Kapitel 12 ~You never walk alone~

Sam lächelte fröhlich. Endlich sah sie ihren Vater einmal wieder. In den letzten Monaten war er bei den Tok'Ra sehr gefordert gewesen und hatte an mehreren Geheimoperationen teilgenommen, was es ihr so gut wie unmöglich machte ihn zu erreichen. Doch heute konnte er endlich einmal wieder mit seiner Tochter gemeinsam essen und noch viel wichtiger, mit ihr reden.

„Wie geht's dir, Dad?", fragte Sam während einer Umarmung.

„Gut. Und dir, Kleines?", kam es von ihm zurück.

„Mittlerweile besser. Aber komm erst einmal rein und mach es dir gemütlich.", ihre Hand vollführte eine einladende Bewegung in Richtung Wohnzimmer.

„Möchtest du etwas trinken?"

„Ein Wasser.", kam es aus dem Wohnzimmer, während Sam bereits vor dem Kühlschrank stand.

Sie nahm eine Flasche Mineralwasser heraus und goss zwei Gläser ein. Zurück im Wohnzimmer saß Jacob bereits auf der Couch, den Kopf nach hinten gelehnt und die Augen geschlossen. Sam bemerkte seine Müdigkeit und schlug ihm vor es sich auf der Couch gemütlich zu machen, während sie das Abendessen vorbereitete.

Eine halbe Stunde später war der Esszimmertisch gedeckt und Sam rief ihren Vater an den Tisch. Schweigend saßen sie sich gegenüber und aßen Steak mit Bratkartoffeln. Keiner der Beiden wollten das Gespräch beginnen und sie schauten nur ab und zu von ihren Tellern auf. Irgendwann legte Jacob jedoch sein Besteck zur Seite und sah seine Tochter erwartungsvoll

"Sam?"

"Ja, Dad?"

"Bist du glücklich, Kleines?", kam es unvermittelt von ihm.

Sam schaute auf. Das kannte sie doch…

„Dad, diese Diskussion hatten wir schon einmal."

„Ja? Komisch… ich kann mich nicht daran erinnern."

Natürlich konnte er das nicht. Wie auch? All die Ereignisse auf der Prometheus, die Gespräche, alles war nur in ihrer Erinnerung geschehen. Keiner wusste davon…

Jack war eine Ausnahme, seitdem sie ihm ihr Gespräch vor einigen Wochen auf dem Flug nach San Diego anvertraut hatte.

Ihre Gedanken flogen zurück zum gestrigen Abend. Nachdem sie eine halbe Stunde lang völlig verzweifelt und im Kampf mit ihrer Gefühlswelt durch die regenüberströmten Straßen geirrt war, fand sie sich schließlich auf einer Hauptstraße wieder.

Autos rasten an ihr vorbei und schließlich hielt ein Wagen an. Jack.

~~~~Flashback~~~~

Das spärliche Licht des Feuers im Kamin erhellte den Raum.

Schatten tanzten über ihr Gesicht und ließen ihre Wangenknochen noch feiner und milder erscheinen als sie ohnehin schon waren. Der Blick des Mannes neben ihr fiel auf den silbernen Anhänger, den sie um den Hals trug und der sich im Licht spiegelte. Er verkörperte alles, was ihm im Wege stand, eine Beziehung ihr einzugehen.

Die Hundemarke und dieser Pete. Allmählich wurde es wärmer um sie herum, das Feuer prasselte im Kamin und die flauschigen Decken taten ihr Übriges.

Alles schien wie in einem Traum und wäre perfekt gewesen, wenn seine Arme um die Schultern der Frau gelegen hätten, die er liebte.

Doch das waren sie nicht. Die beiden saßen einen ganzen Meter auseinander und waren jeder in seine eigene Decke gehüllt.

Nachdem Jack Sam zuerst mit Kleidung von sich, Handtüchern und dann mit der Decke versorgt hatte, hatte er sich auch eine geschnappt um wieder warm zu werden.

Seitdem wollte ihm kein plausibler Grund einfallen, warum er hätte näher rücken und die Decken übereinander hätte legen können. Jede Möglichkeit erschien ihm zu offensichtlich und er war noch nicht bereit, ihr seine Gefühle offen zu legen.

Noch nicht. Oder doch? Würde er das jemals sein?

Der Blick der Frau neben ihm war ins Feuer gerichtet. Schon immer hatte sie die lodernden Flammen eines Kamins gemocht und versank jedes Mal in Gedanken.

So auch jetzt. Zurück zu jenem Tag, vor etwas mehr als zwei Wochen. Der Tag, an dem ihr einiges bewusst geworden war und an dem sich ihre Sicht der Dinge grundlegend verändert hatte.

Gedankenversunken strich sie sich eine Strähne ihrer blonden, noch feuchten Haare aus dem Gesicht und atmete tief den Geruch des brennenden Holzes ein.

Fast konnte sie den Duft seines Aftershaves darunter ausmachen, aber nur fast.

Gerne hätte sie diesen Moment genutzt, um ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen, sich in seine starken Arme zu kuscheln, die Augen zu schließen und zu träumen.

Doch sie war sich noch nicht ganz sicher, ob sie dazu bereit war. Ihre Gefühle und Gedanken an die Trennung von Pete und seine Reaktion spukten ihr wild im Kopf herum. Die letzten Tage und Wochen waren chaotisch, hektisch und sehr kräftezehrend gewesen, eine Vorbereitung war der nächsten gefolgt und sie war von einem Gefühlschaos in das nächste gezogen worden. Doch letzten Endes war der Tag der Beerdigung nicht so schlimm verlaufen, wie sie es zu Anfang befürchtet hatte.

Pete hatte Abstand gehalten, nachdem sie ihn darum gebeten hatte, doch als sie am Grab standen, und die Trauer sie übermannte, war er es gewesen, der sie im Arm gehalten und ihre Tränen getrocknet hatte. Nicht Jack. Der war zu dem Zeitpunkt schon wieder auf dem Rückweg nach Colorado. Trotz der schrecklichen Situation war ihr der Gedanke gekommen, wie es wohl gewesen wäre, in Jacks Armen zu liegen.

Doch was dachte sie noch darüber nach? Er war doch direkt neben ihr. Was hielt sie davon ab es einfach auszuprobieren?

Doch nein, das konnte sie nicht tun.

Nicht solange er nicht wusste, dass sie nicht länger mit Pete zusammen war, nicht bevor sie Pete aus ihrem Gefühlsleben streichen konnte,…es war zu früh.

Sie musste es ihm sagen. Doch eines beschäftigte sie immer weiter: Warum war er es nicht gewesen, der sie gehalten hatte?

Warum hatte nicht er sie in den Arm nehmen können?

„Hätten Sie mich auch gehalten?", durchbrach sie unvermittelt das Schweigen und damit auch Jack's Gedankengänge. Eine versteckte Wahrheit schien hinter diesen Worten zu liegen. Leicht verwirrt löste er seinen Blick vom lodernden Feuer vor ihm und schaute zu ihr herüber. Noch konnte er Sam's Frage nicht ganz einordnen, aber als Sam ein erklärendes „An Mark's Grab. Wären Sie dort gewesen, Sir, hätten Sie mich dann auch gehalten?", hinzufügte, verstand er.

Einen kurzen Moment dachte er über seine Antwort nach, dann sagte er unbeirrt und ehrlich: „Ja."

Während der letzten Momente hatte Sam ihren Blick auf das lodernde Feuer im Kamin konzentriert, doch nun schaute sie abrupt zu ihm auf.

Ihre blauen Augen trafen seine.

Bei Jack's ‚Ja' war ihr ein wohliger Schauer durch den ganzen Körper gelaufen.

Meinte er es ernst?

„Wirklich?", fragte sie. Aber schon bevor er nickte, sah sie in seinen Augen, dass er die Wahrheit sagte.

In ihr keimte neue Hoffnung auf, sie war ihm anscheinend wichtig.

Zu wichtig, hatte er damals gesagt. Sie bedeutete ihm etwas.

Mehr, als sie dürfte…

Ihr Herz machte einen kleinen Sprung. Endlich verschwand das Gefühl des Unwohlseins in seiner Nähe und verwandelte sich in Anziehung.

Große Anziehung…

Wie gern würde ich ein Stück näher an ihn heranrutschen…

Aber sie tat es nicht. Die Angst vor der Ablehnung war zu groß.

Mehr als sie dürfte…

Hieß das, dass er es gar nicht wollte? Er dann auch nicht zu seinen Gefühlen stehen würde? So schnell der Moment der Zuversicht gekommen war, ging er auch wieder und wurde durch erneute Zweifel ersetzt. Sie löste ihren Blick von Jack.

Jack musste seinerseits erst einen Moment darüber nachdenken, was er soeben gesagt hatte.

So ähnlich wird sich Sam gefühlt haben, als ihr während unseres Spazierganges das „keiner so wichtig wie Sie…" herausgerutscht ist…

Als sein Blick zu ihr herüber schweifte, sah er sie im Schein des Feuers zittern. Zwar nur schwach, aber es war ein Zittern.

„Alles okay?", fragte er.

Sam sah ihn an und nickte. „Ja, mir ist nur noch etwas kalt."

Jack nickte. Nicht verwunderlich, schließlich war sie mindestens eine halbe Stunde durch Regen und Wind gelaufen.

„Was halten Sie von einer Tasse Kaffee?"

Sam nickte nur dankbar und versteifte ihren Blick erneut auf die Flammen.

Jack verstand immer noch nicht ganz, warum Sam ihm diese Frage gestellt hatte. Hatte Pete sie denn nicht umarmt?

„War Pete denn nicht da?", fragte er, als er mit zwei Bechern mit heißem Kaffee zurück ins Wohnzimmer kam.

„Doch.", gab sie kleinlaut zu, während er ihr eine Tasse reichte und sich mit der zweiten neben sie setzte.

Dieses Mal ein kleines Stückchen näher. Sam nahm all ihren Mut zusammen und sprach das unvermeidliche aus:

„Aber ich habe mit Pete Schluss gemacht."

Jack blickte sie verwirrt an. Damit hatte er eindeutig nicht gerechnet.

„Wann?!"

„Eben.", kommt es von Sam, schon fast mit schuldbewussten Ton.

Sie ließ ihren Blick wieder auf den Kamin fallen. Sie konnte und wollte seinen Augen nicht länger standhalten.

„Sind Sie deshalb eben so…", er suchte nach den richtigen Worten, „ziellos durch die Gegend geirrt?"

Sam nickte nur stumm. Nach einer kleineren Pause kam es von Jack:

„Aber wenn SIE doch mit IHM Schluss gemacht haben, war es denn nicht das Richtige und sie sollten erleichtert statt traurig sein?"

„Ja, Sir."

Jack fand, dass ein ‚Aber' in der Luft lag, und er hatte Recht.

„Ich musste es tun. Ich konnte ihm und mir nicht länger etwas vormachen."

Jack's fragender Blick forderte sie zu weiteren Erklärungen auf.

„Meine Liebe zu ihm war,…war…", ihr fiel es schwer, den Satz über ihre Lippen zu bringen. Wenn er sein Ziel erreichte, würde er vieles verändern.

„…nur eine Entschuldigung dafür nicht das zu lieben, was ich nicht haben darf…", endete sie schließlich und starrte ins Feuer. Hielt den Atem an.

Wie würde Jack reagieren? Verstand er die Andeutung? Wollte er überhaupt darauf eingehen?

Aber sie konnte nichts mehr dagegen tun. Jetzt war es raus und ihr blieb nur noch eins:

Jack's Reaktion abwarten.

„Sam, ich…", begann er schließlich. Ihm fiel wieder ein, was Sam ihm im Flugzeug gesagt hatte…glücklich sein…

Jetzt oder nie…, dachte er sich und holte Luft, bevor er erneut ansetzte:

„Manchmal muss man etwas Unerlaubtes tun, um glücklich zu sein... man muss nur bereit sein, etwas zu riskieren..."

Dann verstärkte er seinen Blick und sah sie prüfend an:

„Bist du das, Sam?"

Sam hielt immer noch den Atem an. Träumte sie, oder hatte Jack sie gerade beim Vornamen genannt und ihr zu verstehen gegeben, dass er genauso empfand?

Das konnte nur ein Traum sein…

Er hatte sie doch nicht wirklich gefragt, ob sie für eine Beziehung mit ihm bereit war?!

Natürlich bin ich das…oder doch nicht? Pete,... Mark… kann ich,… darf ich jetzt schon bereit dazu sein?

„Sam?", Jack erhielt von Sam immer noch keine Reaktion. Sie schaute ihn nur mit großen Augen an und sagte kein Wort.

„Sam? Alles okay? Carter!"

Bei ihrem Nachnamen erwachte sie aus ihrer Starre.

„Sam.", berichtigte sie ihn.

„Wie bitte?", diesmal verstand Jack nicht.

„Nennen Sie mich Sam, Sir. Bitte. Ich mag…"

„Jack.", stellte er klar. „Kein Sir mehr. Nicht nach all diesen Jahren. Nicht nachdem jetzt…."

Er brachte den Satz nicht zu Ende…

Sam's Augen fesselten ihn und ließen ihn alles um sich herum vergessen. Plötzlich schien der gesamte Raum nur noch aus ihr zu bestehen.

„…nachdem jetzt was…?!", hauchte Sam leise.

„Wir so… so…", Jack fehlten die Worte.

„Jetzt wo wir hier so sitzen und…"

Ihre Augen begannen zu glänzen, als sie seinen Satz zu Ende führte:

„Keine Mauern uns trennen?"

Jack nickte. Nicht unbedingt das, was er eigentlich hatte sagen wollen, aber es traf ihre Situation gut. Im SGC stand die Air Force wirklich wie eine Mauer zwischen ihnen. Undurchdringbar. Aber jetzt in diesem Augenblick, sie beide ohne Uniform, in Decken gekuschelt vor seinem Kamin.

„Mir ist etwas klar geworden…", begann er.

Sam's Herz fing an zu rasen.

Wird er etwa…?

„Ich kann nur glücklich werden, wenn ich Sie glücklich weiß.", brachte er aus zusammengepressten Lippen hervor.

Sam zog scharf die Luft ein. Sie wusste, dass das der ultimative Zuspruch war, auf den sie so lange Zeit gehofft und gewartet hatte.

Jack war kein Mensch der vielen Worte und über seine Gefühle sprach er schon gar nicht. Aber heute, heute war etwas anders. Es war fast so, als würde eine knisternde Spannung in der Luft liegen, die in beiden das dringende Bedürfnis auslöste, dem anderen näher zu kommen. Und das nicht nur körperlich.

Die Erkenntnis, dass Jack sich durch die Äußerung seiner Gefühle ihr gegenüber endlich geöffnet hatte überwältigte sie beinahe.

Unaufhaltsam bahnte sich eine Freudenträne sich den Weg von ihrem Auge über ihr Gesicht. Dennoch sprach sie weiter:

„Ich habe es mir selbst zuzuschreiben, dass ich unglücklich war, Sir. Ich habe mich in eine Beziehung gestürzt, einen Mann ausgenutzt, anstatt zu meinen Gefühlen zu stehen…"

„Wenn Sie Pete nicht geliebt haben, was fühlen Sie dann?"

„Sir, ich…", sie traute sich nicht, es laut aus zusprechen.

„Damals, als wir… Sie wissen schon. Unter Einfluss dieser Armbänder. Sie haben mich nicht zurücklassen wollen…"

„Weil ich lieber sterben wollte, als Sie zu verlieren.", wiederholte Jack mit trockenem Mund den Satz, den er vor Jahren vor Anise und ihr ausgesprochen hatte.

„Ja… Und dann haben wir gesagt, dass wir damit klar kommen würden und es vergessen könnten."

Als Jack bemerkte, dass seine Stimme ihren Dienst verweigerte, nickte er stattdessen.

„Und ich habe wirklich versucht es zu vergessen. Aber nach einiger Zeit habe ich bemerkt, dass ich es einfach nicht vergessen konnte.

Also habe ich es verdrängt. Meine Gefühle in die letzte Ecke meines Herzens verbannt. Und dann kam Pete. Ich weiß nicht, wie es soweit gekommen ist. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich ihn haben durfte…"

Sie hob ihren Kopf an und schaute Jack direkt in die Augen. Dieses Mal wollte sie Klarheit. Ein für alle Mal. „…und Sie nicht haben konnte."

Jack's Blick traf sie direkt und sagte mehr als tausend Worte. Alles war auf einmal so klar. All die Jahre, all die Zeit, in der sie ihre Gefühle unterdrückt hatten, trafen an diesem Abend aufeinander. Ihr Herz pochte, in ihrem Körper breitete sich eine wohlige, jedoch zugleich beunruhigende Wärme aus und sie versank in Jack's tiefbraunen Augen. Wieder einmal nahm sie nichts anderes um sich herum wahr. Der Kaffeebecher in ihrer Hand verlor an Bedeutung und das prasselnde Feuer vor ihnen wurde unwichtig. Es ging nur noch um sie zwei. Und das würde immer so bleiben.

Er und sie. Sie und er. Freunde. Kollegen. Seelenverwandte. Und jetzt ein Stückchen näher. Verbundener. Zwei Seelen, endlich vereint.

Jack schaute sie liebevoll an und streckte dann seine Hände unter der Decke hervor:

„Komm her."

~~~~Gegenwart~~~~

Sam verscheuchte die Tagträume, ihr Vater wartete auf eine Antwort. Die Erinnerung an den Flug und Mark's Tod war zwar noch immer schmerzhaft für sie, aber so langsam wurde der Schmerz von Freunde verdrängt. Freude darüber, Jack endlich näher zu sein. Von ihm verstanden zu werden. Durch ihn einen geliebten Menschen in ihrer Nähe zu haben, und Freude darüber, alles endlich hinter sich gebracht zu haben. Jetzt hatte sie es endlich geschafft.

Einen Moment dachte sich nach, bevor sie ihrem Vater direkt in die Augen schaute und ihm fröhlich zu lächelte:

„Ja, Dad. Ich bin glücklich."

Und dieses Mal war es die Wahrheit…

HOPE !

THE END.