Die beiden hatten es aufgegeben, um Hilfe zu rufen, oder gar zu hoffen, dass sich die Tür zu Hagrids Gartenhäuschen noch einmal öffnete, sie hörten nicht einmal die Vögel draußen zwitschern, so abgeriegelt waren sie. So liefen die zwei Miniaturzauberer rastlos über die Regale und stritten sich unablässig. Hauptsächlich wegen Blaise, denn Harry wollte endlich wissen, warum Draco ihn nicht auf sich hatte Aufmerksam machen wollen.
„Was ist denn nun mit ihm?", verlangte Harry an diesem Abend zu wissen. Die Schatten vor den Fenstern wurden immer länger und drinnen wurde es immer dunkler.
„Ich glaube er würde eher versuchen mich zu beseitigen, als dass er mich retten würde. Und wenn er dich erst gesehen hätte... ich traue ihm eine Menge Dinge zu", brummte Draco zum wahrscheinlich hundertsten Male.
„Was willst du mir damit sagen. Ist Blaise ein Todesser?"
Draco zuckte mit den Schultern. „Kann schon sein. Er kennt zumindest welche."
„Wie dich zum Beispiel?", knurrte Harry, weil er diese Geheimnistuerei unendlich leid war.
„Kann schon sein", antwortete der Slytherin. Harry sah ihn durchdringend an, doch ehe er zu einer Antwort ansetzen konnte, fuhr Draco auf: „Halt jetzt bloß den Mund, Potter. Selbst wenn ich ein Todesser wäre, dann hätte ich schon tausend Mal in diesem verdammten Wald die Möglichkeit gehabt, dich umzubringen und als du in der Flasche warst, wie einfach wäre es für mich gewesen, dich verschwinden zu lassen, also schau mich, bei Merlins Unterhose, nicht an, als sei ich ein Massenmörder. Dass ich es nicht getan habe, sollte dir Antwort genug sein."
Harry schloss den Mund wieder. Was Draco da sagte, ließ sich nicht von der Hand weisen.
„Warum hast du es nicht getan?"
Draco grinste schief, es sah eher gequält, als fröhlich aus. „Die Antwort solltest du eigentlich kennen."
Bei den Worten war der Slytherin näher gekommen und musterte ihn nun aus seinen kühlen grauen Augen, als plötzlich Schritte erklangen. Hastig zerrte Draco Harry hinter eines der Einmachgläser, die auf diesem Teil des Regals standen.
Jemand summte eine ziemlich schiefe Melodie.
„Das ist Hagrid", zischte Harry und wand sich aus Dracos Griff.
Die Tür wurde mit einem Donnerschlag aufgestoßen und der riesenhafte Wildhüter der Ländereien von Hogwarts trat ein.
„Hagrid, wir sind hier!", schrie Harry und sprang auf dem Brett auf und ab.
„Lass das", zischte Draco, „dieser Riesentrottel zerquetscht uns noch."
„Hagrid!", rief Harry noch einmal, denn der Riese hatte summte immer noch seine Melodie und kramte in dem Regal gegenüber umher.
Harry erklomm den Deckel eines Marmeladenglases und schrie ein letztes Mal aus vollen Kräften: „HAGRID!"
Sein Freund schien ihn gehört zu haben, Hagrid erstarrte und sah sich suchend um.
„Nein, wir sind hier!", rief Harry und begann auf und ab zu hüpfen, während Draco immer noch hinter dem verdammten Glas kauerte, statt mit ihm zu rufen.
Hagrid sah zur Tür hinaus und wandte sich noch einmal prüfend um.
„HAGRID!", schrie Harry voller Verzweiflung, als der Riese Anstalten machte, zur Tür zu schlurfen, doch dann schien er ihn bemerkt zu haben.
Seine dunklen Augen wurden groß vor Schreck und er beugte sich zu dem Regal hinunter.
„Harry?", dröhnte er.
Harry hüpfte wie wild auf und ab und schließlich krabbelte sogar Draco aus seinem Versteck.
„Hagrid, wir sind hier! Wir sind geschrumpft... und ... Dumbledore! Bring uns zu Dumbledore."
„Was macht'n ihr hier? Die ganze Schule sucht nach euch."
„Ich weiß", keuchte Harry. „Bring uns zu Dumbledore. Bitte!"
Hagrid lachte laut und Harry klingelten die Ohren. „Ihr seid mir vielleicht zwei. Versteckt euch in meinem Schuppen, obwohl die ganze Schule euch sucht. Oder gerade deswegen?" Er zwinkerte ihm zu.
„Hagrid, bitte, jetzt ist keine Zeit für Scherze, bring uns einfach nur ins Schloss."
„Kein Problem. Klettert auf meine Hand."
Harry erklomm vorsichtig Hagrids Daumen und reichte Malfoy eine helfende Hand. Hagrids Hand war ihm ja schon immer riesig vorgekommen, aber dass er jemals darauf Platz finden würde, das hätte er sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt.
„Junge, ich bin so froh, dass euch nichts passiert ist. Professor Mc Gonagall war wirklich in Sorge um euch. Jeden Tag wird das Schulgelände abgesucht. Und deine Eltern, kleiner Slytherin, die stehen jeden Tag auf der Matte und versuchen Dumbledore zu zwingen, dich herbeizuzaubern. Wie er das anstellen soll ist ihnen völlig gleich."
Draco senkte beschämt den Kopf, Harry konnte sich vorstellen, wie unangenehm ihm das sein musste, all diese Dinge hatte Draco sicher nicht gewollt.
Während Hagrid sie zum Schloss trug und sich die Geschichte in groben Zügen erzählen ließ, fasste Harry den Entschluss, den Slytherin nicht zu verraten. Im günstigsten Fall drohte ihm nämlich der Schulverweis, eine Sache, auf die er sich normalerweise mehr als nur gefreut hätte, aber jetzt... jetzt erschien ihm das einfach nur falsch.
„Ihr seid alleine durch den verbotenen Wald gekommen? Alle Achtung. Gibt nich' viele, die das schaffen, wenn sie so groß sind wie ich. Und wenn man dann noch so klein ist..." Er sprach den Satz nicht zu Ende. „Wir sind da."
Harrys Herz begann wie wild zu schlagen, als er, auf Hagrids Händen, die Tore von Hogwarts durchschritt. Er war niemals so erleichtert gewesen, die hohen Mauern zu sehen, wie heute.
Draco berührte vorsichtig seine Hand. „Wir sind zu Hause...", flüsterte er.
„Was hat er gesagt?", wollte Hagrid wissen.
„Nichts", murmelte Harry.
Die letzten Meter zu Dumbledores Büro kamen ihm wie eine Ewigkeit vor und als Hagrid dem Wasserspeier das Passwort nannte, fühlte er sich von Stufe zu Stufe mieser, die Hagrid voran schritt. Hoffentlich war Dumbledore zu Malfoy genauso gütig, wie zu ihm immer. Hagrid machte einen letzten Schritt und betrat das Büro. Harry merkte, dass es augenblicklich wärmer wurde, eine Wohltat, nachdem sie sich Tagelang nur durch den feuchten und kalten Wald bewegt hatten.
Draco wirkte ebenso angespannt, wie er sich fühlte und vorsichtig kletterte er nach vorne, um nach dem Schulleiter Ausschau zu halten.
„Professor Dumbledore, ich hab' hier was für Sie", dröhnte Hagrid.
Und tatsächlich, im hinteren Teil des Raumes regte sich etwas, nahe des Kaminfeuers.
„Was gibt es denn, Rubeus?", hörte Harry die vertraute Stimme des Schulleiters.
Hagrid hielt die Hand in die Höhe, damit Dumbledore sie besser sehen konnte. Vor Harrys Augen begann sich alles zu drehen, wegen der schnellen Bewegung.
„Tatsächlich", hörte er den Schulleiter. „Da sind ja unsere verschollenen Kinder. Ich danke dir. Setz sie auf meinem Schreibtisch ab."
Harry sah erstaunt zu Dumbledore auf, dessen Gesicht keinerlei Gefühlsregung zeigte, was ihn zutiefst erschrak. Und wenn er sie nun beide auf der Stelle raus warf? Oh, alles, nur das nicht!
„Professor?", begann er vorsichtig, nachdem er von Hagrids Hand auf einen Stapel Pergament geklettert war, doch Dumbledore legte lediglich seinen Zeigefinger auf die Lippen und sagte: „Pssst..." Dann wandte er sich erneut an Hagrid. „Ich danke dir. Lass mich einen Augenblick mit den beiden alleine, aber geh und sag, Professor McGonagall Bescheid, dass sie ihre Suche einstellen kann. Und informiere auch Professor Snape, immerhin ist Mr. Malfoy sein Schüler."
Draco schien bei diesen Worten noch kleiner zu werden, als er schon war.
Hagrid nickte eifrig und verließ mit trampelnden Schritten das Büro des Schulleiters. Dumbledore sah sie beide durch die Gläser seiner Halbmondbrille neugierig an. Er wirkte zumindest nicht verärgert.
„Und nun verraten Sie beide mir einmal, woher Sie kommen", sagte er, nicht unfreundlich.
„Sir", stammelte Draco, „das war meine Schuld, ich..."
Harry gab ihm einen Stoß in die Seite und ließ ihn damit verstummen.
„Sir, wir haben Nasch-und-Schwänz-Leckerein ausprobiert", antwortete Harry an Dracos Stelle.
Dumbledore lächelte freundlich, kam aber noch ein Stück näher. „Ihre Stimme ist so leise, Mr. Potter."
Harry wunderte sich über diese Anrede. Normalerweise nannte Dumbledore ihn beim Vornamen. Vielleicht wollte er sich vor Draco nicht so vertraut geben.
„Ich habe von diesen Süßigkeiten gehört. Die Weasley Zwillinge produzieren sie, oder?"
Harry biss sich auf die Zunge. Verdammt, jetzt hatte er auch noch Fred und George verpetzt.
„Schauen Sie nicht so, ich finde diese Leistung ganz beachtlich. Aber Sie zwei werden sicher verstehen, warum die in Hogwarts eher auf der Verbotsliste stehen werden, als es den Schöpfern lieb ist."
Harry nickte nur. Was sollte er dem Schulleiter auch sagen.
„Und Sie haben davon gekostet?"
„Ja", murmelte Harry.
„Wann war das?"
„Vor... ich weiß es gar nicht. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Wir waren in Hogsmeade und..."
„Wenn mich mein Gedächtnis nicht im Stich lässt, dann waren Sie aber doch schon vor diesem Besuch verschwunden."
Draco sah zu Boden und Harry fehlten die Worte. Wie sollte er sich da nur wieder raus reden? So oder so, die Schuld würde am Ende bei Draco liegen.
„Sir, es war meine Schuld. Ich habe Potter in eine Flasche gesteckt, nachdem er geschrumpft wurde. Ich dachte das wäre nur ein harmloser Spaß und er wächst nach ein paar Minuten wieder", sagte Draco plötzlich.
Nein, flehte Harry. Warum sagst du das nur? Was, wenn... ?
Dumbledore unterbrach seinen Gedankengang. „Und was ist dann geschehen?"
