Volterra
Da es erst später Nachmittag war, buchte ich mir ein Ticket für den Nachtflug von Rio nach Rom. Von dort konnte ich auch bis nach Volterra laufen.
Da mir nun noch ein paar Stunden bis zum Abflug blieben setzte ich mich wieder auf die Couch und stellte mir wieder Bellas Gesicht vor. Als ich aber dann zu ihren Augen kam, schreckte ich zurück und zuckte innerlich zusammen. Ihre Augen waren zwar immer noch wunderschön und schokoladenbraun, aber sie waren leer, kalt und blickten durch mich hindurch in die schwarze Ewigkeit.
Es brach mir mein kaltes Herz sie so zu sehen. Ich hoffte innerlich, dass die Stunden schnell vergingen, sodass ich schnell wieder zu meiner Bella kommen konnte. Warum nur hatte sie das getan? Wieder kamen mir all diese Fragen in den Sinn.
Ich konnte es einfach nicht verstehen. Die Zeit verging und ich flog nach Italien und kam noch am frühen Abend in Rom an. Von dort war es nicht mehr sonderlich weit bis nach Volterra. Ich lief los und kam gegen 22:30 Uhr in Volterra an.
Ich kam auf dem Palazzo dei Priori an und war in Sekundenschnelle bei einem der Eingänge zu ihrer Residenz. Nun musste ich nicht mehr rennen, denn hier würde mich niemand mehr sehen.
Nach wenigen Metern kam ich in einen Empfangsbereich mit einem Tresen, hinter dem eine Frau an ihrem Computer arbeitete und in einer anderen Ecke standen mehrere Sofas in einer Sitzecke zusammen.
Die Frau bemerkte mich schaute zu mir auf und dachte: Oh ein Gast. Wow er sieht wirklich gut aus. Danke für das Kompliment dachte ich sarkastisch. „Was kann ich für sie tun?", fragte sie betont höflich.
„Ich würde gerne mit Aro, Caius und Marcus sprechen.", antwortete ich ihr ebenfalls betont höflich. Ich hatte ja Manieren. „Dann gehen Sie hier links zu den Aufzügen und fahren nach oben ins Turmzimmer. Sie kommen genau vor einer Tür an.", erklärte sie. „Danke", sagte ich und verschwand.
Ich ging zu den Aufzügen, drückte den entsprechenden Knopf, um den Aufzug zu rufen, der mich dann zum Turmzimmer führen würde. Ich lehnte mich an die Kabinenwand und schloss die Augen.
Gleich würde ich wieder bei ihr sein. Ein halben Jahr lang musste ich ohne sie sein.
Der Fahrstuhl hielt an und trat heraus. Ich klopfte an die Tür und sie wurde von innen geöffnet, sodass ich eintreten konnte.
Oh, ein neues Opfer, was wir vernichten können, dachten einige. Unbeirrt von diesen Gedanken trat ich vor die massiven Holzthrone und damit auch vor die Herrscher Volterras und, so gesehen auch, die Könige meiner Welt.
Hoffentlich bringt er sein Anliegen schnell vor, damit es schnell zu Ende ist und er nicht unsere Zeit verschwendet, dachte Caius.
Aro stand auf und kam auf mich zu. „Mein junger Freund", grüßte er mich und nahm meine Hand in seine. Ich hörte in seinen Gedanken alles, was ich jemals gedacht oder gesagt hatte. Sogar das, was ich vor ein paar Tagen in Rio über Bella gedacht habe. Einfach alles.
Und nun hörte ich in seinen Gedanken meinen Wunsch.
„Mein junger Freund", sagte er erneut. „Willst du das wirklich? Bist du dir ganz sicher? Ich sehe da deine große Familie und ein Mädchen, das du begehrst. Außerdem eine wunderbare Fähigkeit die meiner sehr ähnlich ist."
„Ich habe jedoch, wie du bestimmt auch gehört hast, das Mädchen verloren. Daher möchte ich euch bitten mich hinzurichten.", erklärte ich. „Möchtest du es dir nicht noch einmal überlegen? Ich glaube Carlisle würde sich darüber freuen wenn du bei ihm bleibst.", versuchte er mich zu überreden, doch eine Welt ohne Bella hatte für mich keinen Sinn mehr.
„Bitte fällt euer Urteil, damit es vorbei ist." „Gut wir werden es uns überlegen.", sagte Aro. Wie kann er nur seine Fähigkeit verschwenden? Er würde uns bestimmt eine gute Erweiterung bieten, dachte Aro. Ich drehte mich um und ging hinaus. Es war noch nicht einmal Mitternacht, aber ich ging nicht nach draußen, ich wollte nicht zu weit weg sein, wenn sie ihre Beratung beenden und mir ihre Entscheidung mitteilen.
Also setzte ich mich in den Empfangsbereich und versuchte Giannas Gedanken auszublenden, denn die waren und wurden immer niveauloser.
Stattdessen holte ich wieder Bellas Gesicht in mein Gedächtnis und genau vor meine Augen. Als ich dann meine Augen schloss konnte ich sie genau sehen. Ich sah in ihre Augen, die keine Angst vor mir und meinem Wesen zeigten, obwohl ich sie ohne weiteres hätte töten können und das nur wenn ich einmal kurz die Beherrschung verloren hätte. Sie lächelte mich an und ihre Augen lächelten mit. Wie ich ihr wunderschönes Lächeln vermisste. Bald bin ich wieder bei dir mein Liebling, mein wunderschöner Engel, dachte ich.
So hing ich meinen Gedanken nach, als ich plötzlich leichte Schritte vernahm.
Es war Jane. In ihren Gedanken konnte ich hören, wie gerne sie mir ihre Fähigkeit zeigen wollte. Und dann sah ich, wie sie es sich bildlich vorstellte. Ich sah mich selbst vor Schmerzen krümmend auf dem Boden liegen. Sie folterte mich schon regelrecht in ihren Gedanken.
„Komm mit", sagte sie mit ihrer hohen Stimme. „Sie haben ihre Entscheidung gefällt." Damit drehte sie sich um und ging in die Richtung aus der sie gekommen war. Ich stand auf und folge ihr unverzüglich. Wir nahmen den gleichen Weg, wie ich ihn vor ein paar Stunden auch genommen hatte. Ja sie hatten wirklich sehr lange überlegt. Und wieder stand ich vor dem großen Portal nur dieses Mal mit Jane. Das Portal, das mich von der Entscheidung und meinen letzten Daseinsminuten noch trennte.
Jane öffnete die Tür und wir traten ein. Sie ging zu ihrem Platz in der Wache, die im Turmzimmer versammelt war und ich trat genau in die Mitte des Raumes. Sollten sie mich jetzt angreifen hätte ich keine Chance. Aro stand auf und kam zu mir.
„Mein junger Freund", begrüßte er mich wieder. „Wir haben uns deine Bitte durch den Kopf gehen lassen. Jedoch… finden wir, dass deine Fähigkeiten zu kostbar sind, um sie einfach so zu vernichten.", erklärte er mir.
Eine Absage… Irgendwie hatte ich das erwartet. Aro kann zwar Gedanken lesen, egal wann der Betroffene sie jemals gedacht hatte, aber er muss Körperkontakt haben, denn sonst weiß er gar nichts im Gegensatz zu mir.
„Er könnte im Kampf so nützlich sein, wenn es um die gegnerischen Kampfstrategien geht.", dachte er wieder. „Wenn du aber unglücklich bist", fuhr er nun mit einem leichten Lächeln auf den Lippen und für alle hörbar fort. „Kannst du dich uns auch anschließen. Es würde uns sehr freuen dich in unseren Reihen zu begrüßen."
Das er mir dieses Angebot machen würde, war mir schon bewusst, als ich seine Gedanken hörte, außerdem wollte er auch Carlisle nicht verletzten, wenn er, als sein Freund, seinen Sohn vernichten würde.
„So praktisch", dachte Aro wieder. „Und er möchte es einfach so verschwenden. Wenn ich doch nur aus der Ferne Gedanken hören könnte, ohne den Körperkontakt, dann wäre manches viel leichter." Aro war ein wirklicher Sammler, was die Fähigkeiten von Vampiren betraf, das sah man allein schon, wenn man in die Gedanken der Wache sehen konnte und auch die Geschichten der Volturi kennt, dann kann jeder verstehen warum Aro mir meinen Wunsch nicht einfach so erfüllen möchte.
Aber auch das Angebot würde mich nicht dazu bringen meine Bitte fallen zu lassen. Bella war tot und ich wollte nicht länger ohne sie sein. Dass sie mir die Bitte jetzt abgeschlagen hatte würde die Sache nur komplizierter machen und alles in die Länge ziehen.
Aber sie wollten es ja nicht anders.
„Aro", sagte ich. „Ich schätze dieses Angebot sehr."
Ein Lächeln breitete sich auf Aros Gesicht aus: „Ja, ein weiteres Glied in der Wache. Es gibt ja so viele vielversprechende Talente und die meisten sind hier in der Wache der gefürchteten Volturi." Wie gierig er war.
„Jedoch möchte ich nicht so weiter leben. Auch nicht hier, denn mein Schmerz ist dafür zu groß.", sagte ich, da er ja wusste warum ich mein Dasein beenden wollte. Aros Lächeln erstarb, als ich ihm diese Antwort gab.
„Das könnte jetzt ein Spaß werden", dachte Jane und ich sah mich wieder auf dem Boden liegen und krümmte mich vor Schmerzen, doch das könnte sie nicht machen ohne Aros Aufforderung.
„Nun Edward, wir haben dir unsere Entscheidung mitgeteilt."
Nach diesem Satz drehte ich mich um und verließ das Turmzimmer. Sie ließen mir keine andere Wahl. Dann musste ich sie nun eben herausfordern.
Ich hoffe es hat euch gefallen.
LG The Vampire Freak
