Die anschließende Feier ertränkte die Anwesenden in einem Meer aus Farben, Gerüchen und Musik, und würde sicherlich den hochfliegendsten Erwartungen aller gerecht werden.
So eine Atmosphäre hatte Faramir niemals zuvor erlebt: Es war die überschäumende Freude und Lebenslust der Überlebenden, die wussten, dass ihnen eine strahlende Zukunft bevorstand - Sauron war endgültig besiegt, die viel zu lange Zeit der Dunkelheit war endlich vorbei, endlich herrschte Frieden, Gondor hatte einen König und eine wunderschöne Königin aus dem Geschlecht der Unsterblichen, und ihr Truchsess besiegelte mit seiner Ehe die dauerhafte Freundschaft mit dem Reitervolk. Dies war die Zukunft - Freundschaft unter Völkern, die sich entfremdet hatten, ein Versprechen auf Wachstum, dem Austausch von Wissen und Fertigkeiten.
Mochte die Regentschaft Denethors - der Truchsesse allgemein - auch gerecht und weise gewesen sein, so hatte Gondor doch etwas gefehlt, was über das Bedürfnis nach bloßer Führung und Regierung hinausging. Sie hatte sich an die Abwesenheit ihrer Könige gewöhnt, so wie ein Versehrter sich an das Fehlen eines Körperglieds gewöhnt hatte, und der nur noch manchmal den Phantomschmerz des Verlustes wahrnahm. Nun jedoch machte Aragorns - Elessars - Dasein sie wieder vollständig, wieder heil. Alles schien möglich, eine leuchtende Zukunft stand ihnen allen offen, und diesem Ansturm an Glückseligkeit hatten nicht einmal die finstersten Schwarzseher und Grübler etwas entgegen zu setzen.
Als die Sonne endgültig hinter den Gipfeln des Ered Nimrais verschwunden waren, wurden Fackeln und bunte Laternen entzündet - nicht nur bei den Tafelnden am Fuße des Weißen Turmes, sondern in der ganzen Stadt: Vom Pelennor aus würde es aussehen, als sei der Fuß des Mindolluin mit leuchtenden Edelsteinen übersät. Ganz Minas Tirith feierte: An strategischen Stellen der Stadt drehten sich die Rinder aus Rohan seit den frühen Morgenstunden über den Feuerstellen, neben riesigen Kesseln mit würzigem Eintopf, Tischen voller frischgebackener Brotleibe und Fässern mit Ale und Cider.
Faramir beobachtete, wie sich ein bestimmter Wächter der Zitadelle zusammen mit einem Knappen Théodens - nachdem sie die Auswahl der erleseneren Speisen durchprobiert hatte - von der Festtafel davonstahlen, um an dem weniger förmlicheren Treiben auf den tieferen Ebenen teilzunehmen. Den sehnsüchtigen Blicken nach zu urteilen, hätten sich einige Rohirrim den Hobbits sicherlich gerne angeschlossen. Es war zwar nicht so, als würde es hier besonders förmlich zugehen, die Anwesenheit der Elben jedoch sorgte bei vielen Sterblichen für eine gewisse Scheu, die erst mit dem Fortschreiten des Abends wich, als der Wein die Zungen gelöst und die Schüchternheit vertrieben hatte.
Dann war schließlich die Zeit gekommen, sich zurückzuziehen.
Aragorn erhob sich, Arwens Hand in seiner. Die gesamte Gesellschaft stand auf, um einen letzten gemeinsamen Toast auf das königliche Paar auszubringen, bevor in einem lauten Gewirr persönliche Glückwünsche durcheinander gerufen wurden.
Faramir bemerkte die nachsichtige Belustigung auf den Gesichtern der Elben, als die Förmlichkeit der Tafelnden sich unter angeheiterten, teils reichlich derben Anspielungen völlig aufzulösen begann. Er erhaschte einen letzten Blick auf das königliche Paar, bevor er die Hand nach seiner Braut ausstreckte. Mit einem gespielt erschrockenen Aufschrei und einem Lachen ergriff Éowyn sie, damit sie nicht in dem plötzlichen Gedränge getrennt werden konnten.
Eine buntgemischte Gruppe, aus Rohirrim und Gondorrim, Männern und Frauen, Adeligen und Dienern, Musikern und Kriegern, gab ihnen singend und scherzend das Geleit zum Brautgemach. Faramir war überrascht und überwältigt von dem Umstand, wie viele es waren, die anstatt dem Hauptpaar des Abends ihre Aufmerksamkeit ihm und seiner Gemahlin schenkten.
Ihr Ziel war das bisher verschlossene Hochzeitszimmer, das zwischen Faramirs und den Gemächern, die Éowyn zugeteilt worden waren, lag.
Wer auch immer dafür verantwortlich war, hatte sich selbst übertroffen: Das Feuer im Kamin war so stark geschürt, das die Wärme fast greifbar war. Der Raum roch nach kostbarem Räucherwerk, nach Blumen und dem leichten Honigduft der Bienenwachskerzen, die fast auf jeder ebenen Fläche Platz gefunden hatten und alles in goldenes Licht tauchte.
Auf dem Tisch hatte jemand eines der Teile seiner Morgengabe platziert, die Faramir persönlich für Éowyn ausgesucht hatte - ein sich aufbäumendes Pferd aus milchweißem Glas, ein Meisterwerk der Glasbläserkunst. Daneben standen Wein und Konfekt bereit, und silberne Becken mit Waschwasser, auf deren Oberfläche Blütenblätter schwammen - diejenigen Blüten, so schien es, die auf dem Laken des Hochzeitbettes keinen Platz mehr gefunden hatten. Faramir fragte sich flüchtig, wer die Mühe auf sich genommen hatte, so viele Blumen zu finden.
Er scheuchte ihre Begleiter aus dem Schlafgemach, schubste die hartnäckigsten buchstäblich auf den Gang zurück, um die Tür hinter ihnen ins Schloss zu drücken und den Riegel vorzulegen. Scherzhaftes Klopfen ertönte, letzte gute Ratschläge wurden gerufen, bevor der Tross sich endlich unter Gesang und einem etwas aus dem Takt geratenen Trommelwirbel entfernte.
„Ich dachte schon, die werden wir gar nicht mehr los!", stieß seine Braut hervor, und strich sich mit funkelnden Augen eine Strähne aus dem erhitzten Gesicht, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatte.
„Wir haben Glück", entgegnete Faramir, „In früheren Zeiten gebot es der Brauch, dass sie dem Vollzug der Ehe beiwohnten."
„Und das bei einem Volk, dass meines gerne für wild und unkultiviert hält!", scherzte Éowyn.
Faramir stimmte in ihr Lachen ein, half ihr, den Mantel auszuziehen und löste die Spange, die seinen eigenen Umhang hielt. Das Kleidungsstück war der frische Nachluft an der Tafel angemessen gewesen, doch hier merkte Faramir, dass ihm allein unter dem schweren Stoff seiner Festrobe der Schweiß ausbrach - was nun sicherlich auch in der Absicht desjenigen gelegen hatte, der das Feuer im Kamin so stark geschürt hatte.
Denethors Sohn streifte sich die Schuhe ab, löste die Schnalle seines Gürtels und zog sich die viel zu warme Tunika über den Kopf, nach kurzem Zögern auch das letzte Kleidungsstück. Er trat an eines der Becken, um sich Gesicht und Hände zu waschen.
Als er sich abgetrocknet hatte, sah er, dass Éowyn seinem Beispiel gefolgt war. Sie lächelte unsicher, wandte den Blick jedoch nicht von ihm ab. Faramir reichte ihr das Tuch, war sich plötzlich seines Leibes bewusst, wie selten zuvor. Gewöhnliche Frauen mochte Narben an einem Mann bewundern und sie für ein Zeichen der Tapferkeit halten - sie aber, die Schildmaid, würde es besser wissen: Jede Narbe war nichts anderes als das Zeichen eines überlegenen Gegners, der es geschafft hatte, die eigene Deckung zu durchbrechen: Alles andere als ein Grund für Stolz.
Nein, rief Faramir sich selbst zu Ordnung, er würde sich erlauben zu vergessen - diese Nacht würde die Finsternis keine Gelegenheit haben, nach ihm zu greifen.
Der Truchsess von Gondor nahm den Weinkrug aus einer Schale mit bereits fast gänzlich geschmolzenem Schnee von den Hängen des Mindolluin, goss den bernsteinfarbenen Met aus Rohan in einen Kelch und trankt mit tiefen Zügen, bevor er das Gefäß mit beiden Händen seiner Braut reichte. Sie umschloss seine Hände mit den ihren und trank - wie er selbst - mehr, als dem Ritual Genüge getan hätte.
Sie sahen sich stumm über den Pokal hinweg an. An Éowyns Wange klebte ein kleines weißes Blütenblatt. Faramir stellte den Kelch fort, um es mit einem Lächeln behutsam wegzuwischen. Dann nahm er ihr den Stirnreif ab und beobachtete gebannt, wie ihr hochgestecktes Haar sich löste und über ihren Rücken floss: Ein Schauer aus Haarnadeln regnete zu Boden; die Diamantköpfe glühten im Licht der unzähligen Kerzen wie Sternschnuppen, bevor sie in den Schatten unter Tisch und Bett rollten.
Faramir umfasste Éowyns Gesicht sacht mit beiden Händen, und massierte mit den Fingerspitzen ihre Schläfen, dort wo der Stirnreif Abdrücke hinterlassen hatte. Sie quittierte seine Bemühen mit einem wohligen Seufzen, und schloss die Augen. Faramir beugte sich vor, küsste ihre Stirn, und vergrub seine Finger in dem weichen, duftenden Haar. Sein zweiter Kuss traf ihren süß, nach Honigwein schmeckenden Mundwinkel - ein vorsichtiger, zarter Versuch, der willkommen geheißen wurde. Starke Arme schlangen sich um Faramirs Nacken, und er wurde an einen schlanken, festen Körper gezogen.
Seine Hände fanden wie von selbst die Verschnürungen des Kleides in ihrem Nacken, knüpften die Bänder auf und streiften den Stoff von ihren Schultern, um die schneeweiße Haut dort mit Küssen bedecken zu können. Als Faramir von ihr abrückte und sie die Arme senkte, glitt das Gewebe ganz hinab und blieb als blassgrüne Wolke zu ihren Füßen liegen. Sie war Gestalt gewordene Anmut, lebendiges Gold und Elfenbein im Schein der Kerzen. Seine Hände fuhren über ihren Rücken, ihren Nacken, ihre Arme und ihr Gesäß. Ausgeprägte Muskeln unter samtweicher Haut, dann waren da plötzlich Hände, schmal, zart und stark, die das Tun der seinen imitierten. Er machte einige Schritte rückwärts, mit ihr in den Armen, bis nach Sommer riechende Kühle unter ihm war, Wärme und Weichheit über ihm.
Faramirs Zärtlichkeit, sein Verlangen, und der Wunsch ihr gerecht zu werden, wurde mit einer Mischung aus Schüchternheit, Unerfahrenheit und wilder Entschlossenheit beantwortet.
Dann war der Punkt erreicht, an dem alle Zweifel, alle Schüchternheit vergessen war. Schön wie eine Vala, wie Yavanna selbst, war sie: Die Bezwingerin des Hexenkönigs, die Schildmaid, war in seinen Armen ganz Frau, ganz Weichheit und Nachgiebigkeit geworden, letztendlich Antwort und Spiegel seines Verlangens.
Ihre Hände umklammerten seine Schultern, ihre Augen waren geschlossen, ihre Lippen leicht geöffnet, ein Schaudern lief durch ihren Leib und sie drängte sich ihm entgegen.
„Aragorn!", flüsterte sie.
