Kapitel 2 ~ I'll be there ~

Jack drehte sich schlaftrunken auf den Rücken und bemerkte ein ungewohntes Gewicht auf seinem Bauch und ein leichtes Kitzeln an seiner Nase.

Langsam öffnete er seine müden Augen, nahm seine Umgebung aber nur schemenhaft wahr. Das Erste was ihm auffiel, war das blonde Haar, das sich direkt vor seinem Gesicht ausbreitete. Das war es also, was er an seiner Nase gespürt hatte. Aber wie kam eine blonde Person in sein Bett?

Nach einem weiteren Blick neben sich, wusste Jack wer es war. Sam lag neben ihm. Und ihr gehörte auch der Arm, der über seinen Körper gestreckt war. Sie hatte ihre Beine immer noch angezogen, war ihm aber wesentlich näher als letzte Nacht.

Einen Moment sah Jack ihr beim Schlafen zu und hing seinen Gedanken nach. Mark ist tot und Sam ist zu mir gekommen, ich habe sie getröstet, erinnerte er sich. Aber wie ist sie in mein Bett gekommen? Doch auch das fiel ihm wieder ein.

Er richtete sich auf und sein Blick fiel auf die Uhr. Es war gerade mal sieben, also ließ er sich zurück ins Bett gleiten, darauf bedacht, Sam in ihrem Erholungsschlaf nicht zu stören.

Wieder einmal beobachtete er sie eingehend. Auch wenn sie ihre Augen geschlossen hatte, konnte man deutlich Augenringe darunter erkennen. Jack wusste, dass dies erst der Anfang war. Sam würde noch eine schwere Zeit durchmachen müssen. Zuerst die Vorbereitungen für die Beerdigung, dann die Trauerfeier, und der ganze Kram, der nach so etwas immer anfiel. Aber das, was danach kam, würde sie wahrscheinlich am meisten treffen. Er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie versuchen würde ihr Leben normal weiterzuleben und sich sofort wieder in die Arbeit stürzen würde, anstatt sich selbst die Zeit zu lassen, die sie brauchte. Aber so war Sam nun einmal und er konnte und wollte daran nichts ändern. Er akzeptierte sie, so wie sie war, auch wenn es ihm der Gedanke nicht gefiel, dass sie sich selbst damit schadete. Vielleicht konnte er sie ja zu einer kleinen Pause überreden, das hieß, wenn Hammond damit einverstanden war. Aber eigentlich sah er da kein Problem, da der General Sam's Familie kannte und bestimmt auch schon versucht hatte, Jacob zu erreichen. Jedenfalls stand es für Jack fest, dass er Sam mit ihren Problemen nicht im Stich lassen würde.

Niemals. Er würde für sie da sein.

Jack lag nun schon seit über einer halben Stunde neben seinem schlafenden Major und langsam drifteten seine Gedanken wieder in eine Richtung ab, wie sie es fast immer taten, wenn er ihr nah war. Wie oft hatte er geträumt, morgens neben ihr aufzuwachen. Heute war genau das passiert. Aber wieder einmal hatten seine Vorstellungen keine Schattenseiten gehabt, wie die Realität jetzt. Langsam kam er zu dem Entschluss, dass vielleicht alle Träume, Wünsche und Vorstellungen in Wahrheit ganz anders aussahen und längst nicht alles so perfekt war, wie er es sich wünschte. Würde das auf die Vorstellungen von einer Beziehung mit Sam auch zutreffen?! Hoffentlich nicht. Bis jetzt war in Jack's Gedanken immer alles perfekt gewesen, hatte sie so richtig angefühlt. Doch jetzt…Nein, Jack. Lass dich davon nicht zurückdrängen. Es hat lange genug gedauert, bis du verstanden hast, dass du nur mit ihr glücklich sein kannst! Es würde perfekt sein. Es gab keine andere Möglichkeit, denn sie war perfekt. Bevor er sich in seiner Phantasiewelt ganz und gar verlor, nahm er sacht Sam's Arm von seiner Brust und stand auf. Leise verließ er das Schlafzimmer und begab sich in die Küche. Nachdem er erst einmal Kaffee gekocht hatte, schnappte er sich seinen Bademantel und holte schnell die Zeitung rein. Mit der ersten Tasse Kaffee schwang er sich auf einen Sessel, auf dem immer noch Sam's Sachen lagen, und überflog die Zeitung. Nach einer Weile legte er diese jedoch wieder weg. Er konnte sich einfach auf nichts konzentrieren. Seine Gedanken waren schon wieder bei Sam.

Als sie gestern verheult vor seiner Tür gestanden hatte, wollte sie reden, hatte es dann aber doch nicht getan. Genauso, bevor sie auf seinem Sofa eingeschlafen war. Und sie hatte reden wollen, als sie in mitten in der Nacht an seinem Bett stand, doch der Schlaf hatte sie letzten Endes übermannt, bevor sie dazu gekommen war. Er fand, dass es Zeit war, sich ein Stückchen Schmerz von der Seele zu reden.

Gestern Nacht hatte er eine seltsame Mischung von Gefühlen in ihren Augen erkannt. Nicht nur die verständliche Trauer und Müdigkeit, da war auch noch etwas anderes gewesen. Fast entschlossen hatte sie trotz ihrer schüchternen Haltung gewirkt. Aber entschlossen, was zu tun…?

Ein Schatten riss Jack aus seinen Gedanken. Nein, es war kein Schatten. Es war Sam, die an ihm vorbei gegangen war und sich nun auf dem Sofa niederließ. „Morgen, Sir.", kam es von ihr. Jack war leicht überrascht. Er hatte nicht mitbekommen, dass sie wach war. „Guten Morgen. Haben Sie gut geschlafen?", kam seine Antwort, während er sie musterte. Im Gegensatz zu gestern Nacht sah sie etwas munterer und gesünder aus, aber verglichen mit sonst,…

„Sir, ich…was gestern Nacht war,….das…", versuchte sie anzufangen, doch Jack kam ihr zuvor: „Schon okay, Carter. Ihnen ging es nicht gut, und da habe ich Sie getröstet. Nichts wofür Sie sich schämen müssten.", versuchte er es hinunter zu spielen.

„Aber Sir, ich…ich habe...es tut mir…"

„Keine Entschuldigungen, Carter. Ich will nichts davon hören. Nur zwei Freunde, die sich nahe waren, um Trost zu finden. Nichts weiter." …und von denen einer fast gestorben wäre, während er sich dazu gezwungen hat, mit dem Kopf, statt mit seinem Herz zu denken, und nicht über sie herzufallen, fügte er in Gedanken hinzu.

Jetzt schaute Sam ihrem Colonel das erste Mal an diesem Morgen direkt in die Augen. „Wirklich? Ich fühle mich so, als hätte ich…ich weis nicht…ich war schwach."

„Carter, Sie sind auch nur ein Mensch, richtig?! Machen Sie sich deshalb keinen Kopf. Es ist gut ab und zu ein bisschen Schwäche zu zeigen. Es erinnert uns daran, dass wir nicht nur ein Teil der Air Force sind, sondern auch fühlende und leidende menschliche Wesen." So etwas Tiefsinniges gab er nur selten von sich, das wusste beide.

Doch bei Sam war es angekommen. Sie nickte.

„Sir?"

„Ja?"

Sie schaute wieder auf und sah im in die Augen. Ihre Stimme war nicht viel mehr als ein Flüstern.

„Danke."

„Wollen Sie wirklich nicht noch ein bisschen bleiben, Carter?"

Sam hatte wieder ihre Sachen an, nahm ihre Handtasche und war im Begriff zu gehen. Sie hatten zusammen gefrühstückt, Sam hatte am Flughafen angerufen und ein Ticket nach San Diego gebucht. Über „das Reden" war kein Wort mehr gefallen, und Jack hatte sich entschlossen ihr Zeit zu geben und darauf zu warten, dass sie sich von selbst öffnete.

„Nein danke, Sir. Mein Flug geht in ein paar Stunden und ich muss vorher noch ein paar Sachen von zu Hause holen. Danke für alles Sir, das vergesse ich Ihnen nicht."

Jack nickte nur und sah zu, wie sie die Haustür öffnete. Dann fiel ihm wieder etwas ein.

„Carter!" Sie drehte sich wieder zu ihm um. „Ja, Sir?"

„Wann genau geht ihr Flug?", fragte er.

„Um Halb zwei, Sir."

„Gut, dann hole ich Sie zwei Stunden vorher bei Ihnen zu Hause ab."

„Sir, ich kann selbst zum Flughafen fahren und mein Auto dort abstellen.", noch verstand sie nicht, worauf er hinaus wollte.

„Ich werde mit Ihnen fliegen, Major.", stellte Jack mit ruhiger Stimme fest.

„Aber, Sir. Warum? Sie müssen übermorgen wieder zurück ins SGC, und ich…"

„Keine Chance, Carter. Erstens, ist bis Montagmorgen noch genug Zeit um zurückzufliegen. Zweitens, ich habe Ihnen doch gestern versprochen, für Sie dazu sein, oder erinnern Sie sich nicht mehr daran?"

Sam war durcheinander, warum wollte Jack sie unbedingt begleiten? Sie suchte verzweifelt nach einer weiteren Ausrede, die ihn umstimmen konnte. Schließlich machte sie einen letzten Versuch: „Sir, der General, wird ausrasten, wenn zwei von vier SG-1 Mitgliedern unentschuldigt fehlen." Aber Jack nahm auch dieses Argument auseinander: „Den General habe ich schon informiert, dass sie am Montag fehlen werden. Und was mich angeht, soll er doch eine weitere Bemerkung in meine Akte setzen, irgendwann quillt sie ja doch über und sie müssen einiges davon in den Müll schmeißen.."

Sie lächelte leicht über seinen Sarkasmus. Langsam schlich sich in Sam der Gedanke auf, dass er das irgendwie alles geplant hatte. Wie wusste sie nicht. „Sir, dass…das kann ich nicht von Ihnen verlangen." Jack grinste, „Ich wüsste nicht, wann Sie mich darum gebeten haben, Major. Auch wenn es nicht immer so aussieht, kann ich doch ganz gut für mich selbst entscheiden."

„In Ordnung, Sir.", antwortete sie ihm, da ihr nun die Argumente ausgegangen waren, blieb ihr nichts anderes übrig, als resigniert zu nicken. Doch wenn sie ehrlich war, wollte sie gar keine Argumente mehr finden. Eigentlich freute sie sich, all das nicht allein durchstehen zu müssen. Zumindest den Anfang.

Mit einem „Bis dann, Sir.", verließ sie Jack's Haus, während dieser sich das Telefon griff und ein zweites Ticket bestellte.