte schon in das Hirn einer solch zwielichtigen Gestalt hinein sehen?

„Am Ende gewinnt immer die Verlockung", sponn Draco seinen Gedanken von vorhin weiter, als wäre nichts gewesen.

„Mh. Weiß nicht. Kann ich nicht beurteilen."

„Ich kann es dir beweisen", sagte Draco plötzlich neckisch und hob den Kopf.

Harry sah nun direkt in die blauen Augen die stechend aus dem kühlen, blassen Gesicht zu ihm hinab sahen. Er versuchte nach außen hin seine Ruhe zu bewahren. „Und wie willst du das beweisen?"

„Spontan würden mir da mindestens drei Dinge einfallen."

„Dann lass hören."

Harry musste unwillkürlich schlucken als Draco ihm die Hand anbot, damit er aufstand. Draco war ein Stück größer als er und so nah, wie er nun vor ihm stand, musste er zu ihm Aufsehen. Ein merkwürdiges Gefühl.

„Nummer eins", flüsterte Draco.

Harrys Herz schlug schneller als der blonde Slytherin sich zu ihm hinab beugte. Dracos Wange streifte die Seine. Er fühlte nur die warme Haut und ein leichtes Kratzen der Bartstoppeln. Aber er fühlte auch den heißen Atem an seinem Ohr.

„Nummer zwei", flüsterte Draco ihm nun direkt ins Ohr.

Harry war gar nicht fähig, sich zu bewegen, als er nun die Lippen das Slytherins an seinem Hals spürte. Ein wohliger Schauer überkam ihm. Aber halt, Stopp, das war Draco Malfoy, der Schrecken aller Gryffindors und dazu mal noch ein Kerl. Sie waren zwar beide betrunken und winzig, aber das war noch lange kein Grund …

Eine Hand umschloss sein Kinn und zwang ihn, erneut aufzublicken.

Draco schüttelte den Kopf und seufzte. Doch das Lächeln verschwand nicht aus seinem Gesicht. „Na, na." machte er, wie zu einem kleinen Kind, als Harry seine Hand bei Seite schieben wollte. Ein halbherziger Versuch, das musste er sich selbst eingestehen. Zu fasziniert war er von dem, was noch kommen könnte.

Die Lippen des Slytherins berührten nun fast seine, so nah war er ihm nun.

„Nummer drei."

Harry hörte die Worte zwar, doch er nahm sie gar nicht so richtig war, das Blut in seinen Adern tobte, als Dracos Lippen sich gierig gegen seine drängten und er zwar Anstalten machte, sich aus Dracos Griff zu befreien, doch empfand er es, wie eine Befreiung und er erwiderte den Kuss: Erst zaghaft, dann jedoch wie ein Spiegelbild seines Inneren, er fühlte Verzweiflung, Sehnsucht, Leben, alles in einem.

Als der Slytherin sich schwer atmend von ihm löste, hatte er das Gefühl, dass seine Knie jeden Moment nachgeben würden.

„Ich sagte ja, dass am Ende immer die Versuchung gewinnt."

Harry sah zu, wie sich Dracos Brust im Taumel der Gefühle hastig hob und senkte. Sollte er darauf etwas erwidern? Wieso hatte er das nur zugelassen? Und noch viel schlimmer, wieso lechzte es ihn in diesem furchtbaren Augenblick nach mehr?

Eine Weile standen sie sich einfach nur gegenüber und sahen einander in die Augen. Harrys grüne Augen trafen auf Dracos Blaue.

„Ich befürchte, heute sind wir ganz schön weit entfernt von den Sternen", sagte Draco leise.

Harry erwiderte seinen Blick ruhig und dann endlich löste sich der Slytherin aus seiner Starre und Harry presste den zähen Körper Dracos an Seinen. Ihre Lippen fanden sich erneut und schließlich sanken sie zusammen in den Staub ihres kleinen Verstecks...

..::~::..

Als Harry die Augen aufschlug war er alleine. Verschlafen setzte er die Brille auf und rieb sich den Nacken. Sein Kopf fühlte sich schwer an und er musste erst zweimal überlegen, wo er überhaupt war. Er war immer noch klein und saß in einer kleinen Höhle neben einer gewaltigen Dose. Dennoch gab es da einen Unterschied zu Gestern: Draco war fort. Hatte er ihn gestern fortgeschickt? Hatten sie sich wieder gestritten?

Dann überfluteten ihn plötzlich die Gefühle der gestrigen Nacht und die Schamesröte kroch ihm ins Gesicht. War das wirklich passiert? Kein Wunder, dass Draco sich aus dem Staub gemacht hatte, er hätte es wohl auch getan, wenn er früher aufgewacht wäre. Er gab der Dose einen verärgerten Tritt.

„Du bist schuld", sagte er laut, bis ihm auffiel, wie albern er sich benahm. Eine Dose für sein Elend verantwortlich machen, war ein bisschen zu einfach, denn sie wehrte sich ja schließlich nicht.

Sein Kopf dröhnte und das Zischen der Dose war enervierend. Was war nur in ihn gefahren? So war er doch normalerweise gar nicht. Er hatte sich immer für relativ normal gehalten, was solche Dinge anging. Aber die gestrige Nacht hatte sich nicht falsch, nein noch viel schlimmer, sie hatte sich so... richtig angefühlt. Als wäre all das nur der Lauf der Dinge, den es sowieso genommen hätte. Dabei konnte das gar nicht stimmen, Malfoy hatte es darauf angelegt, er hatte ihm nur etwas beweisen wollen. So wie immer. Er forderte Malfoy heraus und ohne Hilfe verlor er jedes Mal gegen ihn.

Und wo war er jetzt hingegangen? Harry rappelte sich auf und kraxelte den steilen Abhang hinauf. Auch hier keine Spur von Draco. War er ohne ihn weitergegangen? Vermutlich bereute er sein Verhalten und schämte sich genauso wie Harry jetzt, auch wenn das eigentlich nicht zu ihm passte. Vielleicht lachte er sich aber auch ins Fäustchen, war schon längst wieder in Hogwarts und erzählte bereits jedem herum, welch besondere Vorliebe der berühmte Harry Potter hatte... Der Gedanke war unerträglich.

„Draco?", rief er schließlich, weil ihm nichts Besseres einfiel. Der Wald um ihn herum antwortete mit Schweigen.