Nur Severus schien es wahr zu nehmen, denn als Dumbledore dies sagte versteifte er sich für einen Moment und das übliche Leuchten in seinen Augen verdunkelte sich. Doch so schnell die Anspannung auch gekommen war, genauso schnell verschwand sie wieder. Alles an Dumbledores Gesicht ließ wieder einmal keinen Zweifel an seiner positiven Haltung und scheinbarer Allwissenheit aufkommen.
„Wir werden auf das Thema der aufgehobenen Zauber gleich noch mal zu sprechen kommen. Was das Ende des Kampfes angeht ist mir eine Möglichkeit in den Sinn gekommen, die wir allerdings noch überprüfen müssen."
Dumbledore drehte sich zu Harry und Draco um: „Habt ihr schon einmal etwas von den „Tugenden der Weisheit" gehört?"
Beide schüttelten verneinend den Kopf.
„Hmmm… Die Tugenden der Weisheit sind von den Römern überliefert. Im Frühmittelalter wurde das Wissen um die Tugenden weiter gegeben und später sogar aufgeschrieben. Doch wie es der Lauf der Zeit mit sich bringt sind viele Schriften verloren gegangen oder zerstört worden. Was man noch darüber weiß ist dass wenn die Tugenden der Weisheit zusammengeführt werden eine wunderbare und enorme Macht entsteht. Diese kann sowohl zum Guten als auch zum Bösen verwendet werden. Jeder Mensch, es ist sogar egal ob Magisch oder Muggel, kann eine dieser Tugenden besitzen. Das Zusammenführen ist der schwierige Teil… Aber, darum geht es hier nicht….Was ich meine ist das die Möglichkeit besteht das ihr drei die Tugenden der Weisheit zusammengeführt habt."
„WAS?" schallte es gleichzeitig von Harry und Draco.
„Wie kann das denn sein? Also ich sehe mich nicht als besonders Tugendhaft." sagte Draco. „Professor, was für Tugenden sind das denn eigentlich?"
„Ah, gar keine schlechte Frage Draco. Die Tugenden der Weisheit benennen sich: Wissen, Kraft und Liebe. Wie gesagt jeder kann diese Eigenschaften haben, doch nur diejenigen die weder ganz auf der Seite des Lichtes noch auf der der Dunkelheit stehen können die Verbindung eingehen. Es geht darum ein Gleichgewicht zu halten."
„Ein Gleichgewicht….hmm…ich glaube ich verstehe.", bemerkte Severus leise.
„Aber wer von uns soll denn jetzt welche dieser Tugenden besitzen. Ich meine technisch gesehen kann doch jeder von uns jede Tugend haben" fiel Harry darauf ein.
„Ah…Harry, mein Junge, das hast du richtig gesehen. Aber erinnerst Du dich was ich dir einmal gesagt habe über das was Du hast und was Voldemort fehlt?"
„Sie meinen die Fähigkeit zu lieben?"
„Ganz genau. Und da hätten wir auch schon die erste Tugend."
„Ich glaube ich verstehe. Also ist die Tugend von Draco entweder „Wissen" oder „Kraft". Aber ich denke es wird dann „Kraft" sein. Bleibt nur noch „Wissen" für Severus."
„Was das Ende des Kampfes anbelangt: meine Vermutung ist nun dass er durch das Zusammenfügen eben genannter Tugenden ausgelöst wurde. Alles was ihr beschrieben habt deutet an das die Macht, welche in den „Tugenden der Weisheit" steckt, in diesem Fall zum Guten angewendet wird. Durch den Wunsch der drei Personen wird die mitgegebene Kraft zielgerichtet. Und euer Wunsch war und ist, so glaube ich, Schutz, Heilung, Familie…ja….und vieles mehr in dieser Richtung. Ich liege doch richtig oder?"
Ein wenig überrumpelt, aber dennoch einstimmig, bejahten alle die Ausführungen Dumbledores.
„So das hätten wir ja jetzt mehr oder weniger aussortiert. Können Wir dann bitte zu dem anderen Punkt zurückkommen? Mir brennt nämlich eine andere Frage unter den Nägeln."
„Gewiss, Draco", sagte Dumbledor, der den leicht gereizten und ungeduldigen Ton in Draco´s Stimme zu ignorieren versuchte. „Wie schon gesagt über diese Vermutung muss ich noch Sicherheit erlangen. An dem Punkt werden wir ein anderes Mal weiter sprechen. Soweit das. Harry wie fühlst Du dich?"
Ganz unvermittelt lenkte Dumbledore nicht nur sein Interesse, sondern auch das der anderen beiden, auf Harry.
Dieser fand sich nun im Zentrum von drei neugierigen Augenpaaren wieder und wusste nicht was er antworten sollte.
„Na ja,…", stammelte er, „ ich denke mal soweit ganz gut. Nur habe ich alles was heute schon passiert ist noch nicht so recht verarbeitet. Doch das kommt sicher wenn ich etwas Ruhe habe…."
„Ja, nur weiter," erwiderte Dumbledore.
„Eigentlich ist da nichts weiter."
„Wie da ist nichts weiter?", platzte es aus Draco heraus. „Hast du das mit deinen Haaren etwa nicht bemerkt. Du hast sie doch extra zusammengebunden! Hast Du überhaupt nicht darüber nachgedacht woher das kommt?"
„Ähm.. Nein…ich dachte nur dass durch den Zauber schlicht und ergreifend meine Haare gewachsen sind."
Severus trat nun vor Harry und schaute ihn für ein paar Sekunden sehr intensiv an.
„Harry, es fällt mir nicht leicht darüber zu reden, da es Dir selbst noch nicht aufgefallen ist. Ich habe, bis unsere ersten Fragen mit dem Direktor erörtert wurden, bewusst davon abgesehen mit Dir darüber zu reden. Als Du in der Winkelgasse nicht sofort darauf reagiert hast dachte ich mir dass Du das was du bemerkt hattest als nicht weiter wichtig sehen würdest."
Er wandte sich an Dumbledore: "Direktor hätten sie wohl einen Spiegel zu Hand?"
Nach nur einer Minute des Suchens reichte er Severus einen Portaitspiegel. Diese gab ihm nach kurzen Zögern an Harry weiter.
Er sah sich an, dann senkte er den Spiegel und blickte zu Severus. Wieder nahm er den Spiegel hoch und sah noch einmal hinein. Harry hatte das Gefühl etwas sagen zu wollen, doch bei dem Versuch versagte ihm die Stimme. Erneut nahm er den Spiegel herunter und sah ebenfalls wieder zu Severus. Dessen Gesichtsausdruck schien sich nicht verändert zu haben.
Harry durchschaute aber das feine Mienenspiel seines Gegenübers, er ahnte das Severus genauso verunsichert war wie er und dass ihn nun genauso viele, wenn nicht sogar dieselben, Fragen durch den Geist gingen. Harry faste einen Entschluss, aber bevor es soweit war brauchte er Zeit. Seine Fragen mussten erst einmal warten. Kurzerhand warf er den Spiegel auf den nebenstehenden Sessel. Nur zwei Schritte trennten ihn von Severus. Kaum war die Distanz überwunden zog er Severus in eine feste Umarmung.
„Ich hoffe es ist wahr.", sagte er mit kaum hörbarer Stimme.
Tatsächlich fragten Dumbledore und Draco was Harry gesagt hatte. Sie fragten allerdings erst kurz nachdem Harry sich wieder von Severus gelöst hatte und aus dem Büro heraus ins Innere des Schlosses davon gerannt war…
Harry rannte die Treppe von dem Büro des Direktors herunter und folgte dem Korridor bis zum nächsten Treppenabsatz. Er entschied sich dafür den besten Ort zum Nachdenken aufzusuchen, den er sich denken konnte. Auf den Astronomieturm. Auch wenn er dieses Mal wohl nicht bis zum Außengeländer kommen konnte, wusste er dass er dort gut aufgehoben war.
Wenn Harry´s Gedanken bis vor wenigen Augenblicken noch in der Winkelgasse, bei seinen Freunden und dem Gespräch in Dumbledores Büro waren, so kreisten sie jetzt nur um eines: Der Frage ob das was sein Spiegelbild ihm sagte der Wahrheit entsprach. Konnte es möglich sein? Wenn ja, wie? Wenn nein, was war dann geschehen?
Atemlos erreichte Harry die Spitze des Astronomieturms und setzte sich vor die Tür zum Klassenraum, schlang seine Arme um die Knie und legte seinen Kopf darauf ab. Jetzt musste er die Zeit nutzen um darüber nachzudenken ob sein Entschluss Sinn macht. Es war erst einmal egal aus welchem Grund auch immer er nun aussah wie eine verjüngte und leicht abgewandelte Form von Severus. Aber es war wichtig dass er so aussah! Obwohl nur ein Monat vergangen war seit er Severus neu und anders kennen gelernt hatte, so war er doch mehr geworden als nur, wie bisher, sein Zaubertränkelehrer. Zu Anfang war er ein Fremder der eine Chance verdiente, dann wurde er ein Freund und schließlich wurde er etwas was darüber hinausging. Mehr als ein Lehrer, mehr als ein Freund, Beschützer und Vertrauter. Dieser kurzen Zeit zum Trotz war Severus zur Familie geworden. Harry hatte genau darum nicht gezögert als er gefragt worden war ob er die Verbindung eingehen wollte. Die Verbindung zu Severus war für ihn zu einem Weg geworden wieder zu jemandem zu gehören. Die Tatsache dass sich sein Aussehen derartig verändert hatte störte ihn, jetzt wo er darüber nachdachte, weit weniger als er vermutet hätte.
´Ich sehe wirklich aus als sei ich Severus Sohn. Kann es sein dass er in Wirklichkeit mein Vater ist? Aber wie ist das Möglich?(Na gut, als ob ich das nicht wüsste…) Wenn niemand, nicht mal er selbst, davon eine Ahnung hatte. Oder hat es doch mit dem Verbindungszauber zu tun? Aber müsste Draco sich dann nicht auch verändert haben?... Und hätte es nicht einen Hinweis darauf gegeben wenn so etwas bei diesem Zauber möglich wäre?... Sei doch mal ehrlich Harry, Du willst doch gar nicht das es „Nur an dem Zauber" liegt. Darum geht es Dir doch; genau das hast Du doch eben selbst zu ihm gesagt. „Ich hoffe das es wahr ist." Ja, ich hoffe es. Denn selbst wenn es einen Weg gäbe mir mein altes Aussehen wieder zu geben, würde ich es ablehnen. Severus hat uns doch gesagt das jeder Zauber, der auf einer Person liegt, aufgehoben wird und jeder Zaubertrank seine Wirkung verliert… Darum ist doch auch das Dunkle Mal verschwunden…Ja, bitte , so soll es sein. Die einzige Frage die noch aussteht ist: Was will er? ´
In diesen Gedanken schwelgend saß Harry weiterhin da. Er bemerkte zuerst nicht dass sich ihm jemand näherte bis sich plötzlich Draco ihm gegenüber hinsetzte.
"Du hast Dir keinen sehr bequemen Ort zum Denken ausgesucht."
„Draco! Was machst Du hier?"
„Das gleiche könnte ich Dich auch fragen. Allerdings kann ich es mir schon Denken was du hier tust. Was glaubst Du wie es mir ging als ich gesehen hatte wie du dich verändert hattest. Ich konnte es auch erst nicht fassen. Und Severus genauso wenig. Ich glaube er versteht das Ganze genauso wenig wie Du oder Ich."
„Ja, Du hast recht. Ich verstehe es nicht, aber mir ist es auch egal wie es dazu gekommen ist. Oder wo auch immer die Wahrheit liegt. Mir ist nur Wichtig dass es so ist."
„Verstehe ich dich richtig? Du störst dich überhaupt nicht daran auszusehen als wärst Du kein Potter sondern ein Snape-Sprössling?"
„Nein, wirklich nicht. Du selbst hast doch immer wieder gesagt wie wichtig Dir die Familie ist. Mir ist das auch wichtig und…und… mit dir und Severus habe ich eine…oder?" , bei den letzten Worten wurde Harry immer leiser.
Draco sah für einen Augenblick ziemlich Ungläubig aus bei diesen Worte. Er drehe kurz seinen Kopf zu Seite und wieder zurück.
„Harry, keiner von uns kann sich im Moment erklären was mit Dir passiert ist. Doch eines weiß ich. Severus hat mich, als seinen Patensohn, immer so behandelt als wäre ich sein eigener. Nun, und dich behandelt er genauso. Er macht keine Unterschiede zwischen Dir und Mir. Von daher würde ich sagen: "Willkommen in der Familie"."
Draco schenkte ihm ein ermunterndes Lächeln und fügte hinzu: „ Hattest Du nicht auch mal gesagt dass der Sprechende Hut dich nach Slytherin schicken wollte. Nun jetzt, denke ich, wissen wir wieso."
