Handfestes
Nach einer weiteren halben Stunde verließen die beiden, noch etwas befangenen, Freunde den Astronomieturm.
Draco sagte Harry dass Severus in der Großen Halle auf sie warten würde. Er versicherte ihm auch dass Severus von dieser Situation genauso überrascht sei wie Harry. In diesem sehr außergewöhnlichen Fall rang sich Draco sogar zu einer Mutmaßung durch, die er sonst aus Respekt vor seinem Paten nie geäußert hätte.
"Ich bin mir nicht ganz sicher. Doch ich glaube, da Ich als einer von nur wenigen Severus auch vor seiner Verwandlung Privat erlebt habe, dass Du spätestens jetzt für Severus die Erfüllung eines Traumes geworden bist."
Harry sah ihn mit großen Augen an. War sich aber nicht sicher was er erwidern sollte. Letztlich blieb er dabei zu schweigen. Nach dem was er von Severus erfahren hatte, als dieser wieder 16 war, wunderte Harry diese Aussage gar nicht so sehr. Aber es von Draco zu hören war schon überraschend. Das war das letzte Stück an Bestärkung das Harry noch gefehlt hatte.
Draco musste sich innerlich eingestehen, und das sogar mit Freude, dass es ihm jetzt viel leichter fiel Harry als einen Teil von sich selbst zu sehen und zu akzeptieren. Obwohl er sich in der kurzen Zeit in Spinners End nicht nur an Harry gewöhnt hatte, sondern auch seine Einstellung ihm gegenüber geändert hatte. Auch wenn er es nie zugeben würde doch einer der Hauptgründe für ihre Rivalitäten war einfach nur dass Harry vor knapp 6 Jahren sein Freundschaftsangebot ausgeschlagen hatte. Den Grund hatte bisher er nie verstanden. Doch langsam dämmerte es ihm was eigentlich geschehen war und wie vor allem Harry sich dabei gefühlt hatte.
Sie erreichten das Ende der Treppe und konnten schon von weitem Severus erkennen. Dieser stand am Lehrertisch und starrte Richtung Haupteingang. Wie er so da stand rief dieses Bild unwillkürlich die Erinnerung an den Severus Snape wach, der er noch vor Ferienbeginn gewesen war. Sein Gesichtsausdruck war starr und mit dem ihm eigenen Ernst behaftet. Doch wenn man genau hinsah, und dass taten Harry und Draco nun, konnte man sehen das die Bitterkeit fehlte. Etwas an seinem Ausdruck hatte sich gewandelt, auch wenn es einem nicht gleich auffiel. Da sie aus einem Seitenkorridor kamen bemerkte er sie nicht sofort. Als sie die Hälfte des Weges zu ihm gegangen waren blieb Draco stehen, legte eine Hand auf Harrys Oberarm und sagte: "Ich warte an der Tür."
Damit nickten sie sich verstehend zu und Draco ging weiter zum Haupteingang während Harry zu Severus ging.
Ein wenig überrascht schaute dieser nun zu dem Jungen, der in ihm so viele Gedanken und Gefühle aufgewirbelt hatte. Es war keine vier Stunden her seit die letzten Erinnerungen zurückgekommen waren. Doch besonders die Erinnerungen an die vergangenen fünf Jahre, speziell die an Harry, gaben ihm schwer zu Denken. Wie er dieses Kind behandelt hatte war für ihn zwar nachvollziehbar, aber aus jetziger Sicht nicht akzeptabel. Doch nun hatte er die Chance bekommen diesen Frevel wieder auszugleichen. Nicht nur weil Lily es sich gewünscht hätte, sondern weil es hier um Harry ging. Es gab keinen anderen Grund. Auch wenn es noch nicht 100% feststand dass Harry sein Kind war, was ein erfreulicher Nebeneffekt wäre, so fiel das in dieser Sache kaum ins Gewicht. Es blieb ihm jetzt nur noch zu hoffen dass Harry seine Meinung nicht geändert hatte.
Unschlüssig standen sich die beiden nun gegenüber. Augenscheinlich waren sie Vater und Sohn. Doch unabhängig von ihrem Äußerem und ihren Gefühlen standen doch viele Fragen dazwischen. Keiner von beiden wusste so recht wie oder wo sie beginnen sollten.
„Harry…" erhob Severus das Wort. „bevor wir alles andere besprechen, will ich nur noch kurz mit dir die Fakten durchgehen. Ich denke das wird uns beiden helfen. Also…", er holte noch einmal tief Luft und sprach dann weiter. „wir wissen beide dass der Zauber, der uns verbunden hat, alle Zauber auflöst hat die auf uns lagen. Darum bin ich wieder in meinem normalen Alter und habe das Dunkle Mal verloren. Das Du dich… so verändert hast kann nur bedeuten dass ein Zauber auf dir lag, der dein Äußeres verwandelt hatte. Dies muss also deine wahre Gestalt sein….Soweit das. Ich denke es gilt jetzt nur noch heraus zu finden wie - oder besser warum - es dazu gekommen ist. Sicherlich gibt es auch eine Möglichkeit dein altes Aussehen wieder herzustellen. Meine Frage an Dich ist daher: Was willst Du?"
Auch wenn es sich seltsam anhörte, Harry verstand die Frage. Er wusste das Severus verunsichert war und dass er sich deshalb erstmal an feste Fakten festhalten wollte. Harry war nun klar was er tun musste.
„Severus ich weiß das diese Sache nicht so leicht ist. Vor allem wenn man bedenkt dass wir in den vergangenen fünf Jahren, im Gegensatz zu jetzt, überhaupt nicht miteinander ausgekommen sind. Aber Mir ist dass inzwischen egal. Ich habe dich in den letzten Wochen kennen gelernt. Habe vieles an Dir sehen dürfen was du sonnst niemandem zeigst. Du hast zugelassen dass ich dir so nah komme wie es bisher nur wenige konnten. Was ich will ist diese Nähe um keinen Preis wieder aufzugeben. Was das angeht spielt es für mich keine Rolle ob wir durch einen Zauber verbunden sind"
Hier musste er nun eine Pause einlegen.
„Nun; …wenn Du mein Vater bist, kannst Du dir sicher sein dass das für mich ein Geschenk ist. Denn dann wäre doch noch ein Elternteil am Leben. Ich will zwar auch wissen warum mein Aussehen verändert wurde und wer es getan hat. Aber es spielt letztlich keine große Rolle. Was für mich zählt ist einfach das Du da bist…Das unsere Verbindung, egal ob durch Blut oder Zauberei, bestehen bleibt."
Bei diesen Worten stockte Severus beinahe der Atem. Ihm blieb nichts anderes übrig als dem Jungen vor sich lange anzusehen und seine Gesichtszüge genau zu mustern. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit fand er seine Sprache wieder. Kam aber auch schnell zum Thema. Etwas dass für ihn ebenfalls Wissenswert war...
„Eines muss ich aber noch wissen: Willst Du dein altes Aussehen zurück oder..?"
„Nein!" fuhr Harry dazwischen, noch ehe Severus weiter sprechen konnte. "Ich war noch nie jemand der sich hinter einer Lüge versteckt. Und auch wenn ich mich an mein neues Spiegelbild erst gewöhnen muss, so zeigt es doch die Wahrheit. Außerdem werde ich bei allen anderen nur durch die Ähnlichkeit zu Dir auffallen und nicht mehr als Harry Potter - der Junge-der-lebt."
Mit diesen Worten schenkte er Severus ein stolzes, breites Lächeln.
Nun konnte sich auch Severus ein Lächeln nicht verkneifen. Auch wenn es so viel Neues zu verstehen gab, viele Dinge Zeit bräuchten und trotz des Krieges, in dem sie sich befanden, verspürte Severus nur eines in diesem Moment: Glück. Ein wenig zögerlich hob Severus den Arm und zog Harry in eine innige Umarmung, die noch feste war als die von Harry im Büro des Dirktors.
Für Harry war nicht mehr als diese Geste nötig um zu genau zu verstehen was sich nun ereignete. Für ihn selbst war dies nicht nur ein glücklicher, wunderbarer Moment, für ihn war es dass was Draco vorhin über Severus gesagt hatte: die Erfüllung eines Traumes.
Für sie beide würde sich das Leben von nun an sogar offiziell ändern und das von Grund auf. Es war zwar schon an Harry´s Geburtstag klar gewesen dass sich ihre Wege unzertrennlich zusammengefügt hatten, doch nun hatten beide mehrere Möglichkeiten mit allem was neu für sie war umzugehen. Auf mehr als nur einer Ebene, mehr als nur Persönlich und Privat.
Es war nun an Severus den nächsten Schritt zu tun. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er entließ Harry aus der Umarmung und berührte ihn sanft am Rücken um ihm dem Weg Richtung Hauptausgang zu weisen. „Wir können zwar noch nicht gleich auf Spurensuche gehen…."
Harry sah ihn fragend an.
„Wir müssen vorher noch Wissen was in der Winkelgasse geschehen ist. Ob jemand den wir kennen verletzt wurde.…..."
Nach eine kurzen Pause konnte Harry einen eher geflüsterten Satz von Severus hören: "Ich will nicht auch noch meinen Sohn durch diesen Krieg verlieren."
Harry blieb abrupt stehen. Nicht nur wegen dem was er eben, gerade so, von Severus gehört hatte, sondern weil ihm eine Eingebung kam.
„Wir müssen auch daran denken wie wichtig es ist auch Draco zu schützen. Der Todesser der uns angegriffen hatte konnte bestimmt fliehen. Wenn das der Fall ist weiß Voldemort jetzt das Draco ihm nicht treu ist. Ich erinnere mich daran dass er ihm das Dunkle Mal geben wollte. Wir haben nie erfahren wann das geschehen sollte. Und da dein Mal nun nicht mehr da ist kannst du auch nicht mehr gerufen werden. Aber du sagtest ja bereits dass du nicht mehr spionierst…Aber egal…Wichtiger ist dass wir einen Schlachtplan brauchen. Voldemort muss vernichtet werden."
