Kapitel 8 ~Can you hear me?~
Jack wusste wirklich nicht mehr, was er tun sollte. Dreimal hatte er Carter in den letzten vier Tagen angerufen und zweimal war er bei ihr vorbei gefahren. Das erste Mal war sie nicht da gewesen und beim zweiten Mal hatte sie ihm nicht geöffnet.
Am Telefon bekam er immer dieselben stoischen Antworten. Sie wäre noch nicht soweit, wieder unter Menschen zu sein und bräuchte noch etwas Zeit für sich.
Was er auch versuchte, sie aus ihrem Haus zu locken, sie blieb stur.
Er wusste, dass er mit der Einladung ihn nach Minnesota zum Angeln zu begleiten keine große Chance bei ihr haben würde, aber dennoch hatte er es versucht. Sie wollte weder auf ein Bier vorbeikommen, noch ließ er zu, dass er sie besuchte.
Gestern hatte die Sorge um seinen Major schließlich Überhand genommen und er hatte auch Janet und Daniel unauffällig darauf angesetzt, Sam aus ihrem Schutzkokon zu locken.
Doch Daniel kam gar nicht erst zu ihr durch. Es war andauernd besetzt gewesen. Vermutlich hatte sie den Hörer neben die Gabel gelegt, um nicht mehr erreichbar zu sein.
Und Janet hatte auch nicht viel mehr Erfolg; zwar hatte sie mit Cassie vor Sam's Tür gestanden, doch rein gelassen hatte Sam sie nicht.
Es schien, als wollte sie jeglichen Kontakt zur Außenwelt vermeiden und abbrechen lassen.
Doch das konnte Jack einfach nicht zulassen.
Irgendetwas musste er unternehmen. Irgendetwas. Ohne einen genauen Plan zu haben, schnappte er sich seine Jacke vom Haken und stieg in seinen Jeep.
Als er vor Sam's Haus parkte, stand ihr Wagen vor dem Haus. Sie war also da. Entschlossen schlug er die Tür seines Wagens hinter sich zu und ging mit schnellen Schritten zur Haustür. Er klingelte und wartete. Eine Minute. Zwei. Drei. So ging das weiter, bis es ihm schließlich zu viel wurde. Sein Finger blieb für mehrere Sekunden auf dem Klingelknopf. Das monotone, nervtötende Geräusch würde Sam hoffentlich dazu bewegen ihm zu öffnen.
Doch nach weiteren zwei Minuten war im Haus noch immer keine Bewegung zu erkennen.
Jack überquerte die Veranda und spähte durch das Fenster.
Hätte die Sonne das Fenster nicht in so einem unglücklichen Winkel getroffen, hätte er Sam auf der Couch kauern sehen.
Ihre Beine hatte sie schützend an ihren Körper gezogen und der Kopf lag in ihren verschränkten Armen verborgen. Die letzen Tage hatte sie oft in dieser verkrampften Position auf dem Sofa gesessen und aus dem Fenster gestarrt. Immer wieder hatte sie die Tränen nicht mehr zurück halten können und…das Klingeln nahm sie kaum wahr …hatte sich der tiefen Verzweiflung in ihrem Herzen hingegeben. Seit Tagen hatte sie mit keinem mehr geredet, wenn man von den, auf das nötigste beschränkte, Telefonaten und den kurzen Dialogen durch ihre geschlossene Haustür einmal absah.
Sie wusste, dass es nicht ewig so weiter gehen konnte. Irgendwann würde sie ich ihren Problemen stellen müssen. Und das waren im Moment nicht wenige. Ihre Freunde hatte sie vernachlässigt, nein, mehr als das: völlig ausgeblendet. Es würden wohl noch einige Entschuldigungen vor ihr liegen. Dann war da Pete. Er wusste nicht, dass sie weniger für ihn empfand als er dachte; und das war nicht fair. Sie war nicht fair. Zu keinem.
Warum musste das alles so kompliziert sein?
Die höchstkomplizierten astrophysikalischen Probleme konnte sie ohne Probleme lösen, oder zumindest nach einigen Minuten Überlegung oder einem entscheidenden Tipp. Aber in ihrem Leben…da bekam sie nichts auf die Reihe. Was würde ihre Mutter dazu sagen, dass ihre Tochter immer noch keinen Mann, keine Kinder, kein geregeltes Leben hatte?
Ihren Vater enttäuschte sie jeden Tag, an dem sie mit Pete zusammen war und ihm eine heile Welt vorgaukelte. Und ihren Bruder hatte sie bereit enttäuscht. Jede Nacht wurde sie von ihren Schuldgefühlen in Gestalt ihres Bruders verfolgt, der sie wieder und wieder eine Frage stellte: Bist du glücklich...?
Die Antwort war klar. Alles könnte so einfach sein, wenn sie sich nur trauen würde, es laut auszusprechen. Sich vor Pete zu stellen und zu sagen. „Es tut mir Leid. Ich kann das nicht mehr. All die Zeit habe ich mir und dir etwas vorgemacht. Ich bin nicht glücklich…ich…"
Aber der Mut dazu fehlte ihr. Mark's Tod hatte sie geschwächt. In ihrem Willen, in ihrem Mut, in ihrer Persönlichkeit. Waren noch vor ein paar Tagen die Gedanken so klar gewesen, so verschwammen sie jetzt vor ihren Augen und ließen sich wie ein Puzzle, bei dem das letzte Verbindungsstück fehlte, nicht zusammensetzen.
Langsam löste sie sich aus ihrer Klammerhaltung und streckte die verkrampften Beine aus. Das erste Mal seit Tagen verspürte sie das Bedürfnis nach frischer Luft und ein bisschen Bewegung. Schlüssel und Jacke hatte sie in der Hand als sie zur Haustür trat und einen Schatten am Fenster wahrnahm. Jemand spähte durch ihr Fenster. Als sie näher kam erkannte sie ihr wohlbekannte Gesichtzüge. Was will Jack hier?
Als Jack die Bewegung im Haus erkannte, lächelte er. Sam wollte sich schon wieder umdrehen und ihren Plan ein bisschen spazieren zu gehen verwerfen, entschied sich dann aber doch standhaft zu bleiben.
Ruckartig wurde die Tür aufgerissen und hätte fast einen verdutzten Jack am Kopf getroffen.
„Sam! Endlich sind Sie…", weiter kam er nicht, da Sam schon an ihm vorbei gegangen war.
„Hey, wo wollen Sie denn hin? Sam! Warten Sie!", hastig folgte er ihr mit großen Schritten.
„Was wollen Sie Sir?", fragte sie mürrisch, ohne sich dabei umzudrehen.
„Ich…ehm…wollte sehen wie es Ihnen geht, Carter."
„Gut.", war alles, was Sam erwiderte als ihre Schritte noch weiter wurden. Jack musterte sie. Die Antwort kam schnell, zu schnell für seinen Geschmack. Und auf ihrem Gesicht lag ein harter Ausdruck.
„Das glauben Sie jawohl selbst nicht! Seit Tagen verbarrikadieren Sie sich hier und lassen keinen an sich heran…"
„Bitte Sir, ich würde gerne alleine sein.", sie klang kalt.
Das kann doch nicht war sein. Wie stur kann ein Mensch nur sein???
„Hören Sie, Carter", mit festem Griff hielt er ihren Arm zurück und hinderte sie so daran, sich weiter von ihm zu entfernen. „Ich weiß ja, dass es für Sie schwer ist. Und ich verstehe auch, dass Sie Zeit für sich brauchen. Wenn sie mich ignorieren, okay, damit kann ich leben. Aber wenn Sie selbst Janet, Cassie und Daniel abblocken, dann kann ich nicht einfach nur zusehen." Sam funkelte ihn böse an: „Lassen Sie mich los, Sir. Ich kann auf mich selbst aufpassen, das ist meine Angelegenheit!"
„Nicht, wenn Sie durch ihre Laune meine Freunde verletzen" schlug Jack zurück.
Sam's Blick fiel auf den Boden. Sie schwieg.
In der Hoffnung, dass sie auch ohne Zwang stehen bleiben würde, löste Jack langsam den Griff um ihren Arm. Wieder dieser schmerzende Blick in ihren Augen, den er nur so schwer ertragen konnte. Sie leidet, und er musste einfach alles daran setzen ihr zu helfen. Auch wenn sie diese Hilfe nicht wollte. „Sam.", versuchte er es mit ihrem Vornamen, „Bitte. Lassen Sie sich helfen. Ich weiß, dass Sie lieber alleine sein wollen, mir ging es damals mit Charlie nicht anders. Aber glauben Sie mir. Es war mein größter Fehler die Hilfe, die mir angeboten wurde, abzulehnen. Ich verlange ja gar nicht von Ihnen, dass Sie sich sofort wieder ins Leben stürzen. Nur bitte lassen Sie nicht zu, dass Sie sich verbarrikadieren, wie ich es damals getan habe. Das ist falsch. Sie brauchen Hilfe. Warum können Sie sich das nicht eingestehen?"
Stille. Sam hatte den traurigen Unterton in Jack's Stimme bemerkt und traute sich nicht, etwas auf seine Frage zu erwidern. Es schien ihm wirklich ernst zu sein.
„Denken Sie etwa, Sie dürften als Soldatin vor mir keinen Schmerz zeigen? Ist es, weil ich Ihr Vorgesetzter bin? Sehen Sie in mir denn gar nichts anderes?"
Du weißt nicht, wie sehr ich das tue, Jack. Als Freund. Als Kollegen. Als Vertrauten. Und in meinen Träumen auch als mein Geliebten. Aber das sprach sie nicht laut aus.
„Nein. Das auf keinen Fall. Es ist nur so, dass es ungewohnt ist, wenn ich mit Ihnen über Persönliches rede.", gab sie kleinlaut zu.
Jack's Augen bohrten sich in ihre, als Sam den Kopf endlich wieder anhob.
„Sollte es das nach all den Jahren noch sein?", fragte er schließlich.
Sam kannte die Antwort, konnte aber auch nicht das Gegenteil behaupten.
Wie sollte sie dann die Vorstellung von Jack als den General, ihren Vorgesetzten, die sie ihrem Herzen immer wieder weismachen wollte, aufrechterhalten? Es würde für sie alles noch schwerer machen, wenn ihre Gespräche ausgerechnet jetzt persönlicher, freundschaftlicher wurden. Warum jetzt? Nach all den Jahren fiel es ihm erst jetzt ein, ihr mit dieser Anspielung praktisch die Einladung zur Erweiterung ihrer Freundschaft zu geben?
Erweiterung ihrer Freundschaft.
Das klang für sie unwiderruflich nach Beziehung und ihre Gedanken schweiften erneut zu Pete ab, während ihre Augen sich in seinen verloren. Sie musste einfach den entscheidenden Schritt tun und mit ihm reden, bevor sie in andere Richtungen weiter planen durfte und konnte.
Ein „Wohin wollten Sie eigentlich?" riss sie aus ihren Gedanken. Anscheinend hatte Jack ihr Schweigen so aufgefasst, dass es ihr peinlich war, über dieses Vorgesetzten-Untergebenen-Thema zu sprechen.
Nach kurzem Überlegen wusste Sam auch wieder, was er meinte:
„Eigentlich brauchte ich nur ein bisschen frische Luft."
„Mhh…", war alles was er sagte bevor er unruhig auf seinen Füßen wippte und ein „Soll ich Sie vielleicht ein Stückchen begleiten?" hinzu.
Sam wusste nicht genau, ob sie ihn noch länger um sich haben konnte, aber etwas sagte ihr, dass sie ihm nach all den Tagen wenigstens diesen kleinen Spaziergang schuldig war; und so nickte sie.
So überquerten sie die Straße und gingen eine Weile schweigend nebeneinander her.
Jack genoss die Umgebung und die frische Luft.
Nicht mein Minnesota, aber immerhin bessere Luft als im Berg, dachte sich Jack, als sie eine Allee durchquerten.
„Bäume.", stellte er zusammenhangslos fest.
Sam musste schmunzeln, „Ja, Sir. Bäume. Wie so oft."
So gingen sie weiter. Schweigend, jeder seinen Gedanken nachhängend.
„Nein." Kam es plötzlich von Sam.
„Nein, was?", Jack verstand nicht, was sie meinte.
„Nein. Es sollte nach all den Jahren nicht mehr so sein…"
Jack blickte zu ihr herüber, aber ihr Blick war auf den Boden vor ihr gerichtet.
„..wir kennen uns schon so lange, Sir. Und doch,…ich weiß nicht, irgendwie kommt es mir komisch vor, wenn wir nicht wie sonst über die Missionen oder das SGC reden. Es ist so…so…anders.", endete sie schließlich.
„Anders? Inwiefern das? Haben Sie denn niemals einen Ihrer vorigen Vorgesetzen geduzt? Oder über etwas anders gesprochen?"
„Doch, schon…", musste sie sich eingestehen, „aber keiner von denen war mir so wichtig wie Sie…" erschrocken brach sie ab.
Habe ich das gerade laut gesagt?!
Vorsichtig wagte sie einen kurzen Blick zu Jack. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, waren es anscheinend doch nicht nur ihre Gedanken gewesen.
Schande, Sam. Was tust du hier?!
Für einen Moment herrschte Stille und Sam wäre am liebsten wie ein Schulmädchen mit Tränen in den Augen davon gelaufen. Wieso musste ihr so etwas rausrutschen?!1
„Danke." War alles, was Jack sagte.
