Draco fand seine Sprache als Erster wieder. „Lass uns versuchen reinzukommen. Jetzt treffen wir zwar bestimmt keinen Lehrer mehr, aber ich bin es so leid in der nassen Kälte zu schlafen."

Harry pflichtete ihm bei. Nicht nur aus diesem Grund. Sobald sie beide wieder groß waren, dann war auch das hier zu Ende. Und so furchtbar es war, klein zu sein und nicht zaubern zu können, so schön war es doch, mit Draco zusammen zu sein.

„Wir könnten uns in Hagrids Hütte schleichen, er hat hinten einen Schuppen, da ist es wenigstens warm", schlug Harry vage vor.

Draco nickte erleichtert (Harry hatte keine Ahnung weswegen überhaupt. Weil er ihm die Entscheidung abgenommen hatte?) und folgte ihm vorsichtig. Von drinnen sahen sie nur einen hellen Lichtschein, hörten aber nicht, ob Hagrid tatsächlich zu Hause war, oder ausgegangen war. Hoffentlich schlug Fang, Hagrids riesiger Hund, jetzt nicht an, denn der kannte Harrys Geruch. Bei seiner Größe war er derzeit aber nur leichte Beute für den Hund.

Als Harry den Schuppen erreichte, war er unendlich erleichtert, dass die nicht bemerkt worden waren. Das Tor war leicht angelehnt und mit vereinten Kräften schafften sie es tatsächlich, es ein Stück weit zu bewegen.

Hier drinnen war es dunkel, aber nicht mehr so kalt wie draußen, allein schon, dass es hier keinen Wind gab, ließ Harry merklich aufatmen.

„Da wären wir", sagte er leise.

Der Slytherin sah sich prüfend um. „Was hat er denn hier alles für einen Unsinn?"

Verschiedene Gläser mit seltsamem Inhalt gab es hier in den Regalen, die sich weit über ihren Köpfen erhoben. Das erste Glas, das Harry sah, war voller Maden.

„Igitt", würgte Draco. „Ich wusste doch, er hat sie nicht mehr alle."

Harry hatte an diesem Abend nicht mehr die Energie, sich mit Malfoy über Hagrid zu streiten, sollte der Slytherin doch denken was er wollte. Die Erschöpfung des langen Weges machte sich langsam bemerkbar und wenn Harry ehrlich war, dann sehnte er sich nach Schlaf.

Wahllos nahm er das erstbeste Regal und hangelte sich an dem Gerüst hoch. Draco sah ihm von unten zu.

„Was wird das?"

„Ich hatte nicht vor, auf dem Boden zu schlafen. Stell dir mal vor, Hagrid trampelt hier morgen früh rein. Er wird uns zerquetschen."

Draco schien eine Weile zu überlegen, dann beeilte er sich, Harry hinterher zu kommen.

In der zweiten Reihe eines Regals ließ Harry sich auf dem Brett nieder, denn er hatte einen Putzlappen entdeckt, der ihm mit einem Male bequemer vorkam, als sein Himmelbett im Gryffindorschlafsaal.

„Das ist nicht dein ernst", grollte Draco. „Ich bin krank."

Harry ließ sich erschöpft auf dem Lappen nieder. „Ich meine das ernst, Malfoy. Wenn du noch einmal jammerst, dann werfe ich dich auf der Stelle vom Regal."

Dracos grinste plötzlich und Harry brach in haltloses Gelächter aus. Er saß hier und lachte, mit Draco Malfoy, etwas das er nie getan hatte. Mehr noch, sie lachten beide über dieselbe Sache. Verrückte Welt. Aber es war befreiend, unendlich befreiend.

Draco kam zu ihm hinüber und warf sich neben ihm in den Putzlappen. So blieben sie eine Weile liegen und sahen einander schweigend an. Harry konnte Dracos Fieber immer noch spüren, doch der Slytherin wirkte ziemlich lebendig. Vielleicht war es schon nicht mehr so hoch.

„Ich schwör's dir, ich werde dich nie wieder in eine Flasche stecken", sagte Draco plötzlich.

Harry lächelte. „Wenn ich mir das recht überlege, dann war das gar keine so schlechte Idee. Aber ich gebe zu, dass du schon mal bessere hattest."

„Morgen müssen wir unbedingt zu Professor Dumbledore", sprach Malfoy das aus, was Harry gar nicht hören wollte.

Aber um den Slytherin nicht zu beunruhigen oder zu verärgern, nickte er nur.

„Der wird das sicher wieder umkehren können", sagte Draco nachdenklich, wie Harry aber mit Herzklopfen feststellte, weniger euphorisch, als er hätte klingen sollen.

„Wie das wohl wird, wenn wir wieder groß sind", murmelte Harry schläfrig.

„So wie immer", antwortete Draco, ebenfalls im Halbschlaf.

Während Harry langsam einschlief, dachte er daran, dass er gar nicht mehr wollte, dass alles so war wie immer. Er wollte, dass es so war wie jetzt.

..::~::..

Harry und Draco wurden von den typischen Schulgeräuschen geweckt, die Hogwarts zu bieten hatte. Lärm, Geschrei und die Schulglocke. Verschlafen kroch Harry von dem Lappen herunter und weckte den Slytherin, der einen enorm festen Schlaf hatte.

„Wach auf", zischte er ihm ins Ohr.

Er wusste selbst nicht, warum er jetzt schon wieder diesen harschen Ton gebrauchte, aber manchmal hatte er das Gefühl, er könne nur in der Dunkelheit das wirklich ausdrücken, was er für Draco empfand. Vielleicht, weil es so kompliziert und ungewöhnlich war.

„Ist schon Morgen?", nuschelte der Slytherin müde.

„Ja, die erste Stunde hat schon angefangen. Und so wie sich das anhört, gibt Hagrid gerade nahe seiner Hütte Unterricht."

Das stimmte, Harry hatte so viele Stimmen in ihrer Nähe gehört und ab und zu drang Hagrids Bass zu ihnen hinüber, sodass er sich fast sicher war, dass hier nebenan gerade eine Stunde Pflege magischer Geschöpfe lief.

„Vielleicht können wir die auf uns Aufmerksam machen", sagte Draco, nun plötzlich hellwach.

Harry überlegte. „Du weißt aber schon, dass Hagrid nie ungefährliche Tiere zeigt? Wir können da doch nicht einfach so raus spazieren, nachher erwartet uns eine Bande Niffler, die uns im Nu fressen. Er hat doch gesagt, dass sie Gnome fressen, wenn sie welche bekommen könnten."

„Oh", machte Draco und schien nun seinerseits nachzudenken. „Aber wenn es nun keine Niffler sind?"

„Ich hab nicht den weiten Weg mit dir hierhin gemacht, um mich noch im letzten Moment auffressen zu lassen", knurrte Harry ihn an. „Wir warten bis die Klasse weg ist, dann gehen wir ins Schloss. Oder zu Hagrid."

Das war eine schwache Ausrede, um noch ein wenig Zeit mit Draco allein zu verbringen und er war sich nicht sicher, ob der Slytherin sie ihm abnahm. Wenn nicht, dann sagte er jedoch nichts dazu.

„Was ist mit deinem Fieber?", fragte er Draco.

Draco sah ihn lange an. „Ich glaube es geht besser. Jedenfalls fühle ich mich jetzt besser."

Harry legte ihm die Handflächen auf die Stirn. Draco erschauderte unter der Berührung, schreckte aber nicht zurück.

„Nein, ich glaube du hast kein Fieber mehr", sagte er bedächtig, um der Situation etwas die Schärfe zu nehmen.

„Fühl lieber noch mal", neckte der Slytherin ihn und Harry musste Lächeln.

Plötzlich erklangen Schritte auf dem Kiesweg draußen und Harry und Draco sprangen hastig nach hinten und verkrochen sich hinter dem Lappen.

Nein, doch nicht das, bloß nicht das, flehte Harry in diesem Moment. Ich muss ihm das sagen, dachte er unentwegt. Ich muss ihm sagen was er mit mir macht und was ich fühle, sonst sterbe ich auf der Stelle.

Die Tür schwang ächzend auf und eine Gestalt trat ein.

„Ja, Professor", rief sie jemandem von draußen zu.

„Das ist Blaise", zischte Draco ihm zu.

Harry lugte vorsichtig über den Rand des Putzlappens hinüber. Tatsächlich, das war Blaise Zabini, ein Slytherin. Draco hätte doch eigentlich erfreut sein müssen, ihn zu sehen, wenn er sich recht erinnerte, dann sah man die beiden manchmal zusammen, er jedenfalls wäre, obwohl die ganze Situation so seltsam war, Ron oder Hermine förmlich auf den Arm gesprungen vor Glück, auch wenn ein Teil von ihm immer noch wünschte, dass sie nie enden möge.

„Ruf ihn", flüsterte Harry Malfoy zu.

„Kann ich nicht", stammelte der Angesprochene mit bleichem Gesicht.

Harry wollte gerade aufstehen, um Blaise auf sich aufmerksam zu machen, als Draco ihn energisch an seinem Umhang nach hinten riss.

Blaise indessen griff nach einem der vielen Gläser in der obersten Reihe und verschwand so schnell wie er gekommen war. Die Tür fiel wieder ins Schloss und die beiden blieben im Dunkeln zurück.

„Was sollte das denn gerade?", rief Harry unwirsch und rappelte sich wieder auf. „Er ist doch dein Freund, das hätte uns eine Menge Weg erspart, wenn er uns mitgenommen hätte."

„Bist du verrückt? Blaise ist nicht mein Freund. Blaise ist vor allem ein Slytherin und er würde die Gelegenheit anders nutzen, da kannst du sicher sein. Allein schon, weil du dabei bist."

Harry sah Malfoy erstaunt an, konnte sich aber einen spöttischen Spruch nicht verkneifen. „Wie war das also noch, dass man in Slytherin noch wahre Freundschaften findet?"

„Besonders mutig warst du bisher auch nicht", konterte der Slytherin bissig.

„Komm schon, was hätte er dir tun sollen?", überging Harry die Spitze.

„Er hätte vermutlich dafür gesorgt, dass man uns nicht mehr findet. Er..., ach vergiss es. Darüber möchte ich nicht reden."

„Okay, hab verstanden. Blaise ist böse. Dann sag mir doch bitte, du Schlaumeier, wie wir denn wohl die Schuppentür wieder auf bekommen, die Blaise eben zugeschlagen hat?"

Darauf wusste Draco auch keine Antwort.