Disclaimer: Die Figuren (außer Samantha Black) gehören Joanne K. Rowling. Ich leihe sie mir lediglich aus und möchte auch kein Geld mit ihnen verdienen!

Anm. d. A.: Leider hat es doch etwas länger gedauert, aber dieses Kapitel war sehr wichtig für mich. Ich hoffe, es gefällt euch. Viel Spaß beim Lesen! :)

Kapitel XIV

Offenbarung

Es war schon Mittag, als Samantha in die Küche kam. So gut wie in der vergangenen Nacht hatte sie seit ihrer Folterung nicht mehr geschlafen. Keine Schmerzen. Keine Albträume. Einfach nur ein wohlig warmes Gefühl. Ein Gefühl wie tausend Schmetterlinge im Bauch. Nun saß sie am Küchentisch, den Kopf in die eine Hand gestützt und träumte weiter vor sich hin. Sie bemerkte gar nicht, wie Kreacher ihr einen großen Teller mit Möhreneintopf vor die Nase stellte und auch nicht, wie Draco in die Küche kam und sich ihr gegenüber setzte. Verträumt starrte sie weiter vor sich hin.

„Hast du schon deine Koffer gepackt, Samantha?" Brutal wurde sie zurück in die Wirklichkeit gezogen. Ihre Koffer. Fast hätte sie vollkommen vergessen, dass sie am nächsten Tag abreisen musste. Doch was würde aus Draco werden? Sie hatte sich in diesen Jungen verliebt. Endlich hatte sie sich mal in einen Jungen verliebt, der auch echtes Interesse für sie zu haben schien. Und nun musste sie ihn in ihrem Haus alleine lassen, um einigen Teenagern beizubringen, wie sie sich richtig verteidigen konnten. Was sollte denn jetzt nur aus dieser Romanze werden? Plötzlich sank ihr das Herz, schwer wie ein Stein, in die Hose.

„Ich bin schon fertig mit Packen. Ich muss nur noch ein paar Sachen einkaufen", antwortete Draco plötzlich. Verwundert sah Samantha ihn an und er schenkte ihr ein unwiderstehliches Lächeln, welches ihr Herz höher schlagen ließ. „Wo willst du denn hin, Draco?", fragte Sirius verblüfft. „Nach Hogwarts. Ich habe Dumbledore um Asyl gebeten." Asyl? In Samanthas Kopf drehte sich alles. Plötzlich merkte sie, dass sie diesen Jungen überhaupt nicht kannte. Warum brauchte er Asyl? Auf einmal wunderte sie sich auch darüber, warum er überhaupt in ihrem Haus war. Soviel sie wusste, hatte die Familie Malfoy ein großes Anwesen.

Unbehagliche Stille hatte sich über den Essenstisch ausgebreitet. „Ich muss auch noch einkaufen", sagte Samantha plötzlich. Lächelnd meinte Draco, dass sie dann doch zusammen gehen könnten. „Sehr gerne. Allerdings gehe ich nicht in der Winkelgasse einkaufen, sondern im Muggellondon", erwiderte sie auf das Angebot. Die Enttäuschung war in seinen Augen deutlich zu erkennen, dennoch lächelte er. „Dann sehen wir uns halt heute Abend", murmelte er leise und Sams Herz machte einen Luftsprung.

Warm schien die Sonne auf die Erde nieder. Die Vögel zwitscherten fröhlich. Es war ein Frühlingstag, wie er im Buche stand. Samantha genoss es sehr, an einem so schönen Tag durch die Straßen Londons zu gehen. Seit Monaten war sie nicht mehr auf Shoppingtour gegangen. Jetzt merkte sie erst, wie sehr es ihr gefehlt hatte. Immer wieder sah sie in die Schaufenster und begutachtete die neueste Mode. Gelegentlich ging sie auch in einen Laden hinein und sah sich etwas um, doch jedes Mal kam sie mit leeren Händen wieder heraus.

Nach zwei Stunden hatte sie noch immer nichts für sich gefunden. Langsam deprimierte sie diese erfolglose Einkaufstour etwas. Eigentlich hatte sie schon einige sehr schöne Sachen gesehen. Sachen, die sie sich vor einem halben Jahr auch noch gekauft hätte. Shirts mit kurzen Ärmeln, Tops mit Spaghettiträgern oder ohne Träger, rückenfreie Kleider. Doch nun zog sie so etwas nicht mehr an. Das konnte sie einfach nicht mehr.

Am Nachmittag gönnte sich Sam einen Cappuccino in einem kleinen, italienischen Café. Grübelnd saß sie an einem kleinen Tisch in einer Ecke und rührte in ihrem Getränk herum. Mit schwerem Herzen dachte sie an ihre gute Freundin Sarah, welche sie seit dem Abschussball nur noch selten gesehen hatte. In ihrer Schulzeit waren sie oft zusammen auf Shoppingtour gegangen und sie waren immer mit prall gefüllten Einkaufstüten zurückgekehrt. Mit einem kleinen Schrecken wurde ihr plötzlich klar, dass dies auch das Café war, in welchem die beiden immer zusammen gesessen und über Gott und die Welt gesprochen hatten. Sam vermisste diese Zeiten. Sie waren unbeschwerter, einfacher und auch um einiges glücklicher gewesen.

Traurig starrte sie in ihren Cappuccino und murmelte leise vor sich hin:„Wenn Sarah jetzt hier wäre, hätten wir schon längst etwas Schönes gefunden." ‚Vielleicht auch nicht', antwortete ein kleines Stimmchen in ihrem Kopf auf diese Behauptung. ‚Für einen so verunstalteten Körper gibt es einfach nichts Schönes anzuziehen.' Sam schüttelte den Kopf und versuchte sich so von diesen Gedanken zu befreien. Dann nahm sie ihren Cappuccino und leerte die Tasse in zwei Zügen. Mit neuer Entschlossenheit stellte sie die Tasse ab. „Schluss mit Trübsalblasen. Es wird Zeit, dass ich wieder ein normales Leben führe."

Nachdem sie gezahlt und ein ordentliches Trinkgeld gegeben hatte, machte sie sich erneut daran, die Geschäfte zu durchstöbern. Sie war ein junges, hübsches Mädchen, sie musste einfach etwas finden. Außerdem war sie im Besitz einer Kreditkarte, dem Traum einer jeden Frau, da wäre es eine Schande, wenn sie nicht wenigstens eine prall gefüllte Einkaufstüte nach Hause brächte. Wild entschlossen, etwas zu kaufen, ging sie in ein kleines Geschäft, welches sich auf Mode für Damen spezialisiert hatte. Im Schaufenster hatte Samantha ein wirklich sehr hübsches Oberteil mit langen Ärmeln gesehen, welches sie nun gerne anprobieren wollte.

Im Laden wurde sie von einer kühlen Brise überrascht. Obwohl es noch kein Sommer war, sondern lediglich der Frühling langsam anfing und draußen angenehme fünfzehn Grad herrschten, war die Klimaanlage eingeschaltet worden. Das Geschäft selbst strahlte etwas aus, was jeden Kunden fühlen ließ, dass er willkommen war. Überall standen Spiegel, in welchen man sich betrachten konnte. Es gab sogar eine gemütliche Sitzecke mit zwei großen, roten Sesseln, die geradezu dazu einluden, sich hinzusetzen und eine Pause zu machen. Davor stand ein kleines, rechteckiges Tischchen mit einem weißen Deckchen.

Einen Augenblick blieb Samantha regungslos stehen und ließ das Ambiente auf sich wirken. Plötzlich wurde sie jedoch jäh aus ihren Gedanken gerissen. „Hallo Samantha! Schön dich zu sehen!", rief eine männliche Stimme fröhlich. Verwundert wandte sich die junge Hexe um und sah direkt in das Gesicht der Person, die sie angesprochen hatte. „Michael? Michael Walton?", stieß sie voller Überraschung aus. Der junge, gut aussehende Mann nickte mit einem breiten Lächeln. Einen Moment lang blieb es still zwischen den beiden. Eine einvernehmliche Stille, in welcher jeder seinen gegenüber genauer begutachtete und seine nächsten Worte wohl überlegte. „Du siehst großartig aus, Schätzchen!", rief Michael plötzlich, nachdem er seinen Blick zweimal über ihre Figur wandern gelassen hatte. Sam errötete leicht bei diesem Kompliment und brachte nur ein leises „Danke" hervor.

„Es muss Jahre her sein, als wir uns das letzte Mal sahen. Du musst mir alles erzählen! Wie geht es dir? Was machst du? Wieso sehe ich dich nicht öfter?" Die Worte sprudelten einfach aus Michael heraus, woraufhin Samantha amüsiert lachen musste. Der Junge war in seiner Schulzeit schon eine regelrechte Labertasche gewesen und wenn er etwas wissen wollte, dann bekam er es meistens auch aus der Person heraus. „Nicht so schnell, Micky! Ich erzähl dir gern alles, was du wissen willst", antwortete die Hexe schließlich. „Sehr gut! Susan? Bring uns doch bitte eine Flasche Sekt!", rief er seiner Kollegin zu, welche gerade an der Kasse beschäftigt war, und zog seine Freundin zu den gemütlichen Sesseln.

Während sie auf den Sekt warteten, wurde Samantha erneut von Fragen durchlöchert. „Also, Sammy? Was machst du jetzt so?" Neugierig und mit leuchtenden Augen sah Michael sie an. Ohne lange darüber nachzudenken antwortete sie: „Ich arbeite bei der Regierung und muss für einige Zeit verreisen." Es war im Grunde genommen noch nicht einmal gelogen. Sie arbeitete schließlich für eine Regierung, nur für welche verheimlichte sie. „Das ist ja großartig! Ich wusste schon immer, dass aus dir etwas Besonderes werden würde!", stieß Michael fröhlich. Die Flasche Sekt und zwei Gläser wurden gebracht und sogleich wurde beiden eingegossen.

„Auf ein lang erwartetes Wiedersehen!", rief Micky mit einem breiten Lächeln und mit einem leisen ‚Kling' stießen sie an. Der Sekt schmeckte sehr gut, wie Samantha feststellen musste. Er war etwas süßlich und kribbelte fröhlich auf ihrer Zunge. „Wieso lang erwartet, Micky?", fragte Sam und blickte ihrem alten Freund in die Augen. „Ach, Süße, ich vermisse manchmal die alten Zeiten. Shopping, Kino oder einfach nur zusammensitzen und eine Flasche Sekt köpfen", antwortete dieser. Die Hexe konnte ihm das gut nachfühlen. Auch sie vermisste diese Zeiten des Öfteren. Neben Sarah war Michael ihr bester Freund gewesen. Als sie in seine Klasse gekommen war, hatte sie sich anfangs sogar etwas in ihn verliebt gehabt. Doch sie hatte sehr schnell herausgefunden, dass er nicht gerade auf Mädchen stand.

„Na ja, das Shoppen wirst du doch sicher nicht so sehr vermissen! Immerhin arbeitest du in diesem wundervollen Laden", sagte Sam und ließ ihren Blick erneut durch den Laden schweifen. „Ich arbeite hier nicht", erwiderte er nur und erntete von seiner Freundin einen überraschten Blick, „Er gehört mir!" „Ist das dein Ernst? Ich meine, du hast ja schon in der Schule immer gesagt, dass du deinen eigenen Laden haben wolltest!", rief Sam begeistert aus. „Ja, weißt du, mein Großvater starb kurz nach unserem Abschluss und er hatte mir eine Menge Geld hinterlassen. Das hatte ich sehr gut angelegt und während die Zeit für mich arbeitete, besuchte ich ein Wirtschaftsstudium. Vor ein paar Monaten machten ich den Laden hier auf!", erklärte Michael und seine Augen leuchteten, während er erzählte. „Jetzt, wo ich weiß, dass dieser Laden dir gehört, werde ich hier öfter auftauchen, mein Freund. Damit musst du nun rechnen!", drohte Sam mit einem spielerischen Augenzwinkern.

„Wo wir gerade beim Thema sind: Ich sehe dich an und weiß schon genau, was ich dir gerne anziehen würde. Aber du suchst doch sicher auch etwas bestimmtes, also schieß los!", meinte Micky plötzlich und leerte sein Sektglas. Bevor Samantha antworten konnte, trank sie auch ihr Glas leer und nutzte die aufkeimende Stille, um darüber nachzudenken, was sie nun als nächstes tun sollte. Michael war seit Jahren ihr Freund, auch wenn der Kontakt seit dem Abschluss nachgelassen hatte. Sie fühlte, dass sie ihm vertrauen konnte.

Nachdem ihr Glas erneut aufgefüllt worden war, stellte sie es beiseite und lehnte sich nervös nach vorne. Ihre Unterarme legte sie auf ihre Beine und begann nervös an ihrem Ärmel zu spielen. Sofort spürte Michael, dass etwas nicht stimmte und lehnte sich ebenfalls, mit einem besorgten Blick, vor. „Ich habe bisher mit noch niemanden darüber gesprochen und ich kann es ehrlich gesagt auch nicht", versuchte sie leise und mit zittriger Stimme zu erklären. Ermutigend nahm Micky ihre Hände in die seine und drückte sie leicht. Tief atmete Samantha ein und aus, dann zog sie den Ärmel ihres linken Arms etwas hoch und offenbarte ihre Narben. Schockiert zuckte ihr Gegenüber zusammen und sie verbarg ihre Verunstaltung schnell wieder. „Wer hat dir das angetan? Was ist passiert?", fragte er mit leiser Stimme und hielt wieder ihre Hände. Sie zitterte. Er war der erste, dem sie freiwillig ihre Narben gezeigt hatte und es fühlte sich irgendwie eigenartig an. Teilweise wie eine Befreiung, als wäre eine Last von ihr genommen worden. Aber auch bedrückend. „Ich kann dir das nicht erzählen. Irgendwann vielleicht, aber noch nicht jetzt. Ich kann dir nur soviel sagen, dass ich diese Narben auf den ganzen Armen und dem Rücken habe", erklärte sie und ihre Stimme bebte. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, die sich einfach ungefragt einen Weg ins Freie bahnten. Um den dicken Kloß in ihrem Hals wieder hinunterschlucken zu können, nahm sie einen großen Schluck Sekt. Erstaunlicherweise half das sogar sehr gut. „Also, Michael, ich brauche einen neuen Stil. Ich kann nicht mehr in kurzen Sachen herumlaufen, die Zeiten sind vorbei. Was empfiehlst du mir?", sagte sie schließlich mit neuer Kraft in der Stimme. Entschlossen nickte Michael. Er erhob sich von seinem Sessel und zog Sam von ihrem Sitzplatz und zu dem ersten Kleiderständer.

Samantha war glücklich darüber, dass er keine weiteren Fragen stellte und auch darüber, dass er ihr half. „Süße, es soll dieses Jahr wieder einen besonders heißen Sommer geben. Deshalb brauchst du auch ein paar leichte Sachen", erklärte er ihr. Während er sprach nahm er immer wieder verschiedene Kleidungsstücke von den Ständern und begutachtete sie eingehend. Manche hing er direkt wieder zurück, andere drückte er seiner Freundin in die Arme.

Michael hielt in seiner Suche erst inne, als Samantha schon sehr viel mehr in den Armen hielt, als sie eigentlich überhaupt tragen konnte. Nach einem kurzen, besorgten Blick auf Samantha, wandte er sich an seine Angestellte: „Susan, du kannst Feierabend machen. Wir schließen für heute. Lass nur, die Kasse mache ich gleich. Einen schönen Abend noch!" Mit einem glücklichen Danke verließ Susan, welche eine junge Asiatin mit langen schwarzen Haaren war, den Laden. „Gehen dir nicht eine Menge Kunden flöten, wenn du jetzt schließt?", fragte Sam besorgt, doch Michael verneinte dies. „Die meisten kommen vormittags. Und jetzt geh ab in die Umkleide, ich will dich in den Sachen sehen", entgegnete er und schloss die Ladentür ab.

Die nächste Stunde verbrachte Samantha damit, verschiedene Kleidungsstücke an- und wieder auszuziehen. Von den meisten Sachen war sie wirklich begeistert und der Stapel, welcher den Titel „Das kauf ich auf jeden Fall" trug, wurde immer höher. Schließlich waren auch ein paar kurzärmelige Teile dabei, sogar ein sehr schönes, himmelblaues Kleid. Etwas argwöhnisch begutachtete Sam sich im Spiegel. Die vielen Narben an ihren Armen minderten die Schönheit des Kleides, doch auch dafür hatte Michael eine Idee. Er trug verschiedene Strickjacken und Sommerjacken zusammen. „Wenn du im Sommer raus gehst, ziehst du einfach eine von den Jacken über, dann kann niemand mehr deine Narben sehen. Der Stoff ist wirklich sehr dünn, was bedeutet, dass dir auch nicht allzu heiß werden wird. Und wenn du wieder in deiner Wohnung bist, ziehst du einfach die Jacke aus und kannst dich etwas abkühlen. Oh, und hier ist noch ein wundervoller Hut, der wirklich ausgezeichnet dazu passt."

Samanthas Herz machte richtige Luftsprünge. Sie sah wirklich wundervoll in diesen Sachen aus und niemand konnte ihre Narben entdeckten. Voller Dankbarkeit umarmte sie ihren Freund, nachdem sie alles bezahlt hatte. Es war weitaus mehr, als sie ursprünglich vorgehabt hatte auszugeben, aber es hatte sich wirklich gelohnt. „Oh man! Ich brauch ein Taxi, um das alles nach Hause zu schaffen. Und am besten auch gleich drei starke Männer, die mir beim Tragen helfen", witzelte die Hexe, „Michael, ich bin dir wirklich sehr dankbar für deine Hilfe!" „Ach, Süße, ist doch gern geschehen! Meld dich einfach mal wieder öfter bei mir und wir sind quitt!", erwiderte der junge Mann mit einem breiten Lächeln. „Das verspreche ich dir!", antwortete Sam. Michael half ihr noch, die vielen Tüten und Schachteln ins Taxi zu tragen, dann verabschiedeten sie sich voneinander mit einer innigen Umarmung, wie sie nur beste Freunde miteinander teilten.

Zuhause angekommen, musste Samantha dem Fahrer erst einmal bedeuten, einen Augenblick zu warten, damit sie jemanden holen konnte, der ihr beim Tragen helfen sollte. Im Haus warteten schon alle ganz ungeduldig auf ihre Ankunft. Ohne lange Erklärungen rief sie nur, dass Tonks, Remus und Draco raus kommen und ihr beim Tragen helfen sollten. Ihre Kusine fackelte nicht lange und war als erste bei dem schwarzen Wagen. Mit einem Grinsen im Gesicht nahm sie, soviel sie tragen konnte und brachte es ins Haus. Als der Wagen endlich leer war, bezahlte Samantha den Taxifahrer und gab ihm auch ein saftiges Trinkgeld.

„Mensch, Kusinchen, da hast du aber zugelangt in den Geschäften. Wehe ich darf mir nichts ausleihen", rief Tonks grinsend und stellte die letzte Tüte im Flur ab. „Schade, dass du etwas größer bist als ich, sonst würde ich das gerne machen. Aber so musst du dich wohl damit abfinden, mich in diesen schönen Sachen bestaunen zu dürfen", entgegnete Sam und ihre Stimme zitterte leicht, weil sie ein Lachen unterdrücken musste. Tonks zwinkerte ihrer Kusine liebevoll zu, dann verschwand sie mit Remus wieder in der Küche. „Da warst du ja wirklich fleißig", raunte eine sanfte, männliche Stimme an Samanthas Ohr. Sofort schlug ihr Herz etwas schneller und eine angenehme Gänsehaut breitete sich auf ihrem Körper aus. Sie wollte sich umdrehen. Ihm in die hellgrauen Augen sehen. Doch bevor sie das konnte, erschien Kreacher und zerstörte die romantische Stimmung. Etwas verdrießlich gab sie Kreacher die Aufgabe, all die neuen Sachen in ihr Zimmer zu bringen. Mit einem ‚Plop' und so vielen Taschen wie möglich in den Händen, verschwand der kleine Hauself wieder und Samantha konnte sich endlich Draco zuwenden. Langsam drehte sie sich um... doch der gut aussehende Blondschopf war verschwunden.

Mürrisch stieg Samantha die Treppen zu ihrem Zimmer hinauf, wo sie endlich ihren Koffer packen wollte. Selbstverständlich sollte alles mitkommen, was sie an diesem Tag gekauft hatte. Während sie alles sorgsam und vorsichtig in ihren großen Reisekoffer aus Plastik packte, welcher überhaupt nicht wie der Koffer eines Zauberers oder einer Hexe aussah, dachte sie über Draco nach. Er war ihr gerade im Hausflur wieder ganz nahe gekommen. Vor dem Kuss am vergangenen Abend hatte es schon öfters solche Situationen gegeben. Eine zufällige Berührung hier, ein flüchtiger Blick dort. Hoffentlich spielte er nicht einfach nur mit ihr. Das würde der jungen Hexe wahrscheinlich endgültig den Glauben an die Menschlichkeit nehmen.

Sie schaffte es, alles in dem Koffer zu verstauen. Sogar die vielen Hutschachteln, welche sie einfach mit einem Zauber etwas schrumpfte, damit sie nicht soviel Platz wegnahmen. Nun widmete sie sich ihrem Kleiderschrank zu, denn es war an der Zeit, ein paar der alten Sachen, und somit deren Erinnerungen, rauszuschmeißen. Mit einem tiefen Seufzen öffnete sie den Schrank und zog ein Kleidungsstück nach dem anderen heraus und warf diese auf den Fußboden. Die Sachen waren nicht kaputt. Sie waren nicht verschlissen und keine einzige Motte hatte sich an ihnen vergangen. Sie waren einfach nur unpassend geworden. ‚Andererseits', so dachte Samantha, ‚könnte ich auch einige dieser Sachen behalten. Schließlich habe ich jetzt diese neuen Jacken, die ich darüber anziehen könnte.' Doch sie warf einfach weiter alles auf einen Haufen.

Inzwischen schlich Draco leise ins Zimmer. Er hatte mehrmals angeklopft, jedoch keine Antwort erhalten. Aus Sorge und auch aus Neugier lehnte er sich nun leise an den Schreibtisch. Er verschränkte die Arme vor der Brust und beobachtete Samantha stumm.

Diese hielt in ihrer Bewegung plötzlich inne. In ihrer Hand hielt sie ihr blaues Abschlussballkleid. Bilder von diesem schönen Abend erschienen plötzlich vor ihrem geistigen Auge. Wie sie mit Daniel tanzte. Wie sie mit Sarah und Michael fröhlich Punsch trank. Die vielen Fotos, die Ted und Andromeda geschossen hatten.

Besorgt legte Draco den Kopf etwas schief. Samantha hielt ein sehr schönes, blaues Kleid in der Hand. Ihr Blick ging plötzlich ins Leere. Schließlich schüttelte sie energisch den Kopf und warf auch dieses auf den immer größer werdenden Haufen. Das konnte er nicht mehr länger mit ansehen. Er musste eingreifen. „Wieso willst du das wegwerfen?", fragte er mit fester Stimme.

Erschrocken entfuhr Samantha ein kleiner Aufschrei und mit geweiteten Augen sah sie Draco an. „Wie lange stehst du schon da?", fragte sie entsetzt. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals und sie brauchte einen Augenblick, um sich wieder zu beruhigen. „Lange genug. Also, warum willst du das schöne Kleid wegwerfen?", entgegnete er ernst. Sein Blick schien Sam zu durchbohren und nur mit größter Mühe konnte sie ihm standhalten. „Weil ich es nicht mehr anziehe", antwortete sie schließlich und es kostete ihr viel Kraft, damit ihre Stimme genauso ernst wie seine klang.

Entschlossen nicht weiter auf dieses Thema einzugehen, wandte sich Samantha wieder dem Inhalt ihres Schranks zu. Doch für Draco war dieses Gespräch wohl noch nicht beendet. „Warum ziehst du es nicht mehr an? Es ist sehr schön", wandte Draco ein. Die junge Hexe erstarrte in ihrer Bewegung. Plötzlich tauchten vor ihrem geistigen Auge hunderte verschiedene Bilder auf. Bilder, in welchen sie dieses Kleid trug und glücklich gewesen war. Bilder von ihrer Folterung. Bilder von ihren Freunden. Bilder von ihrem Peiniger. Ihre Hände wurden feucht und Angstschweiß perlte sich auf ihrer Stirn. Ihr Herz raste. Ihre Atmung war nur noch ein Ringen nach Luft. Fest kniff sie ihre Augen zusammen und versuchte sich wieder unter Kontrolle zu bekommen. „Weil... weil...", stammelte sie durch zusammengebissene Zähne hindurch. Sie wollte ihm eine Antwort geben. Sie wollte es wirklich. Aber sie konnte es einfach nicht. Die Worte blieben einfach irgendwo zwischen ihrem Mund und ihrem Bewusstsein stecken. Sie kamen nicht heraus.

Vorsichtig ging Draco ein paar Schritte auf sie zu. Er spürte, dass wenn er es jetzt richtig anstellte, würde sie endlich von diesem Vorfall sprechen. Vielleicht könnte sie dann endlich loslassen. „Warum? Warum, Samantha? Warum willst du diese schönen Sachen wegwerfen?" Seine Stimme klang kalt und ernst. Er selbst erschrak davor, aber es musste einfach sein. Irgendjemand musste sie einfach zum Reden bringen, auch wenn es schwer war.

Samantha krallte sich an der Schranktür fest. Verzweifelt versuchte sie die Kontrolle über sich zurückzuerlangen. Doch es gelang ihr einfach nicht. Dracos Stimme hallte in ihren Ohren wieder. Warum? Ja, warum? Das war doch eigentlich genau die Frage, die sie sich auch schon seit Monaten immer wieder stellte. Warum? Sie wusste nicht wie, doch plötzlich bewegten sich ihre Lippen und sie hörte sich sagen: „Warum?" „Ja, Samantha! Warum?", erwiderte Draco mit fester Stimme. Er war nur noch wenige Schritte von ihr entfernt, doch traute er sich noch nicht, sich ihr weiter zu nähern.

Plötzlich verschwand das Zittern. Ihr Herz beruhigte sich. Es war wie damals, als sie, nach der ersten Vollmondnacht mit Remus, mit ihm gesprochen hatte. Plötzlich war sie vollkommen klar im Kopf. Langsam öffnete sie ihre Augen und starrte ins Leere. Vor ihrem inneren Auge spielte sich noch einmal die ganze Szene ab. Wie sie Greyback hinterher appariert war. Wie sie plötzlich in dem Wohnzimmer stand, umzingelt von Todessern. „Warum bin ich damals nicht einfach wieder disappariert, als ich die Gelegenheit dazu gehabt hatte?", fragte sie leise. Langsam hob sie ihren Kopf. Sie sah, wie sie ihren Zauberstab fallen ließ. „Warum habe ich mich nicht gewehrt, anstatt einfach aufzugeben?" Ihre Stimme wurde lauter und gewann an Stärke.

Dann sah sie sich. Als würde sie direkt vor sich selbst stehen. Sie, wie sie an diesen Pfählen gefesselt war. Ihr Körper geschändet. Ihr Gesicht verprügelt. Überall Blut und Schweiß. Der Boden nur mit altem Stroh ausgelegt. Es stank nach Schweiß und Urin. Langsam hob ihr Selbst, welches so da hing, den Kopf und sah ihr direkt in die Augen. Ihre Lippen bewegten sich. „Warum bin ich an diesem Ort nicht einfach gestorben?"

Die letzte Frage hatte sie laut geschrieen. Sie war herumgewirbelt und starrte Draco nun mit Tränen verhangenem Blick an. Sie zitterte am ganzen Leib. „Warum? Warum bin ich dort nicht einfach gestorben?", rief sie immer wieder. Ihre Stimme bebte. Tränen flossen in Bächen ihre Wangen hinab. Mit einem lauten Schluchzen fiel sie auf die Knie und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen.

Vorsichtig legte Draco seine Arme um sie und drückte sie fest an sich. „Ich bin froh, dass du dort nicht gestorben bist", murmelte er leise und streichelte ihr kurzes Haar, welches sich vollkommen schwarz verfärbt hatte.

Es dauerte eine ganze Weile bis sich Samantha wieder etwas beruhigt hatte. Inzwischen jedoch hielt Draco sie fest in seinen Armen. Sanft streichelte er ihr Haar und wiegte sie langsam vor und zurück. „Was haben sie dir angetan, Sam?", fragte er vorsichtig, nachdem sie sich wieder gefangen hatte. Seine Stimme zitterte leicht. Er fürchtete sich beinahe vor der Antwort.

Langsam füllte Sam ihre Lungen mit Luft. Dann begann sie zu erzählen. Sie versuchte dabei keine Details auszulassen. Immer wieder geriet sie ins Stocken und machte kurze Pausen, um weder den Faden noch ihre Fassung zu verlieren. Sie versuchte die Ereignisse so genau wie möglich zu schildern. Welche Schmerzen sie gehabt hatte. Welche Gedanken ihr durch den Kopf gegangen waren. Sie erzählte Draco sogar, dass sie die Hoffnung schon längst aufgegeben und ihr Leben abgeschrieben hatte. Immer wieder drückte Draco sie fest an sich.

Plötzlich hielt sie in ihren Erzählungen inne. Draco gab ihr einen Moment, bevor er vorsichtig fragte, was dann passiert war. „Dann war es plötzlich vorbei", antwortete sie mit schwacher Stimme. Ihr Blick ging wieder ins Leere und der junge Zauberer spürte, dass sie wieder an diesem schrecklichen Ort war. „Es war vorbei? Du meinst, du bist gerettet worden?", hakte er nach. Sam schüttelte den Kopf. „Nein. Nein, es war einfach nur vorbei. Niemand kam mehr, um mich zu quälen. Drei Tage war ich einfach in diesem Loch vergessen worden", entgegnete sie. „Und was geschah dann?", fragte der Blondschopf vorsichtig.

Samantha schwieg einen Augenblick, um ihre Gedanken zu sortieren. Dann antwortete sie langsam: „Ich hatte endgültig aufgegeben. Wäre er gekommen, ich hätte den Tod begrüßt wie einen alten Freund. Doch stattdessen öffnete sich eines Abends die Kerkertür. Ein Arm mit einem Zauberstab in der Hand schob sich hinein. Der Rest des Körpers blieb im Verborgenen. Und ich wurde wütend. Ich dachte, mein Peiniger wollte mich töten. Ich schrie ihn an. Nannte ihn einen Feigling." Sie stockte. Langsam wandte sie den Kopf und sah Draco an. „Doch er tötete mich nicht. Er befreite mich." Langsam wandte sie sich wieder um und starrte vor sich hin. „Er wedelte mit dem Zauberstab und öffnete meine Fesseln. Dann sagte er, dass mein Zauberstab im Kellerflur liegen würde und ich so schnell wie möglich verschwinden sollte."

Draco zuckte unmerklich zusammen. Übelkeit überkam ihn und er wurde noch blasser als er ohnehin schon war. Das letzte, was Samantha erzählte, bekam er nicht mehr mit. In seinen Ohren surrte es plötzlich. Seine Gedanken schwirrten unaufhörlich im Kreis und ihm wurde schwindelig. Um nicht den Halt zu verlieren, klammerte er sich fester an die junge Hexe.

„Geht es dir gut, Draco?", fragte Sam vorsichtig, als sie spürte, wie er zu zittern begann. Sofort fing er sich wieder und lächelte sie aufmunternd an. „Das sollte ich wohl besser dich fragen. Wie fühlst du dich jetzt, nachdem du mir alles erzählt hast?", erwiderte er sanft. Einen Augenblick fühlte sie in sich hinein. Ihre Seele hatte endlich Ruhe. Mit einem kleinen Lächeln antwortete sie: „Mir geht es gut." Sanft schmiegte sie sich an Draco und legte ihren Kopf an seine Brust. Sie spürte seine wunderbare Wärme und hörte sein Herz schlagen. Es hatte wirklich erstaunlich gut getan, all das einmal laut auszusprechen.

Draco strich sanft über ihr Haar, welches langsam wieder einen fröhlicheren Farbton annahm. Er hielt sie fest, drückte sie sanft an sich. Er mochte sie. In ihrer Nähe spürte er das gewisse Etwas. Herzklopfen. Warme Gedanken. Das Gefühl von Glück. Das Gefühl, gemocht zu werden. Er wollte das nicht zerstören. Vorsichtig drückte er sie etwas fester an sich. Er durfte das nicht zerstören. Also musste er es für sich behalten. Es sollte sein Geheimnis bleiben. Zumindest für eine Weile. Denn jetzt würde sie es wohl noch nicht verkraften, dass er es war, der sie damals gerettet hatte.