Faramir stand am Fenster, die Arme vor dem Körper verschränkt, die Finger in den Stoff des Umhangs gekrallt, von dem er sich nicht erinnern konnte, ihn aufgehoben zu haben. Es war dunkel und kalt hier, nach der übergroßen Wärme des Brautgemachs. Niemand hatte damit gerechnet, dass er diese Nacht seine Räume betreten würde.
Er hatte verfolgt, wie die letzten Lichter der Stadt erloschen, Singen und Rufen verstummt waren, bis nur noch die Fackeln der Garde in der Stille der Nacht brannten.
Als der Horizont über dem Pelennor sich aschgrau färbte, hörte Denethors Sohn, wie die Tür hinter ihm geöffnet wurde.
„Faramir." Der harte Klang ihrer Stimme war es, der ihn dazu brachte, sich umzuwenden. Ihre Augen waren trocken, vor ihm stand die grimmige Schildmaid, als die er sie kennen gelernt hatte. „Was ich getan habe, war unverzeihlich", erklärte sie, „und du hast jedes Recht mich zu hassen. Nach dem Gesetz kann eine Ehe für ungültig erklärt werden, wenn sich herausstellt, dass die Braut nicht mehr unberührt war. Ich ... bin bereit das zu erklären."
Noch mehr Lügen?
Faramirs Blick glitt an ihr vorbei zur Wand, folgte der Maserung des Marmors, die im ersten Licht des Tages gerade zu erkennen war. Der Strang verzweigte sich, wurde immer dünner, verästelte sich weiter und endete schließlich im Nichts.
Éowyn wartete auf eine Antwort, wurde ihm bewusst. Er wollte sie mit seinem Schweigen nicht bestrafen, wollte antworten, aber sein Gemüt war taub, sein Geist leer.
Ihr Kleid raschelte, als sie sich umwandte und ging.
„Ich hasse dich nicht, Éowyn", war alles, was er hervorzubringen vermochte, bevor sich die Tür zwischen ihnen schloss und er im Ungewissen blieb, ob Éowyn seine Worte noch gehört hatte.
Den Weg zu gehen, den Éowyn aufgezeigt hatte, war ihnen nicht möglich.
Sie beide - er, Denethors Sohn und sie, die Schwester des Königs von Rohan - wussten um Pflicht und Verantwortung. Sie waren kein beliebiges Paar, das bedenkenlos eigenen Neigungen und Wünschen folgen konnte, ihr Schicksal war zu sehr an das der Länder geknüpft, denen sie dienten. Eine Auflösung ihrer Ehe, aus welchen Gründen auch immer, hätte politische Konsequenzen, würde beiden Reichen schaden. Ebenso die Bloßstellung einer der Heldinnen des Krieges als ehrenlose Person. Nein, sie hatten kein Recht zu dieser Lüge, die mehr zerstören würde, als das, was zwischen ihnen gewesen war.
Faramir begrub sich in Arbeit; Es gab immer noch mehr als genug zu tun. Der König war nicht einmal ein Monat im Amt, war noch nicht vertraut mit den Verhältnissen in Minas Tirith, kannte weder die üblichen Ränkespiele und Parteibildungen der gondorischen Adeligen, noch all die anderen Dinge die zum politischen Tagesgeschäft gehörten, und die jedem, der hier aufgewachsen war, völlig geläufig waren.
Mochten Aragorns Gegner einen einfachen Waldläufer sehen, dem die Krone zu groß sein musste, so übersahen sie doch Alter und Erfahrung des Königs, vergaßen Elronds Erziehung, der stets um die Bestimmung seines Zöglings gewusst hatte, und ließen außer Acht, dass Aragorn bereits unter Ecthelion II. gedient hatte. Der König war nicht abhängig von den Diensten seines Truchsess, aber Faramir vermochte ihm den Weg zu ebnen, vermochte zum Wohle aller die Prozesse zu beschleunigen. Und das würde er tun, solange er konnte.
Faramir sorgte dafür, dass die Kanzlisten ihren Dienst im Turnus ausübten, und so zu jeder Tages- und Nachtzeit für ihn bereitstanden. Die Bewunderung, die man ihm für seine Unermüdlichkeit entgegen brachte, beschämte Faramir zutiefst, aber dieser Weg war der gangbarste, war die einzig akzeptable Möglichkeit, mit der Lage umzugehen.
Die ersten Tage waren die schwersten, doch es war wie mit dem Gewicht eines Kettenpanzers in Kriegszeiten: Irgendwann stellte sich eine Gewöhnung ein, man vergaß zeitweise, dass man ihn trug, und vermochte unter der scheuernden Last sogar zu schlafen, wenn man nur müde genug war.
Was den Schlaf betraf – sie teilten das Bett im strikten Sinne des Wortes, um den Anschein zu wahren, doch Faramir vermochte es stets so einzurichten, dass er zurückkehrte wenn sie bereits schlief.
Éowyn verbrachte einen Teil ihrer Zeit in Gesellschaft der Königin, zusammen mit Arwens Hofdamen und Ehrenjungfrauen, meist jedoch damit, sich von Faramirs Falkner in die Kunst der Beizjagd einführen zu lassen, um mit Hund und Vogel den Pelenor zu durchstreifen.
Was wäre natürlicher gewesen, als dass seine Ehefrau, während er mit Staatsdingen beschäftigt war, sich an einem seiner Hochzeitsgeschenke, einem Sperberweibchen, erfreute?
Trafen sie sich in Gegenwart anderer, gingen sie mit ausgesuchter Höflichkeit miteinander um; und mochte jemandem etwas auffallen - das Fehlen gewisser Blicke und Berührungen, derer sich ein frischverheirateten Paar doch zumeist befleißigte - so war er entweder zu höflich, oder nicht in der Position, dies anzusprechen.
„Herr? Der Rittmeister wünscht zu wissen, ob Ihr wieder die gleiche Anzahl Wachen für Condramast auszusenden wünscht."
Faramir schloss die Augen und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel.
„Ja", entschied er, „Sie sollen zudem bei der Wachabwechslung die fehlenden Saumtiere mitnehmen. Und schicke einen Boten, der sich vergewissern soll, ob sie tatsächlich noch genügend Bauholz da oben haben."
„Sehr wohl, Herr."
Dreißig Männer zum Schutz der Arbeiter im Steinbruch mochten viel erscheinen, da es bisher zu keinem einzigen Überfall gekommen war. Doch die Späher hatten Orkspuren in der Nähe gesichtet, und es wäre fahrlässig, die Wachen auf die übliche Zahl von zehn zu reduzieren, selbst wenn sie anderswo ebenso dringend gebraucht wurden.
Faramir starrte auf das Schriftstück, in dessen Lektüre er unterbrochen worden war, ohne ein einziges Wort wahrzunehmen.
Ein Teil des in Condramast abgebauten Marmors würde auch nach Emyn Arnen gebracht werden, um dort bei der Wiedererrichtung der Ruine des Anwesens, das bald seine und Éowyns neue Wohnstatt werden sollte, Verwendung zu finden.
Vielleicht wäre ja alles leichter, wenn sie erst dort wohnen würden. Vielleicht könnte es doch noch so zwischen ihnen werden, wie er es erträumt hatte, als er sie zum ersten Mal in den Gärten der Häuser der Heilung gesehen hatte. Vielleicht, wenn sie Aragorn nicht mehr fast jeden Tag sahen.
Faramir erhob sich abrupt.
„Ich bin im Hof zu finden", teilte er dem nächstbesten Schreiber mit.
Der Hof war die übliche Bezeichnung für den Gebäudekomplex auf der sechsten Ebene der Stadt, der den Männern von Adel für ihre Kampfesübungen zur Verfügung stand. Das Herzstück der Gebäudes war ein dreigeschossiger Arkadenhof mit einem großen, sandbestreuten Platz als Mittelpunkt.
Faramir zog sich um, und trat zum Gestell mit den Übungswaffen, um unter den stumpfen Schwerter und zerkratzten Schilden seine Wahl zu treffen.
Es war später Nachmittag, die größte Hitze des Tages hatte gerade erst nachgelassen, und der Hof war noch nicht so gut besucht. In einer Ecke waren die Knappen versammelt, und übten ihre Schwerthiebe an den hölzernen Übungspuppen; Auf dem Platz verteilt kämpften lediglich vier Paare gegeneinander - Alle anderen Anwesenden standen in den schattigen Arkaden und unterhielten sich, oder hatten auf den Bänken Platz genommen um sich auszuruhen.
Faramir schloss die letzten Schnallen seines Gambesons und trat auf den Platz, um erkenntlich zu machen, dass er einen Übungspartner suchte.
Über das Klirren der Schwerter und dem Gebrüll des Waffenmeisters hinweg, der lauthals dabei war, einem der Knappen Unfähigkeit zu bescheinigen, hörte Faramir jemanden seinen Namen rufen. Er blinzelte ins Licht der tiefstehenden Sonne und entdeckte seinen Onkel und seine Cousins im Arkadengang der ersten Etage. Imrahil kam mit der Gewandtheit eines halb so alten Mannes die Treppe herunter, und lächelte ihn an.
„Was macht die Pfeilwunde?", erkundigte er sich.
Faramir bewegte unwillkürlich die betroffene Schulter.
„Die habe ich schon lange nicht mehr wahrgenommen", entgegnete er.
„So? Dann gab es also keinen Grund, weshalb du deine Übungen so sträflich lange vernachlässigt hast?", neckte Imrahil seinen Schwestersohn.
„Abgesehen von einem hübschen, blonden Grund aus Rohan, meint Vater natürlich!", rief Amrothos zu ihnen hinab, provozierte damit gutmütiges Gelächter und beipflichtende Kommentare der Zuhörer.
Faramir spürte einen gänzlich unbegründeten Groll in sich aufsteigen: Sie machten sich nicht über ihn oder seine Ehe lustig, doch Amrothos hatte unwissend eine sehr wunde Stelle berührt.
Kaum dass Imrahil Schild und Schwert aufgenommen hatte, griff Faramir an, nahm seine Wut, wandelte sie in Schläge und Stiche um.
Imrahil gelang es trotz seiner ersten Überraschung den ungestümen Angriff seines Neffen abzuwehren: Faramir mochte der besserer Reiter, der geschicktere Waldläufer und Bogenschütze sein, aber mit Schwert, Speer und Lanze war er nie so gut gewesen wie sein Bruder.
Zu friedliebend, tief in seinem Herzen, ging man nach Mithrandirs Urteil - ein Feigling und Schwächling, nach dem Denethors.
Nicht Manns genug.
Mit einem Knurren warf Faramir sich Imrahils Streichen entgegen, die Rufe der Zuschauer verblassten, sein Gesichtsfeld verengte sich auf Auge und Hand des anderen.
Zurückdrängen!
Hieb, Stich, Abwehr, Stich!
Lediglich wenn es ihm gelang völlig zu vergessen, dass er ein lebendes, fühlendes Wesen vor sich hatte, nur noch ein Etwas sah, eine Macht die zerstören wollte was er liebte, und die es um jeden Preis auszuschalten niederzuwerfen galt, bevor sie ihr Ziel erreichen konnte, dann übertraf er selbst die Besten.
Eine Lücke in der Deckung finden!
Späne flogen, als sein Schwert wieder und wieder tiefe Kerben in den Schild seines Gegners hackte.
Zurück. In die Ecke drängen. Nicht entkommen lassen.
Anstatt zu parieren riss Faramir seinen Oberkörper zur Seite, wich dem Stich aus, sprang seinen Gegner aus dem Schwung der Bewegung heraus an. Ihre Schilde schlugen krachen aufeinander, der andere fiel.
Jetzt.
„Faramir!"
Der befehlende Klang der Stimme ließ ihn zögern, einen Herzschlag zu lang - sein Gegner hatte sich fort gerollt, sein Schwert traf harten Boden, so heftig, dass sich Sprünge durch den festgebackenen Lehm zogen. Sein Handgelenk schmerzte, als er zum nächsten Schlag ausholte.
„Halt ein!", keuchte sein Onkel, „Ich bin kein Ork!"
Faramir starrte ihn an, zitterte vor plötzlicher Anspannung. Er ließ sein Schwert sinken, und es fiel aus seinem locker gewordenen Griff.
„Ich ...", er rang nach Atem, „Ich ... weiß nicht, was über mich gekommen ist, Onkel. Verzeih mir!"
Faramir streckte eine Hand aus, um ihm aufzuhelfen. Kurze Zeit standen sie schwankend und schweratmend da, und stützten sich gegenseitig, bevor Imrahil schließlich einen Schritt zurücktrat um die traurigen Überreste seines Schildes vom Arm zu schütteln.
„Nicht elegant, aber effektiv", bekundete er keuchend, und schlug Faramir auf die Schulter.
Trotz der fehlenden Schärfe der Klingen hatte einer von Faramirs Stichen den Stoff des Gambeson über seinem Schlüsselbein aufgerissen, Rosshaar quoll aus der Polsterung.
Imrahil warf einem der beiden Knaben, die dafür abgestellt waren den Platz in Ordnung zu halten, seinen Helm zu, und humpelte in Richtung des Brunnens unter die Arkaden, um zu trinken.
Der andere Knabe nahm Faramirs Schild, starrte ihn ehrfürchtig an, bevor er sich seiner Erziehung erinnerte und mit roten Ohren den Kopf senkte, um sich eilig zu bücken und das Schwert, dass der Truchsess fallen gelassen hatte, aufzuheben.
Faramir spürte mit einem Mal all seine Blessuren. Er war erstaunt, froh, dass sein Onkel die Angelegenheit so leicht nahm, gar nicht gewahr gewesen zu sein schien, wie nah er einer schweren Verletzung oder gar dem Tod gewesen war.
Als Faramir in Richtung des Bades ging, sah er Mithrandir dort am Rand des Platzes stehen. Es war der Ruf des Zauberers gewesen, der ihn hatte zögern lassen, wurde Faramir bewusst.
Sein alter Mentor nickte ihm zu und musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen. Er wusste die Situation richtig einzuschätzen. Er folgte ihm schweigend ins Frigidarium, wo Faramir sich seiner Rüstung und Kleidung entledigte um sich Schweiß und Staub des Übungsplatzes vom Körper zu waschen.
Der Diener, der ihm frische Kleidung gebracht hatte, war wieder gegangen. Sie waren allein. Draußen erklang gedämpft das Lachen und Rufen der Männer, das Klirren der Waffen, doch hier war nichts zu hören außer dem gelegentlichen Tropfen von Wasser. Die Sonne schien durch das bunte Bleiglas des Oberlichts und malte Prismen und Regenbögen auf die Wasseroberfläche als Faramir das Becken mit wenigen Schwimmzügen durchquerte.
Mithrandir hatte sich in eine der Fensternischen gesetzt, und seine Pfeife entzündet.
„So viel Ingrimm?", durchbrach seine Stimme schließlich leise die Stille.
Er fragte nicht, was Faramir dazu getrieben hatte, zwang ihn so nicht eine Antwort zu geben oder zu verweigern, es war eine indirekte Einladung zum Sprechen, die er ohne weiteres ablehnen konnte. Faramir wusste nicht, ob er dankbar dafür sein sollte oder nicht. Wenn er mit irgendeinem anderen Wesen darüber hätte reden konnte, so wäre dies allein Mithrandir gewesen.
Er wünschte so sehr, es gäbe keine Verstellung, keine Lügen mehr, keine Scham. Aber es war nicht an ihm, mit Dritten über Éowyns Gefühle zu sprechen. Und was seine eigenen betraf...
Faramir kam aus dem Becken und begann sich abzutrocknen und anzuziehen.
„Wo bist du die letzten Tage gewesen?", fragt er.
Er erwartete fast die spöttische Zurechtweisung, dass die Angelegenheiten eines Zauberers nichts waren, was ihn anginge. Statt dessen zog Mithrandir schweigend an seiner Pfeife, bevor er schließlich antwortete: „Ich musste einige Dinge hier und da zum Abschluss bringen. Die Zeit meines Abschieds ist gekommen, und hier in Gondor werde ich den Anfang machen."
Faramir erstarrte.
Natürlich. Er hatte es gewusst, aber nicht daran denken wollen.
Mithrandir würde gehen, und diesmal würde sein Fortgang endgültig sein.
Nie wieder würde er überraschend auftauchen, und verlangen in die Archive gelassen zu werden. Nie wieder würde er die Nächte hindurch mit seinem ehemaligen Schüler über Philosophie und Staatskunst diskutieren, und das, obwohl dieser gerade das Alter erreicht hatte, um einige der bedeutendsten Fragen wirklich in ihrem Ansatz zu begreifen und ein echter Gesprächspartner für ihn zu sein. Faramirs Söhne oder Töchter würden nie den Mann kennen lernen, der ihn mehr geprägt hatte als jeder andere.
Es war als, würde der Tod ihm noch einen Vater rauben.
Er war selbstsüchtig. Faramir biss die Zähne zusammen. Mithrandir hatte eine längere Spanne gelebt, als ein Mensch es sich überhaupt vorstellen konnte - war gestorben, zurück gesandt worden um seine Aufgabe zu vollenden. Er war wie alle Ringträger müde, würde sich nach dem Frieden der Unsterblichen Lande sehnen. Dort, wo er hin ging, würde er glücklich sein.
Aber diese Gedanken halfen nichts, Faramir fühlte sich weiterhin elend.
Plötzlich fühlte er, wie sich die knochige Hand des alten Zauberers auf seine Schulter legte, sie leicht drückte.
„Komm, Faramir", sagte Mithrandir ruhig, „lass uns der Einladung der Königin Folge leisten. In der Musik der Elben liegt eine Art Heilkraft, du wirst sehen."
Faramir nickte, und schweigend machten sie sich auf zur siebten Ebene.
