Die erste Zeit fürchtete Faramir Éowyn allein zu lassen, und sorgte dafür, dass ständig Menschen um sie waren: Hielt sie sich nicht in Gesellschaft der Königin auf, war der Falkner da, oder der Baumeisters, der mit ihr über das Anwesen in Emyn Arnen beratschlagte.
Wenn Faramir sich von seinen anderen Pflichten freimachen konnte, besuchten sie gemeinsam die Ländereien in Ithilien, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen über all das, was noch getan werden musste. Éowyn war ihm hierbei nicht nur wertvolle Hilfe, sondern eine gleichwertige Partnerin: Im Gegensatz zu den adeligen Frauen Gondors, deren Aufgabe es war lediglich dem Haushalt innerhalb der vier Wände ihres Heims vorzustehen, waren die Pflichten der Frauen der Rohirrim wesentlich weiter gefasst, und beinhalteten ebenso die Aufsicht über den Viehbestand, die Felderwirtschaft und die Lagerhaltung des Hofes.
Die Zeit des gegenseitigen Kennenlernens hatte begonnen. Die Schildmaid, die wunderschöne, geheimnisvolle und fremdartige Frau, in die Faramir sich in den Häusern der Heilung verliebt hatte, stellte sich als ein Mädchen mit ungewöhnlichem Charakter heraus, das Nähen, Weben und anderen Dinge, die von einer Frau ihrer Stellung eigentlich erwartet wurde, verabscheute, das sich vor Spinnen ekelte - auch wenn es das nie zugeben würde -, das wie ein geschulter Barde unzählige Lieder und Sagas seines Volkes auswendig kannte, und das Blumen und Pflanzen liebte, obwohl es kaum eine Aster von einer Chrysantheme unterscheiden konnte. Ein Mädchen, das zwar von allen Mitgliedern ihrer Sippe uneingeschränkt geliebt worden war, das jedoch viel zu früh gezwungen gewesen war, die Verantwortung einer Erwachsenen zu übernehmen.
Ihre Gemüter und Interessen waren sich ähnlich genug, um als Basis für eine Freundschaft zu dienen - einer Freundschaft aus der vielleicht irgendwann jene Art Liebe erwachsen vermochte, von der jedes Paar träumte.
Schon bald waren ihre Tage in Minas Tirith gezählt, und Emyn Arnen bereit für ihr Kommen.
Die einstweiligen Unterkünften der ersten Siedlungswilligen hatten wetterfesten Häuser aus Stein Platz gemacht, die Felder waren gepflügt, und das Wintergetreide ausgesät worden.
Viele Gondorrim waren in das Land, aus dem Sauron ihre Vorväter vertrieben hatte, zurückgekehrt. Zu den Bauern und Viehzüchtern kam die übliche Anzahl törichter Jünglinge, denen die Aussicht gegen die verbliebenen Orks zu kämpfen als Abenteuer erschien, zudem all jene, die im Krieg ihre Familien verlorenen hatten, und die nichts mehr in der Feste hielt.
Doch die Menschen kamen nicht nur aus Minas Tirith, sondern aus ganz Gondor, und sogar aus Rohan hatten sich ihnen eine nicht geringe Anzahl Männer und Frauen angeschlossen. Éowyn war nicht völlig unter Fremden, ein Teil der Dienerschaft und der Weißen Garde war mit den Menschen ihrer Heimat besetzt.
Das wunderbarste und erstaunlichste jedoch war, dass in Ithilien auch einige vom Volk der Waldelben leben würden, denn Prinz Legolas hatte Éowyn und Faramir versprochen im Frühjahr mit einigen seines Volkes zu kommen, um zu helfen, das durch Saurons Mächte versehrte Land, das einst als einer der schönsten und reichsten Gärten Mittelerdes gegolten hatte, wieder zur einstigen Vielfalt und Pracht zu verhelfen.
Eigentlich hätten Faramir und Éowyn schon seit mehreren Wochen nach Emyn Arnen gehen können, sie hatten ihren Aufbruch jedoch bis zum heutigen Tag verschoben, um dem Ereignis beizuwohnen, auf das alle Einwohner Minas Tirith gewartet hatten, seit die ersten Gerüchte darüber aufgekommen waren: Gimli und seine Schar von Aglarond hatte versprochen, dass große Tor zu erneuern - und zwar aus reinem Mithril!
Die gesamte Bevölkerung vom König bis zum niedrigsten Lehrjungen hatte sich versammelt um auf die Ankunft der Zwerge zu warten.
Zehn Ochsen waren von Nöten, um den extra dafür gebauten Wagen mit den beiden Torflügel zu ziehen. Das Metall reflektierte das Licht der Sonnen wie ein riesiger Spiegel, sandte Lichtblitze über den Pelenor, wann immer die Wolkendecke aufriss.
Es war ein kalter Tag, der Wind war frisch und wirbelte buntes Laub aus den Gärten durch die verwaisten Straßen.
Faramir beobachtete, wie in der Ebene unter ihnen eine Horde kleiner Kinder schreiend und rufend die Stufen des Wehrgangs hinauf rannten, um sich zwischen den Beinen der Erwachsenen nach vorne zu drängen. Er lächelte, sein Blick glitt unwillkürlich zum Königspaar neben ihnen. Arwen war schwanger. Man sah ihr noch nichts an, ihre Gestalt war schlank wie eh und je, aber die Gerüchte waren so gut wie bestätigt, nachdem Arwen bei einem Festmal von einem Traum berichtet hatte, in dem sie eine Frucht des Weißen Baumes gegessen habe. Eine weniger subtile Aussage würde die Elbenfrau kaum machen.
Faramir bemerkte, dass Éowyn seinem Blick gefolgt war - vermutlich gingen ihre Gedankengänge in eine ähnlichen Richtung wie seine. Éowyn lächelte, als sich ihre Blicke trafen, griff nach seiner Hand. Sie selbst war noch nicht guter Hoffnung, was jedoch gewiss nicht daran lag, dass es an Versuchen gemangelt hätte.
Schließlich hatten sich die Zwerge der Stadt so weit genähert, das sie mit dem König und seinem Gefolge ihre Pferde bestiegen um dem Volk von Aglarond entgegen zu reiten und sie zu begrüßen.
Zurück in der Stadt bewiesen die Zwerge einmal mehr, was für geschickte Handwerker sie waren. Sie kletterten behände auf das vorbereitetet Gerüst, nutzten zwar die Winden, Kräne und Flaschenzüge, wiesen jedoch jede weitere Hilfe der einheimischen Arbeiter zurück. Es dauert nicht ganz eine Stunde, bis die Torflügel in ihren Scharnieren hingen, sich so leichtgängig öffnen und schließen ließen, dass ein kleines Kind allein sie öffnen konnte, was Gimli auch nicht zu demonstrieren versäumte.
Das anschließende Fest zu Ehren und Dank der Zwerge war gleichzeitig die Abschiedsfeier für den Truchsess und seine Gemahlin. Faramir hatte darum gebeten kein Aufhebens um ihr Gehen zu veranstalten, da es ihm töricht vorkam, eine große Angelegenheit daraus zu machen: Emyn Arnen lag lediglich auf der anderen Seite des Anduin, ein schneller Meldereiter brauchte nicht einmal einen halben Tag bis dorthin.
Trotzdem würde er die Stadt und ihre Menschen vermissen.
Faramir beobachtete Aragorn, der sich mit Gimli, der auf dem Ehrenplatz neben dem König thronte, unterhielt. Im Gegensatz zu den Hobbits, die den Herrn Gondors bis zuletzt weiter mit dem wenig ehrenhaften Namen 'Streicher' betiteltet hatten, hielten die Zwerge sich an die Grundzüge des Protokolls. Dennoch war zu erkennen, dass Glóins Sohn und Isildurs Erbe einst Gefährten gewesen waren, dass sie gemeinsam Erfahrungen Nöte und Kämpfe durchgestanden hatten, die ein Band zwischen ihnen geschaffen hatte, das - so unterschiedlich sie auch waren - sie fortfahrend eng aneinander band.
Die derbe Fröhlichkeit der Zwerge sorgte dafür, dass Faramirs Anflug von Melancholie sich nicht vertiefen konnte, und schon bald verabschiedeten er und Éowyn sich, da sie immerhin einen guten Grund vorschieben konnten, so früh - es war erst nach Mitternacht - bereits zu gehen.
Éowyn hatte sich ins Bett begeben, die Diener waren schlafen gegangen, während Faramir noch letzte Notizen für die Kanzlisten niederschrieb, da er fürchtete, die Gedanken unter dem Einfluss des Zwergenmets zu vergessen.
Mit einem Becher Wasser gegen den Nachdurst betrat er das gemeinsame Schlafzimmer, was Éowyn mit einem spöttischem Lächeln bedachte.
„Du hättest mich ruhig warnen können von diesem Zwergengebräu nicht zu trinken", klagte er.
Éowyn saß mit geröteten Wangen im Bett, auch sie war nicht mehr wirklich nüchtern.
„Aber nein, ich wollte dir diese Erfahrung nicht vorenthalten."
„Vielen Dank. Dann beschwere dich aber nicht, wenn du morgen den ganzen Tag an der Seite eines verkaterten und schlecht gelaunten Gatten reiten musst."
Sie erwiderte seinen Blick mit gespieltem Erstaunen.
„Von wem sprichst du? Mein Gatte ist viel zu höflich und wohlerzogen, um üble Launen an anderen auszulassen."
Faramir verkündete mit einer kleinen Verbeugung lächelnd, dass er ihr den Sieg in diesem Geplänkel zusprach.
Er leerte seinen Becher, stellte das leere Gefäß ab und trat ans Fenster. Über die Gartenmauer hinweg konnte er nach oben auf die große Festhalle sehen, deren Fenster hell erleuchtet waren. Die Feier würde sicherlich bis in die frühen Morgenstunden gehen.
„Du liebst den König", hörte er Éowyn hinter sich plötzlich ohne jeden Spott sagen.
„Natürlich", entgegnete Faramir mit einem flüchtigen Lächeln, „Ich kenne niemanden, der das nicht tut."
„Nicht so", widersprach sie leise, „Nicht auf diese Weise. Niemand sieht ihn an wie du, wenn du dich unbeobachtet fühlst, niemand lächelt so, wenn er von seinem Herrn spricht."
Faramir erstarrte, spürte, wie ihm alles Blut aus dem Gesicht wich.
„Ist ... ist es so offensichtlich?", brachte er schließlich mit tauben Lippen hervor.
Der Gedanke, dass Aragorn könnte um seine Empfindungen für ihn wissen, bereitete Faramir fast körperliche Übelkeit. Vielleicht würde Aragorn kein Abscheu empfinden, aber selbst der Gedanke Duldung, oder sogar Mitleid für seine Abnormität zu ernten, war abgrundtief demütigend, unerträglich.
Éowyns Stimme drang wie von weit entfernt her an sein Gehör: „Ich habe versucht damit aufzuhören, ihn ständig zu betrachten, und habe statt dessen begonnen, dich zu beobachten. "
Faramir hörte das Rascheln von Stoff, dann die Schritte ihrer nackten Füße. Éowyn trat hinter ihn, schlang die Arme um seine Brust und legte ihren Kopf an seine Schulter.
„Nein, ich glaube nicht, dass es offensichtlich ist für jemand, der nicht das gleiche empfindet wie du."
Sie schwieg eine Weile, bevor sie leise fortfuhr: „Kannst du dir vorstellen, wie froh ich bin, dass ich es herausgefunden habe?", flüsterte sie, „Verstehst du, Faramir - ich habe mich so klein, so unwürdig gefühlt, da du so nachsichtig mit mir warst, da du über solche Dinge wie Eifersucht erhaben schienst."
Ihr Haar kitzelte ihm im Nacken, als sie den Kopf schüttelte. „Als ich ... springen wollte, da hast du mich nicht etwa gebeten, es zu lassen, damit ich dich nicht allein lasse. Nicht um deinetwillen sollte ich leben - zuallererst hast du an den Schmerz gedacht, den ich ihm bereiten würde. Da hätte ich es bereits erkennen müssen."
Faramir stand mit geschlossenen Augen in ihrer Umarmung, wagte sich nicht zu regen.
„Du verachtest mich nicht dafür, dass ich ... Gefühle für meinen König hegte, die kein Mann einem anderen entgegenbringen sollte?"
„Man kann seinem Herzen nicht befehlen", gab sie ihm seine eigenen Worte zurück wie ein
Geschenk.
Faramir wagte es immer noch nicht, sich umzudrehen und sie anzusehen. Sie ließ ihn nicht los, hielt ihre Arme um seine Brust geschlungen wie ein kleines Mädchen, doch dann begann sie ihn in ihren Armen zu wiegen, als sei er das Kind. Endlich überflutete ihn eine Woge der Erleichterung, als ihm bewusst wurde, was es bedeutete, dass er dieses demütigende Geheimnis nicht mehr vor ihr verbergen brauchte.
Keine Lügen mehr.
*
Sie brachen früh am nächsten Morgen auf, denn so würden sie den Rest des Tages in Emyn Arnen noch nutzen können.
Die Weiße Garde ritt ihnen vorweg, mit Beregond an ihrer Spitze, und neben ihm ein Leibgardist mit dem Bannes des Hauses Ithilien, das im Wind schlug wie ein loses Segel. In das Geräusch mischte sich das Klappern der Hufen, das laut durch die noch schlafende Stadt hallte.
Faramir ließ seinen Blick über die Gebäude, Wehrmauern und Straßen streifen, empfand die typische Mischung aus Erleichterung, Wehmut und Freude, die mit jedem Abschied und Neuanfang einherging.
Neben dem Tor zur fünften Ebene lehnte ein einzelner Mann an der Mauer, gegen die Kühle des Morgens in einen grünen Umhang gehüllt, und klopfte den Kopf seiner Pfeife an den Steinen hinter sich aus.
Die Kavalkade kam zum Stehen, Faramir schwang sich vom Pferd und lief auf den Wartenden zu.
„Da ich wusste, wie unwillkommen dir eine öffentliche Verabschiedung gewesen wäre, blieb mir kaum eine andere Wahl, als nun hierher zu kommen", bemerkte der König mit einem Lächeln. Er trat auf Faramir zu und streckte beide Hände aus, um die des anderen Mannes zu ergreifen. „Ich schulde dir großen Dank."
Faramir schüttelte den Kopf, „Nein, Herr", widersprach er, „Ich habe lediglich meine Pflichten getan."
Aragorn lächelte. „Aber du hast es auf eine so hochherzige und edelmütige Art getan, dass ich nie das Gefühl hatte, der unwissende Waldläufer zu sein, oder schlimmer noch - ein Usurpator, der den Sohn des vorigen Herrschers aus Amt und Würden verdrängt." Bevor Faramir protestieren oder irgendetwas darauf entgegnen konnte, zog Aragorn ihn in seine Arme. „Ich werde dich vermissen, Faramir", sagte er leise.
Faramir vermeinte ewig in dieser Umarmung verbleiben zu wollen. Genau so, hier und jetzt bis ans Ende der Zeit.
Viel zu schnell löste Aragorn sich von ihm, Faramir vermochte ihn nicht anzusehen, um keinen Preis der Welt hätte er es in diesem Moment vermocht sich zu verstellen. Er neigte den Kopf, sank auf ein Knie und ergriff Aragorns Hand, um sie zu küssen.
„Leb wohl."
Die Hufe der Pferde klapperten erneut auf dem Pflaster der Serpentinen, brachte ihre Reiter immer weiter fort von dem, der auf die Mauer des Zwingers gestiegen war, um ihren Fortgang weiter zu verfolgen. Éowyn drehte sich um, hob einen Arm, um ihn ein letztes Mal zu grüßen.
Faramir war glücklich, auf diese bittersüße, schmerzhafte Art. War glücklich, weil Aragorn es war, glücklich trotz des Wissens, dass er für das Glück des anderen lediglich ein paar Funken beitragen konnte.
Glücklich, obwohl er wusste, die Sehnsucht würde nie ganz verschwinden.
Éowyn lenkte ihr Pferd näher an seines, und Faramir spürte, wie sich ihre schmale Hand in seine stahl.
Sie wusste. Sie verstand.
Ende
