Kapitel 6 ~A time for healing~

Jack ließ den Hörer zurück auf die Gabel fallen.

Du hast sie geweckt. Na toll. Echt klasse, Jack. Warum musstest du auch unbedingt noch so spät bei ihr anrufen?

Andererseits hatte er sie höchstwahrscheinlich vor starken Rückenschmerzen am nächsten Morgen bewahrt. Und er hatte jetzt Gewissheit, dass sie nichts Schlimmes angestellt hatte. Zwischenzeitlich hatte er sich wirkliche Sorgen gemacht. Ihr kleiner Zusammenbruch im Lokal hatte ihn genauso erschreckt, wie ihr tränenüberströmtes Gesicht, als sie vor einer Woche in seinem Flur gesessen hatte. Ein Schmerz durchzuckte jedes Mal seinen gesamten Körper, wenn er sie traurig sah. Er wollte sie in den Arm nehmen, sie trösten, sie halten, ihr beruhigende Worte ins Ohr flüstern; doch all das konnte er nicht tun. Die Regeln verboten es ihm. Das Einzige was er momentan tun konnte, war für sie da zu sein. So wie er es in San Diego gewesen war, und sie es für ihn auch sein würde. Das war der Freundschaftsdienst, den er ihr leisten konnte. Leisten durfte.

Ich muss etwas nachdenken, muss mir über ein paar Gefühle klar werden,…

Was hatte Sam damit gemeint? Spielte sie auf das an, was sie ihm an Bord des Flugzeugs anvertraut hatte? Musste sie über ihr Leben und ihr Glücklichsein nachdenken? War sie im Moment glücklich?

Dumme Frage, Jack. Ihr Bruder ist gerade gestorben. Wie soll sie da glücklich sein?

Er schallt sich innerlich einen Narren. Glücklich sein. Ja, das war schon so eine Sache. Natürlich konnte er mit seinem Leben zufrieden sein. Aber manchmal, wenn er an seinem See in Minnesota saß, in dem sich schon lange keine Fische mehr befanden, hatte er Zeit nachzudenken. Zu viel Zeit. Der See war leer, genauso war es manchmal seine Seele, sein Herz. Oft wünschte er sich mehr als das freundschaftliche Beisammensein mit seinem Team und den Freunden aus dem SGC. Ihm fehlte, genau wie Sam es gesagt hatte…

Aber mir fehlt trotzdem etwas im Leben. Ich…manchmal…da bin ich wirklich einsam…

…ein Mensch, der für ihn da war. Mit dem er seine Gedanken und Gefühle, aber auch seine Sorgen teilen konnte. Natürlich war das Team auch für ihn da, aber er war nicht der Typ, der sich jedem Mensche zn gleich offenbaren konnte. Er hatte nur selten das Bedürfnis mit jemanden über seine Gefühle zu reden. Aber wenn das doch einmal der Fall war, wusste er nicht, an wen er sich wenden sollte.

Aber da war ein Mensch, dem er blind vertraute. Auf Einsätzen genauso wie im normalen Leben. Sam. Ihr würde er alles anvertrauen können, wenn da nur diese Regeln nicht wären. Die Regeln, die ihn auch davon abhielten, sich Daniel oder Janet anzuvertrauen, was seine Gefühle für Sam anging. Wegen dieser dummen Air Force Regeln musste er Angst haben, aufzufliegen, falls er sich bei seinen Freunden einen Rat einholen würde. Natürlich hatte er genug Vertrauen in seine Freunde und wusste, dass sie freiwillig niemals etwas von Jack's Gefühlen preisgeben würden. Aber eben nur freiwillig nicht. Es bestand immer die Möglichkeit, dass beispielsweise diese Anise mit ihrem Tok'ra Apparat wieder auftauchte und auf die großartige Idee kam, die Leute zu befragen. Aus welchem Grund auch immer.

Also schwieg Jack. Schon so lange. Zu lange. Bald musste etwas geschehen, lange würde er diesem Druck nicht mehr Stand halten können; das wusste er.

Bald musste er sich entscheiden: Entweder musste er Sam seine Gefühle gestehen, oder er müsste sie für immer aus seinem Kopf streichen.

Doch warum genau jetzt, Jack?! Hättest du dir nicht einen anderen Zeitpunkt aussuchen können? Ausgerechnet jetzt, wo Sam trauerte; ihr Bruder tot war.

Es war ein denkbar ungünstiger Augenblick Sam mit seinen wirren, aber dennoch starken Gefühlen zu konfrontieren. Aber irgendwann würde es soweit sein...

Sie saßen zusammen in einem Cafe in San Diego, unterhielten sich über das Stargate Projekt, als ob es keiner Geheimhaltung unterworfen wäre und tranken Cappuccino. Alles war friedlich, Mark lachte und freute sich, seine Schwester nach so langer Zeit einmal wieder zu sehen. Gerade in dem Moment, als er ihr die allzu gut bekannte Frage stellte, traf ihn die Kugel direkt in den Vorderkopf und er brach blutüberströmt zusammen. Sam lief sofort um den Tisch zu ihm, doch er war sofort tot. Sie hatte keine Chance ihm noch etwas zu sagen, geschweige denn ihn zu retten. Schuldgefühle übermannten sie. Sie verzweifelte. Alles um sie herum fühlte sich leer und kalt an. Wie von einer starken Kraft nach hinten gezogen, entfernte sie sich immer weiter von ihrem Bruder. Ihre Hände verloren den Kontakt mit seinem Körper und schließlich war sie soweit entfernt, dass sie ihn kaum noch erkennen konnte. Immer wieder murmelte sie leise ein paar Wörter wie ein Mantra vor sich her:

„Nein, ich bin nicht glücklich. Es tut mir leid. Aber bald werde ich etwas unternehmen…ich weiß jetzt, dass ich zu lange gewartet habe. Ich weiß es…"

Alles vor ihren Augen wurde schwarz und sie verlor das Bewusstsein. Dann fand sie sich plötzlich auf einer Beerdigung wieder. Die Sonne schien, der Tag war herrlich für diese Jahreszeit, und doch weinte sie. Sie weinte um ihren toten Bruder, vor dessen offenem Grab sie nun stand. Der Sarg war geschlossen, und Sam starrte auf die Kränze, die darüber ausgebreitet lagen. Plötzlich ertönte ein Knarren und durch den Tränenschleier erkannte sie, dass Mark aus dem Sarg gestiegen war und ihr mit seinem leichenblassen Gesicht direkt gegenüber stand. Erschrocken fuhr sie zurück und stolperte nach hinten, blieb an einer Wurzel hängen und fiel hinten über auf den Boden. Keine Sekunde später befand sich Mark genau über ihr und blickte sie mit seinen starren Augen, die ohne jeglichen Ausdruck zu sein schienen, direkt an. Seine Stimme klang eisig: „Du hast mich belogen, Sam. Du hast mich und Dad belogen."

Erschrocken fuhr Sam auf. Schweißgebadet saß sie nun kerzengerade in ihrem Bett. Sie war wieder in ihrem Schlafzimmer, in gewohnter Umgebung. Alles war nur ein riesiger, grausamer Albtraum gewesen. Mark lebte noch und sie hatte keinen Grund zur Panik.

Oder doch…?

Verwirrt dachte sie nach. Waren die letzten Tage nur in ihren Träumen passiert, oder war das alles Wirklichkeit???

Der Anruf, die Nacht bei Jack, die Identifizierung, die Vorbereitungen für die Beerdigung…Schlagartig war wieder alles präsent.

Ihr Bruder war tot. Einfach so. Tot. Zuckend brach sie in Tränen aus…