Eine Weile stand Harry nur fassungslos da, doch dann sah er sich genauer um. Kleine Fußabdrücke führten weg von der Mulde und er sah es mit Erleichterung. Wenn die Spur sich nicht verlor, würde er Draco nur leicht finden. Er musste das klarstellen, was da gestern Nacht geschehen war.

Das Sonnenlicht blendete ihn unangenehm und Harry musste die Hand über die Augen legen, um seine Umgebung besser erkennen zu können. Er zog seinen Mantel enger, denn es war kühl an diesem Morgen und dann stapfte er los und folgte Dracos Fußabdrücken, die Böschung hinab.

Einmal verlor er die Spur beinahe, doch unweit einer kleinen Kuhle mit Sand, nahm er sie wieder auf. Der Wald erwachte mittlerweile und um ihn herum raschelte und knackte es. Harry hatte es bisher nicht so empfunden, doch an diesem Morgen fiel ihm auf, wie bedrohlich der Wald wirkte. Vielleicht, weil er sich langsam dem Teil des Waldes näherte, der verboten war. Ein paar Käfer krabbelten an ihm vorbei, beachteten ihn aber auch nicht. Für Harry waren sie jetzt so groß wie Katzen, was ihm ein mulmiges Gefühl verschaffte.

Und überhaupt, wie weit war Malfoy bitte gelaufen? Und wieso hatte er sich so zielsicher auf den dunkelsten Teil des Waldes zubewegt? Das Rätsel ließ sich vielleicht noch erklären, vermutlich war es noch Dunkel, als Draco sich davon gemacht hatte, denn Harry schätzte, dass es schon eine Weile her sein musste, seitdem der Slytherin losgelaufen war.

Verärgert stapfte er nun hinterher und verfluchte sein Schicksal. Malfoy war wohl kaum aus Scham geflohen, die gestrige Nacht hatte er geschickt eingefädelt und Harry war sich sicher, dass er sich nun einen Spaß daraus machen wollte. Wäre er bloß nicht schwach geworden, dann wäre er jetzt zumindest nicht in dieser Situation, allein im verbotenen Wald, geschrumpft und vollkommen planlos.

Die Spur brach bei einem knorrigen Baum ab. Harry erkannte das Astwerk aus dem Kräuterkundeunterricht sofort, und er wusste auch, dass ein Teil des Waldes diesen Hain beherbergte: der Zypressenhain des verbotenen Waldes. Hagrid hatte ihm eine Menge darüber erzählt, doch er konnte sich nur noch nebulös daran erinnern. Wo war nur Hermine, wenn man sie brauchte? Es wunderte ihn sowieso, dass niemand sich bisher auf die Suche nach ihnen gemacht hatte. Oder aber sie suchten in einer völlig anderen Richtung.

Zumindest Dracos Eltern würden sich wohl Gedanken machen, wenn ihr Sohn einfach verschwand, schließlich hatte sich sein Vater mehrfach in die Angelegenheiten von Hogwarts eingemischt, einmal als er wollte, dass Hagrid suspendiert wurde, ein anderes Mal, als Draco von einem Hippogreif angegriffen worden war.

War Draco auf den Baum gestiegen? Harry besah sich die Rinde der Zypresse, zumindest war es einfach daran empor zu klettern und er tat es schließlich, denn egal wie sehr er sich bemühte, die Spur fand er nicht wieder. Vorsichtig zog er sich hoch und gelangte Bald auf den ersten Ast, der vom Stamm abging.

Von hier aus hatte er eine gute Sicht auf die Umgebung, doch nirgends war eine Spur von Draco zu sehen. Aber dafür kam Harry dieser Teil des Waldes irgendwie unangenehm bekannt vor. Er kroch noch ein Stück weiter, und dann wusste er auch, woran der Wald ihn erinnerte, denn er sah sich nun einem riesigen, feinmaschigen Spinnennetz gegenüber. Erschrocken machte er einen Satz zurück, um nicht an die klebrigen Seile des Netzes zu stoßen und wäre beinahe hinunter gestürzt.

Als er sich wieder gefangen hatte, sah er nach oben. Überall waren die Spinnennetze und sie waren riesig, nicht nur für ihn. Das war ein Teil des Waldes, in dem Aragog und seine Gefährten jagten und er war blindlings hinein gerannt. Und viel wahrscheinlicher war es, das auch Draco dasselbe getan hatte. Panik überfiel ihn nun, zum ersten Mal kam ihm in den Sinn, dass es Draco vielleicht erwischt hatte, es gab so viele Gefahren hier draußen, selbst im normalen Teil des Waldes gab es eine Menge Tiere, die kleine Stöpsel wie sie, ohne mit der Wimper zu zucken, fraßen.

Harry ging hinüber zum Stamm und wollte sich gerade an den Abstieg machen, als über ihm etwas raschelte. Ängstlich sah er nach oben, doch es war nichts zu sehen. Es raschelte dafür aber nun umso mehr im Geäst der Zypresse und Harry drückte sich nun eng an die Rinde, um nicht gesehen zu werden. Was immer dort oben lauerte, das war ihm garantiert nicht freundlich gesonnen.

Als jedoch nichts geschah, musste er zum ersten Mal daran denken, dass dort oben vielleicht auch Draco Malfoy auf ihn wartete, der sich eben in genau diesem einen Netz verfangen hatte, denn das Netz war riesig und Harry hatte sein Ende nicht gesehen.

Und tatsächlich, als er schließlich den Mut gefasst hatte, sich höher zu wagen, hörte er die vertraute Stimme, die ziemlich wüste Verwünschungen ausstieß. So schnell er konnte, stieg er hinauf, weit höher als sie sich beim letzten Mal getraut hatten und als er sich vollkommen außer Atem endlich den Ableger hinauf zog, sah er Draco und Draco sah ihn. Beide waren jedoch zu keinem Wort fähig.

Draco hatte sich wie erwartet in dem Netz verfangen und schien sich selber nicht mehr daraus befreien zu können. Sein Haar, seine Kleidung, sogar seine Haut, all das klebte an dem Spinnennetz fest.

„Wie hast du das denn gemacht?", fragte Harry, als er seine Stimme wiedergefunden hatte.

„Ich bin tatsächlich das erste Mal in meinem Leben froh, dich zu sehen."

Harry ging auf den blöden Kommentar nicht ein. „Wie kommt es, dass ich dich in aller Herrgottsfrühe aus dem Netz einer Spinne ziehen muss, das sich nebenbei bemerkt, mindestens zwei Kilometer entfernt von unserem letzten Unterschlupf befindet?"

Er hatte zwar keine Ahnung, ob das mit den Kilometern so stimmte, aber so war es ihm vorgekommen. Dann wurde ihm klar, dass Draco darauf nicht antworten würde, der blonde Slytherin schwieg verstockt und Harry begann schließlich seufzend damit, Draco aus dem Netz zu befreien, was sich als viel schwieriger herausstellte, als er bisher angenommen hatte.

„Danke, Potter", murmelte der Slytherin schließlich.

„Was war das?"

„Du hast mich schon verstanden", knurrte Draco böse.

„Schon gut, schon gut."

Als er Draco schließlich befreit hatte, fiel dieser beinahe in seine Arme, offenbar waren seine Beine eingeschlafen. Mit einem Anflug von Rot auf den Wangen, rutschte Draco ein Stück von ihm Weg.

„Wie bist du denn nur hier hoch gekommen?"

„Ich konnte nicht mehr schlafen", verteidigte sich Draco.

„Und dann hast du beschlossen, einfach mal ewig weit weg zu laufen, sodass ich dich garantiert nicht wiederfinde?" Harrys Misstrauen meldete sich. Vielleicht hatte er mit seinen Gedanken gar nicht so falsch gelegen.

„Nein …", murmelte Draco vor sich hin.

Harry war nun einfach verärgert. Sicher, er hatte sich nichts auf der gestrigen Nacht eingebildet, war es ihm doch jetzt gerade mehr als unangenehm, aber irgendwie hatte er angenommen, dass all das, was sie durchlebten, sie einander irgendwie näher gebracht hatte. Jedenfalls hatte er das in dieser Nacht gefühlt. Offenbar musste er sich sehr geirrt haben, denn Draco hatte die erste Gelegenheit genutzt, um fortzulaufen.

Als sie die Wurzeln das Baumes erreichten und endlich wieder auf festem Boden standen, ließ Draco sich zu Boden sinken und fuhr sich durch die Haare. Seine Lippen bewegten sich, doch kein Laut drang hervor.

„Was ist denn?", fragte er verwundert.

„Schon gut", knurrte Draco angespannt.

„Kannst du mir jetzt erzählen, warum du weggelaufen bist? Das war die dämlichste Idee des Jahrhunderts."

„Das weiß ich selber", gab der Slytherin schnippisch zurück.

„Was, bei Merlins Bart, ist also in dich gefahren?"

Draco schien erneut etwas sagen zu wollen, doch statt Harry anzusehen, sah er zu Boden und zog mit seinen Fingern Muster in den Waldboden. Wäre die Situation nicht schon ohne sein Zutun verrückt genug gewesen, so hätte Harry hysterisch losgelacht.

„Hast du deine Zunge verschluckt?" Er hatte das Gefühl, als hätte sich zwischen ihnen beiden etwas geändert. Draco war nicht mehr der ewige Gewinner und er nicht mehr das dumme Anhängsel.

„Halt den Mund." knurrte der Slytherin und stand auf. „Ich will nur weg von hier."

Harry beließ es dabei und stolperte hinter Draco her, der sich bereits in Bewegung gesetzt hatte. Irgendwann gingen sie dann schweigend nebeneinander her.

Es war gegen jede Erwartung doch noch sehr warm geworden und Harrys Umhang klebte an seiner Haut, bis er ihn schließlich auszog. Vielleicht war ihm auch nur durch die Aufregung so warm geworden, doch gerade fühlte er sich wie im Fieber. Vielleicht auch die Nachwirkungen des ekelhaften Gesöffs aus der Dose.

Dracos Arm berührte seinen, es erinnerte in unangenehm (oder angenehm, er konnte sich nicht entscheiden) an die letzte Nacht und als sein Blick mit dem Dracos kollidierte, wusste er, dass es dem Slytherin genau so ergangen war. Er blieb schließlich stehen und sah Draco an. „Warum hast du dich bei Nacht und Nebel verkrümelt?"

„Hättest du das anders herum nicht auch so gemacht, wenn du früher aufgewacht wärst?"

Darüber hatte Harry noch gar nicht nachgedacht war und wenn er ehrlich war, konnte er das nicht definitiv verneinen. So mies wie er sich heute Morgen gefühlt hatte, war es vielleicht gar nicht so unwahrscheinlich, dass er das Selbe getan hätte.

„Mag sein", gab er zu.

„Damit das klar ist, ich bin nicht..." Dracos Stimme brach ab. Er wollte das Wort nicht einmal aussprechen.

Harry nickte nur, auch wenn er ihm kein Wort glaubte. Alkohol hin oder her, aber er wäre von sich aus nicht einmal im Traum auf die Idee gekommen, so etwas zu tun, während Draco ihn derartig provoziert hatte.

„Und ich schwöre dir, ich mache dir das Leben zur Hölle, wenn du das irgendwem erzählst." Der Slytherin hatte drohend den Zeigefinger gehoben und sah Harry nun böse an, doch Harry konnte in diesem Moment nicht anders, er musste lachen. Allein die Situation war so irrsinnig, dass er nur lachen konnte.

Ein wenig empört sah Draco ihn an, doch seine Lippen umspielte nun ebenfalls ein Lächeln.