Harry hatte aufgehört, die Tage zu zählen. Er hatte keine Ahnung, wie lange es her war, dass er diesen blöden, kleinen Keks gegessen hatte und er hatte keine Ahnung, seit wann Draco sich geschrumpft hatte. Tatsache war jedoch, dass Harry nun schon eine Weile das Gefühl hatte, dass sie sich ihrem eigentlichen Bestimmungsort immer weiter entfernten, statt sich darauf zuzubewegen. Ja, dachte er bitter bei sich, immer weiter fort von den Sternen, sonst gar nichts. Ach was, Sterne. Lächerlich. Er wollte nur nicht mehr so klein sein. Er wollte in seinem Bett schlafen, er vermisste die Mahlzeiten der Hauselfen und er war es leid, seinen zerschlissenen, klammen Umhang zu tragen. Draco schien das ganze besser wegzustecken als er, oder aber er beklagte sich nur einfach nicht, denn schon seit zwei Tagen hatte Harry das Gefühl, dass der Slytherin ziemlich wortkarg geworden war. Vielleicht war das seine Art, mit der Verzweiflung umzugehen.

Eines Abends, als die beiden auf einen Baum geklettert waren, fragte Draco leise: „Sag mal, hast du die Schachtel mit den Keksen noch?"

Harry kramte in seiner Tasche herum. Tatsächlich hatte er das kleine Paket vollkommen vergessen und als er es jetzt hervor zog, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Es gab sehr wohl einen Ausweg. Der kostete nur eine Menge Mut.

Er konnte Draco ansehen, dass er das gleiche dachte und legte die Schachtel vor sich auf den Ast.

„Weißt du irgendetwas über diese Dinger?", fragte Draco misstrauisch.

„Nein. Ich weiß nicht mehr als du. Die Kekse machen klein. Dann muss doch irgendetwas auch größer machen. Ich weiß, dass die Zwillinge zu ihren Produkten auch Gegenmittel gefertigt haben. Aber ich weiß nicht, ob das für alle Sachen gilt."

„Es könnte auch schlimmer werden", murmelte Draco und zog die Knie an den Körper. Jeden Abend saßen sie eng aneinander gedrängt auf einem Baum oder in einer kleinen Wurzelhöhle. Nachts wurde es verdammt kalt. Harry hatte nie etwas Vergleichbares erlebt und er schätzte, dass es dem Slytherin ähnlich ging, doch der beklagte sich definitiv weniger. Das gab ihm ein Gefühl der Schwäche und Harry fühlte sich dann mehr als nur unwohl.

„Ich weiß nicht, wie schlimm es tatsächlich werden kann. Vielleicht kriegen wir Fieber, vielleicht wachsen uns Furunkel." Harry versuchte, die Verzweiflung aus seiner Stimme zu bannen. Hatte er es geschafft? Er war sich nicht sicher.

Nachdenklich nahm Draco die Schachtel in die Hand und hob mal einen Keks, mal ein Bonbon hoch, doch am Ende stellte er sie doch nur wieder unberührt auf den Boden. „Die Sachen sind mittlerweile sicher längst verdorben und machen noch weitaus schlimmere Sachen mit uns."

Auch das war nicht von der Hand zu weisen, immerhin waren sie in der Zwischenzeit mehrfach nass geworden. Nachts war es im Wald immer klamm und feucht, ein ekelhaftes Gefühl.

Es endete schließlich damit, dass Draco seufzend den Kopf auf Harrys Schulter sinken ließ, eine Geste, die Harrys Herz höher schlagen ließ, und sagte: „Lassen wir es lieber. Das ist der letzte Ausweg. Ich traue den Weasleys nicht."

Eigentlich hätte Harry ihn dafür zusammenfalten sollen, doch er sah aus den Augenwinkeln, dass der Slytherin lächelte. Das war wohl seine Art von Humor. Vielleicht war das ein Zug an Draco, den er nie verstanden hatte.

..::~::..

Der Morgen graute nass und kalt. Harry bemerkte zwar, dass es heller wurde, aber so richtig drang kein Sonnenlicht durch das dichte Blätterdach des verbotenen Waldes. Dafür umso mehr Feuchtigkeit und Regenwasser. Seine Haare klebten an seiner Stirn und er spürte, dass Draco unter seinem Umhang zitterte. Zum tausendsten Male verfluchte Harry sich für seinen dämlichen Einfall, einen der Kekse zu essen und stand auf. Alles an ihm war kalt und nass. Er war sich ziemlich sicher, dass er am nächsten Tag krank werden würde, wenn die Klamotten nicht trockneten.

Schließlich stieß er Draco an und signalisierte ihm aufzustehen, was der Slytherin jedoch nur mit einem ausgiebigen Gähnen kommentierte.

„So früh?"

„Ja. Ich will endlich raus hier. Wir müssen aus diesem blöden Wald raus."

„Ich wiederhole die Frage: So früh?"

„Ja", knurrte Harry schließlich. Es gab immer noch Tage, wo Draco ihn einfach, ganz so wie früher, auf die Palme brachte. Und das wusste dieser auch ganz genau. Harry war sich nicht sicher, ob er es mit Absicht tat, oder nicht, aber es reichte ihm vollkommen, dass er es überhaupt tat.

So schubste er bald den Slytherin vor sich her und stand dann mit ihm auf dem belaubten Waldboden, ohne einen weiteren Hinweis auf die richtige Richtung. Ein paar Ameisen krabbelten nicht weit entfernt vorbei und ihm knurrte der Magen. Sie hatten seit gestern Morgen schon nichts mehr gegessen.

Heute Morgen war seine Laune auf dem Tiefpunkt. Er war gereizt, er verteufelte sich selbst, er hätte am liebsten Malfoy einen Fluch auf den Hals gehetzt, so langsam, wie er hinter ihm her schlurfte und vor allem war ja der überhaupt nur Schuld daran, was geschehen war. Aber nicht nur das. Malfoy war auch daran schuld, dass Harry sich so seltsam fühlte, wie noch nie. Egal, wie oft er die Nacht verdrängte, die meiste Zeit dachte er an Dracos warmen Atem in seinem Nacken und Dracos weiche Lippen auf den seinen. Das musste schleunigst aufhören.

„Was soll das eigentlich?", fragte Draco von hinten. Er ließ sich Zeit damit, Harry hinterher zu kommen.

„Ist das so schwer zu verstehen? Ich will hier raus." Wütend wies er auf den Busch neben sich, als hätte dieser ihm persönlich etwas getan. Er wusste selbst nicht, was da mit ihm geschah, aber er fühlte einfach nur Zorn.

„Ich auch, aber musst du deswegen so herum stressen?"

War der Slytherin schon immer so überheblich gewesen? Ja, natürlich war er das. Das war Draco Malfoy, wie er ihn immer gekannt hatte.

Harry beschleunigte seinen Schritt, während Draco nach wie vor aussah, als würde er einen Spaziergang machen. Gut, bitteschön, wenn er das so haben wollte. Sollte er doch sehen, wie er ohne ihn zurechtkam. Er hatte ihm schließlich mehrmals aus der Patsche geholfen.

„Potter, jetzt warte doch mal...", hörte Harry es von weiter hinten, doch er beachtete ihn nicht und lief weiter, bis er schließlich zu einem Abhang kam. Doch was er dort sah, ließ sein Herz höher schlagen: Ein Weg! Schwer atmend blieb er stehen und betrachtete diesen kleinen Trampelpfad, als sei es das schönste auf der Welt. Ein Weg! Der musste doch irgendwo hin führen.

„Schön, dass du auch mal wartest", knurrte Draco hinter ihm, der nun zu ihm aufgeschlossen hatte.

Harry wies jedoch nur stumm auf den ausgetretenen Pfad. Draco schien den jedoch nicht zu beachten, denn er sah Harry nur durchdringend an.

„Was ist dein Problem?"

„Wie?" Harry war verwirrt. Er hatte beinahe schon vergessen, warum er so schlecht gelaunt gewesen war. Der Slytherin hatte es wohl umso weniger vergessen.

„Du faselst den ganzen Morgen schon irgendwelchen Unfug und bist vollkommen gereizt."

„Kein Wunder oder?" Da war sie wieder, die Wut.

„Hör mal, ich hab auch nicht gewollt, dass sich das so entwickelt. Ich hab nur einen harmlosen Spaß gemacht."

„Harmlos?", schnaubte Harry. Slytherins hatten ein seltsames Empfinden für Dinge, die sie als harmlos betrachteten. „Du hast mich in eine Flasche gesperrt."

„Ich wusste doch nicht, was danach passiert", verteidigte sich Draco ziemlich lahm.

Und überhaupt, das war es nicht, was Harry zur Weißglut trieb. Was ihn so aufregte, das war er selbst. Dass er nicht aufhören konnte, an diese eine, verfluchte Nacht zu denken. Aber das würde er Draco niemals sagen.

„Ich... darum geht's doch überhaupt nicht."

„Nein? Dann geht es wohl um die eine Nacht?"

Volltreffer. Betreten sah Harry zu Boden.

„Aha. Da ist doch nichts dabei. Ich werde dich schon nicht verpetzen."

Doch auch das war nicht das, was Harry so beschäftigte. In ihm regte sich jedes Mal etwas, wenn er Draco auch nur ansah. Der Slytherin hatte sich irgendwie in seine Gedanken gemogelt und tat nun dort mit ihm was er wollte. Das war nicht nur beunruhigend, es war befremdlich und trotzdem wohltuend. Und das würde er ihm niemals sagen. Er war sich sicher, dass Draco damit sowieso nichts anfangen konnte und wollte.

„Lass uns einfach weitergehen", murmelte er schließlich und begann damit den Abhang herunter zu kraxeln. Er warf einen letzten Blick zu Draco hinüber. Hatte er etwas in seinem Blick Bedauern gesehen?