Als er erwachte, fühlte Jack sich seltsam geborgen. Ihn umgab Wärme. Körperwärme. Als er seine Augen öffnete, bemerkte er, dass Sam's Kopf immer noch auf seiner Schulter ruhte und ihre Hand irgendwie den Weg zu seiner Brust gefunden hatte. Ihre Augen waren geschlossen und er nahm ihren gleichmäßigen Atem wahr. Das erste Mal an diesem Wochenende hatte sie einen wirklich friedlichen Gesichtsausdruck. Mit dem Wissen, dass dieser Frieden bald wieder vorbei sein würde, schluckte Jack. Doch selbst wenn er sich auch noch so sehr wünschte, ihr all dies ersparen zu können, er konnte es nicht. Sie musste es selber schaffen. Selber, aber nicht allein.
Eine paar Reihen hinter Ihnen machte sich ein Baby lautstark bemerkbar. In seinen Gedanken vertieft, bemerkte er zunächst gar nicht, dass der ältere Mann neben Sam ihn angesprochen hatte. „Ihre Frau scheint ja wirklich müde zu sein, wenn sie bei diesem Lärm schlafen kann." Mit einem schiefen Lächeln beobachtete der Mann die schlafende Sam. „Ja. Das ist sie wirklich. Sie macht gerade eine schwere Zeit durch, und…sie ist nicht meine Frau. Wir sind Kollegen. Beide bei der Air Force." Auf dem Gesicht des Mannes machte sich ein zufriedener Ausdruck breit. „Oh, mein Enkel macht zur Zeit seine Offiziersausbildung. Er ist auf der Naval Air Station in Meridian, Mississippi stationiert und…" Damit war Jack klar, dass er nun einen langen Bericht über die Militärgeschichte der Familie des Mannes hören würde. Schweigend ließ er es über sich ergehen.
Zwanzig Minuten später bewegte sich Sam neben ihm. Im Halbschlaf gähnte sie und kuschelte sich instinktiv näher an ihn heran. Überrascht, wenn auch nicht unbedingt abgeneigt, beobachtete Jack, wie ihre Hand über seine Brust streichelte. Es dauerte einige Zeit, bis Sam richtig wach war und plötzlich aufschrak, als sie sich ihrer Situation bewusst wurde. „Tut…tut mir Leid, Sir.", brachte sie stammelnd heraus, während sie sich eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht strich und versuchte ihre verwuschelten Haare zuordnen. Jack fand, dass sie so zerstrubbelt noch ein kleines bisschen anziehender wirkte. Falls das aus seiner Sicht überhaupt noch möglich war.
„Ich wollte nicht….Ich dachte…", versuchte Sam es wieder gutzumachen. Mit einem zufriedenen Grinsen nickte Jack ihr zu und gab ihr somit zu verstehen, dass es okay war. Beruhigt fiel Sam in ihren Sitz zurück und zog scharf die Luft ein. Noch vor ein paar Sekunden hatte sie sich geborgen und ungeheuer sicher gefühlt, doch dann war ihr wieder klargeworden, dass Jack ihr kommandierender Offizier und Mark tot war. Und sie streichelte ihn und hatte das Bedürfnis sich sofort wieder an ihn zu kuscheln. Das kam ihr auf eine seltsame Art falsch vor. Nun versuchte sie ihre Gefühle im Zaum zuhalten und machte Anstalten aufzustehen. Als Jack das bemerkte, sah er sie fragend an, zog dann aber seine Beine an, um ihr den Weg in den Gang freizumachen.
Erschöpft sah Sam in den Spiegel der Flugzeugtoilette. Erschöpft, ja und müde. So blickte ihr Spiegelbild sie an. Schnell spritzte sie sich etwas Wasser ins Gesicht um wach zu werden und ordnete erneut ihre Haare. Viel half es nicht, so ohne Bürste, und es würde vorerst wohl beim Strubbellook bleiben müssen. Egal. Gedankenverloren schloss sie die Tür hinter sich und ging zurück.
Jack sah Sam den Gang herunter kommen und lächelte ihr zu. Doch sie schien es nicht zu bemerken und schaute weiter geradeaus. Sie war so in Gedanken, dass sie beinahe an ihren Plätzen vorbei gegangen wäre, hätte Jack ihr nicht seinen Arm in den Weg gehalten. Überrascht sah sie ihn an. „Sam. Sie sitzen hier.", deutete er lächelnd auf den leeren Sitz neben ihm. Dankbar, dass sein Nachbar nun in seinem Vortrag unterbrochen wurde, den er wieder aufgenommen hatte, als Sam aufgestanden war.
„Eh, ja, Sir.", kam es zaghaft von ihr, als sie sich an ihm vorbei zu ihrem Sitz schob.
„Hey. So langsam müssten Sie es wirklich besser wissen, Carter. Wir sind nicht auf dem Stützpunkt, nicht mal im selben Bundesstaat. Haben nicht einmal festen Boden unter den Füßen und Sie sind immer noch beim Sir?", sein Blick war fragend.
„Ja. Ehm. Tut mir Leid. Gewohnheit, und außerdem…", sie unterbrach sich selbst. Es reichte, wenn sie wusste, dass es ihr Sicherheit gab, wenn er sie mit Carter ansprach. Sie fühlte sich immer so ungewohnt menschlich, so weiblich, wenn er sie Sam nannte. Aber als ihr kommandierender Offizier brauchte er das nicht unbedingt wissen. „Warum haben Sie das dann nicht schon viel früher gesagt?", harkte sie nach. Jack sah ihr direkt in die Augen.
„Ich wollte Sie nicht verunsichern. Sie waren schon durcheinander genug, wegen…", diesmal war er es, der mitten im Satz abbrach.
„Sie haben Recht, Sir. Ich bin verwirrt. Im Moment schwirrt alles in meinem Kopf herum und ich kann es nicht ordnen."
„Das kenne ich." Sie sah ihn fragend an. „Was glauben Sie, wie ich mich fühle, wenn Sie anfangen über Ihr wissenschaftliches Zeugs zu reden. Da dreht sich auch alles und ich verstehe nach zwei Minuten rein gar nichts mehr.", erklärte er. Sie musste lächeln. Den fragenden Gesichtsausdruck, den er dabei immer hatte, er war wirklich immer einen Vortrag wert. Doch dann verschwand das Lächeln so schnell, wie es gekommen war. Ihre Gedanken drifteten wieder zurück zum Flughafen –zurück zu Pete. War er wirklich so gefühllos gewesen, wie es ihr vorgekommen war? Zwar hatte er besorgt gewirkt, sie umarmt, geküsst, aber er hatte nicht gefragt wie es ihr ging. Kein Beileid. Kein Trost. Nur die Erwartung, dass sie noch ein paar Tage wartete. Auf ihn wartete. Aber Sie musste nach San Diego. Musste wissen, ob es wirklich Mark war. Musste sich überzeugen. Denn noch klammerte sie sich an die Hoffnung, dass er es nicht war, auch wenn ihr diese Chance noch so gering erschien. Bei dem Gedanken an den toten Körper ihres Bruders auf der Metallbahre in der Gerichtsmedizin, lief es ihr kalt über den Rücken. Ihre Gedanken fuhren Achterbahn. Überall waren Fragen. „Warum?", flüsterte sie. Jack schaute sie durchdringend an. „Was warum?", fragte er dann besorgt. Sam, der erst jetzt bewusst wurde, dass sie die Frage laut gestellt hatte, sah zu ihm auf. Ihre blauen Augen trafen seine. „Ich…ich…warum Mark? Warum mein Bruder? Ich verstehe einfach nicht, warum…" Jack nickte verstehend. „Genauso ging es mir auch…damals mit Charlie. Ich habe mich immer wieder gefragt, was er böses getan hatte, dass er so jung sterben musste. Und dann, was ich falsch gemacht habe. Aber Sam, das brauchen Sie nicht. Sie tragen keine Schuld. Es war ein Unfall. So etwas kann man nicht verstehen. Glauben Sie mir. Das Einfachste ist, wenn Sie versuchen, es zu akzeptieren. So hart das auch ist. Es wird eine Weile dauern, aber irgendwann wird das Gefühl der Leere verschwinden." „Ich weiß, dass ich keine Schuld an seinem Tod habe, aber ich bereue einiges. Als ich das letzte Mal mit ihm telefoniert habe, habe ich einfach so aufgelegt. Ich…ich war…ich wusste einfach nicht, was ich antworten sollte, als er mich gefragt hat, ob ich glücklich bin…" sprudelte es Sam nur so heraus. Sie wusste nicht genau, warum sie das Bedürfnis hatte, Jack alles zu erzählen. „Ich konnte einfach nicht mehr lügen, was das anging. Das habe ich zu oft…zu lange." Jack brauchte einen Moment, bis er verstand. „Sind Sie denn nicht glücklich?"
Bin ich glücklich? Nein. „Nein, Sir.", brachte sie heraus. Und nach einem weiteren Moment fügte sie ein „schon lange nicht mehr.", hinzu. Jack war überrascht. Carter schien doch immer glücklich und zufrieden. Sie strahlte jedes Mal. Wenn sie von ihrer Arbeit erzählte und sie freute sich auf die nächtliche Arbeit an ihrem Reaktor, oder an was auch immer sie gerade arbeitete. Warum war ihm das nie aufgefallen?
„Schon lange? Seid wann denn? Und warum?" Obwohl es ihm nicht gefiel, Sam in dieser Verfassung so mit Fragen zulöchern, er musste es wissen. Sie schien zu überlegen. Dann fing sie an zu erzählen, während sie nervös mit dem Reisverschluss ihrer Strickjacke spielte. „Ich…Sir, erinnern Sie sich noch, vor ein paar Jahren, als ich auf der Prometheus gefangen war?" Sie sprach leise, damit die anderen Passagiere nicht alles mitbekamen, schließlich hatte sie vor Urzeiten eine militärische Schweigepflicht unterzeichnet. Jack nickte. „Damals war ich völlig alleine auf diesem riesigen Schiff. Und nachdem ich alles versucht hatte und schon aufgeben wollte, muss ich wohl angefangen haben, zu halluzinieren. Auf jeden Fall hörte ich erst Stimmen, und dann erschienen mir Personen, die mir wichtig sind." Verlegenheit machte sich auf ihrem Gesicht breit. Natürlich war ihr auch Jack erschienen und nach dem Erscheinen ihres Dad's, war diese auch die deutlichste Erinnerung an diese Zeit. Dieser Kuss…auch wenn es nur ein Traum im Traum gewesen war. Schnell versuchte sie ihre Gedanken auf das Thema zurückzulenken.
„Und irgendwann auch mein Vater. Er hat mir Hoffnung gemacht und wollte nicht, dass ich aufgebe. Ich würde es schaffen, hat er gesagt. Und er hat mich einiges gefragt. Aber bei einer Frage fiel es mir schwer zu antworten. Ob ich glücklich sei. Ich sagte ihm, dass ich sehr glücklich mit meiner Arbeit sei, froh und dankbar über die Chance ein kleines bisschen im Weltraum zu verändern, aber das war nicht das, was er hören wollte. Schließlich wurde mir bewusst, dass ich zwar froh bin, euch, SG-1, zu haben, aber mir trotzdem etwas im Leben fehlt. Ich…manchmal…da bin ich wirklich einsam." Jack nickte wieder. Das kannte er nur zu gut. Sam fehlte, was auch ihm schon seit langem nicht mehr vergönnt war. Die Nähe zu einem anderen Menschen. Nähe wie Sam's Berührungen es gewesen waren, ihre Umarmungen am letzten Abend. Solche Nähe, die er am liebsten nie wieder verlassen würde. Ihre Nähe. Nur leider wussten beide nur zu gut, was für sie auf dem Spiel stand. Die Air Force stand wie eine Mauer zwischen ihnen. Fest und fast, aber nur fast, undurchdringbar.
Ein paar Minuten saßen sie schweigend nebeneinander. Keiner wusste so Recht, was er sagen sollte und dachte nach. Schließlich kam von Jack ein leises „Mir geht es genauso."
Sam schaute kurz zu ihm auf, ließ ihren Blick dann aber wieder auf ihren Schoß zurückfallen. Sie war überrascht so etwas von ihm zu hören. Ihr Colonel war sonst immer der verschlossene Typ, der nicht viel über seine Gefühle redete. Und nun hatte er zugeben, dass auch er einsam war. Vielleicht war das ja ein kleiner Hoffnungsschimmer. Aber nein, daran hatte sie jetzt nicht zu denken. Sie verbot es sich selbst. Zuerst würde sie all das, was in San Diego auf sie wartete, hinter sich bringen. Dann konnte sie immer noch weiter sehen.
