Den ganzen Tag waren sie schweigend nebeneinander hergewandert, nichts hatte die Stille zerrissen. Ab und zu hatten sie sich mit wenigen Worten auf eine Pause verständigt, doch als der Abend dämmerte, da waren sie einfach stumm in eine Astwurzel gekrochen und hatten sich zum Schlafen hingelegt. Der Weg, die Euphorie, alles schien wie weggeblasen. Der Weg natürlich nicht, der war immer noch da, doch hatte er bisher nicht in höhere Regionen des verbotenen Waldes geführt, wie sie angenommen hatten. Harry hatte den Verdacht, dass er nirgendwo hin führte.
Harry lag wach, schon seit Stunden, nach seinem Empfinden und zermarterte sich das Hirn. Nicht wie sie Hogwarts nur jemals wieder erreichen sollten, beschäftigte ihn und auch nicht, wie sie beide nur wieder eine annehmbare Größe erreichen sollten, nein einzig und allein der Slytherin, der da neben ihm lag, war der Grund für seine schlaflose Nacht. War Draco wach? Sein Atem ging nicht so gleichmäßig, wie er sollte und ab und an bewegte sich der Slytherin, als sei er darauf bedacht, Harry nicht zu wecken. Ging es ihm ähnlich? War das nur diese extreme Situation? Warum konnte er ihm diese Fragen nur nicht stellen? Sie waren allein, niemand konnte seine wirren Gedanken bewerten, oder sie gar hören, nur Draco und der konnte kaum etwas an andere preisgeben, ohne sich selbst ins Rampenlicht zu setzen. Was also gab es nun zu verlieren?
Nichts.
„Draco?"
„Ja?"
Treffer, er hatte also nicht geschlafen!
„Ich muss mit dir reden."
„Wenn's sein muss."
Harry holte tief Luft. Gut, dass es hier so dunkel war, es war um einiges einfacher, solche Dinge zu sagen, wenn man den anderen nicht sehen konnte. Viel einfacher!
„Ich..." Ja, was nun eigentlich?
„Soll ich es zusammenfassen?"
„Was?"
Harry hörte, dass der Slytherin sich aufsetzte.
„Ich tu es einfach mal. Du hast keine Ahnung, wie du jetzt mit mir umgehen sollst. Ich habe dich gepeinigt und dann habe ich dich... na, ja, du weißt schon..."
Harry musste lachen. Die übliche Überlegenheit war von Draco gewichen, sein Satz hatte stark begonnen, aber er traute sich nicht, das „böse" Wort auszusprechen. Das war einfach absurd.
„Auch", sagte er nachdenklich, als er sich wieder gefangen hatte.
„Und was noch?"
„Ich... du... beunruhigst mich einfach."
„Ich beunruhigte dich?"
„Ja."
„Womit?"
„Einfach du, als Person."
Der Slytherin regte sich erneut. Harry hatte keine Ahnung, was er da tat, es war stockdunkel.
„War das nicht immer schon so?"
„Nicht so sehr wie jetzt, nein", murmelte Harry und versuchte sich bequemer hinzulegen, denn die Wurzeln waren ziemlich hart.
„Kannst du dich auch irgendwie deutlicher ausdrücken?", maulte Draco.
„Tu es doch selber", entgegnete Harry schnippisch. Er hatte immerhin mit der Sprache raus gerückt, der Slytherin schwieg ja weiterhin beharrlich über seine Gedanken.
Er hörte Draco seufzen. „Ich glaube wir sind mit der Situation ein wenig... nennen wir es: Überfordert."
„Da bin ich ausnahmsweise einmal deiner Meinung", sagte Harry lächelnd.
Draco rutschte ein Stück näher zu ihm hin.
„Verflixt, ist das kalt", knurrte er.
Harry schlang wortlos seinen Umhang um den zitternden Slytherin. Eine Weile blieben sie so sitzen.
Dann fragte Harry schließlich: „So, Malfoy, wie nah sind wir nun an den Sternen?"
Draco lachte leise.
„Nah", war seine Antwort.
..::~::..
„Was siehst du?", hörte Harry Dracos leise Stimme von unten.
Er hatte sich auf einen Baum hinauf gehangelt und hatte nun den ersten Ast erklommen. Doch wohin er auch sah, nichts als Bäume. Er reckte den Hals, stellte sich auf die Zehenspitzen, doch nichts durchdrang den dichten Wald.
„Überhaupt nichts", rief er hinunter und hielt sich an der knorrigen Rinde fest, um nicht abzustürzen.
Von unten kam ein ziemlich unfeiner Fluch und Harry konnte ein paar Funken sehen. Draco versuchte immer wieder, seinen Zauberstab zu benutzen, doch bisher hatte kein Versuch fruchten können.
Vorsichtig ließ er sich hinab und erreichte die Wurzeln des Baums, um ein paar neue Schrammen bereichert. Verärgert klopfte er den Dreck von seiner Hose, nicht das es nötig gewesen wäre, die Hose war bereits extrem dreckig.
„Ich geb's auf", knurrte Malfoy. „Es reicht mir."
Auch die Leier war nicht neu, immer wieder erreichte einer von ihnen diesen Punkt. Doch er fühlte dasselbe. Nichts änderte sich, alles blieb gleich. Sogar seine turbulenten Gefühle für Draco.
„Weißt du was?", sagte er plötzlich. „Du hast Recht."
Verwundert sah Malfoy zu ihm auf.
„Das hilft uns nicht weiter", war die knappe Antwort aus dem harten Gesicht.
Hastig kramte Harry in seiner Tasche.
„Lass es uns damit probieren."
Er hielt Malfoy die kleine Schachtel mit den Weasley Süßigkeiten vor die Nase.
„Das haben wir doch schon ein paar Mal durchgekaut. Wenn es ganz schlimm kommt, dann..."
„Genug mit dem Unsinn. Wir kommen hier nicht weiter."
Draco sah sie Schachtel eine Weile an. Er schien mit sich zu kämpfen.
Seufzend sah er Harry erneut an. „Na schön."
Harry öffnete die Schachtel und betrachtete die verschiedenen Bonbons und Kekse. Eine Art stach ihm ins Auge. Er konnte sich gar nicht daran erinnern, dass sie vorher schon da gewesen waren, die schrillen Farben wären ihm sicher aufgefallen. Das Papier war kirschrot und weiß gestreift.
„Die da", sagte Draco und deutete auf genau dieselben Bonbons, die auch Harrys Aufmerksamkeit geweckt hatten.
Harry nickte und nahm zwei heraus. Behutsam schloss er die Schachtel wieder.
„Auf drei?", flüsterte Draco fragend.
„In Ordnung."
Vorsichtig wickelte Harry das Bonbon aus seinem Papier. Achtlos ließ er den Abfall zu Boden fallen.
„Eins", zählte Draco an.
Harry betrachtete das Bonbon noch einmal. Es hatte genau dieselbe Farbe wie das Papier. Sogar die Streifen fand man auf der glatten Oberfläche.
„Zwei."
Harry führte seine Hand zum Mund und sah, wie Draco das Gleiche tat.
„Drei."
Er schloss die Augen und schluckte das merkwürdige Objekt herunter. Dann wartete er, mit geschlossenen Augen. Nichts geschah. Vorsichtig öffnete er erneut die Augen und sah Draco an.
Doch er konnte Dracos Gesicht nicht erkennen. Alles um ihn herum schien sich zu drehen, Dracos Konturen verschwammen und wurden eins mit dem grün des Waldes.
„Scheiße", entfuhr es ihm. Was geschah nur?
„Harry?", hörte er Dracos Stimme, verzerrt und unwirklich.
Dann wurde das Bild wieder klar. Unnatürlich klar. Er konnte jedes einzelne Haar auf Dracos Haut erkennen.
„Das ist verrückt", sagte Draco mit krächzender Stimme. Immer noch standen sie einander gegenüber. Offenbar erlebten sie beide jedoch das Selbe.
Der Slytherin streckte die Hand nach ihm aus. Er ergriff sie und fühlte die weiche Haut seines Gegenübers. Der Wind jaulte auf, krumm und schief in seinen Ohren. Beinahe klang es wie eine dissonante Melodie.
Draco taumelte und plötzlich hatte Harry ebenfalls das Gefühl, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen. Er merkte kaum, dass er stürzte, er fiel neben den Slytherin in das weiche Moos, auf dem sie standen, doch seine Hand hielt er nicht los, denn er hatte das Gefühl, wenn er sie losließe, dann wäre das sein Ende.
Ächzend wandte er dem Slytherin sein Gesicht zu, ihre Blicke trafen sich. Der Geruch des Grüns war intensiv und er wurde stärker.
„Was ist das nur?", wisperte Draco kaum hörbar.
Es begann zu regnen. Oder Harry dachte nur, dass es regnete. Er hörte das leichte Rauschen, das normalerweise der Regen auf den Blättern verursachte, doch Regen war rosa. Und es war auch kein Regen. Als er auf seine Hand traf, da war da nichts, doch unablässig prasselte er auf sie hinab, wie kleine, rote Funken. Beinahe so rot wie Blut.
„Das ist verrückt" flüsterte er.
Harry wollte die Augen schließen vor diesem Anblick, doch sie ließen sich einfach nicht schließen. Sein ganzer Körper war starr geworden. Er fühlte nichts mehr, außer der Wärme von Dracos Hand, die er immer noch in eisernem Griff hielt.
Ein Pilz sprießte aus dem Boden. Groß und rot-weiß. Ein Fliegenpilz, direkt neben seinem Kopf. Die Tropfen, die gar keine waren, verformten sich. Jetzt wurden sie Schmetterlinge. Und auch sie waren blutrot.
Harrys Atem ging schwer. Er fühlte sich furchtbar müde und am liebsten hätte er jetzt geschlafen, doch die Augen wollten sich nicht schließen. Still lag er da und starrte in Dracos grau-blaue Augen, die ebenso starr in die seinen blickten.
