In der Nacht wurde Draco ernsthaft krank. Sein ganzer Körper fühlte sich unendlich heiß an und der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Harry konnte nichts anderes tun, als bei ihm zu bleiben und ihn warm zu halten, obwohl der Slytherin sich ständig gegen Harrys Umhang zu wehren versuchte. Ab und an fiel Harry selbst in einen unruhigen Schlaf und erwachte augenblicklich wieder, sobald Draco sich regte. Der Slytherin erwachte jedoch nicht.
Regen prasselte unaufhörlich auf ihr kaum geschütztes Versteck und Harrys Kleidung klebte förmlich an seinem Körper. Das Blätterdach war undicht und das Gehölz hart und unbequem. In diesen Momenten sehnte er sich sehr nach seinem Himmelbett im Schlafsaal der Gryffindors und den prasselnden Kaminfeuern von Hogwarts.
Draco erwachte erst wieder, als die Sonne schon hoch oben am Himmel stand.
Harry sah ihn prüfend an. „Geht es dir besser?"
Der Slytherin schien zunächst verwirrt zu sein, doch dann ließ er sich wieder zurück sinken und stöhnte: „Ich dachte wirklich, das wäre ein Traum gewesen."
Er schluckte jegliche bissige Bemerkung herunter, die Draco eigentlich verdient hatte und fragte stattdessen: „Können wir weiter? Der Weg muss doch irgendwo hin führen."
Draco nickte widerstandslos und rappelte sich mit zittrigen Beinen auf. Als Harry ihm die Hand reichen wollte, schlug er sie jedoch weg.
„Ich brauche keine Hilfe, Potter", zischte er.
„Natürlich."
Harry hatte keine Lust, sich auf einen erneuten Streit mit dem Slytherin einzulassen, den er nachher nur wieder bereuen würde. Sie waren nun einmal zusammen in dieser Situation und egal wie sie dorthin gekommen waren, sie waren nun einmal hier. Wenn auch allein wegen Draco, fügte er im Stillen hinzu. Diesen Unsinn hatte er schließlich nicht angefangen.
Die Mittagssonne brannte unnatürlich warm auf sie nieder, als sie am Mittag einen kleinen Hügel erklommen, wo Draco sich erschöpft ins Gras fallen ließ. Offenbar hatte ihn der lange Fußmarsch weit mehr angestrengt, als er zugeben wollte, denn er wirkte ziemlich außer Atem und sein Gesicht war sehr blass geworden. Harry tat es ihm gleich und ließ sich neben ihn in das trockene Gras sinken.
„Ist wirklich alles in Ordnung?", fragte er nach einer Weile, da Draco bisher kein Wort gesprochen hatte.
„Wonach sieht es denn aus?", brummte der Slytherin lediglich.
„Sollen wir eine Weile hierbleiben?", schlug Harry vor.
Draco nickte lediglich und lehnte sich zurück, sehr zu Harrys Erstaunen an seine Schulter. Vielleicht fiel es dem Slytherin schwer, ihm mit Worten klarzumachen, was das für eine Situation zwischen ihnen war, aber die kleinen Gesten Harry gegenüber, die verfehlten ihr Ziel niemals. Verrückt, dachte er. Einfach verrückt!
Draco richtete sich ruckartig auf. „Ist das Rauch da hinten?"
Er sah auf. Tatsächlich! Ganz weit in der Ferne kräuselte sich eine Rauchfahne.
Mit glänzenden Augen sprang Draco auf. „Komm schon, bevor das Feuer wieder ausgeht!", rief er und zog Harry nach oben. Erstaunlich flink eilte er den Abhang hinab und Harry folgte ihm, so schnell er konnte. Über den dichten Baumkronen, sah er wie das Signal eines Leuchtturms die Rauchfahne klar und deutlich. Je näher sie kamen, desto mehr konnte er den Rauch sogar riechen! Das hatte er sich wirklich nicht eingebildet.
„Das kommt von Süden", rief Malfoy von vorn und übersprang eine Baumwurzel im Laufen.
Bald standen sie auf einer kleinen Lichtung. Die Gegend kam Harry seltsam vertraut vor. Draco schien schlecht Luft zu bekommen, denn sein Atem ging nun stoßweise und röchelnd.
„Wir müssen weiter", keuchte er.
„Beruhig dich", bat Harry ihn, doch der Angesprochene schüttelte nur atemlos den Kopf.
„Weiter", presste er hervor.
„Hör auf damit und lass dir endlich helfen!", herrschte Harry ihn an.
Das schien endlich die gewünschte Wirkung zu erzielen, denn der trotzige Ausdruck in Dracos Gesicht verschwand abrupt.
„Schaffst du es bis dahin, wenn wir langsam gehen?"
Draco nickte lediglich. Als Harry seinen Arm berührte, spürte er sofort, dass Malfoys Fieber wieder zurück war. Bei Merlins Bart, warum hatten die Weasley Zwillinge nicht auch mal etwas Sinnvolles in ihre kleine Pralinenschachtel gesteckt? Hatten sie nicht auch für all ihre Zaubereien ein Gegenmittel erfunden? Doch er traute sich nicht, noch einmal davon zu kosten. Zu präsent waren ihm noch die „Alice im Wunderland Bonbons".
„Leg deine Arme um meinen Hals", befahl er dem Slytherin.
„Du kannst mich nicht tragen, Potter", entgegnete Draco entgeistert.
„Natürlich kann ich das", grollte Harry.
„Lieber sterbe ich, als dass ich mich von dir tragen lasse."
Harry riss langsam der Geduldsfaden. „Schön. Dann laufen wir. Aber wehe, wenn du umfällst, dann lasse ich dich hier eiskalt liegen."
Draco nickte fahrig und setzte sich erneut in Bewegung. Mit jedem Schritt, den sie machten, näherten sie sich der Quelle des Qualms. Einen kurzen Moment überlegte Harry, dass sie vielleicht nur auf einen Waldbrand zusteuerten, doch er verwarf diesen Gedanken schnell wieder. Ein Waldbrand roch nicht so... Harry fiel kein besseres Wort ein: würzig. Der Geruch wurde stärker und er fühlte sich wie verhext, so gut hatte noch nie etwas in seinem Leben gerochen.
Aber selbst wenn sie sich beeilten, so klein wie sie waren, kamen sie nur langsam voran und die Ursache des Feuers war nirgendwo auszumachen. Die Bäume versperrten den Weg und das schwindende Tageslicht tat sein Übriges.
„Bitte, Draco, wir müssen dahin, bevor die Sonne untergeht", flehte Harry ihn an, denn Dracos Bewegungen waren immer langsamer geworden.
Stumm schleppte er sich mit halb geschlossenen Augen vorwärts. Dann, ganz plötzlich, sackte Draco in sich zusammen. Fluchend beugte sich Harry zu ihm hinunter. Das Gesicht des Slytherins glühte immer noch. Wasser, wo zum Teufel gab es hier Wasser? Wieso hatte er nicht versucht welches aufzubewahren? Und warum regnete es jetzt nicht? Einen kurzen Moment dachte an seinen Zauberstab, doch der funktionierte nicht. Nirgendwo hatte sich ein Rinnsal gebildet, auf den Blättern lag kein Tau mehr.
Es nützte alles nichts, umständlich hievte er den leblosen Körper hoch und trug ihn am Ende auf dem Rücken weiter. Nun taumelte er zwar mehr, als dass er lief, doch es gab keine andere Möglichkeit, Malfoy wohlbehalten aus diesem Wald herauszubringen.
Dann lichtete sich der Wald endlich und Harry stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus. Da stand sie, in der nahenden Dämmerung und verbreitete den unnachahmlichen Geruch nach zu Hause: Hagrids Hütte.
„Draco?", rief Harry. „Draco, wach auf! Wir sind zu Haus."
In der Dunkelheit konnte Harry die schweren Mauern von Hogwarts erahnen.
Draco öffnete verschlafen die Augen, gerade im richtigen Moment, in Hogwarts gingen die Lichter an. Erst nur ein paar vereinzelte. Dann wurden es immer mehr und mehr, eine wahre Sintflut aus gleißendem Licht. Und es wurden immer noch mehr.
Harry ließ Draco vorsichtig zu Boden sinken und half ihm auf die Beine. Dieses Mal schlug Draco seine helfende Hand nicht aus, sondern hielt sie eine Weile und genoss im Stillen mit Harry den Anblick des nächtlichen Hogwarts.
Einer plötzlichen Eingebung folgend, sagte Harry leise: „Nah genug an den Sternen, Malfoy?"
Draco lächelte ihn auf seine unnachahmliche Art an. „Nah genug, Potter."
Damit hauchte er Harry einen Kuss auf die Wange. Seine Lippen waren immer noch heiß vom Fieber, aber sie fühlten sich so unendlich richtig an. Er genoss die Nähe zu Malfoy einen Moment, auch ohne ihn zu küssen. Seine Stirn berührte die von Draco und er fühlte den warmen Atem des Slytherins auf seinem Gesicht. Erleichterung durchflutete ihn. Eine Weile verharrten sie schweigend am Fuße von Hagrids Kürbisacker.
