Kapitel 11 ~Better late than never~
Am nächsten Morgen durchquerte Sam das erste Mal seit Wochen die Absperrungen zum Cheyenne Mountain Complex unterzog sich den strengen Sicherheitskontrollen. Fünf Minuten später parkte sie vor Daniel's Wagen auf dem Parkplatz. Als sie ausstieg, kam ihr Daniel auch schon entgegen.
„Hi, Sam. Schön dich hier wieder zu sehen.", begrüßte er sie fröhlich.
„Hey, Daniel. Wie geht's dir?"
„Die Frage lautet, wie es dir geht, Sam!" Sein Blick war fordernd. Er wusste zwar, dass Sam's Bruder gestorben, und sie Mark's Tod sehr mitgenommen hatte, aber warum sie sich fast drei Wochen beurlauben lassen hatte und damit sogar von ihrer Arbeit Abstand nahm, dass wusste er nicht.
„Ganz gut, denke ich."
„Ganz gut…? Sam, komm schon. Mir machst du nichts vor."
„Ist okay, Daniel. Mir geht es besser. Wirklich. Du brauchst dir keine Sorgen machen. Ich komme klar…"
„….sagte die Frau, die sich Tage lang in ihrem Haus verbarrikadiert und nicht mal die Freunde an sich heran lässt."
„Daniel, ich weiß…. Das war falsch von mir. Tut mir wirklich Leid, ich hätte dich, Janet und Cassie nicht so behandeln dürfen.", traurig senkte sie ihr Gesicht.
„Naja, die beste Laune hattest du nicht gerade, aber das ist schon okay. Ich verstehe wie es dir geht.", führte Daniel ihr Gespräch weiter, während sie auf den Complex zu gingen. Sam verstand. Daniel dachte an Sha're.
„Du hast Recht, das hatte ich wirklich nicht. Ich war fertig. Mark… ich musste das Ganze erst hinter mich bringen. Ich brauchte Zeit, um einige Probleme zu klären…"
„Und diese Probleme sind jetzt gelöst?", fragte Daniel neugierig.
Bei dem Gedanken an die Problemlösung von gestern Abend musste Sam unwillkürlich grinsen und hatte es eilig an Daniel vorbei in den Fahrstuhl, vor dem sie standen, zu kommen
„Ja, ich denke für den Moment habe ich diese Probleme gelöst.", antwortete sie schließlich, ein Lächeln unterdrückend.
Der Fahrstuhl hielt auf dem Weg nach unten noch einmal an. Sam schaute auf den Boden, als sie die einsteigende Person erkannte. Jack stellte sich genau zwischen sie und Daniel, mit dem er ein angeregtes Gespräch über das Wochenende begann. Ihm in die Augen schauen, dass konnte sie nicht. Er würde warten müssen. Als Daniel drei Ebenen tiefer ausstieg, drehte Jack sich zu ihr um.
„Hey."
„Hey.", kam es auch von Sam, als sie aufschaute.
Schweigen.
Ihre Augen trafen seine. Für einen Moment war alles vergessen. Soviel hatte sich verändert. Seine Anwesenheit brachte ihre Gefühle zum Verrücktspielen. Doch dann befreite das Rucken des Fahrstuhls sie aus der unangenehmen Situation. Sam versuchte sich nichts anmerken zu lassen und schnellte mit einem „Bis dann, Sir.", wobei sie das Sir betonte, in den Flur. Jack's Lächeln hinter sich sah sie nicht mehr.
Zwei Stunden später klopfte Daniel an die Tür von Sam's Labor.
„Hey."
Ruckartig fuhr Sam von ihrer Arbeit hoch.
„Hab ich dich erschreckt?", kam es schuldbewusst von Daniel.
„Nein, ist schon okay. Gibt's etwas bestimmtes?"
„Eigentlich nicht, ich habe nur gedacht, bevor du hier wieder in deinem Labor rumhockst, nehme ich dich mit auf einen Kaffee."
„Daniel,…ich muss…"
„Keine Widerrede. Dieses Mal werde ich nicht zulassen, dass du dich wieder verkriechst.", er lächelte.
„Okay, okay. Ich schätze, dass bin ich dir schuldig."
Damit machten die Beiden sich auf den Weg in die Kantine.
Am späten Nachmittag verließ Sam ihr Labor, um Janet auf der Krankenstation einen Besuch zu erstatten. Die letzen Wochen hatte sie kaum Kontakt zu ihrer besten Freundin und wollte sich nun für ihre Abwesenheit entschuldigen. Während sie an den Schwestern vorbei, in Richtung Janet's Büro, ging überlegte sie sich, was sie sagen wollte.
„Sam! Hey…lässt du dich auch noch mal blicken?", kam die kleinere Frau gut gelaunt auf Sam zu.
„Hi, Janet. Ja, ich habe es auch mal geschafft." Beide Frauen mussten lächeln und fielen sich zur Begrüßung in die Arme.
„Schön dich zu sehen."
„Ja, dich auch. Und? Geht es dir mittlerweile besser?", fragte Janet vorsichtig.
Sam nickte. „Ja, es geht wieder. Ich brauchte nur etwas Zeit. Deswegen wollte ich…"
„Schon gut, schon gut. Du brauchst dich nicht entschuldigen, Sam. Ich verstehe das schon."
Sam musste lächeln. Immer wieder war sie überrascht, wie gut ihre Freundin sie kannte.
„Danke Janet. Aber es tut mir wirklich Leid, ich war eine so schlechte Freundin."
Einen Moment schien Janet nicken zu wollen, dann viel ihr jedoch etwas besseres ein:
„Ich weiß, wie du es ganz einfach wieder glatt bügeln kannst."
Ihr Lächeln wurde teuflisch.
Sam wusste zwar, dass die Ärztin etwas im Schilde führte, aber die Chance ihre Fehler wieder gut machen zu können, wollte sie sich nicht entgehen lassen, darum nickte sie.
„Okay, dann versprich mir, dass du nächste Woche mit Cassie ein Ballkleid für ihren Abschluss kaufen gehst."
Shoppen mit Cassie. Sam stöhnte innerlich auf. Da hatte Janet wirklich einen tollen Plan. Aber sie würde wohl oder übel in den sauren Apfel beißen müssen.
„Also gut, also gut. Ruf mich an, wann es los gehen soll, oder sag Cassie, sie soll sich bei mir melden."
„Glaub mir, sie meldet sich früher als es dir lieb ist."
Sam zwang sich zu einem Lächeln und Janet zwinkerte ihr zu, wussten sie doch beide, was für Energie es kostete, mit einem Teenager Shoppen zu gehen.
Eine
Schwester schaute zur Tür hinein und verlangte nach Janet.
„Okay,
Sam, ich muss…mach's gut und wehe dir, du vergisst dein
Versprechen!"
„Werde ich nicht.", rief Sam ihr hinterher, doch ihre Freundin war schon aus dem Zimmer.
Als Sam dann an den Krankenbetten vorbei, aus der Station ging, konnte sie die Ärztin wieder in ihrem Element erleben. Janet gehörte genauso auf die Krankenstation, wie sie über ihren Reaktor. Und so machte sie sich wieder auf den Weg ins Labor.
Es war schon spät, als Jack gemütlich durch die Gänge des Stützpunktes in Richtung Ausgang schlenderte. Er hatte wieder einmal einen Tag mit Papierkram hinter sich bringen müssen und freute sich nun auf sein Sofa und ein kühles Bier. Als er an Daniel's Büro vorbeikam, fand er das Zimmer verschlossen vor. Daniel war also doch schon zu Hause. Blieb noch eine nachtaktive Person, die ganz bestimmt noch nicht zu Hause auf ihrem Sofa lag. Und diese würde er jetzt verscheuchen.
Der Flur zu ihrem Labor war leer, alle waren nach Hause gegangen und sahen dem Wochenende entgegen. Warum konnte sie sich nicht auch einmal von ihrer Arbeit losreißen?
„Carter."
„Sir.", ruckartig schreckte Sam hoch und drehte sich zu ihm um.
„Keiner will mehr mit mir wetten, und Sie sind schuld.", klagte Jack schmollend.
„Sir?", Sam traute sich nicht, zum ´Jack´ zu wechseln. Die Situation erschien ihr suspekt und zusätzlich nannte er sie ebenfalls ´Carter´.
„Ich wollte mit Daniel darum wetten, ob Sie noch arbeiten. Aber anscheinend ist auch unser Archäologe dahinter gekommen, dass Sie ein Workaholic sind."
„Entschuldigung, Sir."
Jack blickte ihr in die Augen. „Jack."
„Entschuldigung, Jack.", verbesserte Sam sich selbst und zwang sich zu einem Lächeln.
„Hey…was sehe ich da? Du lächelst?"
Als sie das `Du´ hörte, musste Sam erneut lächeln.
„Ja…"
„Okay, ein Ziel ist erreicht. Dann das zweite: Wirst du bald nach Hause fahren?"
Sam fühlte sich ertappt. Gleich am ersten Abend hatte ihre Arbeit sie wieder gefesselt. Schuldbewusst lächelte sie.
„Cool.", kam es von einem strahlendem Jack.
„Ja. Versprochen."
„Okay, und hier kommt Nummer drei." Jack's Augen fixierten Sam's. Er schaute sie direkt und durchdringend an.
„Morgen?" raunte er mit heiserer Stimme.
Sam lächelte „Morgen."
Beide verstanden. Es hatte noch nie vieler Worte bedurft. Glücklich wendete sich Sam wieder ihrer Arbeit zu, als Jack Anstalten machte, das Labor zu verlassen.
Einige Minuten später stand Jack noch immer auf dem Flur, an den offenen Türrahmen gelehnt, und betrachtete Sam, die völlig vertieft über ihrem Reaktor saß.
Eine Viertel Stunde nach Jack befand sich auch Sam auf dem Parkplatz und startete ihren Wagen in Richtung Colorado Springs. Sie war gerade in die Ausfahrt zu ihrem Stadtteil abgebogen, als ihr Handy klingelte. Mit einem „Samantha Carter?" nahm sie ab.
„Mam, wir haben soeben eine Nachricht von den Tok'ra erhalten.", meldete sich ein Junger Sergeant von der Basis aus.
„Colonel, Selmak und ihr Vater lasen ausrichten, dass sie noch heute Abend den Stützpunkt erreichen werden."
„Danke, Sergeant. Hat mein Vater gesagt wie lange er bleibt?"
„Zwei Tage, Ma'am."
„In Ordnung, dann teilen Sie ihm bitte mit, dass er mich in meinem Haus antreffen kann, sobald er eingetroffen ist."
„Jawohl, Ma'am."
Ein Knacken in der Leitung war die Antwort. Sam steckte ihr Handy zurück in ihre Handtasche und konzentrierte sich wieder auf die Straße.
„Es wird also doch kein einsamer Abend", dachte sie lächelnd und freute sich auf den Besuch ihres Vaters.
Zwei Stunden später klingelte es an ihrer Tür. Sam legte die Physikzeitschrift, die sie gerade las, zur Seite und öffnete.
„Hi, Dad."
„Hey, Kleines…"
