Kapitel 10 ~A case of do or die~

Ungeduldig trat er von einem Fuß auf den anderen und warf noch einen prüfenden Blick durch das Zimmer. Alles war fertig. Auf den Regalen standen die verschiedensten Kerzen, auf dem Tisch stand ein großer, dekorativer Kerzenleuchter mit zwei einzelnen weißlichen Kerzen, und selbst auf der Heizungsablage hatte er Teelichter positioniert.

Der gesamte Raum war vom Schimmer der Kerzen in ein schummriges Licht getaucht und verbreitete die geplante romantische Atmosphäre. Der Tisch war liebevoll hergerichtet und auf einem der Stühle lag eine einzelne, langstielige Rose. Die weiße Tischdecke und die passenden Stoffservietten hatte er sich schnell von einer Nachbarin geliehen.

Von ihr hatte er auch die Rose bekommen. Erleichtert, in der kurzen Zeit alles geschafft zu haben, setzte er sich ins Wohnzimmer und wartete.

Sam parkte ihren Wagen trotz des heftigen Regengusses ein Stück von Pete's Apartment entfernt. Sie wollte nicht, dass er ihre Ankunft sofort bemerkte. Auf der Fahrt hierher hatten sie erneut Zweifel und Unsicherheit übermannt. Ihr wurde klar, dass es ein Fehler gewesen war, Pete direkt nach dem Spaziergang mit Jack anzurufen.

Hatte sie auch die letzten Wochen alles in die Länge gezogen und so weit wie möglich herausgezögert, wie es sonst überhaupt nicht ihre Art war, so hatte sie es nun überstürzt. Aber als sie nach dem Spaziergang die Tür hinter sich geschlossen hatte, war ihr bewusst geworden, dass sie ihre Gedanken nicht unter Kontrolle hatte, und dass ihr Jack gegenüber jederzeit wieder so etwas herausrutschen konnte. Und so hatte sie es für das Beste gehalten, so bald wie möglich mit Pete Schluss zu machen, um… ja warum eigentlich?

Um ihm endlich die Wahrheit zu sagen. Um ihm weitere Lügen zu ersparen…sagte sie sich, obwohl sie wusste, dass es nicht der wirkliche Grund war.

Sie wollte frei sein.

Frei für Jack.

Selbst unausgesprochen klang das hart. Grausam. Berechnend. Doch sie konnte es nicht ändern. Ob es bewusst oder unbewusst geschah, war nicht von Bedeutung. Sie war es. Berechnend. Als wäre ihr Leben und die Liebe eine ihrer physikalischen Berechnungen.

Zwei Minuten später klingelte es und Pete spurtete zur Tür.

„Sam." Er lächelte fröhlich.

„Pete.", versuchte auch Sam ein Lächeln hervorzubringen.

„Komm rein.", sagte er und machte eine einladende Bewegung in Richtung Wohnzimmer.

Sam betrat die Wohnung und ging an ihm vorbei durch den Flur.

Schon nach einigen Schritten bemerkte sie das gedämpfte Licht und die romantische Musik, die leise im Hintergrund lief. Als sie dann sein Wohnzimmer betrat, wäre ihr fast der Mund offen stehen geblieben. Überall Kerzen. Auf dem Tisch, auf den Regalen, sogar auf der Heizung. Selbst der Tisch war dekoriert. Pete hatte sich anscheinend große Mühe gegeben, ihr zu schmeicheln. Langsam drehte sie sich zu ihm um.

„Sam, soll ich dir deine Jacke abnehmen?", fragte er.

Zögernd zog Sam ihre Jacke aus und reichte sie ihm. Während er zurück in den Flur ging, atmete sie tief ein.

Okay, er macht es dir nicht leicht. Aber du schaffst das, Sam.

Pete kam auf sie zu und zog den Stuhl nach hinten. Vor Sam lag eine rote Rose. So sehr Sam sich auch dagegen wehrte, sie dankte ihm trotzdem.

„Die ist wunderschön."

„Bitte, Sam.", kam es von Pete, als er ihr den Stuhl zurecht rückte und sie sich setzte.

Im Innersten von Verzweiflung zerwühlt setzte sie sich. Warum musste er ausgerechnet jetzt wieder anfangen nett zu sein und sich so liebevoll wie früher um sie kümmern?

Das machte es alles nur noch komplizierter. Wusste er, dass sie kurz davor war, mit ihm Schluss zu machen und wollte das Ruder noch einmal herumreißen?

Aber all das war jetzt unwichtig, sagte sie sich. Sie musste es durchziehen.

„Ich werde das Essen holen.", damit ging er in Richtung Küche.

„Pete, ich…"

„Stopp, Sam. Lass dich heute einfach von mir verwöhnen."

Keine Minute später stand er mit zwei Tellern in den Händen vor ihr.

„Ich hoffe du hast Lust auf Pasta."

Sam beugte sich ihrem Schicksal und Essen verlief schweigend. Pete schaute sie an und bemerkte, dass ihr Blick starr auf den Teller gerichtet war und sie kaum etwas aß.

„Schmeckt es dir nicht, Sam?"

„Doch.", ihre Stimme klang heiser. „Es tut mir Leid, Pete. Die Pasta ist herrlich, aber ich habe einfach keinen wirklichen Hunger."

Pete's Antwort war ein einfaches „okay". Er bemerkte ihren traurigen Blick und fragte sich, was sie beschäftigte. Früher oder später würde sie schon damit herausrücken, beruhigte er sich selbst und versuchte sich auf das Essen zu konzentrieren.

Die Minuten vergingen und irgendwann war sein Teller leer, während Sam's noch immer fast unberührt da stand.

„Möchtest du vielleicht lieber einen Nachtisch?", fragte er, während Sam an ihrem Rotwein nippte.

„Ich habe Schokoladentorte und Vanilleeis da."

„Nein, danke. Ich habe wirklich keinen Appetit."

Sam's Blick fiel wieder auf ihre mittlerweile kalt gewordenen Nudeln.

„Pete, ich…"

„Ja?"

„Ich muss mit dir reden…"

Er nickte und machte sich daran, den Tisch abzuräumen und das Geschirr in die Küche zubringen. Als er zurückkam, schlug er Sam vor, sich doch ins Wohnzimmer zu setzen.

Sie folgte seinem Vorschlag und setze sich in die Ecke des ledernen Sofas.

Pete zögerte einen Moment und setze sich dann in einen Sessel ihr gegenüber, sodass er ihr in die Augen sehen konnte.

„Leg los" , sagte er mit einem aufmunternden Lächeln.

Sam holte tief Luft und setzte an.
"Ich…es ist…", sie schloss ihre Augen. Pete's bohrenden Blick konnte sie nicht stand halten.

Den ganzen Abend war er so zuvorkommend und freundlich gewesen, hatte sich um sie gesorgt. Er verhielt sich so völlig anders als in den letzten Wochen.

Wie konnte sie jetzt mit ihm Schluss machen? Ihn verletzen? Alles zerstören? Was würde er dann von ihr denken? Wie grausam wäre es von ihr?

„Pete ich kann…", ihre Stimme brach erneut.

„Ja? Sag schon, Sam.", forderte er sie auf.

„Ich ehm…"

„Hey, ich habe dich selten sprachlos erlebt. Was ist los? Geht es um Mark?"

„Auch.", kam es zögernd von ihr, „eigentlich ist es…"

Ein kalter Schauer durchfuhr sie. Was tat sie hier? Was fiel ihr ein, diesen liebevollen Mann so zu verletzen? Nein. Es ging nicht. Ihre Kehle war wie zugeschnürt und ihr Mund trocken. Ihr Herz klopfte und ihr Magen verkrampfte sich im selben Moment.

Plötzlich überkam sie das dringende Bedürfnis wegzulaufen. Zu Fliehen. Einfach nur fort von dieser Situation. Ruckartig sprang sie auf und rannte aus dem Zimmer.

Pete war für einen Moment wie gelähmt, schaffte es dann aber doch noch ihr hinterher zurufen.

„Sam! Wo willst du hin?"

„Es tut mir Leid, ich kann das nicht!", rief sie im Weiterlaufen mit weinerlich klingender Stimme zurück und verschwand durch die Haustür. Pete stand auf und ging in den Flur. Sein Blick folgte Sam's Gestalt, die im Regen verschwand.

Sam rannte und rannte. Es gab für sie kein Halten mehr. Ihr einziger Gedanke war weg von hier zu kommen. Einfach nur weg. Egal wohin. Egal.

Ihre Schritte führten sie an ihrem Auto vorbei, die Straße entlang. Sie musste einfach nur rennen. Der Situation entfliehen. Vor Pete fliehen. Vor ihrer Angst fliehen. Tränen der Verzweiflung flossen ihre Wangen hinunter und vermischten sich mit dem Regen.

Ihre blonden Haare klebten an ihrem Kopf und ihre Bluse war klitschnass, doch sie rannte. Rannte. Einfach weiter. Nur weg.

Ihre Schuhe trafen klatschend auf das Wasser, das die Straße durchfloss und ihre Tränen und der Regen ließen das Make up in ihrem Gesicht verschwimmen und es bildete schwarze Spuren auf ihren Wangen. Sie weinte und weinte. Die Tränen wollten nicht aufhören zu fließen. Als sie das Ende der Straße erreichte, sah sie sich suchend um. Welche Richtung? Es war egal. Sie lief links. Dann rechts. Ließ sich vom Regen durch die verschachtelten Gassen und Straßen der Gegend verzweifelt wieder einen klaren Gedanken zu tat sie hier? Rennen. Warum? Weil es nicht anders ging. Sie musste weg. Warum? Weil sie es nicht konnte. Was nicht konnte? Pete die Wahrheit sagen. Warum? Angst. Wovor? Vor sich selbst. Angst das Falsche zu tun; Angst ihn zu verletzen; Angst es endgültig werden zu lassen. Zu viel Angst.

Du bist feige, Sam. Verdammt feige.

Aber wenn nicht jetzt, wann dann? Mit der Lüge weiter leben, dass konnte sie nicht.

Zu viel war geschehen, zu lange hatte sie Pete belogen. Ihm etwas vorgemacht.

Es war nicht fair, und das wusste sie. Allmählich ging ihr die Puste aus und sie wurde langsamer, hielt schließlich Blick auf den Boden gerichtet, verzweifelt.

Warum rennst du nur vor allem weg?

Sie musste umkehren. Pete ins Geicht schauen und ihm die Wahrheit sagen.

Für ihn, für sich, und auch für Mark. Sie musste das jetzt durchziehen. Er hatte dieses Versteckspiel nicht verdient.

Ohne diesen Schlussstrich würde ihr Leben nie wieder in geregelten Bahnen ablaufen und sie nie glücklich werden. Die nächsten paar Minuten war sie damit beschäftigt, den Weg wieder zurück zu gehen. Dieses Mal langsamer, und ohne Tränen auf ihrem Gesicht. Nur der Regen ergoss sich unaufhörlich über die Straßen.

Hope without any doubt

forget the coldness and dark

so you're free

'cause you've got hope

hope inside.

Irgendwann stand sie wieder vor Pete's Haus, ihre Kleidung am Körper klebend, und fuhr sich mit den Händen durch das Gesicht und atmete die kalte Regenluft ein, bevor sie die Klinge drückte. Ihr Herz schlug laut, ihr Puls raste und sie fing an zu zittern. Warum musste das so schwer sein? Die Tür öffnete sich.

„Sam."

Schweigen.

„Wo warst du? Komm rein.", forderte er sie zu einer Reaktion auf.

„Pete, ich…würde lieber hier stehen bleiben…", sie schluckte und raffte dann allen Mut, den sie auftreiben konnte zusammen.

„Ich muss dir etwas sagen. Aber bitte hör mir einfach nur zu, okay?" Sie konnte nicht rein gehen. Nicht noch einmal in das so wunderbar dekorierte Wohnzimmer.

Er nickte nur und sah ihr direkt in die Augen.

Okay,…du machst das jetzt, Sam. Egal wie. Bleib standhaft.

„Zuerst muss ich dir danken.", für einen Moment stockte sie, „für unsere schöne Zeit."

Pete bemerkte den Unterton in ihrer Stimme und begann zu verstehen.

„Sam. Diese Zeit ist doch noch nicht vorbei. Oder denkst du etwa…?" Sein Blick wirkte vorwurfsvoll.

„Ja.", gab sie kleinlaut zu und blickte zu Boden.

„Es tut mir wirklich Leid, Pete. Ich habe einen großen Fehler begangen. Einen sehr großen. Nein, eigentlich mehrere. Ich habe die Gefühle für dich für wahre Liebe gehalten, obwohl…"

„Sam? Willst du damit etwas sagen, du hast mich nie geliebt?!" Er klang entsetzt.

„Pete…ich…ich kann nicht genau sagen, was es war. Liebe, Freundschaft, Zuneigung…oder einfach nur die Alternative für etwas…jemanden…den ich nicht bekommen kann, nicht haben darf."

„Jack…dein Colonel."

Ruckartig blickte sie zu Pete auf. „Woher weißt du…?"

„Ich weiß es einfach.", war alles was er sagte.

„Ich…"

„Schon gut, Sam. Schon gut. Ich wünsche dir viel Glück mit ihm."

„Pete…", setzte Sam erneut an. Sie wollte ihm sagen, dass es nicht das war, wonach es aussah. Aber dieser Satz wurde nie verstanden und würde ihr auch jetzt nicht weiterhelfen. Sie wollte ihm sagen, dass das Ganze noch nicht stattgefunden hatte. Sie ihn zwar liebte, aber nicht mit ihm…zusammen war. Sie wusste momentan ja nicht einmal, ob sie überhaupt die geringste Chance haben würden. Aber als sie seinen versteinerten Blick erkannt, verzichtete sie darauf.

„Nein, Sam. Belassen wir es dabei. Ich habe es schon lange geahnt, aber mich an die Hoffnung geklammert, dass es nicht so wäre. Machs gut Sam."

Damit trat er ein paar Schritte zurück und schloss Sam die Haustür direkt vor der Nase.

Sam konnte nur noch rennen…flüchten. Wegrennen. Fort von Pete…

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Etwa vier Stunden später, um kurz vor Mitternacht, kam Sam erschöpft zu Hause an, schloss die Tür hinter sich und lehnte sich von innen dagegen. Dieses Mal war sie nicht verwirrt wie nach dem Spaziergang mit Jack, sondern erleichtert, dass der Tag so geendet hatte. Alles hatte sich mit ihrer Entscheidung verändert. Es war ihr so schwer gefallen, aber schon einige Stunden später hatte sie sich sagen können, dass es sich gelohnt hatte. Auch wenn es einmal mehr berechnend klang, sie war froh, die Beziehung mit Pete beendet zu haben. Es war besser für ihn aber vor allem besser für sie selbst. Sie war frei…

Mit einem Lächeln auf den Lippen machte sie sich trotz der späten Uhrzeit daran, ihre Wohnung wieder auf Vordermann zu bringen, da sie das in den letzten Tagen ziemlich vernachlässigt hatte.

Eine knappe halbe Stunde später zog sie dann die Bettdecke bis an die Nase und vergrub sich in den Kissen. Ihre Gedanken schweiften zu den Ereignissen des Tages zurück. Er hatte angefangen wie ein normaler Tag in den letzten Wochen. Ohne Arbeit im SGC, ohne Freude. Nur sie und ihre Trauer über den Verlust. Doch dann war Jack gekommen…und sie hatte sich verplappert…das musste ja auch irgendwann passieren, soviel wie du redest, Sam…und dann hatte sie den entscheidenden Entschluss gefasst. Pete hatte die Wahrheit erfahren…

Die Flucht danach durch den Regen hatte anders geendet, als sie es erwartet hatte…

Ihr Herz machte einen kleinen Satz, als sie an den weiteren Abend dachte… Es war so schön gewesen. Fast perfekt. Und sie hatte Klarheit…endlich Klarheit. Irgendwann wurde sie von der Müdigkeit übermannt und sie schloss die Augen. Vor ihr formierte sich ein Bild. Sie und…Jack…mein Jack., dachte sie, bevor sie einschlief.