Als sich an diesem Morgen der Wald ein wenig lichtete, fühlte sich Harry wie befreit. Er war zwar immer noch klein, hatte immer noch seltsame Gefühle für Draco Malfoy, der ebenso klein war, wie er und er hatte immer noch keine Ahnung, wo er war, aber irgendwie fühlte er so etwas wie Hoffnung.

Draco neben ihm, schien das anders zu sehen, denn sein Gesicht wirkte angespannt und merkwürdig leblos.

„Ich mag nicht mehr", maulte Draco neben ihm.

„Ich auch nicht", pflichtete er ihm bei.

„Das bringt doch auch überhaupt nichts, wir laufen sicher nur im Kreis."

Harry seufzte und schob Malfoy lediglich ein wenig an. Der Slytherin wirkte weitaus angeschlagener als er selber und seit Tagen schon hustete er. Kein Wunder, der Waldboden war nass und feucht und seine Kleider waren klamm und durchgeweicht, sogar seine Schuhe.

Am Fuße einer großen Tanne ließen sie sich nieder, hier war der Boden vergleichsweise trocken und Harry hatte etwas gesehen, dass ihn lockte: Pilze. Am Fuß der Tanne standen, für ihn, mannshohe Pilze.

„Die sind giftig", grummelte Draco, der hinter ihm stehen geblieben war.

„Woher willst du das wissen? Hast du jemals in Kräuterkunde aufgepasst?"

„Ne", antwortete der Slytherin knapp und ließ sich auf einen Berg von Tannennadeln fallen.

„Dann weißt du es auch gar nicht."

Zum wiederholten Mal, nahm er sich endlich vor, Draco einmal die Meinung zu geigen, wie sollte man aus dieser grünen Hölle herausfinden, wenn man einen Klotz am Bein mit sich herumschleppte, der dauernd etwas zu mäkeln hatte, selbst wenn dieser Klotz zugegebenermaßen recht attraktiv war?

Nichts von alledem sagte er und brach ein Stück aus dem Pilz heraus.

„Professour Sprout hat gesagt, dass man, ohne die Arten zu kennen, nicht definieren kann, ob sie giftig sind", versuchte es Draco noch einmal.

„Du hast ja doch zugehört", erwiderte Harry, wechselte jedoch schnell das Thema. „Das hier sieht aus wie ein Steinpilz. Gefährlicher als diese Box", dabei deutete er auf seine Innentasche, „ist das definitiv nicht."

Der Slytherin seufzte und ließ sich einfach in die Tannennadeln fallen, nicht ohne zu meckern, natürlich. Harry ignorierte die Klagen über den pieksenden Untergrund und steckte sich ein Stückchen Pilz in den Mund. Den Geschmack erkannte er sogar, auch wenn die Hauselfen in Hogwarts die Steinpilze in der Suppe servierten. Wehmütig dachte er an das gute Essen.

„Das ist nicht gefährlich. Probier", sagte er schließlich und reichte Malfoy ein Stück Pilz, der ihn lustlos in sich hinein stopfte.

„Schmeckt mies", brummte der Slytherin.

Harry zuckte mit den Schultern.

„Mehr für mich."

Draco lachte spöttisch.

„Wirklich Harry, ich glaube nicht, dass ich dir in dieser Größe das Essen streitig machen könnte, aber danke, dass du dich darum sorgst. Ich schlage dich für den Merlinorden erster Klasse vor."

„Halt bloß den Mund", antwortete Harry kauend. „Ich werde dich daran erinnern, wenn du das nächste Mal Hunger hast."

Als Harry endlich satt war, riskierte er einen Blick zu Malfoy hinüber. Doch der war bereits fest eingeschlafen. Kein Wunder, sie waren die halbe Nacht gelaufen, denn Harry war immer noch von dem wilden Zwang beseelt, der Richtung des Schachkönigs zu folgen. Doch Dracos Motivation war verschwunden und es machte sich eine eigenartige Gereiztheit breit. Eigentlich war Harry froh, dass der Slytherin endlich eine Weile schlief.

Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, legte er sich neben ihn. Mit vollem Magen fühlte er sich furchtbar schläfrig und es dauerte nicht lange, da war Harry ebenfalls eingeschlafen...

..::~::..

Mitten in der Nacht erwachte Harry. Es kam ihm vor, als habe er nur kurz die Augen geschlossen, doch in Wahrheit mussten einige Stunden vergangen sein, denn es war finster und die Geräusche des nächtlichen Waldes lagen bedrohlich über der Lichtung. Ganz daran gewöhnt hatte er sich immer noch nicht. Malfoy lag immer noch so da, wie er eingeschlafen war. Harry tastete sich vorsichtig zu ihm hinüber. Seine Haut fühlte sich verdächtig warm an, als habe er Fieber bekommen. Fluchend zog Harry seinen Umhang aus, und legte ihn dem Slytherin über die Brust, doch in dem Moment erwachte Draco.

„Schon so spät?", murmelte er schlaftrunken.

„Schlaf weiter", versuchte Harry ihn zu überreden, doch plötzlich schien Draco hellwach zu sein.

„Ich will sofort aus diesem Wald raus."

„Ich weiß. Wir gehen morgen weiter."

Draco schüttelte den Umhang ab und sprang auf, doch er schwankte wie ein Betrunkener.

„Leg dich sofort wieder hin", herrschte Harry ihn an, denn Dracos Auftritt zerrte schon wieder an seinen Nerven.

„Wir gehen", beharrte Draco.

Harry hastete ihm hinterher, denn der Slytherin war trotz seines offensichtlichen Fiebers schnell auf den Beinen.

„Bleib sofort stehen", rief er ihm hinterher, aber Draco hatte sich schnell zum Waldrand vorgekämpft.

Ein wenig außer Atem blieb der Slytherin an einer Wurzel stehen und schien Luft zu holen. Er hustete erneut und es klang nun wirklich ungesund.

„Du legst dich augenblicklich wieder hin, Malfoy", knurrte Harry ihn an, als er ihn endlich erreichte.

„Sonst?", erwiderte Malfoy herausfordernd.

„Ich schwöre es dir, ich kette dich am nächsten Ast fest, wenn du nicht endlich stehen bleibst", schrie er ihm hinterher, denn Draco hatte sich erneut in Bewegung gesetzt.

„Womit denn?", fragte Draco provokativ.

Harry stöhnte.

„Weiß nicht. Mir wird schon was einfallen."

Weil Malfoy immer noch weiterlief und Harry nichts Besseres einfiel, griff er schließlich nach dem Oberteil des Slytherins. Draco versuchte ihn abzuschütteln, doch er ruderte nur halbherzig mit den Armen und verpasste Harry einen leichten Schubs, der unter normalen Umständen vielleicht seine Wirkung getan hätte, doch ihn jetzt eigentlich nur wütend machte.

Verstand dieser elende Idiot nicht, dass er sich ernstlich um ihn sorgte? Er hielt ihn nicht aus Spaß hier, sondern aus Sorge, konnte er das nicht endlich sehen?

„Lass mich los", zischte Malfoy ihm zu.

„Sicherlich nicht. Ich lasse dich los, wenn du versprichst, dich artig hinzusetzen und keinen Schritt mehr heute zu gehen."

„Und wenn nicht?"

„Das lass meine Sorge sein."

Draco schien kurz darüber nachzudenken, dann begann er, sich gegen Harrys Griff zu wehren, erst gegen seinen Griff und als das nichts half, gegen Harry. Dracos Hand traf Harrys Wange hart und Harry taumelte unwillkürlich einen Schritt zurück, lockerte seinen Griff jedoch kein bisschen.

„Hast du mich gerade geschlagen, Malfoy?", sagte er ganz leise.

„Könnte schon sein", erwiderte Draco angriffslustig. „Ich kann mich nicht erinnern."

Harry atmete tief durch und schloss die Augen.

„Lass los."

Dracos Stimme war nur ein Flüstern. Vielleicht gerade deswegen so bedrohlich. Harry ließ nicht los.

Der zweite Schlag traf Harry hart an der Schläfe und für einen Moment sah er wahrhaftig Sterne. Draco entwand sich seinem Griff und starrte ihn nun an. Einen Moment schien er selbst nicht zu glauben, was er da getan hatte, denn sein Blick wirkte eindeutig erschrocken.

„Oh Gott, Harry, ich wollte das wirklich..."

Eigentlich hätte Harry ihn auf der Stelle erwürgen sollen, denn der Zorn schien ihn einen Moment zu übermannen, doch nur einen Moment, denn da war etwas, das größer war als sein Zorn: Sein Verlangen.

Grob griff er erneut nach Dracos Hand und presste seinen Lippen auf die fiebrigen des Slytherins, der überrascht aufkeuchte.

„Bist du verrückt geworden", stammelte der Slytherin verunsichert, doch Harry hatte keine Zeit für seine Einwände.

Er stieß Malfoy zu Boden und beugte sich über ihn.

„Es reicht mir mit dir", sagte er atemlos. „Ab heute wird nach meinen Regeln gespielt."