Der Boden veränderte er sich. Zuerst wurde er grüner, immer grüner, bis Harry das Gefühl hatte, erblinden zu müssen, dann verlor er mit einem Schlag alle Farbe und dann blinkten einzelne Felder weiß auf. Beinahe wie auf einem Schachbrett.

Wahnsinniges Kichern erfüllte den Wald, der keiner war und dann hörte er laut, wie ein Paukenschlag, George Weasleys Stimme, die einen Hall erzeugte, wie in einer Kathedrale:

Alice im Wunderland Bonbons. Vielleicht hältst du dich für ein weißes Kaninchen, oder die Grinsekatze …"

Die Stimme schien zu niemandem zu sprechen, aber sie schmerzte in den Ohren.

Und wenn du ganz viel Pech hast, dann fordert die Herzkönigin vielleicht sogar … deinen Kopf!"

Wahnsinniges Gelächter erfüllte das Schachbrett und Harry hatte das Gefühl zu fallen. Ihm blieb gar nichts anderes übrig, als Dracos Hand fest zu umklammern, denn mehr als seine Hand konnte er gar nicht bewegen. Schlimmer noch, der Rest seines Körpers war steif und wie gelähmt. Er versuchte dagegen anzukämpfen, doch alle Versuche waren vergebens. Harry lag da, atmete ein und aus und konnte seinen Blick nicht von Dracos Augen abwenden, dessen eigene Augen ebenso panisch in Harrys starrten.

Neben ihm türmten sich, wie aus dem Nichts, Schachfiguren auf.

„Bitte, kein Zaubererschach!", flehte Harry.

Der Springer neben ihm, stieß einen Stab in den Boden und die Hufe seines Pferdes versetzten sich ein Stück. Die Figuren waren riesig und gesichtslos. Die Erde schien zu Beben, als sich ein weißer Turm in Harrys Sichtfeld schob. Er hinterließ eine seltsame Schleifspur auf dem unwirklichen Boden.

Der König schob sich vor und stand nun hinter Harry. Die riesige Figur ohne Gesicht hob knarzend, wie ein Roboter, seinen Arm und wies nach Westen.

Dracos Hand krampfte sich um seine. Auch Harry bemerkte es, seine Arme zitterten, er konnte sich ein wenig regen. Ruckartig zog er sich ein Stück näher zu Draco, der erschöpft aufkeuchte.

Mit einem Krachen zerbarst die Figur zu seiner linken. Dann das Schachbrett. Und dann hatte Harry das Gefühl, selber zu zerbrechen. Angstvoll schloss er die Augen, dann hörte er ein mächtiges Rauschen und dann, ganz plötzlich, war es vorbei.

Dracos Augen waren geweitet, immer noch hielt er Harrys Hand, so fest, dass seine Knöchel weiß waren.

„Es ist vorbei", flüsterte Draco.

Zaghaft setzte sich Harry auf und ließ langsam Dracos Hand los. Seine Finger schmerzten.

„Bei Merlins Unterhose... was war das?"

„Hast du doch gehört", erwiderte Draco mit immer noch ziemlich zittriger Stimme. „Alice im Wunderland Bonbons..."

„Sie sind wahnsinnig geworden", sagte Harry mehr zu sich selber.

Sollte er irgendwann einmal seinen Weg zurück nach Hogwarts finden, dann würde er sein Geld von den Weasley Zwillingen zurückfordern, als Entschädigung für diesen Höllentrip.

Er fühlte sich außerstande aufzustehen und blieb einfach gebückt sitzen. Sein Rücken schmerzte, als habe er lange Zeit in vollkommen verkrampfter Haltung verbracht, tatsächlich konnten aber nur wenige Minuten vergangen sein, aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass es bereits dunkler geworden war.

„Haben wir... das selbe gesehen?", fragte Draco leise.

„Wenn du auch das Schachbrett und den Blutregen gesehen hast, dann ja."

Der Slytherin nickte nur matt.

„Der König... er hat nach Westen gezeigt."

„Ja... und?"

Harry rieb sich die Schläfen. Hämmernder Kopfschmerz hatte eingesetzt.

„Meinst du im Westen liegt … Hogwarts?"

„Was weiß ich. Das war eine Wahnvorstellung", entgegnete Harry.

„Ich bin mir sicher, dass das etwas bedeutet", antwortete Draco eigensinnig.

„Ich bewege mich heute nicht mehr vom Fleck. Ich bleibe hier", konterte Harry gereizt.

Konnte Draco nicht den Mund halten? Es kam ihm vor, als sei er zwischen Amboss und Hammer geraten. Es klingelte in seinen Ohren. Warum ging es dem Slytherin nicht so mies? Doch auch Draco machte keine Anstalten sich aufzusetzen.

„Lass uns hier bleiben", wisperte Harry. „Bitte."

Draco nickte nur und Harry fühlte jähe Dankbarkeit in sich aufsteigen. Dort wo er eben noch gelegen hatte, rollte er sich zusammen und einige Sekunden später war er fest eingeschlafen.

..::~::..

Als Harry erwachte, graute der Morgen. Doch schon lange hatte er sich nicht mehr so erholt und ausgeschlafen gefühlt, seitdem er auf dem Grund der Flasche erwacht war. Die ersten Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg durch die hohen Bäume.

Es fröstelte ihn. Seine Hose und sein Umhang waren feucht vom Morgentau. Neben ihm, dort wo er ihn zuletzt hatte sitzen sehen, lag immer noch Draco Malfoy und schlief tief und fest. Was für ein wunderliches Paar sie wohl abgeben mussten? Harry musste, ohne wirklich zu wissen warum, lachen.

Draco erwachte.

Verschlafen setzte er sich auf und sah als erstes zu Harry. Er wirkte irgendwie erleichtert, was Harrys Herz mit einem Hüpfer wahrnahm. Vielleicht hatte der Slytherin sich gefragt, ob Harry wohl bei ihm geblieben war.

„Guten Morgen", sagte Draco mit rauer Stimme.

Harry lächelte. „Guten Morgen."

„Lass uns nach Westen gehen", sagte der Slytherin unvermittelt.

„Hast du noch nicht genug von den Wahnvorstellungen? Oder sogar immer noch welche?"

Auch wenn Harrys Frage eigentlich einen scharfen Unterton hatte, musste er dennoch darüber lachen. Welche Wahl hatten sie denn schon? Ein bisschen wahnsinnig waren sie ja schon beide.

Draco setzte zu einer Antwort an, doch er winkte ab.

„In Ordnung. Wir gehen."

Harry sprang auf und der Slytherin folgte ihm, entgegen der Sonne, die Böschung hinab, an einem Regenrinnsal vorbei und die andere Seite der Böschung wieder hinauf, schweigend, gemeinsam, immer die Morgensonne im Rücken.

Die Sonne stieg höher und höher und Harry hätte nicht mehr sagen können, ob sie wirklich nach Westen gingen, doch irgendwie hatte er das Gefühl, sich mit jedem Schritt näher in die richtige Richtung fortzubewegen. Warum? Das wusste er nicht. Nur das Gefühl war geblieben und wies ihm den Weg.

Erst gegen Mittag hielten sie neben einem ausgehöhlten Ast an. Die Sonne war immer noch warm und sie waren ins Schwitzen gekommen.

„Ich habe es so satt", sagte Draco schließlich, nachdem sie lange Zeit kein Wort mehr miteinander gewechselt hatten.

„Ich auch. Wenn wir zu Hause sind, dann werde ich nie wieder in den Wald gehen", schwor Harry.

„Ach, nie wieder in den Wald... ich werde Hogwarts nie wieder verlassen", erwiderte Draco.

„Vielleicht kommst du auch mal davon ab, unschuldige Gryffindors in Flaschen zu sperren."

Aus den Augenwinkeln sah Harry, dass der Mund des Slytherins sich zu einem Lächeln verzogen hatte.

„Niemals", behauptete der Slytherin.

„Dann wirst du leider eines Tages wieder in dieser Situation sein. Vielleicht mit jemandem, der nicht so viel Geduld mit dir hat wie ich", antwortete Harry im Scherz.

In Gedanken jedoch sagte er etwas anderes: „Vielleicht mit jemandem, der nicht so viel für dich empfindet wie ich..." Er biss sich auf die Zunge. Das durfte er nicht einmal denken. Geschweige denn sagen.

„Wer muss hier mit wem Geduld haben, Potter?", erwiderte Draco frech.

Der blonde Slytherin hatte sich zu ihm herumgedreht und starrte ihn nun herausfordernd an. Aber nicht so, wie es sonst zwischen ihnen gewesen war. Wenn Harry es nicht besser gewusst hätte, dann hätte er behauptet, der Slytherin würde ihn necken.

„Ich finde ich hatte viel Geduld mit dir. Immerhin habe ich dich nicht im Wald sitzen lassen, so wie du es verdient hättest."

Bildete er sich das nur ein, oder sah er wirklich einen Hauch von rot auf Dracos Wangen? Dennoch, der Slytherin sagte nichts.

So standen sie sich eine Weile schweigend gegenüber, bis Draco, ganz unvermittelt, Harry zu sich hinüber zog und ihn küsste. Harry schmeckte die fordernden Lippen des Slytherins und sein Herz schlug so schnell, als wollte es zerspringen.

Zitternd löste er sich von Draco und sah ihn ungläubig an. Draco indessen schien aufzugehen, was er gerade getan hatte und sein Blick wich Harrys aus.

„Ich …" begann er.

Harry schluckte. Gott, warum hatte er das getan? Beim ersten Mal... schön, da waren sie betrunken und verrückt gewesen, aber das hier, das konnte er niemandem erklären ohne...

Verlegen strich er sich die zerstrubbelten Haare aus dem Gesicht. Wie sollte er darauf reagieren?

Draco gab ihm die Antwort.

„Mach damit, was du willst", sagte er und setzte sich wieder in Bewegung.

Harry folgte ihm schweigend.